Der stolze Orinoco
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Путешествия и география
Электронная книга - «Der stolze Orinoco». Краткое содержание книги:
Das Gespräch wandte sich später den beiden Franzosen zu, deren Rückkehr nach la Urbana man bisher vergebens erwartet hatte. Der erste Beamte des Ortes hatte sie bei ihrem Eintreffen hier empfangen. Herr Marchal kannte sie ebenfalls, denn bei ihrer Abreise hatten sie sich einen Tag lang auf seinem Hato aufgehalten.
»Und seit ihrer Abreise, fragte Herr Miguel, haben Sie nichts wieder von ihnen gehört?
- Nicht das Mindeste, erklärte der Beamte. Die Ilaneros, die von Osten her heimkehrten und die wir wiederholt darum befragten, versichern alle, ihnen nicht begegnet zu sein.
- Hatten sie nicht auch die Absicht, nahm jetzt Jean von Kermor das Wort, den Orinoco hinauszugeben?
- Ja wohl, junger Freund, antwortete Herr Marchal, sie wollten dabei in den verschiedenen Ortschaften am Ufer Halt machen. Wie sie mir sagten, reisten sie ein wenig aufs Geradewohl. Der eine, Herr Germain Paterne, sammelte Pflanzen mit dem Eifer eines Naturforschers, der das Leben daran setzen würde, eine noch unbekannte Art zu entdecken. Der andre, Herr Jacques Helloch, ein Jäger vor dem Herrn, widmete sich leidenschaftlich geographischen Fragen, der Aufnahme einer Gegend oder der Bestimmung eines Flußlaufes. Solche Leidenschaften führen die Leute weit hinaus, oft sehr weit. vielleicht zu weit. und wenn sich's dann um die Rückkehr handelt.
- Nun wir wollen hoffen, ließ sich Herr Varinas vernehmen, daß den beiden Franzosen kein Unfall zugestoßen ist!
- Ja, diese Hoffnung darf man nicht aufgeben, meinte der Beamte, obwohl ihre Abwesenheit nun schon etwas gar zu lange dauert.
- War es bestimmt, fragte Herr Felipe, daß sie nach la Urbana zurückkehren sollten?
- Zweifellos, denn ihre Pirogue erwartet sie ja hier mit den Sammlungen, die sie schon zusammengebracht hatten, und mit allem Lagermaterial.
- Hatten sie bei ihrer Abreise, sagte Jean, einen Führer oder Bedienungsmannschaften mit sich?
» - Ja, einige Yaruros, die ich ihnen selbst besorgt hatte, antwortete der Beamte.
- Und das waren Leute, zu denen Sie Vertrauen haben konnten? fragte Herr Miguel.
- Gewiß, soweit das möglich ist, wenn es sich um Indianer aus dem Innern handelt.
- Weiß man vielleicht auch, fuhr Jean fort, welchen Landestheil sie besuchen wollten?
- So weit ich ihre Absichten kenne, antwortete Herr Marchal, begaben sie sich zunächst nach der Sierra Matapey, im Osten des Orinoco, in nur wenig bekannte Gegenden, wo nur die Yaruros- und die Mapoyos-Indianer umherstreifen. Ihre beiden Landsleute und der Führer der Begleitmannschaften waren zu Pferde, die andern Indianer, etwa ein halbes Dutzend, begleiteten sie als Gepäckträger zu Fuß.
- Ist das Land östlich vom Orinoco wohl Ueberschwemmungen ausgesetzt? fragte Jean von Kermor.
- Nein, erwiderte Herr Miguel, die Ilanos liegen schon ziemlich hoch über der Meeresfläche.
- Das ist wohl richtig, Herr Miguel, erklärte der Beamte, dagegen kommen dort häufig Erderschütterungen vor, und Sie wissen ja, daß solche in Venezuela überhaupt nicht selten sind.
- Das ganze Jahr hindurch? fragte der junge Mann.
- O nein, versicherte Herr Marchal, nur zu gewissen Zeiten; gerade seit einem Monat haben wir aber ziemlich heftige Erdstöße bis zum Hato von la Tigra hinauf verspürt.«
In der That ist es bekannt, daß der Boden von Venezuela häufig von vulcanischen Erschütterungen betroffen wird, obgleich sich in den Bergen daselbst kein thätiger Vulcan vorfindet. Humboldt hat es sogar »das Erdbebenland par excellence« genannt. Diese Bezeichnung erhält eine traurige
Bestätigung durch die im sechzehnten Jahrhundert erfolgte Zerstörung der Stadt Cumana, die fünfzig Jahre später noch einmal stark verheert wurde und deren Umgebungen fünfzehn Monate lang nicht zur Ruhe kamen. Noch eine andre Stadt im Gebiete der Anden, Mesida, wurde durch schreckliche Erdbeben hart mitgenommen; ferner wurden 1812 nicht weniger als zwölftausend Bewohner von Caracas unter dessen Ruinen begraben. In den spanisch-amerikanischen Provinzen sind Unfälle, die gleich Tausende von Opfern kosten, stets zu befürchten, und auch jetzt fühlt man den Fußboden im östlichen Theile des Orinoco fast fortwährend erzittern.
Nachdem man sich über Alles, was die beiden Franzosen betraf, hinreichend ausgesprochen hatte, wendete sich Herr Marchal fragend an den Sergeanten Martial und dessen Neffen:
»Wir wissen nun, zu welchem Zwecke die Herren Miguel, Felipe und Varinas ihre Fahrt auf dem Orinoco unternommen haben. Mit Ihrer Reise verfolgen Sie doch wohl nicht die nämliche Absicht?«
Der Sergeant Martial machte eine deutlich verneinende Bewegung, auf einen Wink Jeans von Kermor mußte er jedoch davon abstehen, seiner Verachtung solcher geographischen Fragen Ausdruck zu geben, die seiner Meinung nach nur für Herausgeber von Lehrbüchern und Atlanten Interesse haben konnten.
Der junge Mann erzählte darauf seine Geschichte, bekannte, warum er sich gedrängt gefühlt habe, Frankreich zu verlassen, und welchem inneren Gefühle er gehorchte, indem er den Orinoco hinauffuhr in der Hoffnung, in San-Fernando einige weitere Auskunft zu erhalten, da der letzte Brief seines Vaters von dort aus abgesandt worden war.
Der alte Herr Marchal konnte die Erregung nicht verbergen, die er bei dieser Antwort empfand. Er ergriff die Hand Jeans, zog ihn in seine Arme und küßte ihn auf die Stirn - wobei der
Sergeant natürlich heimlich knurrte. Es schien, als gäbe er ihm seinen Segen zu dem glücklichen Erfolge seiner Pläne.
»Doch weder Sie, Herr Marchal, noch Sie, Herr Gouverneur, haben von dem Oberst von Kermor reden gehört?« fragte der junge Mann.
Beide verneinten diese Frage.
»Vielleicht hat sich der Oberst, fuhr der Beamte fort, in la Urbana gar nicht aufgehalten. Das würde mich übrigens wundern, denn es kommt nur selten vor daß sich die Piroguen hier nicht mit neuem Proviant versorgen. Es war im Jahre 1879, sagen Sie.
- Ja, Herr Gouverneur, antwortete Jean. Wohnten Sie damals auch schon hier?
- Gewiß, ich habe aber kein Wort davon gehört, daß ein Oberst von Kermor hier durchgekommen sei.«
Immer und immer das Incognito, das der Oberst seit seinem Verschwinden streng bewahrt zu haben schien.
»Das hat ja nicht viel zu bedeuten, junger Freund, meinte Herr Miguel, dagegen ist es fast undenkbar, daß sich von dem Aufenthalt Ihres Vaters in San-Fernando keine Spuren nachweisen ließen. Dort werden Sie gewiß Mittheilungen erhalten, die den Erfolg Ihrer Nachsuchungen sichern.«
Die Gäste des Beamten blieben bis zehn Uhr beisammen und kehrten dann, nachdem sie von der freundlichen Familie herzlichen Abschied genommen hatten, an Bord der Piroguen zurück, die morgen mit Tagesanbruch weiter fahren sollten.
Jean streckte sich auf seinem Lager im Hintertheile des Deckhauses aus, und der Sergeant Martial sachte nach wie gewöhnlich vollendeter Muskitojagd auch seine Schlafstätte auf.
Beide schlummerten zwar bald genug ein, wurden aber nach nicht langer Zeit wieder wach.
Schon gegen zwei Uhr erweckte sie ein entfernter, fortdauernder und wachsender Lärm.
Es war ein dumpfes Geräusch, das man hätte mit fernem Donnerrollen verwechseln können. Gleichzeitig gerieth das Wasser des Stromes in eine eigenthümliche Bewegung, bei der die »Gallinetta« zu schwanken anfing.
Der Sergeant Martial und der junge Mann standen auf, traten aus dem Deckhause heraus und stellten sich neben den Mast.
Der Schiffer Valdez und seine Leute befanden sich bereits auf dem Vordertheil und beobachteten den Horizont.
»Was bedeutet denn das? fragte Jean.
- Ich weiß es nicht.
- Ist ein Gewitter im Anzuge?
- Nein, der Himmel ist ganz wolkenlos und es weht eine schwache, östliche Brise.
- Woher rührt denn dieser Aufruhr im Wasser?
- Ich vermag ihn nicht zu erklären,« versicherte Valdez.
Die Erscheinung trotzte in der That jeder Erklärung, wenn nicht etwa stromauf- oder stromabwärts von der Ortschaft eine Fluthwelle heranrauschte, die durch ein plötzliches Steigen des Wassers entstanden war. Auf dem sehr launischen Orinoco war man vor keiner Ueberraschung sicher.