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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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Das Pferd ging noch ein paar stoßende Schritte weiter und kam dann zum Halten. Es erklang Stimmengemurmel, Hände fummelten an ihm herum, dann wurde er unsanft heruntergezogen und auf seine Füße geworfen. Er fiel sofort zu Boden, denn er konnte weder stehen noch seinen Fall bremsen.

Er lag halb zusammengekauert auf dem Boden und konzentrierte sich auf seine Atmung. Ohne das Geschüttel war es einfacher. Niemand störte sich an ihm, und nach und nach wurde er sich seiner Umgebung bewusst.

Dieses Bewusstsein war nicht besonders hilfreich. Unter seiner Wange waren feuchte Blätter, kühl und nach süßlicher Fäule duftend. Vorsichtig öffnete er das Auge einen Spaltbreit. Himmel über ihm, eine unmögliche, tiefe Farbe irgendwo zwischen Blau und Lila. Das Geräusch von Bäumen, Wasserrauschen in der Nähe.

Alles schien sich langsam, mit schmerzender Intensität um ihn zu drehen. Er schloss die Augen und presste seine Hände flach auf den Boden.

Himmel, wo bin ich? Die Stimmen unterhielten sich in aller Ruhe, die Worte halb verschluckt vom Stampfen und Wiehern der Pferde. Er verspürte einen Augenblick der Panik über sein Unvermögen; er konnte der Sprache noch nicht einmal einen Namen zuordnen.

Er hatte eine große, empfindliche Beule hinter dem einen Ohr, eine weitere am Hinterkopf, und er verspürte einen Schmerz, der seine Schläfen pochen ließ; ein harter Schlag hatte ihn getroffen – doch wann? Hatten die Schläge irgendwelche Blutgefäße in seinem Gehirn verletzt, ihm die Sprache geraubt? Er öffnete seine Augen ganz und wälzte sich – mit unendlicher Vorsicht – auf den Rücken.

Ein quadratisches, braunes Gesicht blickte auf ihn herab, ohne einen besonderen Ausdruck des Interesses zu zeigen, und wandte sich dann wieder dem Pferd zu, um das sich der Mann gerade kümmerte.

Indianer. Der Schock war so groß, dass er seinen Schmerz vorübergehend vergaß und sich hinsetzte. Er schnappte nach Luft und legte das Gesicht auf seine Knie, die Augen geschlossen, während er dagegen ankämpfte, erneut das Bewusstsein zu verlieren, und ihm das Blut durch den sich spaltenden Schädel hämmerte.

Wo war er? Er biss sich ins Knie und zermahlte brutal den Stoff zwischen seinen Zähnen, während er um sein Gedächtnis rang. Bildfragmente kehrten zurück, kleine Stückchen, die ihn an der Nase herumführten und sich hartnäckig weigerten, sich zu einem Sinn zusammenzufügen.

Das Ächzen von Planken und der Geruch des Kielraumes. Blendendes Sonnenlicht durch Glasscheiben. Bonnets Gesicht und Walatem im Nebel und ein kleiner Junge namens … namens …

Im Dunkeln verschränkte Hände und Hopfengeruch. Ich nehme dich zur Frau, mit meinem Körper diene ich dir.

Brianna. Kalter Schweiß lief ihm über die Wangen, und seine Kiefermuskeln waren so angespannt, dass es schmerzte. Die Bilder hüpften in seinem Kopf herum wie Flöhe. Ihr Gesicht, ihr Gesicht, er durfte es nicht loslassen!

Nicht sanft, kein sanftes Gesicht. Eine tödlich gerade Nase und kalte, blaue Augen … nein, nicht kalt …

Eine Hand auf seiner Schulter riss ihn aus seiner gequälten Suche nach seinen Erinnerungen in die viel zu unmittelbare Gegenwart zurück. Es war ein Indianer mit einem Messer in der Hand. Betäubt vor Verwirrung, starrte Roger den Mann einfach nur an.

Der Indianer, ein Mann mittleren Alters mit einem Knochen in seinem hochgekämmten Haar und einer ernsten Ausstrahlung, ergriff Roger beim Haar und neigte seinen Kopf kritisch vor und zurück. Rogers Verwirrung verdampfte, als ihm der Gedanke kam, dass er im Begriff war, so, wie er dasaß, skalpiert zu werden.

Er warf sich rückwärts, holte mit den Füßen aus und erwischte den Indianer an den Knien. Der Mann ging mit einem Aufschrei der Überraschung zu Boden, und Roger drehte sich um, sprang stolpernd auf und lief um sein Leben.

Er rannte mit gespreizten Beinen wie eine betrunkene Spinne und stolperte auf die Bäume zu. Schatten, Zuflucht. Hinter ihm erschollen Rufe und das Geräusch schneller Füße, die tote Blätter um sich streuten. Dann riss ihm etwas die Füße weg, und er fiel mit einem markerschütternden Knall kopfüber zu Boden.

Sie hatten ihn auf den Beinen, noch ehe er wieder Luft bekam. Sinnlos, sich zu wehren; sie waren zu viert einschließlich des Mannes, den Roger umgeworfen hatte. Dieser trat jetzt auf sie zu, humpelnd, das Messer immer noch in der Hand.

»Dir nichts tun!«, sagte er barsch. Er verpasste Roger eine schallende Ohrfeige, dann beugte er sich vor und sägte das Lederband durch, das Rogers Handgelenke festhielt. Mit einem lauten Schnauben machte er auf dem Absatz kehrt und ging wieder zu den Pferden.

Die beiden Männer, die Roger festhielten, ließen ihn prompt los und gingen ebenfalls fort. Sie ließen ihn wie einen im Wind schwankenden Schössling stehen.

Toll, dachte er leer, ich bin nicht tot. Und was jetzt, zum Teufel?

Da sich keine Antwort auf diese Frage präsentierte, rieb er sich vorsichtig mit der Hand über das Gesicht, wobei er diverse Prellungen entdeckte, die ihm zuvor entgangen waren, und sah sich um.

Er stand auf einer kleinen Lichtung, die von riesigen Eichen und halb entlaubten Hickorybäumen umstanden war; der Boden war mit gelben und braunen Blättern übersät, und die Eichhörnchen hatten haufenweise Eichelhütchen und Nusshüllen auf dem Boden zurückgelassen. Er stand auf einem Berg, das verriet ihm das Gefälle des Bodens, so wie ihm die kühle Luft und der edelsteinklare Himmel verrieten, dass es kurz vor Sonnenuntergang war.

Die Indianer – sie waren zu viert, nur Männer – ignorierten ihn vollständig und beschäftigten sich damit, ihr Lager aufzuschlagen, ohne auch nur einen Blick in Rogers Richtung zu werfen. Er leckte sich die trockenen Lippen und unternahm einen vorsichtigen Schritt auf den kleinen Bach zu, der ein paar Meter weiter über algenbepelzte Felsen gluckste.

Er trank sich satt, obwohl ihm das kalte Wasser an den Zähnen weh tat; auf der einen Seite seines Mundes saßen fast all seine Zähne locker, und seine Mundschleimhaut war aufgeplatzt. Er wusch sich vorsichtig das Gesicht und hatte ein Déjà-vu-Gefühl. Noch vor kurzem hatte er sich so gewaschen und kaltes Wasser getrunken, das über Smaragdfelsen lief.

Fraser’s Ridge. Er hockte sich auf die Fersen, und in großen, hässlichen Brocken nahmen seine Erinnerungen wieder ihre Plätze ein.

Brianna und Claire … und Jamie Fraser. Plötzlich kehrte das verwirrende Bild, nach dem er so verzweifelt gesucht hatte, ungefragt zurück; Briannas Gesicht mit seinen breiten, kühnen Knochen, blaue Augen schräg über einer langen, geraden Nase. Doch Briannas Gesicht war gealtert, zu Bronze verwittert, grob geschnitten und durch Männlichkeit und Erfahrung verhärtet, die blauen Augen von mörderischer Wut geschwärzt. Jamie Fraser.

»Du verdammtes Schwein«, sagte Roger leise. »Du gottverdammtes Schwein. Du hast versucht, mich umzubringen.«

Sein erstes Gefühl war Erstaunen – doch die Wut ließ nicht lange auf sich warten.

Er erinnerte sich jetzt an alles; die Begegnung auf der Lichtung, das Herbstlaub wie Feuer und Honig und dazwischen der flammende Mann; der braunhaarige Junge – und wer zum Teufel war das? Der Kampf – mit einer Grimasse berührte er eine wunde Stelle unter seinen Rippen – und sein Ende, an dem er flach im Laub gelegen hatte und sich sicher gewesen war, dass er jetzt umgebracht würde.

Na ja, es war nicht so gewesen. Er erinnerte sich dumpf daran, den Mann und den Jungen diskutieren zu hören, irgendwo über sich – einer von ihnen war dafür gewesen, ihn auf der Stelle umzubringen, der andere hatte nein gesagt –, doch er konnte partout nicht sagen, welcher. Dann hatte einer von ihnen ihm noch einen Schlag versetzt, und weiter konnte er sich bis jetzt an nichts erinnern.

Und jetzt – er sah sich um. Die Indianer hatten Feuer gemacht, und daneben stand ein Tongefäß. Keiner von ihnen schenkte ihm auch nur die geringste Beachtung, obwohl er sich sicher war, dass sie alle sich seiner bewusst waren.

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