Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Sie sahen sich nicht mehr an. Einer nach dem andern schlich sich die Treppe hinauf und verschwand in der einbrechenden Dämmerung. Nur Edwige blieb teilnahmslos liegen.
Als Ben oben ankam, blieb er einen Moment stehen … er hörte gerade noch die verhaltenen Schritte von François, der vor ihm hinausgegangen war. Eigentlich ist es gleichgültig, in welche Richtung ich gehe, sagte er sich. Kurz entschlossen schwang er sich über eine Mauer an der linken Seite, landete auf dem Schutt eines niedergebrochenen Dachs und kletterte über die Trümmer hinweg. Es kam darauf an, einen Platz zu finden, an dem er sich verstecken konnte. Und es mußte ein raffiniertes Versteck sein, sonst würden ihn die Spezialisten mit ihren Infrarotdetektoren finden. Ziellos durchstöberte er einige halbverfallene Räume und Nischen. Einmal versuchte er, durch ein Fenster in einen Souterrainraum zu gelangen, doch da begannen einige Ziegel nachzurutschen, und er kehrte wieder um. Er blieb stehen, lauschte … aus der Ferne Geräusche, und da, viel näher, Worte aus einem Lautsprecher: »… wir fordern alle auf, sich zu ergeben. Ohne ärztliche Hilfe seid ihr verloren! Verlaßt eure Verstecke, hebt die Hände über den Kopf, tretet langsam heraus …«
Ben drehte sich um und lief davon. Immer wieder mußte er über Mauerreste und Balken springen. Er bemühte sich, kein Geräusch zu machen, doch das war unter den gegebenen Umständen schwierig. Immer abenteuerlicher wurde die Gegend. Wie von einem Rasiermesser aufgerissen sahen die Häuser aus, einige Teile waren völlig unbeschädigt – man konnte in Wohnräume hineinblicken, man sah Möbel und Vorhänge, mitunter auch mumifizierte Menschen; daneben hatte wieder die Zerstörung gewütet und alles zu Staub zermahlen.
Als Ben durch ein Tor in eine enge Schlucht zwischen zwei aufragenden Ruinen kam, trat er auf ein Stück Blech, rutschte aus, und schlug polternd hin. In diesem Moment leuchtete ein Schweinwerfer auf und noch einer, und noch einer … Wie ein aufgescheuchtes Tier versuchte er sich in dunklen, schattigen Winkeln zu verkriechen, doch das Licht blendete ihn, und er hatte das Gefühl, wehrlos auf einem Podest zu stehen …
Dann fand er einen engen Gang, der zwischen einer Hauswand und einem umgestürzten U-Bahn-Wagen geblieben war, und er zwängte sich hindurch.
Von hinten Schritte … nun waren sie ihm schon ganz nahe auf den Fersen.
Da: Nun auch polternde Schritte von vorn.
Noch einmal versuchte er nach der Seite auszuweichen, fand ein kurzes Stück überdachter Straße, offenbar der Rest eines Bogengangs. Er rannte hinein, doch dann merkte er zu seinem Entsetzen, daß er in eine Sackgasse geraten war: Von hier gab es keinen Ausweg.
»Ergib dich! Komm mit erhobenen Händen heraus!« rief eine Stimme, durch ein Megaphon verstärkt.
Ben lag bewegungslos in einem Winkel. Er keuchte vor Anstrengung, er preßte seine Hand an die schmerzende Brust –und da hörte er ein Rascheln: seine Aufzeichnungen. Es überlief ihn siedend heiß. Daran hatte keiner gedacht – nicht einmal Jonathan. Wenn sie ihn nun festnahmen, dann würde dieses Papier der Beweis für seine Schuld sein. Er sah sich um wie ein wildes Tier, das in eine Falle geraten ist.
Wo konnte er die Papiere verschwinden lassen?
An den Wänden nur Mauerwerk, ein herabgestürzter Fensterrahmen … Vor ihm ein Hydrant.
Nun hörte er wieder Schritte, die langsam näherkamen.
»Halt, stehenbleiben! Oder ich schieße!« Er brüllte es hinaus, und er hoffte, dadurch einige Sekunden zu gewinnen.
Mit zitternden Händen schraubte er den Deckel des Hydranten ab. Er holte die Papierblätter aus seiner Brusttasche und faltete sie so klein wie möglich. Er klemmte sie unter das freiliegende Anschlußstück und schraubte den Deckel wieder auf. Dann lief er los, versuchte den Weg zu überqueren, sich an der anderen Seite in den Schatten zu werfen … ein Schlag auf seine Schulter, der ihn zu Boden warf, dann erst drei kurze knallende Geräusche.
Es wurde dunkel um ihn. Er hörte noch, daß sich Schritte näherten, dann wurde es plötzlich still, und er befand sich in einer Welt ohne Licht, ohne Ton, ohne Boden unter den Füßen. Und dann fiel er, sich ständig beschleunigend, in eine tiefe Leere hinein.
14.
Wieder empfand Ben die Reaktivierung der längst verschütteten Gedächtnisinhalte wie einen wirren Traum. Und doch war es anders. Er merkte, daß er manchmal nahe daran war zu erwachen – vielleicht wirkte das Mittel nicht mehr so stark, vielleicht war er unempfindlicher dagegen geworden. Er warf sich hin und her, fand sekundenlang in die Gegenwart zurück, ohne die Augen zu öffnen – er hatte Angst, dann völlig in die Wirklichkeit zurückzugleiten –, und wußte dann nicht mehr, wo er war …
Und dann wachte er endgültig auf, ganz plötzlich, durch irgendein erschreckendes Traumerlebnis, an das er sich dann nicht mehr erinnern konnte, aus seinem Schlafzustand gerissen – und er starrte in ein Gesicht, seltsam ausdruckslose Züge, wirres Haar, das an den Schläfen in spröden Büscheln zur Seite stand: Hardy!
Er hatte kaum Zeit zu konstatieren, daß er sich noch immer in seiner Schlafkoje befand, daß Hardy neben seinem Kissen kniete, einen zylindrischen Gegenstand in der Hand. Er hörte, wie Hardy flüsterte: »Wie gut, daß du im Schlaf sprichst! Schlaf weiter!« In seinem Gesicht fühlte er eine kühle, durchdringend riechende Flüssigkeit, den Niederschlag des Aerosols aus dem Spray, und fast augenblicklich fiel er in den Schlaf zurück, oder in die Bewußtlosigkeit …
Als er erwachte, wußte er nicht, wie weit das Ereignis zurücklag, das ihm sofort klar und ungetrübt vor Augen stand. Und in dem Moment erinnerte er sich auch an ein Ereignis in seinem Traum, auf den sein Ich wie auf ein Signal reagiert hatte … Das war jener Punkt, von dem aus sich eine Brücke zur Gegenwart spannte – jene Episode, auf die er von Anfang an gewartet hatte. Es war die Erinnerung an die Aufzeichnungen …
Was hatte Hardy gesagt: Er hätte im Schlaf gesprochen? Da überlief es ihn siedend heiß. Wenn er im Schlaf gesprochen hatte, über die Aufzeichnungen und über das Versteck, das er nun kannte, dann war auch Hardy informiert …
Jetzt war er völlig wach und konzentriert. Er merkte, daß er noch in den Kleidern steckte und sich nur die Jacke überzuziehen brauchte. Mit dem Kamm fuhr er rasch durch die Haare, dann spähte er aus seiner Koje. Die große Uhr an der Stirnseite zeigte neun Uhr zehn … offenbar war noch nicht aufgefallen, daß er nicht aufgestanden war; den Blicken von unten blieb er so lange verborgen, wie er flach dahingestreckt lag. Freilich, wenn er nun aufstand, so würde man ihn bemerken, aber das war ihm im Moment gleich. Und vielleicht gab es sogar einen Weg, unerkannt zu bleiben. Mit einem Satz schwang er sich aus der Koje, preßte ein Papiertaschentuch gegen das Gesicht und rannte, so schnell wie er konnte, aus dem Saal. Die Sperre überwand er durch eine Flanke, die ihm auf dem Sportplatz alle Ehre gemacht hätte. Jetzt verschwendete er keinen weiteren Gedanken darauf.
Seine Hoffnung lag darin, daß er durch seine Stellung als Rechercheur in Notfällen ein Single-Schwebecar anfordern konnte. Er lief zum nächsten Videofon, steckte seine Kennkarte ein und gab die Anforderung durch. Zwei Minuten später stand das automatische Fahrzeug neben ihm am Straßenrand. Er sprang hinein, stellte die Adresse ein, und es erhob sich in die Luft – höher als alle anderen Fahrzeuge, höher auch als die Schwebezüge der öffentlichen Bahn. Einen Moment erschrak er, als eine Sirene ertönte, dann aber fiel ihm ein, daß es sein eigenes Gefährt war, das mit Ton- und Lichtsignalen den Weg freimachte.