Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
«Es tut mir leid, wenn ich dich beleidigt habe, Nikomachos. Verzeih einem alten Mann», sagte er, als er bemerkte, wie ich ihn anstarrte.
«Nein, Myson. Ich habe dich um Verzeihung zu bitten. Ich muss gestehen, ich wusste nicht, wie es euch hier geht. »
Myson brachte mich ein paar Straßen weiter. Dann, neben der Stadtmauer, nicht weit von der Stelle entfernt, wo die Mauer nach dem alten Hafen Phaleron ihren Ausgang nimmt, blieb er stehen und zeigte auf ein bescheidenes Lehmhäuschen.
«Wir sind da, Herr. Hier wohne ich.»
«Hast du eine Frau?», fragte ich, als er die Tür geöffnet hatte und wir eintreten konnten.
«Nein, nicht mehr», antwortete er, und er klang betrübt dabei. «Sie ist vor ein paar Jahren gestorben.»
«Das tut mir leid.»
Myson zuckte die Schultern. «Wir haben uns eigentlich immer gestritten», sagte er, «aber jetzt fehlt sie mir doch.»
Die Haustür führte unmittelbar in einen Wohnraum, der bescheiden möbliert, aber peinlich sauber war. In der Mitte stand ein einfacher Tisch. Wie in der Kanzlei lagen zwei offene Buchrollen und Schreibwerkzeug darauf.
«Was schreibst du?», fragte ich Myson und deutete auf die Bücher.
«Nichts weiter, das ist nur eine kleine Zusatzarbeit. Ich schreibe ins Reine. So verdiene ich mir etwas dazu.»
«Und woran arbeitest du gerade?»
«Es ist ein Geschichtsbuch, schau es dir an», antwortete er, während er einen Wandschirm aufstellte, um sich an seinem Tonzuber zu waschen.
Ich nahm die Buchrolle auf und suchte nach dem Titeclass="underline" Der Pelo-ponnesische Krieg, sechstes Buch, beschrieben von Thukydides.
«Wusstest du deswegen so viel über die Schlacht von Pylos?», rief ich ihm über den Wandschirm zu. Ich hörte, wie er sich wusch.
«Ich war dabei.» Die Antwort kam erst nach einer ganzen Weile. «Ich war Bogenschütze.»
«Wirklich? Dann kanntest du Lysippos?»
«Ich bin mir nicht ganz sicher», antwortete Myson, während er in ein sauberes Tuch gehüllt hinter dem Sichtschutz hervortrat. «Wir sind mit siebzig Schiffen nach Pylos gezogen, und ich war nicht bei der Gruppe, die die Spartaner angriff. Außerdem ist das jetzt siebzehn Jahre her. Aber ich habe eine dunkle Erinnerung an einen einfachen Soldaten, der damals sein Bein verloren hat und behauptete, er habe den Anführer der Spartaner erschlagen.»
«Lysippos?»
«Vielleicht, vielleicht auch ein anderer und Lysippos erzählt nur seine Geschichte. Wer weiß das schon?» Myson ging zu einer Truhe, öffnete sie und zog unter einem ganzen Stapel von Schriftrollen ein frisches Gewand hervor.
«Man könnte meinen, du hättest ein Archiv wie Anaxos im Strategion», sagte ich scherzhaft.
«Das sind nur Kopien, die ich für mich selbst gefertigt habe. Manchmal gefällt mir ein Buch so gut, dass ich es für mich selbst noch einmal abschreibe.»
«Aber die ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ hast nicht zufällig du abgeschrieben und für dich kopiert?», scherzte ich weiter.
«Das Pamphlet, das in Perianders Rachen gefunden wurde?», antwortete Myson erschrocken. «Wo denkst du hin, Herr? Ich bin Metöke. Ich werde doch nicht für die arbeiten, die Athen von den Fremden befreien wollen!»
«Lass nur, mein lieber Myson. Ich wollte nur einen Scherz machen. Verzeih, wenn er mir verunglückt ist.»
Myson lächelte zaghaft und ging wieder hinter den Wandschirm, wo er sich ankleidete.
«Ich wollte dich übrigens loben», rief ich ihm zu, um die Situation wieder zu entspannen. «Wie du Lysippos vernommen hast, indem du ihm erst schmeichelst und dann eine Falle stellst, das war großartig.»
Es kam keine Antwort. Stattdessen hörte ich, wie etwas taumelte und zu Boden ging und wie der Wandschirm umgeworfen wurde. Es war Myson. Er war gestürzt. Ich eilte sofort zu ihm und half ihm auf. Er zitterte, sein Gesicht war wieder kalkweiß. Lysippos' Angriff hatte ihm augenscheinlich stärker zugesetzt, als ich dachte. Ich brachte ihn zu einem Stuhl und hielt ihn an den Armen fest, während er sich setzte. Er wirkte gealtert. Heute Morgen noch war er ein rüstiger Mann gewesen, grauhaarig zwar, reif, älter, aber doch nicht ältlich. Jetzt schien er fast ein Greis, als hätte ihn Lysippos' Attacke Jahre gekostet, als hätte sie ihn vom Mannes- ins Greisenalter gestoßen.
Ich blieb noch eine Weile bei ihm, bis das Blut in sein Gesicht und das Leben in seine Glieder zurückgekehrt war. Dann bat er mich zu gehen und ihn allein zu lassen. Ich folgte seinem Wunsch.
Ich lief schnell zur Kaserne zurück. Die Armut und der Schmutz in diesem Viertel bedrückten mich. Ich verließ es, so rasch ich nur konnte.
Der Unteroffizier, den ich dazu abgestellt hatte, wartete geduldig vor Lysippos' Zelle. Er war jung und stammte aus einer vornehmen Familie. Nicht reich, aber wohlhabend, nicht mächtig, aber auch nicht ohne Einfluss. Konnte ich ihm und seinesgleichen trauen? War er ein Freund der Demokratie, oder gehörte er zur anderen Seite? Sein Lederharnisch war aufwendig gearbeitet. An seinem Arm trug er einen breiten, mit Ornamenten verzierten Silberreif. Wem verdankte die Familie dieses Silber? Dem Handel? Dann war sie für die Demokratie, musste sie für die Demokratie sein. Oder war das Geld älter und stammte von den vielen sklavenbewirtschafteten Latifundien, die sich über ganz Attika erstreckten, so wie der Reichtum Kri-tias' und seiner Freunde? Ich musste vorsichtig sein.
«Und was macht der tolle Hund in unserem Schlafzimmer?», fragte ich die Wache und zeigte nach der Eichentür.
«Ich habe vorhin nach ihm gesehen», antwortete mein Unteroffizier. «Er lag flach auf dem Boden, aber er atmet und seine Augen sind offen. Er stinkt wie ein Ochse.»
Ich ging hinein und fand Lysippos beinahe ebenso vor, wie wir ihn verlassen hatten. Er lag flach auf dem Bauch, inmitten der Holzsplitter, aber er lebte. Er atmete, sein schmaler Brustkorb hob und senkte sich. Die Lumpen, die Kleider darstellen sollten, waren ihm vom Oberkörper gerutscht. Ich habe nie einen ausgemergelteren Leib gesehen. Ein Hund, ja, ein Hund. Er glich einem verhungerten und bösen, einem geschlagenen und verschlagenen alten Köter.
Seine Augen waren offen. Stumpf blickte er zur Wand. Auch seine Lippen standen auf. Ein schmales Rinnsal trüben Speichels tropfte ihm aus dem Mundwinkel. Er scherte sich nicht darum, ebenso wenig wie um die Fliege, die ihm über das Gesicht spazierte. Er bemerkte sie nicht einmal.
Ich hieß den Unteroffizier, einen Krug Wasser und etwas Fladenbrot in die Zelle zu stellen. Lysippos blieb regungslos. Ich wollte gehen und hatte schon die Tür in der Hand, als ich hörte, wie er etwas murmelte. Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm. Er hob kaum den Kopf, aber ich verstand seine Worte klar und deutlich.
«Ich habe ihn nicht getötet», lauteten sie.
Λ
als ich nach hause kam, fand ich die ganze Familie im Garten. Vater trug einen breiten Strohhut und arbeitete mit einer Hacke in seinen Gemüsebeeten. Aspasia saß auf einem Schemel im Schatten des Innendachs. Sie stickte. Zu ihren Füßen spielten die Kinder mit zwei Tonfiguren, die Raios ihnen geschenkt hatte. Es waren zwei Pferdchen auf Rollen. Teka, unsere Sklavin, kauerte auf einer Strohmatte neben ihnen, putzte Bohnen und summte vor sich hin. Vater sah von der Arbeit auf, strich sich den Schweiß von der Stirn und winkte mir.
«Gibt es etwas Neues?», rief er neugierig.
«Ich erzähl es dir später», antwortete ich und ging zu Aspasia, die ihre Arbeit auf den Boden legte und mich küsste. Ihr Gesicht war liebevoll und besorgt. In ihren Augen stand die gleiche Frage.
«Nichts Besonderes», sagte ich ihr. «Wir haben den Ring und denjenigen, der ihn gestohlen hat.»
Aspasia schickte Teka ins Haus, um mir das Abendessen zu holen, dann nahm sie ihre Arbeit wieder zur Hand. Erschöpft setzte ich mich neben sie. Die Kinder spielten weiter mit ihren Figürchen. Ich schloss die Augen. Der Duft von Rosmarin und Oleander lag in der Luft. Vaters Hacke ging auf und nieder. Ein paar Grillen zirpten in der Sonne. Die Glut des Tages lag noch über den Dächern, aber von den Bergen her kündigte sich ein milder Abendwind an.