Die Leiden eines Chinesen in China
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Leiden eines Chinesen in China». Краткое содержание книги:
Kin-Fo verließ sie also auch schon am Morgen seiner Ankunft wieder und zog von diesem wichtigen Knotenpunkte für den Handel zwischen Central-Asien, Tibet, der Mongolei und China nach Norden weiter.
Ueber Kao-Lin-Sien und Sing-Tong-Sien, d.h. in dem Thale des Uei-Ro mit seinen, von dem Löß (Mergel), durch den er sich sein Bett gewühlt, gelblich gefärbten Fluthen gelangte die kleine Gesellschaft nach Rua-Tcheu, dem Herde einer entsetzlichen Empörung der Muselmanen im Jahre 1860. Von hier aus erreichte Kin-Fo mit seinen Begleitern, bald im Boote, bald im Wagen, unter großer Anstrengung die Festung Tong-Kuan am Zusammenflusse des Uei-Ro und des Ruang-Ro.
Der Ruang-Ro ist der berühmte Gelbe Fluß. Er kommt in gerader Richtung aus Norden, strömt durch die östlichen Provinzen und mündet in das Meer, das seinen Namen trägt, aber ebensowenig gelb ist, wie das Rothe Meer roth, daß Weiße Meer weiß und das Schwarze Meer schwarz aussieht. Ja, ein berühmter Strom, offenbar himmlischen Ursprunges, da seine Farbe die der Kaiser ist. Ein Sohn des Himmels, aber auch »der Kummer Chinas« wegen seiner gewaltigen Ueberschwemmungen, welche den großen Kaiserkanal zum Theile unfahrbar gemacht haben.
In Tong-Kuan wären die Reisenden, selbst in der Nacht, in Sicherheit gewesen. Es ist das keine Handelsstadt, sondern eine Militär-Niederlassung, in welcher keine nomadische Bevölkerung lebt, sondern die Tataren-Mantschus, die Kerntruppen des chinesischen Heeres, ihren ständigen Sitz haben. Vielleicht gedachte Kin-Fo hier einige Tage zu rasten. Vielleicht suchte er in einem passenden Hôtel einmal ein bequemes Zimmer, eine schmackhafte Mahlzeit, ein gutes Bett – lauter Dinge, auf welche sich Craig und Fry, vorzüglich aber der arme Soun herzlich freute.
Der Tölpel, dem seine Unvorsichtigkeit diesmal ein großes Stück seines edlen Zopfes kostete, beging aber die Unklugheit, auf der Zollstation statt des angenommenen Namens den wahren Namen seines Herrn anzugeben. Er vergaß eben, daß es nicht Kin-Fo, sondern Ki-Nan war, den er die Ehre hatte zu bedienen. Das gab ein schweres Ungewitter! Der Letztere sah sich gezwungen, die Stadt augenblicklich wieder zu verlassen. Der Name hatte seine Wirkung gethan. Der berühmte Kin-Fo war in Tong-Kuan angekommen. Jeder drängte sich, den Mann zu sehen, »dessen einziger lebhafter Wunsch es war, hundert Jahre alt zu werden«.
Der entsetzte Reisende gewann kaum Zeit, mit seinen Begleitern der Ansammlung von Neugierigen zu entfliehen, die ihn auf jedem Schritte umringte. Zu Fuß – ja, buchstäblich zu Fuß – eilte er nun längs des Gelben Flusses dahin und unaufhörlich weiter, bis er sammt seinen Begleitern in einem kleinen Flecken vor Erschöpfung zusammenbrach, wo ihm sein Incognito doch wenigstens einige Stunden Ruhe sichern mußte.
Der ganz außer Fassung gerathene Soun wagte kein Wort über die Lippen zu bringen. Mit dem kurzen Rattenschwänzchen, das noch von seinem Kopfe hing, wurde er zur Zielscheibe mancher verletzenden Witzelei. Die Gassenbuben liefen hinter ihm her und riefen ihm allerlei Dummheiten nach.
Wie sehnte er sich danach, endlich anzukommen – aber wo? – da sein Herr, wie er sich damals William J. Bidulph gegenüber ausdrückte, immer der Nase nach weiter reisen wollte.
In dem kleinen, zwanzig Li (ein Li = 442 Meter) von Tong-Kuan gelegenen Flecken, wo man gerastet hatte, gab es nun weder Pferde noch Esel, weder Wagen noch Tragbahren. Hier mußte man entweder bleiben oder den Weg zu Fuß fortsetzen. Diese Alternative war nicht geeignet, dem Schüler des Philosophen Wang, der sich hier sehr wenig als Philosoph erwies, die gute Laune wiederzugeben. Er schimpfte auf alle Welt und verdankte diese Lage doch nur sich selbst. O, wie bedauerte er jetzt die schöne Zeit, die er unter Verachtung jedes Genusses am Leben verbrachte! Wenn der Mensch das Glück nur soll schätzen lernen, nachdem er Langweile, Noth und Qual gekostet, wie Wang behauptete – er hatte jetzt Alles und bis auf die Neige gekostet.
Bei dieser Reise sah er noch überdies wiederholt brave Leute unterwegs, die vielleicht keinen Heller in der Tasche hatten, aus deren Augen aber der Widerschein des Glückes leuchtete. Er überzeugte sich, daß die freudig gethane Arbeit die Mutter der Zufriedenheit ist.
Hier waren es Feldarbeiter, die sich über die Furchen bückten; dort Andere, welche singend ihr Tagewerk vollbrachten. Verschuldete nicht der Mangel an Arbeit allein bei Kin-Fo die Unempfindlichkeit für jedes Vergnügen? O, diese Lection war eine gründliche! Er glaubte es wenigstens…. Nein, Freund Kin-Fo, sie war es nicht!
Craig und Fry durchsuchten die ganze Ortschaft, klopften an jede Thür und entdeckten wirklich zuletzt eine Art Fuhrwerk, aber nur ein einziges. Auf demselben fand ferner nur eine Person Platz und, was das Schlimmste war, ein Zugthier dazu gab es nicht.
Das Gefährt bestand aus einem Handwagen – einer Art Pascal’schen Schiebkarren – der vielleicht schon lange vor genanntem Gelehrten von den alten Erfindern des Pulvers, der Schrift, des Compasses und der Drachen gebaut wurde. In China ist das, übrigens ziemlich große Rad dieses Fortschaffungsmittels aber nicht wie bei uns zwischen zwei nach der einen Seite zu vorspringenden Armen, sondern in der Mitte angebracht und bewegt sich also innerhalb des Kastens selbst, wie das Centralrad mancher Dampfboote. Der eigentliche Behälter des Gesäyrtes ist also seiner Längsrichtung nach in zwei Abtheilungen getrennt, in deren einer der Reisende Platz nehmen kann, während die andere zur Aufnahme des Gepäckes dient.
Der Motor dieses Wagens ist und kann nur ein Mensch sein, der ihn nicht zieht, sondern vorwärts schiebt. Er hat seinen Platz also hinter dem Fahrenden, dem er die Aussicht nicht versperrt, ähnlich wie der Kutscher eines englischen Cab. Bei günstigem Winde, d.h. wenn dieser von rückwärts weht, benützt der Mann die Naturkraft, die ihm nichts kostet. Er stellt vorn im Wagenkasten einen kleinen Mast auf, hißt an demselben ein viereckiges Segel und wird bei kräftigem Winde, statt den Wagen zu schieben, von diesem mit fortgezogen, oft schneller, als ihm lieb ist.
Das Gefährt nebst allem Zubehör wurde käuflich erworben. Kin-Fo nahm darin Platz. Der Wind blies günstig, das Segel ward entfaltet.
»Nun vorwärts, Soun!« rief Kin-Fo.
Soun beeilte sich, ganz behaglich in der zweiten Abtheilung des Wagens Platz zu nehmen.
»An die Deichsel! donnerte ihn da Kin-Fo in einem Tone an, der jeden Widerspruch von vornherein abschnitt.
– Aber, Herr, wie… wir… ich!… jammerte Soun, dessen Beine sich schon im voraus krümmten wie die eines überangestrengten Gaules.
– Dafür klage Dich selbst, Deine Zunge und Deine Dummheit an!
– Nun vorwärts, Soun! drängten auch Craig-Fry.
– An die Deichsel! wiederholte Kin-Fo mit einem spähenden Blick nach dem erbärmlichen Reste des Zopfes. An die Deichsel, Dummkopf, und hüte Dich, zu stolpern, sonst…«
Der Zeige-und Mittelfinger Kin-Fo’s, die sich wie zwei Scheerenblätter bewegten, ließen über diese Drohung keinen Zweifel übrig, so daß Soun schleunigst den Tragriemen über die Schultern warf und die Handhaben des Karrens ergriff. Fry und Craig begaben sich jeder nach einer Seite des Gefährtes, und mit Unterstützung des günstigen Windes trottete die kleine Gesellschaft in leichtem Trabe ab.
Wir verzichten auf die Schilderung der stillen, ohnmächtigen Wuth Soun’s, als er sich zum Zugthier degradirt sah. Craig und Fry waren jedoch menschenfreundlich genug, ihn zeitweilig abzulösen. Zum Glück unterstützte sie der Südwind ohne Unterbrechung und verrichtete drei Viertel der Arbeit. Da der Karren durch das in der Mitte angebrachte Rad sehr leicht im Gleichgewichte zu halten war, so beschränkte sich die Thätigkeit des Führers etwa auf die des Steuermannes auf einem Schiffe, das heißt, er hatte nur auf Einhaltung seiner Richtung zu achten.