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Rialla - Die Sklavin

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Rialla - Die Sklavin
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»Eine Illusion«, sagte er. »Einfach, aber so effektiv, dass sie die ganze Nacht lang halten wird.«

Rialla nickte und begann zu klettern. Tris wählte einen anderen Abschnitt an der Mauer und tat es ihr gleich. Oben angekommen bemerkte Rialla, dass die Wehrgänge, auf denen man an der gesamten Befestigung entlanglaufen konnte, noch nicht angebracht worden waren. So war der Abstieg auf die andere Seite ein Kinderspiel.

Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten, waren sie gleich viel sicherer. Obwohl es noch früh am Morgen war, konnte man hier viel leichter eine plausible Erklärung dafür liefern, warum man in der Dunkelheit umherwanderte, falls man auf einen Bewohner der Feste traf.

»Ich hole die Pferde und treffe Euch dann bei der Hütte«, schlug Rialla mit gedämpfter Stimme vor.

Tris nickte und erwiderte ebenso leise: »Ein Treffpunkt, der so gut ist wie jeder andere auch. Wenn ich vor Morgengrauen nicht zurück bin, nimm die Frau mit dir nach Sianim. Viel Glück auf deinem Weg, Tänzerin.« Er wandte sich dem Turm zu und ging.

»Euch ebenso«, sie war sich nicht sicher, warum, als sie hinzufügte: »Gestaltwandler.«

Er hielt abrupt inne, fuhr herum und sah sie an. Einen Moment lang sah sie so etwas wie … Wildheit in seinem Gesicht. Aber dann war der Eindruck auch schon wieder verflogen, und er knurrte sie mit einem Lachen in den Augen an. »Weißt du so viel über Gestaltwandler, dass du mich schon nach unserer kurzen Begegnung so zu nennen wagst?«

Rialla zuckte die Achseln und meinte leichthin: »Die Frau, die mich ›Drachenraub‹ lehrte, soll Gerüchten zufolge auch eine Gestaltwandlerin sein. Sie nannte das Spiel Taefil Ma Deogh.« Rialla wusste, dass sie kaum imstande war, die Worte korrekt auszusprechen, aber sie war sich sicher, dass Tris sie verstand. »Sie hat zwar nie gesagt, dass sie eine Gestaltwandlerin ist, es aber auch nie abgestritten. Davon abgesehen hatte ich lange genug mit menschlichen Magiern zu tun, um zu wissen, dass die Humanmagie sich nicht allzu gut für das Heilen eignet.«

»Ich bin kein menschlicher Zauberer«, gab Tris zu. »Aber auch kein Gestaltwandler, wiewohl meine Leute zu einer weit entfernten Sippe gehören. Taefil Ma Deogh ist ein sehr altes Spiel und unter meinesgleichen gut bekannt.«

»Was seid Ihr dann?«

Wieder schüttelte er den Kopf. »Nichts, von dem du Kenntnis hast. Wir waren eine zu lange Zeit zu wenige. Falls wir diese Nacht hier überleben, erzähle ich dir vielleicht von meinem Volk.«

Rialla drehte sich auf dem Absatz herum, machte sich auf den Weg in Richtung Ställe und murmelte dabei vor sich hin: »Wenn dieser Mann noch eine kryptische Bemerkung macht, ist es gut möglich, dass er diese Nacht nicht überlebt …«

Sie fand, dass es verdächtiger aussah, wenn sie hier herumschlich, also ging sie selbstbewusst an den zusammengezimmerten Gehegen vorbei, die für die Tiere des niederen Adels errichtet worden waren. Es klappte, zwei Wachmänner, die ihre Runden zogen, nahmen keine Notiz von ihr.

Als sie den Hauptstall erreichte, schwitzte sie vor Angst und schwor sich, wenn das alles vorbei war, nur noch Pferde auszubilden. Bevor sie eintrat, hielt sie inne.

Pferde waren von Natur aus empathische Geschöpfe. Wenn sie die Verschläge voller Furcht betrat, würden die Tiere, mehrheitlich Kriegsrösser, mehr als unruhig werden. Sie schloss die Augen, beruhigte ihre Atmung, sog tief die nach Pferd und Heu duftende Luft ein und versuchte sich vorzustellen, dass sie sich in den wohlvertrauten Ställen von Sianim befand.

Von ihrem ersten Besuch her war Rialla die Aufteilung der Stallungen noch bekannt. Es gab je eine Reihe Verschläge an den beiden äußeren Wänden und im großzügigen Zentrum des Gebäudes Futterstände und Raufen. Das Sattel- und Zaumzeug wurde im Gang zwischen Boxen und Futterständen aufbewahrt und damit weit genug von den untergestellten Pferden entfernt, dass sie nicht am salzigen, schweißdurchtränkten Leder knabbern konnten. Rialla vermutete, dass sie ihre eigenen Pferde an den Futterständen finden würde, da die Boxen normalerweise den Tieren der Burgbewohner vorbehalten waren.

Im Stallgebäude war es dunkel, und Rialla blieb ein Weilchen hinter der Tür stehen, damit sich ihre Augen an die spärlichen Lichtverhältnisse gewöhnen konnten. Ein paar in der Nähe stehende Pferde bewegten sich nervös in ihren Verschlägen in Anbetracht der ihnen unbekannten Präsenz. Behutsam griff sie mit ihrer Gabe nach den Tieren, versicherte ihnen, dass von ihr keine Gefahr ausging.

Vorsichtig ging sie weiter in den Stall hinein, bis ihre Hand den ersten Pflock der Futterstände im Zentrum des Gebäudes berührte. Jetzt, kurz vor der Morgendämmerung, waren die Pferde in ihren Boxen nicht mehr als dunkle Schatten, und Rialla musste sich ganz auf ihre Empathie verlassen, um die richtigen Tiere ausfindig zu machen. Sie selbst hatte Laeths Wallach, Eisenherz, ausgebildet, nicht aber die Stute, auf der sie hergeritten war. Natürlich hätte sie auch die beiden erstbesten Tiere nehmen können, die hier herumstanden, aber Sianims Pferde waren nun einmal am ausdauerndsten und am besten ausgebildet.

Die meisten Tiere ignorierten ihre Anwesenheit, schliefen tief und fest auf ihrem Bett aus sauberem Stroh. Am Futterstand ging eine ältere graue Stute ein paar Schritte mit Rialla, wohl auf einen Apfel hoffend. Rialla kraulte das Tier am Kieferknochen, genau dort, wo es juckte, und entschuldigte sich im Stillen bei ihm dafür, dass sie ohne Leckerbissen gekommen war.

Ihre Pferde standen in einem Verschlag am Ende des Stallgebäudes. Die Stute döste vor sich hin, doch Eisenherz nickte ihr ruhig zu, um sie zu begrüßen. Rialla tastete nach Sätteln und Zaumzeug und sattelte die beiden noch in ihren Boxen.

Als sie die Tiere so leise wie möglich herausführte, murmelte Rialla in einem fort Worte der Beruhigung in Richtung der anderen Pferde. Sie seufzte vor Erleichterung, als sie das Stallgebäude ohne Vorkommnisse verlassen hatte.

Es gab nur einen Weg, um die beiden Pferde aus der Feste zu schmuggeln. Das Haupttor war des Nachts stets verschlossen und abgeriegelt, aber an der anderen Seite des Wachhauses lag das Tor des Herolds. Das Tor war eigentlich ein enger Tunnel, der durch die Mauer hindurchführte, dazu gedacht, Boten durchzulassen, falls das Haupttor nicht geöffnet war. An jedem Ende des Tunnels befand sich eine schwere Metalltür, die sowohl verschlossen als auch verriegelt war.

Es gelang Rialla, die Pferde ungesehen an der Mauer entlangzuführen, was allerdings eher Glückssache als Können war. Als sie sich dem Wachhaus näherte, griff sie mit ihrer Gabe hinaus und stellte fest, dass jeder der Männer entweder drinnen beschäftigt oder sich irgendwo an der Mauer die Beine in den Bauch stand. Wenn auch nur einer von ihnen Verdacht schöpfte, musste sie sich einen anderen Weg suchen; doch alle Wachhabenden wirkten gelangweilt und träge. Und so brauchte es nicht viel, um sie in Schlaf zu versetzen.

Sie musste selbst gähnen, dann ließ sie die Pferde einen Moment lang los und durchsuchte die Wachen. Endlich hatte sie den großen Eisenring mit den Schlüsseln gefunden.

Rialla öffnete die ersten Eisentür und durchquerte den Tunnel, um die zweite Tür, die nach draußen führte, ebenfalls aufzuschließen. Es war wohl einfacher, die Pferde dazu zu bewegen, den Tunnel zu betreten, wenn am Ende ein wenig Licht zu sehen war. In dem Moment erkannte sie, dass der Boden im Tunnel mit einem Gitterrost bedeckt war, das von einem Paar Holzpflöcken an Ort und Stelle gehalten wurde. Die Pferde darüber zu führen, würde eine ziemliche Herausforderung darstellen, vom Krach, den das alles verursachte, ganz zu schweigen.

Die Stute machte einen ersten Schritt in den Tunnel hinein, wich aber sofort zurück, als ihr Hufeisen geräuschvoll das Metall berührte. Das Weiße im Auge des Tiers blitzte im Dunkeln gefährlich auf, die Ohren zuckten angespannt hin und her. Selbst, als Rialla ihre Gabe zu Hilfe nahm, ließ sich die Stute nicht zum Weitergehen bewegen.

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