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Die Leiden eines Chinesen in China

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Die Leiden eines Chinesen in China
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Eine Folge davon war, daß der vexirte Kin-Fo eines Tages, am 21. Mai, den ehrenwerthen William J. Bildniph aufsuchte und ihm seine Absicht mittheilte, sofort abreisen zu wollen.

Er hatte von Shang-Haï und dessen Bewohnern sozusagen genug.

»Damit laufen Sie vielleicht aber weit mehr Gefahr! bemerkte ihm sehr richtig der General-Agent.

– Das gilt mir gleich! erwiderte Kin-Fo. Treffen Sie danach Ihre Maßregeln.

– Wohin gedenken Sie zu gehen?

– Der Nase nach!

– Und wo wollen Sie bleiben?

– Nirgends.

– Wann gedenken Sie zurückzukehren!

– Niemals!

– Und wenn ich Nachricht von Wang erhalte?

– Ach, zum Teufel mit Wang! O, über die dumme Idee, dem Menschen jenen albernen Brief zu geben!«

Im Grunde verlangte Kin-Fo nach nichts mehr als danach, den Philosophen wiederzufinden. Sein Leben in den Händen eines Anderen zu wissen, dieser Gedanke fing nach und nach an, ihn zu beherrschen. Allmälich verstärkte sich die fixe Idee. Noch einen Monat unter solchen Verhältnissen auszuharren, das hätte er nie über sich gebracht! Das Lamm wurde endlich zum Tiger!

»Nun gut, so reisen Sie ab, sagte da William J. Bidulph, Craig und Fry werden Ihnen folgen, wohin Sie auch gehen.

– Wie es Ihnen beliebt, doch versichere ich Ihnen im voraus, daß Sie zu laufen haben werden.

– Das werden sie, bester Herr, sie können laufen und sind nicht die Leute dazu, die Beine zu schonen!«

Kin-Fo kehrte nach seinem Yamen zurück und traf sofort alle Vorbereitungen zur Abreise.

Soun – ein abgesagter Feind jeder Ortsveränderung – sollte, zu seinem größten Leidwesen, seinen Herrn begleiten. Er wagte jedoch keinen Einspruch, der ihm gewiß ein gutes Stück seines Zopfes gekostet hätte.

Craig-Fry waren als echte Amerikaner jeden Augenblick zu einer Reise bereit, und wenn es an’s Ende der Welt gegangen wäre. Sie stellten nur eine einzige Frage:

»Wohin wird… sagte Craig.

– Der Herr gehen? setzte Fry hinzu.

– Zuerst nach Nang-King und nachher zum Teufel.«

Auf den Lippen Craig-Fry’s erschien gleichzeitig ein und dasselbe Lächeln.

Sie waren Beide entzückt. Zum Teufel! Was hätte ihnen mehr Vergnügen machen können? Sie beeilten sich also, von dem ehrenwerthen William J. Bidulph Abschied zu nehmen und noch chinesische Kleidung anzulegen, um auf der bevorstehenden Fahrt durch das Himmlische Reich die Aufmerksamkeit Anderer weniger auf ihre Person zu lenken.

Eine endlose Straße mit ungeheueren Thiergestalten (S. 100.)

Eine Stunde später kehrten Craig und Fry, einen Handkoffer an der Seite und den Revolver im Gürtel, nach dem Yamen zurück.

In der Dämmerung verließen Kin-Fo und seine Begleiter geräuschlos das amerikanische Territorium und schifften sich auf dem Dampfer ein, der den Dienst zwischen Shang-Haï und Nan-King versieht.

Diese Reise gleicht mehr einem Spaziergange. Binnen zwölf Stunden kann ein Steamer unter Benützung der Fluth den Blauen Fluß bis zur alten Hauptstadt des mittleren Chinas hinaufdampfen.

Während der kurzen Ueberfahrt sorgten sich Craig und Fry weniger um ihren kostbaren Kin-Fo, nachdem sie die Passagiere alle genau in Augenschein genommen hatten. Sie kannten ja den Philosophen – welcher Bewohner der drei Territorien hätte auch die gute sympathische Erscheinung nicht gekannt – und überzeugten sich, daß er nicht mit am Bord sei. Nichtsdestoweniger widmeten sie dem Clienten der »Hundertjährigen« doch alle mögliche Aufmerksamkeit, untersuchten die Schanzkleidung, auf die er sich vielleicht stützte, prüften erst mit den Füßen die Stufen, welche jener betrat, hielten ihn fern von den Feuerungsanlagen, wo ihnen die Kessel gefährlich erschienen, ermahnten ihn höflich, sich nicht dem scharfen Abendwinde auszusetzen, um sich bei der feuchten Luft nicht zu erkälten, wachten darüber, daß die kleinen Lichtpforten seiner Cabine hermetisch verschlossen waren, schalten auf Soun, den nachlässigen Diener, der niemals bei der Hand war, wenn sein Herr ihn verlangte, vertraten wohl auch selbst seine Stelle, um den Thee und das Abendbrot zu serviren, und schliefen endlich vollkommen angekleidet vor der Thür der Cabine Kin-Fo’s mit dem Rettungsgürtel um die Hüften, um jenem Hilfe leisten zu können, wenn der Dampfer in Folge einer Explosion oder Collision in den dunklen Wellen des Stromes versinken sollte. Es geschah aber nichts, was die unbegrenzte Bereitwilligkeit Craig-Fry’s auf eine ernsthafte Probe gestellt hätte. Das Dampfboot lief rasch auf dem Wusung hinab, glitt in den Yang-tse-Kiang oder Blauen Fluß hinüber, passirte die Insel Tson-Ming, ließ die Leuchtfeuer von Ou-Song und Langhan hinter sich, fuhr mit der Fluth stromauf durch die Provinz Kiang-Su und landete am 22. früh seine Passagiere heil und gesund am Quai der alten kaiserlichen Hauptstadt. Sonn hatte es nur den beiden Leibwachen zu verdanken, daß sein Zopf während der Fahrt sich nicht noch weiter verkleinerte. Der Faulpelz hatte also gewiß keine Ursache, sich zu beklagen.

Kin-Fo begab sich, als er Shang-Haï verließ, nicht ohne Grund zuerst nach Nan-King. Er glaubte einige Aussicht zu haben, den Philosophen hier zu entdecken.

Er trat näher und las. (S. 100.)

Wang konnte sich in der That durch seine aus früherer Zeit herrührenden Erinnerungen nach dieser unglücklichen Stadt, dem Ausgangs-und Mittelpunkte der Empörung der Tchang-Mao, hingezogen fühlen. Wurde sie nicht erobert und vertheidigt von jenem bescheidenen Schulmeister, dem furchtbaren Rong-Sieou-Tsien, der sich zum Kaiser der Taï-Ping aufschwang und die Autorität der Mantschu so lange in Schach zu halten wußte? Proclamirte derselbe nicht von hier aus die neue Aera des »Großen Friedens«?2 Nahm er nicht hier im Jahre 1864 das tödtliche Gift, um seinen Feinden nicht lebend in die Hände zu fallen? Entwich nicht aus dem hiesigen Palaste der Könige sein Sohn, in zartem Alter, den die Kaiserlichen einsingen und ohne Gnade enthaupteten? Wurden seine Gebeine nicht aus dem Grabe in der brennenden Stadt wieder ausgewühlt und wilden, ausgehungerten Bestien zum Fraße vorgeworfen? War es endlich nicht in dieser Provinz, wo hunderttausend alte Waffengefährten Wang’s binnen drei Tagen hingemordet wurden?

Es erschien also wohl denkbar, daß der Philosoph nach der plötzlichen Veränderung aller Verhältnisse nach diesem Orte, an den ihn so viele persönliche Erinnerungen knüpften, gegangen sei. Von hier aus konnte er in wenig Stunden nach Shang-Haï zurückkehren, um seinen Freund…

Deshalb also begab sich Kin-Fo zunächst nach Nan-King und gedachte, sich hier aufzuhalten. Fand er Wang auf, so konnte Alles mündlich geregelt und damit der eigenthümlichen und gewiß nicht angenehmen Lage ein Ende gemacht werden. Traf er jenen nicht, so wollte er seine Wanderung durch das Himmlische Reich weiter fortsetzen bis zu dem Tage, wo er nach Ablauf der vereinbarten Frist von seinem alten Lehrer und Freund gewiß nichts mehr zu fürchten haben würde.

Begleitet von Craig und Fry und gefolgt von Sonn, begab sich Kin-Fo nach einem Hôtel in einem jener halb entvölkerten Quartiere, welche noch inmitten der Ruinen des weitaus größeren Theiles der Stadt vorhanden sind.

»Ich reife unter dem Namen Ki-Nan, wandte sich Kin-Fo an seine Begleiter, und hoffe, daß mein wahrer Name unter keinerlei Vorwand jemals ausgesprochen werde.

– Ki… begann Craig.

– Nan, vollendete Fry.

– Ki-Nan« wiederholte Soun noch einmal.

Es leuchtet wohl ein, daß Kin-Fo, während er wegen der unangenehmen Folgen seiner unfreiwilligen Berühmtheit aus Sang-Haï entfloh, nicht Lust hatte von denselben unterwegs ebenso belästigt zu werden. Von der möglichen Anwesenheit des Philosophen in Nan-King erwähnte er Craig-Fry gegenüber kein Wort. Die ängstlichen Agenten hätten gewiß einen Luxus von Vorsichtsmaßregeln entfaltet, der zwar dem Werthe ihres Clienten entsprechen mochte, diesem selbst aber nur höchst lästig gewesen wäre. Und hätten sie eine Million in der Tasche geführt, unmöglich hätten sie auf einer Reise durch ein gefährlicheres Land größere Sorgfalt entwickeln können. Doch war es nicht auch eine Million, welche die »Hundertjährige« ihnen hier anvertraut hatte?

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