Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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Ein gezielter Einsatz stochastischer Prozesse erfolgte bisher gelegentlich auch im Sozialstaat, beispielsweise, um eine gerechte Verteilung von Vorteilen, Mangelprodukten, genetischen Eigenschaften usw. zu erreichen. In diesen Fällen ist der bedenkliche Einsatz von Zufallsgeneratoren aber keineswegs gerechtfertigt. Ziel einer Reihe von Forschungsarbeiten ist ein Modus, nach dem derartige Verteilungsprozesse von den psychologischen Eigenschaften der Empfänger abhängig gemacht werden. Solange ein Regulativ dieser Art nicht zur Verfügung steht, ist die Verteilung nach Zufallszahlentabellen vorzunehmen. Da auch deren Gebrauch keineswegs unbedenklich ist, fallen diese unter die Geheimnisklausel und sind nur dem Personenkreis der Klassen A und B zugänglich zu machen.
In speziellen Bereichen der Soziostruktur galten Zufallsgeneratoren bisher als unentbehrlich, beispielsweise bei Spielen und Verlosungen (Spielwürfel und Lotteriemaschinen). Dieses Verfahren bringt einige Risiken mit sich; so ist es möglich, daß auf diese Weise Personen zu Vorteilen gelangen, die sich für den Staat nicht in nötigem Maß eingesetzt haben. Neuerdings werden daher die Gewinne bei Spiel und Lotto nach einem System vorgenommen, das die Verdienste der Beteiligten berücksichtigt. Diese Methode führt in das Wirkungsgefüge einen psychologischen Verstärker ein, der zu einer Intensivierung der Bemühungen im Sinne von Staatsinteressen führt.
13.
Wie schon zweimal in diesen Tagen, so führte Bens Weg auch diesmal in den Nordwesten der Stadt, in jenen Teil, in dem die Angehörigen der niedrigen Kategorien lebten. Auf den ersten Blick unterschied er sich nicht von den anderen Vierteln – es gab dieselben zwölfstöckigen Einheitsbauten mit den Schlaf- und Wohnheimen, den Unterrichts-, Gymnastik-, Eß- und Unterhaltungsräumen –, doch wenn man genauer hinschaute, dann merkte man den Hauch von Verwahrlosung: Auf den Gehsteigen lagen Abfälle, die Laufbänder waren verschmiert, die Geländerstangen fühlten sich klebrig an. Und die Leute waren schlampig gekleidet, sie schienen keinen Wert darauf zu legen, ob ihnen die Overalls zu groß oder zu klein waren, ob sie beschmutzt oder zerrissen waren. Am meisten aber erschreckte Ben immer wieder die Verschiedenheit der Gesichter, die Unebenmäßigkeit der Züge, die Abweichungen vom Normalbild eines gesunden Mitglieds der Freien Gesellschaft.
Ben hatte keine Schwierigkeiten, den Wohnblock von Jonathan zu finden. Es gab auch keine Hindernisse, und doch wußte er, daß er eine Spur zurückließ: Jedes Einstecken der Streckenkarte F wurde registriert, an jedem Gatter mußte er seine Erkennungskarte einschieben, und wenn sich die Schranke auch unverzüglich zur Seite bewegte, so waren die ausgelösten Impulse doch längst zur Zentrale gelaufen und dort abgespeichert worden. Aber Ben hatte sich schon mit dem Gedanken abgefunden, daß sein Tun sowieso nicht verborgen bleiben konnte, und so ging es ihm eher darum, seine letzten Ermittlungen schnell abzuschließen, als seine Spur zu verwischen.
Vor Jonathans Zelle angekommen, stellte er fest, daß der Vorhang aufgezogen war – sie war leer.
Er wandte sich an einen Mann, der sich mit einem Papiertaschentuch die schmierigen Hände abwischte – ein unappetitlicher Anblick. »Ich suche Jonathan Vauman. Kannst du mir sagen, wo er ist?«
Der Mann drehte sich um, als hätte er sich über eine Störung zu beklagen. »Laß mich in Ruhe, was geht mich Jonathan an?«
Ben sah sich nach einer anderen Person um, die er fragen könnte. Er bemerkte, daß er von einer Koje aus beobachtet wurde; der Vorhang war halb aufgezogen, dort saß ein Mann und ließ die Beine herabbaumeln.
»Weißt du, wo Jonathan ist?«
»Ich habe nichts mit ihm zu tun! Von mir können Sie nichts erfahren – tut mir leid.« Abrupt zog er die Beine an, zog sich in seine Zelle zurück und schob den Vorhang vor.
Ratlos stand Ben eine Weile herum, dann entschloß er sich, den Moderator aufzusuchen.
Er fand ihn in der Glaskanzel an der Stirnseite der Halle, stieg die Leiter hinauf und fragte wieder nach Jonathan Vauman.
»Was willst du von Jonathan?« fragte der Moderator; sein Mißtrauen war unverkennbar.
»Ich will ihn besuchen, ist dagegen etwas einzuwenden?«
»Hör zu«, sagte der Moderator, »ich rate dir: verschwinde! Sonst werde ich deine Personalien feststellen lassen. Wo kommst du überhaupt her?«
Ben blieb nichts anderes übrig, als sich auszuweisen. »Ich bin im Dienst hier, im Auftrag der Abteilung. Jetzt sag mir endlich, was mit Jonathan los ist!«
Das Benehmen des Moderators änderte sich schlagartig. »Entschuldigen Sie … ich konnte nicht wissen … Jonathan wurde vor zwei Tagen abgeholt. Eine akute Psychose. Er war nie ganz gesund, wir hatten häufig Scherereien mit ihm.«
»Was für Scherereien?«
»Nun, Ärger, Unruhe … was soll ich Ihnen sagen? Erkundigen Sie sich bei den Ärzten. Die wissen mehr.«
Es war deutlich zu erkennen, daß er keine weitere Auskunft zu geben bereit war. Er schrieb einige Buchstaben und Ziffern auf einen Zettel und schon ihn Ben hin: die Adresse einer Klinik. Ben bedankte sich und ging.
Wieder mußte er sich ausweisen – als harmloser Besucher hatte er hier von vornherein keine Chance. Es dauerte dann eine Weile, bis ein Psychiater erschien, der bereit war, ihn zu Jonathan zu führen. Sie gingen zum Lift, fuhren einige Etagen abwärts, dann ein endloser Korridor. Rechts und links Türen mit runden Glasfenstern. Die Scheiben glänzten kupferfarben – offenbar gaben sie den Blick nur in eine Richtung frei. Ben versuchte hineinzuspähen, doch konnte er nichts erkennen. Und dann erschrak er, als er dicht hinter einer dieser Scheiben ein Gesicht erkannte, eher eine Fratze, eine breite, platte Nase, Augen, die ins Leere starrten …
»Da sind wir schon«, kündigte der Psychiater an. Erst warf er einen prüfenden Blick durch das Fenster, dann steckte er die Schlüsselkarte ein – die Tür glitt auf. Sie traten ein.
Ben erkannte Jonathan, den er sich auf den Fotos genau angesehen hatte, kaum wieder. Der Mann kauerte in einer Ecke des Raums, seine Glieder zuckten. Den Kopf hielt er gesenkt.
»Es wird nicht viel mit ihm anzufangen sein«, sagte der Arzt.
Jonathan schien zu lauschen, dann hob er den Kopf … Sein Blick glitt über den Arzt, dann über Ben … Plötzlich sprang er auf, sprang vor diesen hin, packte ihn am Kragen, zerrte daran … »Das hätte ich mir denken können – dir habe ich das zu verdanken. Du Verräter!–«
Der Psychiater blickte Ben vielsagend an, als wollte er sagen: Na, siehst du!
»Du bist schuld, daß wir damals aufgeflogen sind. Und mit solchen Feiglingen wollten wir eine Revolution machen–« Noch immer zerrte er an Bens Kragen, der ihn unentschlossen abwehrte.
»Der Mann ist völlig durcheinander. Er weiß nicht, was er spricht«, sagte der Psychiater.
»Du hast uns alle auf dem Gewissen! Mich und Barbara und Hardy! Und nun hast du dich mit diesen da arrangiert!« Er ließ von Ben ab und deutete auf den Arzt. »Weiß er überhaupt, daß du dazugehört hast? Was haben sie dir dafür gegeben?« Jonathan hatte Mühe zu sprechen. Es war, als könne er Lippen und Zunge genausowenig unter Kontrolle halten wie die übrigen Glieder, die heftig schlingerten und zuckten. Ben versuchte den Redefluß von Jonathan zu unterbrechen. »Ich muß dir einige Fragen stellen. Sei bitte still! Kannst du mich verstehen?«
Wieder ging Jonathan auf Ben los, und er schrie dabei – die vor Anstrengung japsende Stimme ging in ein Krächzen über: »Verräter! Feigling! Miststück!–«