Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Berlin hatte Dresden angerufen. Die Bezirksebene hatte die Rektoratsebene der Akademie, die Chefs der Stadtkrankenhäuser, die Spendenzentralen angerufen. Die Leitungsebene hatte die Stationsebene angerufen. Dort war die Anweisung hängengeblieben, wurde zur Kenntnis genommen und beschwiegen. Zusätzliche Blutkonserven bereitstellen: der dürre Wortlaut. In den Pausen zwischen zwei OPs lief Richard durch die Klinik, um die widerstreitenden Empfindungen unter Kontrolle zu bekommen. Er ging in den Keller, wo die Schwestern und Pfleger und Ärzte rauchten, tuschelten, Gerüchte austauschten über die Unruhen am Hauptbahnhof, die Situation in Prag. Er ging hinaus, in den Park, wo es klösterlich war und herbstlich, wo die Brunnenfiguren in merkwürdiger Anmut gefangen waren, was den Bildhauer viel Kraft gekostet haben mußte, denn diese Anmut war jenseitig, und war doch keine Lüge. Sie war nicht einmal kitschig; die Figuren schienen sich wohlzufühlen, das mochte die meiste Kraft gefordert haben. Es war die Anmut der Irren. Christian hatte geschrieben:»Was soll ich tun, wenn sie mir befehlen? Du hast uns immer zur Aufrichtigkeit erziehen wollen, aber Du selbst hast gelogen. Deine Reden über das Duckmäusertum, damals, vor der ›Felsenburg‹ (sie waren laut genug, vielleicht haben wir Jungs uns so fröhlich benommen, damit wir nicht alles hören mußten) — der Kurs bei Orré, Deine Mahnungen und Vorwürfe im Wehrlager, Du erinnerst Dich? Was soll ich tun? Die Kaserne steht in Alarmbereitschaft, wir haben Ausgangs- und Urlaubssperre, die Telefone nach draußen sind abgestellt, es gibt keine Zeitungen mehr. Wenn sie mir befehlen: schlag zu — was soll ich tun? Diesen Brief gebe ich dem Koch mit in der Hoffnung, daß er Dich erreicht und daß Deine Antwort, falls Du mir eine gibst (geben kannst?), zu mir gelangt. «Richard trug den Brief bei sich. Noch nie hatte Christian ihm so geschrieben. Er vermied das Wort: Vater. Und Anne? Richard hatte ihr den Brief nicht gezeigt. Was war geschehen, was war nur geschehen mit ihm, mit ihnen? Die Zeit, die Zeit, flüsterte es aus den mit Messingkunst belaubten Zweigen. Der Wind roch nach Kohle.
Jemand hatte einen Stein geschleudert, einen handlichen Pflasterwürfel aus schwarzweißem Granit, man hätte seinen gedämpft parabolischen Flug kommentieren können wie einen Ball, aus dem, wie der erfahrene Reporter schon beim Anlaufnehmen des Schützen, dem knappen, explosiven Schuß ahnt, das Tor des Jahres werden würde, in unzähligen Replays wieder und wieder analysiert, von Vätern, die dabei waren, den Söhnen an Mannwerdungs-Sonntagen vorgeblättert (oder würde es auch hierzulande irgendwann Videos geben?); Meno sah zu, wie der Stein sich über der Phalanx aus durchsichtigen, das klinische Neonlicht wasseroberflächenhaft reflektierenden Schilden senkte, wie er auszutrudeln und die Kurve wie auf Fluglotsenkarten ins Gestrichelte überzugehen schien, bevor er treffen und in einer seltsamen Rückspiegelung die Linie seines Flugs noch einmal aufblitzen lassen würde, elektrizitätsrasch noch einmal der Kimme und Korn bestätigende Schlagbolzenklack:
und
Schreie, Schlagstockrauschen, helle Gier. Kesselten, huschten, bohrten. Von Schandau waren Tausende zu Fuß zurückgekommen, teils von Polizei und anderer Staatsgewalt getrieben, teils resignierend nach tagelangem Kampieren entlang der Gleise
und
Randalierer, die Alltagsschlacke auf den Gesichtern aufgebrochen für den weißen Unterstrom aus Haßhaßhaß, sie knackten Holz von Baugerüsten, zerschlugen Flaschen zu mörderisch gezackten Kronen, hatten auf einmal Armevoll Pflastersteine, die sie gegen die anwalzende Staatsmacht schleuderten, Schilde zersprangen, Visiere platzten, Scheiben stürzten blinkend und kulissenhaft zusammen, splitterten in Stückchen, die den Boden zu salzen schienen, Geheul war die Antwort, Meno stand an einen Pfeiler gedrückt, schlotternd, unfähig sich zu bewegen
und
doch kamen sie näher, die Rollkommandos und Kordons und schlagreifen Gummiknüppel, Beschreiben Sie Brunft- und Angriffszeremonien des Rotwilds, stach es Meno durch den Kopf, der Koffer war noch da, die Fahrkarte nicht mehr, nur noch ein Schnipsel, hatte sie ihm jemand aus der Hand gerissen
und
die schwarzen Hunde, kläffend, so rosig das Zahnfleisch, so weiß und speichelig die Zähne, zerrten an den Leinen der Hundeführer, die von der Kraft der schwarzen Schenkel geschüttelt wurden, sonderbare Gravur der Krallen auf dem glattharten Bahnhofshallenboden, Schleifen und Schnörkel, vielleicht Blumen, Hundeblumen, dachte Meno
und
Knüppel pladderten, regneten, sausten hinab, ein Kollern wie von Kastanienkugeln auf die Dächer parkender Wagen, die bizarre Wirklichkeit der Schreie, die ihnen antworteten, Menschen wurden zu Boden getreten, getrampelt, abwehrende Hände, aber die Gummiknüppel hatten geleckt, hatten
Angst und
Blut und
Blut und
Lust geschmeckt
und
da war die Toilette, Meno rannte mit den anderen, der Schwarm, instinktiv, Möglichkeiten. Die Toilette. Das Gewölbe, blaue Kacheln, der Ammoniakgeruch schnitt wie ein Diskus durch den Atem der Eindrängenden. Meno prallte zurück, die Falle, du kommst hier nicht raus, die Falle, was machst du, wenn sie zusperren, rannte hinaus, sah schon die Mienen der Polizisten, der Offiziere hinter ihnen, die Zeigefingerarme. Raus, raus, vor den Bahnhof, raus aus dem Bahnhof. Tränengaskartuschen klimperten auf dem Boden, Menschen flüchteten, eine nachgiebig rumpelnde Zone klaffte wie ein Schnitt durch gespannte Haut, dann brodelte der Rauch auf. Wasserwerfer sprühten Schneisen in die Knäuel aus Flucht und Zuschlagen, zermatschten das Papier, schoben es zu schleimigen Burgen an die Gleisränder. Meno hob den Kopf, sah Videokameras, sah zerschlagene Reichsbahn-Monitore; Wasser traufte von den Streben, füllte die Halle mit Gischt und metallisch glänzenden Bändern, in die sich zeitlupenhaft Blutfäden einwebten.
— Papier,
schrieb Meno,
Papier, der Berg aus Papier —
Christian saß in der Bekleidungs- und Ausrüstungskammer, zu der er inzwischen einen Schlüssel hatte, und biß brüllend in einen frischen Packen Soldatenunterwäsche hinein. Manchmal glaubte er verrückt zu werden. Daß er die Kaserne, die Panzer, die Versetzungen von Kompanie zu Kompanie nur träume, ein langer, unangenehmer Spuk, der aber doch auch einmal enden mußte, und dann würde er im Bett liegen, frei, vielleicht sangen die Comedian Harmonists vom Grammophon der Stenzel-Schwestern. Dann ging er in die Kasernen-Bibliothek, ein grotesker Ort, bewacht von einer gutmütigen dicken Frau mit Omaschürze und Strickzeug (sie strickte Nierenwärmer für die» jungen Genossen«). Blonde Bäume flimmerten an den Kasernenstraßen. Die Offiziere grüßten fahrig, Anspannung und Angst auf den Gesichtern. Es gab doppelt soviel Politunterricht. Die Phrasen sickerten aus den Mündern, bedeckten unsichtbar, doch staubanziehend den Boden, wo sie liegenblieben, verachtet, von niemandem ernstgenommen. Es wurde exerziert, an den Panzern gearbeitet, es sollte ein Herbstmanöver geben. Christian zählte die Stunden bis zur Entlassung. Manchmal glaubte er, der nun fast fünf Jahre gedient hatte, die wenigen Tage Eingesperrtsein nicht mehr ertragen zu können, kletterte aufs Dach des Bataillonsgebäudes, dessen Teerung noch sommermassig und knetig war und zwischen den schwarzen Rotatorenlüftern Thermik köchelte, schrieb Briefe, die ein Küchengehilfe aus der Kaserne in einen zivilen Kasten schmuggelte, las, was Meno ihm schickte (Reclambücher, sowjetische Prosa aus dem Hermes-Verlag, die sich erstaunlich gewandelt hatte, plötzlich gab es blaue Pferde auf rotem Gras). Die meisten Soldaten arbeiteten jetzt in der Volkswirtschaft, in verschiedenen Grüner Betrieben. Christian stand an einer Drehbank und schob Schichten als Hilfsdreher. Die Soldaten wollten nach Hause, aber am Vormittag des 5. Oktober bekamen sie Schlagstöcke, Pfannkuchen lachte:»Erst kriegen wir die Spitze, jetzt den Griff!«Was Christian machen würde, fragte er. Christian wußte es nicht, er konnte sich nichts vorstellen, er wollte sich nichts vorstellen. Polizisten kamen und schulten sie auf dem Regiments-Fußballplatz im Gebrauch. Angriff von links, Angriff von rechts. Erkennen von Rädelsführern, Vorstoß in der Gruppe. Eine Weile hieß es, daß Christians Einheit mit Schußwaffen ausrücken würde. Die Soldaten waren zusammengewürfelt aus übriggebliebenen Kompanien (irgendwann im Frühjahr ’89 war Abrüstung befohlen worden), aus Cottbus, Marienberg, Goldberg, die Versetzungsströme, die mit Sommer ’89 eingesetzt hatten, übersah keiner mehr. Schlückchen war froh, wenn er für alle Kleidung und Essen zusammenkratzte. LKW fuhren auf. Der Küchengehilfe durfte das Kasernentor noch passieren, er brachte neue Gerüchte mit, aus Grün, wo es im Metallwerk zu rumoren begonnen hatte, aus Karl-Marx-Stadt und Leipzig, aus Dresden. Am Abend hieß es: Aufsitzen! Keine Schußwaffen. Gummiknüppel, Felduniform Sommer, Schutzwesten, eine Sonderration Alkohol und Zigaretten für jeden. Die meisten Soldaten schwiegen, starrten zu Boden. Pfannkuchen rauchte.