Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Frank legte die alten Nachrichtenblätter in den Hefter zurück und schob diesen in den Aktenschrank. Er stieß die Schublade zu, wischte sich die Hände an der Hose ab und zog die Haustür auf.
«Paul!«, rief er in herzlichem Ton und blickte mit gespielter Überraschung über den Jungen hinweg zum Fahrrad.»Du meine Güte! Bist du den ganzen Weg geradelt?«Aus der Vogelperspektive war es nicht weit von Le Bouet zum Talbot Valley. Aus der Vogelperspektive war auf der Insel kein Ort sehr weit vom anderen entfernt. Aber auf den schmalen Serpentinenstraßen, die die einzigen Verbindungen zwischen den Ortschaften darstellten, war der Weg erheblich weiter. Frank war sicher, dass Paul die Strecke noch nie vorher geradelt war, und es erstaunte ihn fast ein wenig, dass der Junge überhaupt allein hergefunden hatte. Er war nicht gerade einer der Hellsten.
Paul sah blinzelnd zu ihm auf. Er war klein für seine sechzehn Jahre, sehr mädchenhaft in seiner Erscheinung. Im elisabethanischen Zeitalter, als beim Theater Knaben gefragt waren, die als Frauen durchgehen konnten, hätte er die Bühne im Sturm erobert. Aber heutzutage sah das ganz anders aus. Schon bei der ersten Begegnung mit Paul hatte Frank sich vorgestellt, wie schwer der Junge es haben musste, vor allem in der Schule, wo er mit seiner zarten Aprikosenhaut, dem lockigen rotblonden Haar und den langen seidigen Wimpern für die Rabauken unter seinen Mitschülern wahrscheinlich ein willkommenes Opfer war.
Bei Franks scheinheiligem Willkommen schossen Paul die Tränen in die ängstlichen grauen Augen. Hastig hob er den Arm und wischte sich mit dem abgetragenen Flanell seines Hemds über das Gesicht. Er hatte keine Jacke an, was bei diesem Wetter Wahnsinn war, und die dünnen Arme mit den knochigen Handgelenken ragten blass aus den zu kurzen Hemdsärmeln hervor. Er wollte etwas sagen, aber er brachte nur ein ersticktes Schluchzen zustande. Taboo ergriff die Gelegenheit, um ins Haus zu schlüpfen.
Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Jungen hereinzubitten. Nachdem Frank das getan hatte, drückte er ihn auf den Stuhl mit dem geflochtenen Sitz hinunter und machte die Tür zu, um die Dezemberkälte nicht länger hereinzulassen. Aber als er sich herumdrehte, sah er, dass Paul aufgestanden war. Er hatte seinen Rucksack abgeworfen wie eine Last, die er loswerden wollte, und stand vorgebeugt über einem Stapel Kartons, als wollte er entweder den Inhalt in Augenschein nehmen oder seinen Rücken der Peitsche darbieten.
Frank vermutete, dass beides zutraf. Die Kartons gehörten zu den Dingen, die Paul Fielder mit Guy Brouard verbunden hatten und erinnerten ihn zweifellos gleichzeitig daran, dass Guy Brouard für immer von ihm gegangen war.
Ganz gewiss war der Junge aufs Tiefste getroffen von Guys Tod, ganz gleich, ob er wusste, auf welch grausame Weise sein Gönner ums Leben gekommen war. Bei dem Leben, das ihm als einem von vielen Kindern vermutlich von seinen Eltern bereitet wurde, die zu wenig anderem als Trinken und Beischlafen taugten, war er unter der großherzigen Zuwendung Guy Brouards aufgeblüht. Frank hatte zwar bei den Gelegenheiten, wenn Paul Guy nach Moulin des Niaux begleitet hatte, nie Anzeichen dieses Aufblühens bemerkt, aber er hatte den schweigsamen Jungen auch vor Guys Eintritt in sein Leben nicht gekannt. Vielleicht war die nahezu stumme Wachsamkeit, durch die Paul sich auszeichnete, wenn sie zu dritt die in den Häusern gelagerten Stücke aus der Besatzungszeit durchsahen, bereits ein großartiger Schritt heraus aus einem früheren krankhaften Schweigen.
Pauls magere Schultern zuckten, und sein Hals, an dem sich das feine Haar wie bei einem Renaissance-Engel ringelte, schien zu zart, seinen Kopf zu tragen, den er jetzt auf den obersten Karton des Stapels sinken ließ. Sein Körper bäumte sich. Er schluckte krampfhaft.
Frank fühlte sich hilflos. Er trat an den Jungen heran und tätschelte ihm unbeholfen die Schulter.»Ist ja gut, ist ja gut«, sagte er und frag- te sich, was er sagen würde, wenn der Junge darauf fragte: Was denn? Was denn? Aber Paul sagte gar nichts und verharrte in seiner Haltung. Taboo setzte sich ihm zu Füßen, wie um ihn zu bewachen.
Frank hätte dem Jungen zum Trost gern gesagt, er trauere genauso sehr um Guy Brouard wie er, aber er wusste, dass wahrscheinlich auf der ganzen Insel niemand außer Guys Schwester ähnlich tiefen Schmerz empfand wie Paul. Er hätte ihm also nur entweder unzulängliche Worte des Trosts anbieten können oder die Möglichkeit, die Arbeit fortzuführen, die sie zusammen mit Guy begonnen hatten. Aber den Trost hätte er, darüber war er sich im Klaren, nicht glaubhaft übermitteln können, und die Arbeit wollte er nicht anbieten. Es blieb also nichts anderes, als den Jungen fortzuschicken.
«Es tut mir Leid, dass du so traurig bist, Paul«, sagte er.»Aber müsstest du nicht in der Schule sein? Es sind doch noch keine Ferien, oder?«
Paul hob den Kopf, um Frank anzusehen. Er wischte sich die Nase mit dem Handballen ab. Er sah so jammervoll und so hoffnungsvoll zugleich aus, dass Frank mit einem Schlag begriff, warum der Junge zu ihm gekommen war.
Du lieber Gott, er suchte Ersatz, einen zweiten Guy Brouard, der sich um ihn kümmern, ihm einen Grund geben würde zu — ja, wozu? An seinen Träumen festzuhalten? Weiter nach ihrer Erfüllung zu streben? Was hatte Guy Brouard diesem armen Jungen versprochen? Sicherlich nichts, das zu erreichen Frank Ouseley, der nie eigene Kinder gehabt hatte und sich um seinen zweiundneunzigj ährigen Vater kümmern musste, ihm hätte helfen können. Schon weil er selbst genug zu tragen hatte an der Last der von einer unbegreiflichen Realität jäh zunichte gemachten Erwartungen.
Wie zur Bestätigung von Franks Verdacht schniefte Paul noch einmal und atmete dann wieder ruhig. Er wischte sich ein letztes Mal die Nase und schaute sich um, als würde er sich erst jetzt bewusst, wo er sich befand. Er biss sich auf die Unterlippe und zupfte mit beiden Händen am ausgefransten Saum seines Hemds. Dann ging er durch den Raum zu einem Stapel Kartons, die mit schwarzem Filzstift oben und an den Seiten mit dem Wort» Sortieren «beschriftet waren.
Frank sank der Mut. Es war so, wie er gedacht hatte: Der Junge war hergekommen, um sich ihm anzuschließen und zum Zeichen dieses Zusammenhalts die Arbeit fortzuführen. So ging das nicht.
Paul hob den obersten Karton vom Stapel und stellte ihn behutsam auf den Boden. Taboo gesellte sich zu ihm, als er neben dem Karton in die Hocke ging, und während der Hund sich in gewohnter Haltung niederließ, den zottigen Kopf auf den Pfoten, den treu ergebenen Blick auf seinen schweigsamen Herrn gerichtet, öffnete Paul bedachtsam, wie er es bei Guy und Frank wohl hundert Mal gesehen hatte, den Karton. Drinnen war ein Durcheinander von Kriegsorden, alten Gürtelschließen, Stiefeln, Uniformmützen der deutschen Luftwaffe und des Heeres und andere Kleidungsstücke, die die feindlichen Soldaten damals in der fernen Vergangenheit getragen hatten. Er machte es genauso, wie Frank und Guy es immer gemacht hatten: Er breitete eine Plastikplane auf dem Steinboden aus und begann, die Gegenstände herauszulegen, um jeden Einzelnen in das Ringbuch einzutragen, das sie zur Katalogisierung benutzten.
Er stand auf, um das Ringbuch zu holen, das hinten in der Schublade des Aktenschranks lag, aus der Frank kurz vorher die G.I.F.T.- Nachrichtenblätter genommen hatte. Frank sah seine Chance gekommen.
«Hey! Moment mal, junger Mann«, rief er und eilte durch den Raum, um die Schublade wieder zuzustoßen, die der Junge gerade aufgezogen hatte. Er bewegte sich so schnell und sprach so laut, dass der Hund bellend aufsprang.
Frank packte die Gelegenheit beim Schopf.»Was, zum Teufel, fällt dir ein?«, fragte er scharf.»Ich arbeite hier. Du kannst doch nicht einfach so reinplatzen und alles an dich reißen. Das sind unbezahlbare Objekte. Sie sind leicht zerbrechlich und nicht zu ersetzen. Hast du verstanden?«
Paul riss die Augen auf. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber nicht ein Wort kam ihm über die Lippen. Taboo bellte unablässig.