Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig wolkte Papier, eine Kehrmaschine rasselte durch wie ein verfolgter Käfer. Sofort änderten sich die Gewichte in den vagen Balancen der Wartemenge, Getrappel, aufgeregte Schreie, Babywimmern, ein Zug war noch nicht zu sehen, mußte aber kommen, da die Menge ihn so sehr beschwor, Wünsche werden Wirklichkeit, las Meno auf einer aus einer Westzeitschrift gezerrten Reklame. Aber es kam nur eine orangefarbene Rangierlok, deren Führer eine hackende Kopfbewegung machte, als die Enttäuschung der Menge in Gepfeif umschlug. Die Polizei war sofort da. Kugeln aus drei, vier Uniformierten rollten vor, griffen zu, schleiften zurück, der Hauptpulk schluckte die Verhafteten, von denen hier und dort noch ein wirbelnder Kopf, protestierende und strampelnde Arme, zu sehen waren, bevor sie in Schlagstockhieben untergingen. Plötzlich spürbarer Luftwiderstand, Wirbel, die vor- und zurückprallten, die Stromleitungen über den Bahnsteigen sirrten hart wie Eierschneiderdrähte; aus den zu akustischem Brei verrührten Stimmen waberten Proteste auf, einzelne Schreie schlitzten den Menschenkokon aus Uniformen und Zivil, der vor den Ausgängen schwoll und nachließ und wieder schwoll. Der Zug nach Berlin fuhr in provozierender Bedächtigkeit ein. Die Rufe schwappten jetzt auf diesen Bahnsteig, Redlich und Madame Eglantine hopsten vor den rennenden Menschen in den Waggon, Meno wurde von dem panischen Knäuel, das die Polizisten vor sich herschoben, weggedrängt. Und wieder fallendes Papier, graupelnde Fetzen, einige senkten sich zeitlupenhaft auf eine Bank, Meno entzifferte» H. Kästners diskreten Gummischutz-Versand«, Tauschgesuche, Außenbordmotoren, Abführmittel. Redlichs betroffenes Seehundsgesicht ging im Abteilfenster unter, davor Madame Eglantines Hand weit auf den Bahnsteig nach Meno gereckt, wirklich nach mir, dachte er im Gepuffe, Gerangel, ihr Mund zu einer seltsamen Grimasse aus Schreienwollen und Kehlenstreik zerrissen, die Lautsprecher wirkten blind im schneienden Papier, das, immer wieder von wütenden Stiefeln, zickzackflüchtenden Schuhen hochgetreten, als Konfettirevue über dem Aschebraun des Schotters, der Bahnschwellen auftanzte. Meno gelang es nicht, den Zug zu erreichen. Pfiffe, die Kelle, krustiges Türen-Zu. Jemand stieß seinen Koffer um, ein anderer stolperte darüber, prallte auf Meno, der versucht hatte, den Koffer aus dem Getrampel zu retten.»Können Sie nicht aufpassen? Verdammter Idiot!«schrie der Kerl und holte zu einer Ohrfeige aus. Meno duckte sich, der Schlag traf einen Polizisten hinter ihm, der sich wie ein dicker verwöhnter Junge, der seine Mama plötzlich auch anders kennenlernt, weinerlich-verdattert die Wange hielt und kläglich» Auaa!«sagte; Meno grinste. Zwei Polizisten rupften ihn von seinem Platz, er bekam Fausthiebe, in die Magengrube (was er, da er in der Manteltasche ein Reiseschachspiel hatte, als nicht sonderlich schmerzhaft empfand), dann in die Lebergegend (dabei zerbrach mit bedauerndem Knacken seine Kugelkopfpfeife), mehrere gar nicht schnelle, aber forschende Schläge, die ihm die Luft kappten, dann wurde er, zusammen mit dem Mann der unglücklichen Ohrfeige, der an beiden Augenbrauen blutete, abgeführt. Scheiben klirrten, Geheul, Tauben, die mit ihren Flügeln die Luft schredderten. Menos Koffer blieb stehen. Auf dem gegenüberliegenden Gleis rollte ein Zug ein, offensichtlich der erwartete aus den Leipziger Depots, der die Botschaftsbesetzer abholen sollte; in schriller Panik, durchkreischt von Lautsprecherwarnungen und Polizeimegaphonen, die aufforderten, den Bahnhof zu räumen, wurde er gestürmt. In der Vorhalle kickten Jungs Papierbälle gegen den verbarrikadierten Intershop.
«Hauen Sie ab, Mensch«, sagte der Polizist draußen zu Meno.»Aber mein Koffer — «
«Verschwinden Sie!«
(Eschschloraque)»Aber die Menschen, wenn sie frei sind, was machen sie mit ihrem Leben? Wenn es ihr Streben ist, glücklich zu sein, was ist dann der Ausdruck ihres Glücks? Sie gehen jagen! Die Aristokratie, die die meiste Muße hatte, sah ihren liebsten Zeitvertreib darin, jagen zu gehen. Und die kleinen Leute betreiben die Jagd der kleinen Leute: Sie gehen fischen. Was erreichen Sie mit einer Revolution? Eine Vermehrung der Zahl der Angler. Das ist alles. Das verbesserte Los des Arbeiters besteht darin, daß er sich dieser einfachsten Form der Jagd widmen kann. Und dafür Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ach Gottchen.«
(Altberg)»Jetzt sind Sie der Zyniker.«
(Eschschloraque)»Ich versuche nur, mich vor dem Idealisieren zu hüten. Machen Sie die Menschen nicht interessanter, als sie sind … Es geht nun einmal oft gar zu billig zu im Leben, und oft kopiert es die Kunst auch, und was dann?«
(Schubert)»Aber es muß doch eine Hoffnung geben! Man kann nicht leben ohne Hoffnung!«
(Eschschloraque)»Ich fürchte, das werden wir lernen müssen. — An Meistersingers Küste stehen, Ort der uraltneuen Weise, jeder bleibt an seinem Platz in festgefügter Ordnung, die Zeit, die Zauberin, die ewig alles wandelt, ohne Macht!«
(Conférencier)»Da ist er, Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft, hören Sie, meine Damen und Herren, den Mephisto-Walzer, intoniert von unserer zauberhaften Big Band aus Dresden!«
(Albin Eschschloraque)»Gar nichts mehr tun. Ich will einfach … dasitzen und brüten. Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn.«
(Schevola)»Sie hegen für sich den ganzen Abscheu, den man für ein einstiges Idol empfindet.«
(Albin Eschschloraque)»Sollte ich Fräulein Sezierde zu Ihnen sagen?«
(Eschschloraque)»Du kannst nicht ruhig bleiben, Sohn, wenn sich um die stille Achse deines Zimmers die Welt dreht.«
(Sinner-Priest)»Sie können sich denken, was ich empfand, als mein Chef verfahren wollte nach dem Grundsatz dieses mir verhaßten Volks! Das wirklich in abergläubischem Wahnsinn den Statuen die Nasen abschlägt, damit sie nicht lebendig werden!«(Barsano)»Wir haben geglaubt, daß alle Menschen im Grunde gut sind. Wenn wir ihnen genügend zu essen geben, Wohnung, Kleidung, dann müßten sie nicht mehr böse sein, es wäre nicht mehr nötig. Ein Irrtum, werch ein Illtum.«
Aber Meno wollte nicht. Der Koffer im Bahnhof enthielt Manuskripte, darunter eines von Judith Schevola, mit Korrekturen; unersetzlich. Pflichtgefühl, Angst, Neugier und Abenteuerlust: Er umrundete den Bahnhof und betrat ihn durch einen Seiteneingang erneut. Da er eine gültige Fahrkarte vorweisen konnte, durfte er passieren. Menos Koffer fand sich unter einer Bank, bewacht von einer alten Frau, die in der Nähe des Bahnhofs wohnte und gekommen war, um Tee und Kekse zu spendieren. Sie hatte gesehen, wie Meno und der andere Mann abgeführt worden waren.
«Haben Sie so was schon mal erlebt?«
«Nein«, sagte Meno.
«Das gab’s nur im Krieg und am siebzehnten Juni«, sagte die alte Frau.»Sie sind jung — an Ihrer Stelle würde ich auch gehen.«
Meno fuhr nach Hause. Die Straßenbahn war voller Gerüchte, die Menschen schwiegen nicht mehr, es schien sie nicht mehr zu kümmern, ob jemand mithörte. Dresden lag in der kaltschattigen, trauerschweren Ödnis seiner Herbsttage; über den stillen, von schwankenden Zweigen durchflüsterten Straßen des Viertels schaukelten die Laternen.
Windwirbel drehten die Baumkronen der Mondleite, federten vom Dach des Tausendaugenhauses, das ächzte und knarrte. Pedro Honich hatte schon die Fahne in die Halterung vor seinem Fenster gesteckt. Bei Libussa lief der Fernseher. Vanilleknasterarom tastete sich durch die Türritzen, obwohl Meno von Anne und Barbara hergestellte Stoffschlangen vorgelegt hatte. Im Wintergarten ging jemand unruhig auf und ab. Meno öffnete die Spitzbogentür und trat auf den Balkon, gefolgt von Chakamankabudibaba, der in die neblige Luft witterte. Aus dem Park wehte der Geruch nach Moderholz, mischte sich mit dem nach Humus und nassem Laub aus dem Garten. Meno starrte auf die Stadt, den sichtbaren Elbbogen, auf dem ein schwach lichternder Schleppkahn trieb, auch dies war also Zeit, jemand mußte auf Strömungen und Markierungen achten, Menschen brauchten Kohle und Kies, oder was sonst das Schiff dort transportierte. Er ging ins Zimmer zurück. Wie friedlich der Schreibtisch: Mikroskop und Schreibmaschine, ein leeres Blatt noch eingespannt. Er setzte sich hin, versuchte zu arbeiten, aber seine Gedanken rutschten immer wieder ab. Er stand auf, er mußte mit jemandem reden.