Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Sie begannen den Felsen zu erklettern, tasteten mit Händen und Füßen nach Halt. Doch dann brach unversehens der Gewittersturm über sie herein.
Man muss ein Gewitter im Mittelmeerraum erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon machen zu können, mit welcher Urgewalt Wind, Regen, Donner, Hagel und Blitze wüten und toben. René und Tomeo mussten von ihrem Vorhaben ablassen; sie rutschten zum Fuß des Felsens hinunter und versuchten ihn auf verschlungenen Pfaden zu umrunden, neben denen sich gefährliche Abgründe öffneten. Der Wind trieb Wolken und Nebelschwaden über den Boden, Wasserfluten rauschten den Berg hinunter, Blitze blendeten die Verfolger, und der Donner dröhnte in ihren Ohren, bis sie sich eingestehen mussten, dass unter diesen Umständen nichts auszurichten war. Sturmgetöse und Finsternis ließen ihnen keine Hoffnung, den Bizzarro zu finden.
Im strömenden Regen, der sie bis auf die Knochen durchnässte, machten sie sich auf den Weg zurück nach Maida. Die Wolken, die an ihnen vorbeijagten und sie einhüllten, und der heißfeuchte Atem des Schirokko bedeckten ihre Hände und Gesichter mit einem klebrigen Schweiß, der wenige Minuten darauf in der kalten Luft eisig wurde. Sie durchwateten zunehmend reißendere Bäche, die ihnen mittlerweile bis zum Knie reichten. Dann, als fast der Morgen graute, hörten sie Rufe und sahen Lichter: Es waren Männer, die außerhalb Maidas kampiert hatten, weil sie sich Sorgen um René und Tomeo machten und sich auf die Suche nach ihnen begeben hatten.
Man suchte die einzige Herberge des Dorfs auf, eine bescheidene Hütte, die im Tosen des Winds wackelte und in deren Inneren man durch die breiten Ritzen in den Wänden die Blitze draußen zucken sah. Im Kamin wurde ein großes Feuer entzündet, und über dem Feuer briet man an einem Haselstecken als Spieß ein mageres Huhn. Der Wirt wärmte Tücher, in die René und Tomeo sich hüllten, während das einzige saubere Tischtuch, das es gab, mit zwei angeschlagenen Tellern gedeckt wurde.
Wiederbelebt machte René sich gerade über eine magere Hühnerkeule her, als der Soldat, der vor der Tür des Hauses Wache hielt, hereinkam und sagte, eine Frau verlange ihn zu sprechen und behaupte, ihm etwas über den Bizzarro sagen zu können.
»Herein mit ihr«, sagte René.
Die Frau trat ein. Ihre langen schwarzen Haare und ihre zerlumpten Kleider trieften vor Nässe; in der Hand hielt sie ein Päckchen in einem Tuch, dessen vier Zipfel verknotet waren. Sie richtete einen durchdringenden Blick auf René.
»Sie bringen mir Kunde über den Bizzarro?«, fragte der junge Mann.
»Ich bringe Ihnen mehr und Besseres als das«, erwiderte sie mit düsterer Stimme.
Dann legte sie ihr Päckchen auf den Boden, entknotete es, fasste hinein und holte einen Gegenstand hervor, den man in dem dunklen Raum nicht deutlich erkennen konnte. Sie trat zu René an den Tisch in der Nähe des Kamins, und er sah, dass sie einen blutigen Kopf an seinen langen Haaren hielt, den sie neben den Tellern auf den Tisch stellte.
René konnte eine Geste des Abscheus nicht verbergen und erhob sich.
»Dieser Kopf ist zweitausend Dukaten wert«, sagte die Frau. »Geben Sie mir das Geld.«
René trat an den Kamin, vor dem seine Uniform zum Trocknen über einem Stuhlrücken hing, und entnahm seinem Gürtel Goldstücke, die er neben dem Kopf mit seinen verzerrten Gesichtszügen auf den Tisch warf. Die Frau zählte sie und steckte sie eines nach dem anderen in ihre Schürzentasche.
Als sie fertig war, ging sie zur Tür, wie sie hereingekommen war, doch René hielt sie auf.
»Sie sind völlig durchnässt und erschöpft«, sagte er, »und sicher hungrig.«
»Sehr hungrig«, erwiderte sie.
»Setzen Sie sich ans Feuer«, befahl René.
Er trug dem Wirt auf, ihr die Reste des Hühnchens zu servieren, und setzte sich neben sie. Sie stürzte sich auf das abgenagte Tier, das vor sie gestellt wurde, und als nur noch die blanken Knochen übrig waren, fragte René: »Warum haben Sie ihn getötet?«
Und sie berichtete mit unbewegter Stimme, ohne zu schluchzen, ohne lauter oder leiser zu werden, den Tod des Banditen.
Als der Bizzarro sich von allen Seiten eingekreist fand, hatte er in einer Höhle, deren Zugang nur ihm bekannt war, seine letzte Rettung gewähnt. Er hatte seine letzten zwei Gefährten verabschiedet und nur Frau und Kind bei sich behalten.
Die Höhle war tatsächlich von außen nicht zu erkennen. Der Eingang war so eng, dass man auf dem Bauch kriechen musste, um hineinzugelangen; und sobald man hineingelangt war, bildeten draußen Dornen, Moos und Efeu eine schier undurchdringliche Hecke.
Doch dem Kind war dieses Leben nicht gut bekommen; es kränkelte, weinte, wenn es wach war, und wimmerte leise im Schlaf.
»Frau, Frau!«, sagte der Bandit. »Bring dein Kind zum Schweigen; man sollte wahrhaftig meinen, es wäre uns nicht vom Herrgott geschenkt worden, sondern vom Teufel, um mich meinen Feinden zu verraten.«
Die Frau gab dem Säugling die Brust, doch da sie selbst Hunger litt, hatte sie nicht genug Milch für das arme Wurm, das weiter schrie und weinte.
Eines Abends hatte sie den schreienden Säugling mit keinem Mittel beruhigen können, und die Hunde knurrten unruhig, als spürten sie, dass Menschen in der Nähe herumschlichen.
Der Bizzarro erhob sich, packte das Kind an einem Bein, ohne ein Wort zu sagen, entriss es den Armen seiner Mutter und schlug es gegen die Felsmauer der Höhle, so dass sein Schädel zerschmettert wurde.
»Im ersten Augenblick wollte ich ihm an die Kehle springen und ihn erwürgen, das Untier! Und ich schwor bei der heiligen Muttergottes, dass ich mein Kind rächen würde«, sagte die Frau.
Sie hatte nichts gesagt, sondern sich bleich und wortlos erhoben, hatte den Leichnam ihres Kindes aufgehoben, in ihre Schürze gewickelt, auf die Knie genommen und mit einer mechanischen Bewegung und am ganzen Körper zitternd begonnen, ihn zu wiegen, als wäre das Kind noch am Leben.
Am Morgen hatte der Bandit die Höhle verlassen, um mit seinen Hunden auf Erkundung zu gehen.
Und die Frau hatte mit ihrem Messer in der Höhle eine kleine Grube gegraben, in der sie ihr Kind beerdigte, und ihre Bettstatt darüber gebreitet, damit die Hunde den Leichnam nicht ausgraben konnten, um ihn zu fressen, was unfehlbar geschehen wäre, wenn sie ihn draußen begraben hätte.
In ihren schlaflosen Nächten sprach die Unglückliche leise mit dem Kind, von dem sie nur eine Schicht Ginster und eine Handbreit Erde trennten.
Und nachdem sie seiner armen Seele flüsternd Rache gelobt hatte, entsann sie sich der Familie, die sie verlassen hatte, ihres abenteuerlichen Lebens an der Seite des Mörders und all dessen, was sie klaglos ertragen hatte; sie gelangte zu dem Schluss, dass der Dank dafür die Ermordung ihres Kindes war und dass sie als Nächste ermordet werden würde, wäre sie erst schwach genug, um den Mörder in Gefahr zu bringen.
Und in der letzten Nacht, als der Brigant tief und fest eingeschlafen war, erschöpft von einer langen und anstrengenden Wanderung auf der Suche nach Nahrung, hatte sie sich von ihrem Lager auf dem Grab ihres Kindes erhoben, auf dem sie zu wachen pflegte, hatte ein paar Worte geflüstert, die wie ein Gelöbnis klangen, hatte den Boden geküsst, sich aufgerichtet und sich mit den lautlosen Schritten einer Erscheinung dem Banditen genähert. Sie hatte sich über ihn gebeugt, hatte gelauscht, ob er wirklich schlief, und als seine tiefen, gleichmäßigen Atemzüge sie beruhigten, hatte sie sich zurückgebeugt, den Stutzen des Banditen ergriffen, der geladen neben ihm lag, hatte nach dem Zündhütchen getastet und sich vergewissert, dass der Feuerstein trocken war, und dann hatte sie den Lauf an das Ohr des Schlafenden gehalten und abgedrückt.