Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
Um Punkt neun Uhr betraten die sechs Akteure die Bühne − die zwei Musiker in ihren orientalischen Gewändern und die vier jungen Leute mit ihren weißen Hemden und den weiten Röcken. Sofort wurde nicht mehr an den Tischen bedient. Alle Gäste verstummten.
»Im mongolischen Mythos von der Erschaffung der Welt begegnen sich der Wildhund und die Hirschkuh«, sagte Mikhail mit einer Stimme, die wieder nicht die seine war.
»Zwei Wesen, von unterschiedlichster Natur. In der Natur tötet der Wildhund die Hirschkuh, um sie zu fressen. Im mongolischen Mythos ist den beiden klar, daß sie die Eigenschaften des jeweils anderen brauchen, um in einer feindlichen Umwelt zu überleben, und daß sie sich verbinden müssen.
Dazu müssen sie zuerst lernen zu lieben. Und um zu lieben, müssen sie aufhören, die zu sein, die sie sind, sonst können sie nicht zusammenleben. Im Laufe der Zeit lernt der Wildhund zu akzeptieren, daß sein stets auf den Überlebenskampf gerichteter Instinkt nun einem höheren Ziel dient: jemanden zu finden, mit dem er die Welt neu erbauen kann.«
Nach einer Pause fuhr er fort:
»Wenn wir tanzen, kreisen wir um dieselbe Energie, die bis zur Herrin aufsteigt, so wie das Wasser der Flüsse verdunstet, sich in Wolken verwandelt und als Regen wieder niedergeht. Heute handelt meine Geschichte vom Kreislauf der Liebe: Eines Morgens klopfte ein Bauer kräftig an das Tor eines Klosters. Als ihm der Bruder Pförtner öffnete, reichte er ihm eine wunderschöne Weintraube.
›Lieber Bruder Pförtner, dies sind die besten Trauben, die mein Weinberg hervorgebracht hat. Und ich komme, um sie Euch zu schenken.‹
›Herzlichen Dank! Ich werde sie sogleich zum Abt bringen, der sich über dieses Geschenk freuen wird.‹
›Nein, nein, ich habe sie Euch gebracht.‹
›Mir? Ich verdiene kein so schönes Geschenk der Natur.‹
›Ihr habt mir immer geöffnet, wenn ich an das Tor geklopft habe. Als ich Hilfe brauchte, weil die Ernte durch die Trockenheit zerstört war, habt Ihr mir täglich ein Stück Brot und ein Glas Wein gegeben. Ich möchte, daß diese Trauben Euch ein wenig von der Liebe der Sonne, der Schönheit des Regens und des Wunders Gottes bringen.‹
Der Bruder Pförtner legte die Trauben vor sich hin und betrachtete sie den ganzen Morgen lang voller Bewunderung: Sie waren wirklich schön. Und deshalb beschloß er, sie dem Abt zu schenken, der ihn stets mit weisen Worten ermutigt hatte.
Der Abt freute sich sehr über die Trauben. Ihm fiel jedoch ein, daß es im Kloster einen kranken Bruder gab, und er dachte: Ich werde ihm die Trauben schenken. Sie werden ihm Freude machen.
Doch die Trauben blieben nicht lange in der Zelle des kranken Bruders, denn dieser überlegte: Der Bruder Küchenmeister sorgt für mich, ernährt mich mit allerbesten Speisen. Ich bin sicher, diese Trauben würden ihn sehr glücklich machen. Als der Bruder Küchenmeister zur Mittagsstunde erschien und das Essen brachte, übergab er ihm die Trauben.
›Sie sind für Euch. Da Ihr immer mit den Früchten der Natur umgeht, werdet Ihr etwas mit diesem Werk Gottes anzufangen wissen.‹
Der Bruder Küchenmeister war von der Schönheit der Trauben hingerissen und zeigte sie seinem Gehilfen. Sie waren so vollkommen, daß niemand sie mehr schätzen würde als der Bruder Sakristan, dem das Heilige Sakrament anvertraut war und den viele im Kloster für einen heiligen Mann hielten.
Der Bruder Sakristan schenkte die Trauben seinerseits dem jüngsten Novizen, damit dieser sehen möge, daß Gottes Werk sich in den kleinsten Dingen der Schöpfung offenbarte. Als der Novize die Trauben erhielt, fühlte sein Herz den Ruhm Gottes, weil er noch nie schönere Weintrauben gesehen hatte. Und er erinnerte sich daran, wie er zum ersten Mal ins Kloster gekommen war, und an den Menschen, der ihm das Tor geöffnet hatte. Das Öffnen des Tors hatte es möglich gemacht, daß er heute in dieser Gemeinschaft von Menschen lebte, die Wunder zu schätzen wußten.
Also trug er, kurz bevor es dunkel wurde, die Trauben zum Bruder Pförtner.
›Laßt sie Euch gut schmecken. Denn Ihr verbringt die meiste Zeit allein, und diese Trauben werden Euch guttun.‹
Der Bruder Pförtner begriff, daß die Trauben tatsächlich für ihn bestimmt waren. Er genoß jede einzelne Beere und schlief glücklich ein. So wurde der Kreis geschlossen. Ein Kreis des Glücks und der Freude, der sich immer um den legt, der mit der Energie der Liebe in Kontakt steht.«
Alma schlug auf den mit Ornamenten verzierten Gong.
Mikhail fuhr fort:
»Wie jeden Donnerstag folgen auf eine Geschichte über die Liebe Geschichten über NichtLiebe. Wir werden sehen was an der Oberfläche ist, und begreifen, was darunter liegt: die Schicht, in der sich unsere Gewohnheiten, unsere Werte befinden. Und wenn es uns gelingt, diese Schicht zu durchdringen, entdecken wir uns selber. − Wer fängt an?«
Mehrere Hände hoben sich − zu Maries Überraschung auch meine. Die Gäste rutschten unruhig auf ihren Stühlen.
hin und her. Mikhail wies auf eine schöne, große Frau mit blauen Augen.
»Letzte Woche habe ich einen Freund besucht, der allein in den Bergen an der Grenze zu Spanien lebt. Jemand, der das Leben genießt und sagt, die Lebensweisheit bestehe darin, jeden Augenblick voll auszukosten.
Mein Mann war von Anfang an gegen diesen Besuch: Er meinte zu wissen, was das für einer war − ein notorischer Jäger und Frauenverführer. Aber ich mußte unbedingt mit diesem Freund reden. Ich machte gerade eine Krise durch, und nur er konnte mir helfen. Mein Mann schlug mir vor»
zum Psychologen zu gehen, zu verreisen. Wir diskutierten, stritten, aber trotz all seiner Einwände reiste ich zu meinem Freund. Er holte mich am Flughafen ab, wir redeten den ganzen Nachmittag lang, aßen zu Abend, tranken, redeten noch ein wenig, und dann ging ich schlafen. Am nächsten Morgen machten wir einen Spaziergang, und dann brachte er mich wieder zum Flughafen.
Kaum war ich zu Hause angekommen, da ging es mit den Fragen los. War mein Freund allein? −Ja. − Keine Freundin bei ihm? − Nein. − Habt ihr getrunken? −Ja. − Warum willst du nicht darüber reden? − Aber ich rede doch darüber! − Ihr wart allein in dem Haus mit dem phantastischen Blick auf die Berge! Was für eine romantische Kulisse, nicht wahr? − Ja. Und trotzdem haben wir nur geredet. − Denkst du etwa, ich nehme dir das ab? − Warum solltest du es nicht glauben? − Weil es wider die Natur ist: ein Mann und eine Frau, wenn sie zusammensitzen, zusammen trinken, sich intime Dinge erzählen, landen doch immer im Bett!
Mein Mann hatte recht, es entsprach überhaupt nicht dem, was man uns beigebracht hatte. Er würde nie glauben, was ich ihm erzählt hatte, aber es war die reine Wahrheit.
Seither ist unser Leben die Hölle. Es wird wieder besser werden, aber unser Leiden ist unnötig, ein Leiden wegen etwas, was man uns erzählt hat: nämlich daß ein Mann und eine Frau, die einander bewundern, wenn die Umstände es erlauben, am Ende im Bett landen.«
Beifall. Zigaretten werden angezündet. Klirren von Flaschen und Gläsern.
»Was ist denn hier los?« fragt Marie leise. »Eine Gruppentherapie in Ehefragen?«
»Das ist Teil der ›Begegnung‹. Niemand sagt, er habe recht oder er irre sich, alle erzählen nur Geschichten.«
»Und warum tun sie das öffentlich, so unverblümt, während andere trinken und rauchen?«
»Vielleicht weil es leichter ist. Und warum soll man es sich nicht etwas leichter machen?«
»Leichter? Vor allen möglichen Leuten, die meine Geschichte morgen ihrem Ehemann erzählen könnten?«
Jemand anders hatte zu sprechen begonnen, und ich konnte Marie nicht mehr sagen, daß dies nicht der Punkt sei weil nämlich alle hier seien, um über NichtLiebe zu sprechen, die als Liebe daherkam.
»Ich bin der Ehemann der Frau, die gerade ihre Geschichte erzählt hat«, sagte ein Mann, der mindestens zwanzig Jahre älter wirkte als die blonde, hübsche Frau. Was sie gesagt hat, stimmt. Doch es gibt da etwas, was sie nicht weiß, und ich hatte bisher nicht den Mut, es ihr gegenüber anzusprechen. Ich werde es jetzt tun.