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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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«Dir ist wohl alles egal«, sagte Christians Nachbar.

«Leck mich«, sagte Pfannkuchen. Er schob den Kopf aus dem Verdeck.»Man sieht nichts, keine Ortsschilder.«

«Wenn man nur wüßte, wo’s hingeht«, sagte ein jüngerer Soldat, er hatte noch ein Jahr zu dienen.

«Nach Karl-Marx-Stadt«, sagte Christians Nachbar.»Logisch. Kommen die wenigsten von uns her.«

«Sind wir schon vorbei«, sagte Pfannkuchen.

«Hast du ’ne Landkarte intus«, fragte ein Gefreiter.

«Plus Kilometerzähler.«

«Also Dresden«, sagte der jüngere Soldat.

«Mensch, ’n paar Schwule aufmischen, ist doch mal was anderes«, sagte der Gefreite.»He, Nemo, gibt’s in Dresden viele Schwule? Bestimmt gibt’s da viele.«

«Klassenfeinde«, soufflierte Pfannkuchen, ließ sich Feuer geben.

«Glaubt ihr, was die uns sagen? Daß das bloß Randalierer sind und so? Aus ’m Westen, und konterrevolutionäre Gruppierungen?«fragte der junge Soldat.

«Du bist wohl auch so einer, hm? Sieh dich vor«, drohte der Gefreite.»He, Nemo, hat’s dir die Sprache verschlagen?«

«Du solltest ihn in Ruhe lassen«, sagte Pfannkuchen leichthin.»Ich laß mir nicht drohen, und ich laß mir nicht den Staat schlechtreden«, sagte der Gefreite.

«Junge, aus welchem finstern Busch habense denn dich losgelassen«, brummte eine schläfrige Stimme von den Plätzen beim Fahrerhaus.

«Du willst also schlagen«, sagte Pfannkuchen.

«Na klar, das sind doch Schweine. Die haben’s doch nicht besser verdient!«

«Na, dann werd’ ich dir auch eins überbraten. Du grunzt so.«»Ich zeig’ dich an, Kretzschmar. Ihr alle habt gehört, was er gesagt hat.«

«Du wirst niemanden anzeigen«, sagte Christian.

«Seh ich auch so«, sagte Pfannkuchen.»Hier hat nämlich keiner was gehört. Nitschewo.«

«Die soll’n Polizisten aufgehängt haben in Dresden.«

«Ammenmärchen!«

«Der Hauptbahnhof soll zu sein. Kaputter als beim Bombenangriff.«

«Das erzählen sie dir! Und du fällst auf den Quatsch rein! Diese Scheißlügen!«

«Wer hat das gesagt? Wer hat eben Scheißlügen gesagt?«

«Und wenn’s stimmt, Mann?«

«Macht endlich dicht«, sagte die schläfrige Stimme.

Die Soldaten schwiegen, rauchten, achteten auf die Nummern der Autos, die den LKW-Konvoi überholten.

Dresden. Absitzen.

Sie standen auf der Prager Straße. Christian sah die Lichter wie etwas Fremdes, Ungekanntes, er kam aus dieser Stadt und schien doch nicht mehr dazuzugehören, und die Dinge, die Gebäude schienen lebendig geworden zu sein: das Rundkino verbarg verschämt die Vitrinen mit den Filmplakaten, die Inter-Hotels blickten hochmütig über die Soldaten, Bereitschaftspolizisten, Offiziersschüler hinweg, die sich formierten, von hin- und herrennenden Offizieren, aber auch Blousonzivilisten eingewiesen wurden: Geschrei, Befehle, Drohungen.

Rücksichtslos.

Durchgreifen.

Der Gegner.

Konterrevolutionäre Aggression.

Verteidigung der Heimat der Arbeiter-und-Bauern.

Vor ihnen die auf den Hauptbahnhof zustrebenden Menschen. Die Soldaten schlossen sich in Hundertschaften zusammen, bildeten eine Kette, indem sie die Arme unterhenkelten. Christian ging in der zweiten Reihe neben Pfannkuchen. Vom Hauptbahnhof drang dumpfes, rhythmisches Klopfen.»Voor-wäärts!«schrien die Offiziere. Christian spürte, wie seine Beine weich wurden, das gleiche Gefühl wie bei der Urteilsverkündung im Gerichtssaal, jetzt fliegen können, etwas tun können, das den Wahnsinn beendete, sich umdrehen und einfach gehen, er hatte Angst, er sah, daß auch Pfannkuchen Angst hatte. Der Bahnhof war ein gurgelnd schlingendes Räderwerk, eine erleuchtete Kehle, die Schritte schluckte, Wasser, Qualm und Fieber ausspuckte. Dorthin? Sollte es gehen? Straßenbahnen lagen hilflos wie Kerne in einem schwellenden Fruchtfleisch aus Menschen. Da wurde ein Auto umgestürzt und angezündet, Molotow-Cocktails sprudelten durch die Luft wie brennende Bienenkörbe, die aufplatzten und Myriaden tödlich gereizter Feuerstacheln ausschleuderten. Die Soldaten blieben vor der Heinrich-Mann-Buchhandlung stehen, sperrten die Prager Straße ab. Christian sah Anne.

Sie stand ein paar Meter entfernt vor der Buchhandlung in einer Menschengruppe und sprach auf einen Polizisten ein. Der Polizist hob den Stock und schlug zu. Einmal, zweimal. Anne fiel. Der Polizist bückte sich und prügelte weiter. Trat zu. Bekam sofort Verstärkung, als jemand aus der Gruppe versuchte, ihn abzuhalten. Anne hatte die Arme vor das Gesicht gelegt wie ein Kind. Christian sah seine Mutter, die am Boden lag und von einem Polizisten getreten, geprügelt wurde. Lampen glitten vorbei wie Taucher. Um Christian war ein leeres Gebiet, ein verlorenes Dunkel, in das alles rutschte, was er an Schweigen und Schutz und Gehorsam angesammelt hatte. Er nahm den Knüppel in beide Hände und wollte sich auf den Polizisten stürzen, um ihn zu schlagen, bis er tot war, aber jemand hielt Christian, jemand umklammerte Christian, jemand schrie:»Christian! Christian!«, und Christian schrie zurück und heulte und strampelte mit den Beinen und urinierte vor Ohnmacht, dann war es vorbei, und er hing in Pfannkuchens Schraubstockgriff wie ein junger Hund, dem man das Genick gebrochen hat, sollten sie doch machen mit ihm, was sie wollten, er wollte nichts mehr außer in der Zukunft sein, in weiter und noch weiterer Zukunft, er wollte nichts mehr außer weg sein, Pfannkuchen trug ihn nach hinten, Christian schluchzte, Christian wollte tot sein.

Er kam in die Kaserne zurück, wo ihn am nächsten Tag ein Mitarbeiter der verplombten und vergitterten Türen vernahm. Er studierte Christians Akte, legte den Kopf in die unterm Kinn zu einer schlaffen Matte geflochtenen Hände, brummte» Hm, hm«.

Christian hatte vom Arzt im Med.-Punkt eine Beruhigungsspritze bekommen, sagte (dachte an Korbinian dabei und Kurtchen: Man sieht sich, Du kommst hier nicht raus, Leb wohl und verzeih):»Schwedt«, sagte es nüchtern, feststellend.

Der andere stand auf, ging ans Fenster, schabte sich die unrasierte Wange.»Ich überlege noch, was wir mit Ihnen machen. Aber ich glaube nicht, daß Schwedt sinnvoll wäre. Nein. Ich glaube, Sie brauchen …«

Christian wartete gleichgültig, seine Nerven gaben nicht mehr viel her.

«Urlaub«, sagte der andere.»Ich werde Sie auf Urlaub schicken. Sie haben ja noch einige Tage. Fahren Sie zu Ihrem Großvater nach Schandau. Obwohl, da machen Sie vielleicht Dummheiten … Also besser nach Glashütte. «Er zog einen Urlaubsschein aus einer Schublade, unterschrieb, stempelte.»Vielleicht fahren Sie nicht über Dresden. Es gibt einen Überlandbus von Grün nach Waldbrunn, und von dort wissen Sie ja weiter.«

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