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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Paul sah an seinen schäbigen Kleidern hinunter und wusste, dass er unmöglich zu der Beerdigung gehen konnte. Er hatte keinen richtigen Anzug, und außerdem hatte ihm kein Mensch was davon gesagt, dass die Beerdigung morgen war. Er fragte sich, wie das passieren konnte.

Valerie sagte:»Ich habe gestern in Le Bouet angerufen und mit Pauls Bruder über die Beerdigung gesprochen, Tab. Weißt du, was ich glaube? Dass Billy Fielder seinem Bruder nicht ausgerichtet hat, was ich ihm gesagt habe. Na ja, das hätte ich mir ja denken können, so wie Billy ist. Ich hätte immer wieder anrufen sollen, bis ich Paul selbst oder seine Eltern erreicht hätte. Ich bin froh, dass du Paul hergebracht hast, Taboo, jetzt weiß er wenigstens Bescheid.«

Paul wischte sich die Hände an seiner Jeans ab. Den Kopf gesenkt, scharrte er mit den Füßen im sandigen Boden am Teichufer. Er dachte an die vielen Leute, die zum Begräbnis von Guy Brouard kommen würden, und war froh, dass man ihm nichts gesagt hatte. Wie er sich fühlte, seit Mr. Guy tot war, war so schon schlimm genug. Auch noch unter die Leute zu gehen, das war unmöglich. All die Blicke, all die heimlichen Vermutungen, all das Getuschel. Das ist der kleine Paul Fielder, Mr. Guys ganz besonderer Freund. Und die Mienen, die diese Worte — besonderer Freund — begleiten würden, die hochgezogenen Brauen, die weit aufgerissenen Augen, die Paul verraten würden, dass die Sprecher mehr sagten als bloße Worte.

Er blickte auf, um zu prüfen, ob Valerie ihn mit dieser Miene ansah, mit den hochgezogenen Brauen und den aufgerissenen Augen. Aber das tat sie nicht, und er konnte endlich die Schultern entspannt sinken lassen. Seit seiner Flucht aus Moulin des Niaux waren sie so verkrampft, dass sie begonnen hatten, wehzutun. Jetzt aber war es, als wäre die Kneifzange um sein Schlüsselbein plötzlich geöffnet worden.

«Wir fahren um halb zwölf morgen Mittag los«, sagte Valerie, diesmal direkt zu Paul.»Du kannst mit mir und Kev fahren, Paul. Mach dir wegen der Kleidung keine Sorgen. Schau, ich habe dir ein Hemd mitgebracht. Du kannst es behalten. Kev sagt, er hat noch zwei von der Sorte, und er braucht keine drei davon. Und eine Hose. «Sie musterte ihn nachdenklich. Paul spürte die Hitze an jeder Stelle seines Körpers, die ihr Blick berührte.»In einer von Kev würdest du versinken. Aber ich könnte mir vorstellen, dass eine von Mr. Brouards Hosen. komm, jetzt mach dir deswegen keine Gedanken, Kind. Mr. Brouard wäre bestimmt einverstanden. Er hat dich sehr gern gehabt, Paul. Aber das weißt du ja. Ganz gleich, was er gesagt oder getan hat, er war. Er hat dich gern gehabt. «Sie geriet ins Stocken.

Paul spürte ihren Schmerz wie einen Sog, der aus ihm herauslockte, was er unterdrücken wollte. Er sah von Valerie weg zu den drei übrig gebliebenen Enten und fragte sich, wie sie alle in Zukunft zurechtkommen sollten, wenn Mr. Guy nicht mehr da war, um sie zusam- menzuhalten, ihnen eine Richtung zu geben und ihnen zu sagen, wie es weitergehen sollte.

Er hörte, wie Valerie sich schnauzte, und wandte sich ihr wieder zu. Sie lächelte unsicher.»Es wäre jedenfalls schön, wenn du mitkämst. Aber wenn du nicht willst, dann mach dir deswegen keine Vorwürfe. Eine Beerdigung ist nicht für jeden das Richtige, manchmal ist es das Beste, sich der Lebenden zu erinnern, indem wir selbst leben. Das Hemd gehört auf jeden Fall dir. Es ist für dich. «Sie schaute sich um, offenbar auf der Suche nach einer sauberen Stelle, wo sie es ablegen konnte, und sagte:»Ah, da!«, als sie Pauls Rucksack liegen sah. Schon wollte sie ihn öffnen, um das Hemd hineinzustecken.

Mit einem Aufschrei riss Paul ihr das Hemd aus der Hand und schleuderte es weg. Taboo bellte scharf.

«Aber Paul!«, rief Valerie verblüfft.»Ich wollte dich nicht — es ist kein altes Hemd, Kind. Es ist fast — «

Paul packte den Rucksack. Er blickte hastig nach rechts und links. Flucht war nur auf dem Weg möglich, den er gekommen war. Und Flucht war notwendig.

Er rannte auf dem Fußweg zurück, und Taboo lief ihm kläffend hinterher. Paul schluchzte auf, als er vom Weg auf den Rasen gelangte, auf dessen anderer Seite das Haus lag. Er merkte plötzlich, dass er es müde war, davonzulaufen. Es kam ihm vor, als wäre er sein Leben lang davongelaufen.

Ruth Brouard beobachtete die Flucht des Jungen. Sie befand sich in Guys Arbeitszimmer, als Paul aus dem Laubengang an der Grenze zwischen Rasen und Teich herausgerannt kam. Sie war gerade dabei, einen Stapel Kondolenzkarten durchzusehen, die schon am Vortag eingetroffen waren, die zu öffnen sie aber bisher nicht den Mut gehabt hatte. Zuerst hörte sie den Hund bellen, dann sah sie den Jungen, der unten über den Rasen rannte. Gleich darauf erschien Valerie Duffy, in den Händen das Hemd, das sie Paul gebracht hatte, das verschmähte Geschenk einer Mutter, deren eigene Söhne flügge geworden waren und das heimische Nest verlassen hatten, als sie noch nicht darauf vorbereitet gewesen war.

Sie hätte mehr Kinder bekommen sollen, dachte Ruth, als sie Valerie zum Haus zurückgehen sah. Manche Frauen wurden mit einem Hunger nach Mutterschaft geboren, den nichts stillen konnte, und Valerie Duffy schien eine von ihnen zu sein.

4

Ruth behielt sie im Auge, bis sie verschwand, vermutlich in der Küche direkt unter Guys Arbeitszimmer, das Ruth gleich nach dem Frühstück aufgesucht hatte. Es war der einzige Ort, wo sie ihm jetzt nahe sein konnte, umgeben von all den sichtbaren Dingen, die, wie um der grauenvollen Art seines Sterbens zu spotten, bezeugten, dass Guy Brouard ein gutes Leben gehabt hatte. Überall im Arbeitszimmer ihres Bruders gab es diese Zeugnisse zu sehen: an den Wänden, auf den Bücherregalen, auf dem schönen alten Renaissance-Tisch in der Mitte des Raums. Hier waren die Zertifikate, die Fotografien, die Auszeichnungen, die Pläne und die Dokumente. Abgeheftet lagen hier Korrespondenz und Empfehlungsschreiben, die so manchen, der sich als würdig erwies, in den Genuss der weithin bekannten Brou- ardschen Großzügigkeit gebracht hatten. Und eindrucksvoll zur Schau gestellt stand hier das Modell eines Bauwerks, das Guy der Insel, die sein Zuhause geworden war, als Geschenk versprochen hatte. Es hätte die Vollendung seines Lebenswerks werden sollen, ein Monument zum Gedenken an die Leiden der Inselbewohner, wie er es genannt hatte. Von einem Mann gestiftet, der ebenfalls gelitten hatte.

Als Guy an jenem Morgen nicht vom Schwimmen zurückgekommen war, hatte Ruth sich zunächst keine Sorgen gemacht. Gewiss, er war eigentlich immer pünktlich und zuverlässig, aber als sie ihn nicht wie sonst im Frühstückszimmer angetroffen hatte, fertig angekleidet und auf die Rundfunknachrichten konzentriert, während er auf sein Frühstück wartete, hatte sie vermutet, er hätte nach dem Schwimmen bei den Duffys vorbeigeschaut und eine Kaffeepause mit Valerie und Kevin eingelegt. Das hatte er hin und wieder getan. Er hatte die beiden gern gehabt. Ruth hatte deshalb nach einem Augenblick der Überlegung ihren Kaffee und ihre Grapefruit zum Telefon im Damenzimmer mitgenommen und bei den Duffys angerufen.

Valerie meldete sich. Nein, sagte sie, Mr. Brouard sei nicht bei ihnen. Sie habe ihn seit dem frühen Morgen, als sie ihn auf dem Weg zum Schwimmen gesehen habe, nicht mehr zu Gesicht bekommen. Was los sei? Ob er noch nicht zurück sei? Wahrscheinlich sei er irgendwo auf dem Gelände. vielleicht bei den Skulpturen. Er habe Kevin gegenüber erwähnt, dass er sie umstellen wolle. Dieser große menschliche Kopf im tropischen Garten? Vielleicht versuche er, sich darüber schlüssig zu werden, wo er ihn haben wolle, sie, Valerie, wisse nämlich mit Sicherheit, dass der Kopf eines der Stücke war, die Mr. Brouard anders platzieren wollte. Nein, Kev sei nicht bei ihm. Kev sitze hier in der Küche.

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