Der Findling
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Der Findling». Краткое содержание книги:
Unter diesen von Seufzern unterbrochenen Worten verzehrt sie Sib fast mit ihren Küssen, überschüttet sie ihn fast mit ihren Thränen. Niemals, nein, niemals war der kleine Knabe so stürmisch geherzt und gepreßt worden, nie hatte er sich so mütterlich geliebt gefühlt.
Die Herzogin erhebt sich, als höre sie Geräusch von draußen.
»Sib, ruft sie, Du wirst nicht von mir gehen!
- Gewiß nicht, Miß Anna!
- So schweig doch nur!« ruft sie auf die Gefahr hin, von den Zuschauern gehört zu werden.
Die Thür der Hütte wird hastig aufgestoßen. Zwei Männer erscheinen auf der Schwelle.
Der erste ist der Gemahl der Trauernden, der andre ein Gerichtsdiener der jenen zur Unterstützung begleitet.
»Ergreifen Sie dieses Kind. es gehört mir!
- Nein, das ist Dein Sohn nicht! antwortet die Herzogin, die Sib ein Stück hinwegzieht.
- Sie sind nicht mein Papa!« erklärt der kleine Junge laut
Die Fingerspitzen der Miß Anna Walston haben sich so tief
in seinen Arm eingebohrt, daß ihm ein Schrei entfährt. Dieser Schrei paßt ja zur Situation und compromittiert sie nicht. Jetzt ist es eine Mutter, die ihn an sich preßt. keiner soll ihr das Kind entreißen können. Eine Löwin vertheidigt ihr Junges..
Der kleine sich sträubende Löwe, der den Vorgang für Ernst nimmt, wird zu widerstehen wissen. Der Herzog hat sich seiner bemächtigt; er entschlüpft ihm und eilt auf die Herzogin zu.
»Ach, Miß Anna, ruft er weinend, warum haben Sie mir gesagt, daß Sie nicht meine Mama sind?
- Wirst Du schweigen, Unglücksvogel!. Wirst Du endlich schweigen! murmelt sie, während Herzog und Gerichtsdiener bei diesen unerwarteten Zwischenreden ganz aus der Rolle fallen.
- Ja, ja. antwortet Sib, Sie sind doch meine Mama. ich hatte es Ihnen ja gesagt, Miß Anna. meine richtige Mama.«
Die Zuschauer begreifen allmählich, daß das nicht zum Stüche gehört; sie kichern und lächeln, einige klatschen scherzweise Beifall. Eigentlich hätten sie weinen sollen, denn es war rührend zu sehen, wie das Kind in der Herzogin von Kendalle seine leibliche Mutter zu erkennen wähnte.
Die »Situation« blieb aber - so oder so - compromittiert. Man fing an zu lachen, wo hätte man weinen sollen, und um den großen Auftritt war es geschehen.
Miß Anna Walston erfaßte die ganze Lächerlichkeit der Lage. Ihre vortrefflichen Collegen raunten ihr ironische Bemerkungen zu.
Außer sich vor Erregung ergriff sie eine blinde Wuth. Den kleinen Dummkopf, der die Ursache all dieses Unheils war, hätte sie vernichten mögen!. Da schwanden ihr die Kräfte. sie fiel auf die Bühne nieder und der Vorhang senkte sich unter homerischem Gelächter der Zuschauer.
Noch in derselben Nacht verließ Miß Anna Walston, die man nach dem Royal-George-Hötel geschafft hatte, die Stadt in Begleitung der Elisa Corbett. Sie verzichtete auf die für die folgende Woche angekündigten Vorstellungen und entrichtete deshalb die übliche Conventionalstrafe. Auf dem Theater in Limerick wollte sie nie wieder auftreten.
Um den kleinen Knaben hatte sie sich gar nicht weiter gekümmert. Sie entledigte sich seiner wie eines Dinges, das ihr nicht mehr gefiel und dessen Anblick ihr verhaßt war. Bei dem Frostschauer der Eigenliebe erstarrt jede andre Neigung.
Der Findling, der sich allein sah, nichts begriff, aber doch ahnte, daß er ein großes Unglück angerichtet haben müsse, hatte sich unbemerkt geflüchtet. Aufs Gradewohl durchirrte er die ganze Nacht die Straßen von Limerick und verkroch sich endlich in eine Art großen Garten mit da und dort verstreuten Häuschen und steinernen, von Kreuzen überragten Tafeln. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Bauwerk, das an der vom Mondschein nicht getroffenen Seite sehr düster aussah.
Dieser Garten war der Friedhof von Limerick - eine jener englischen Todtenstätten mit Buschwerk, blühenden Pflanzen, besandeten Wegen, mit Rasenflächen und kleinen Springbrunnen, wodurch das Ganze zum vielbesuchten Spaziergang wird. Die Tafelsteine waren Gräber, die kleinen Häuser Grüfte, das große Bauwerk die Kathedrale der heiligen Maria.
Hier hatte das Kind Zuflucht gefunden und verbrachte es die Nacht auf einer Steinplatte im Schatten der Kirche, beim geringsten Geräusche zitternd vor Furcht. daß der böse Mann, der Herzog von Kendalle, es suchen könnte.
Und nun war auch Miß Anna nicht zu seiner Vertheidigung da! Man werde ihn, so meinte er, weit wegführen in ein unbekanntes Land, wo er seine Mama nicht wiedersähe. und große Thränen perlten ihm aus den Augen.
Mit Tagesanbruch hörte der Findling eine Stimme, die ihn anrief.
Unsern von ihm standen ein Mann und eine Frau, ein Farmer und dessen Gattin. Beim Vorübergehen hatten sie den Kleinen bemerkt. Beide begaben sich nach dem Bureau des öffentlichen Fuhrwesens, von wo aus ein Wagen nach dem Süden der Grafschaft abgehen sollte.
»Was machst Du da, Kleiner?« fragte der Mann.
Der Knabe schluchzte, daß er kein Wort hervorbringen konnte.
»Nun, was hast Du denn da vor?« erklang jetzt die sanftere Stimme der Frau.
Der Findling schwieg noch immer.
»Wer ist Dein Vater? fuhr sie fort.
- Ich habe keinen Vater, antwortete er endlich.
- Aber Deine Mutter?.
- Ich habe keine mehr!«
Dabei streckte er die Arme gegen die Farmersfrau aus.
»Es ist ein verlassnes Kind,« sagte der Mann.
Hätte der Findling noch seine schöne Kleidung getragen, so würde der Farmer ihn für ein verirrtes Kind und sich für verpflichtet gehalten haben, es den Seinigen wieder zuzuführen. In den Lumpen Sibs aber konnte es nur einer jener kleinen Unglücklichen sein, die niemand angehörten.
»So komme mit!« schloß der Farmer.
Dabei hob er ihn schon auf, legte ihn seiner Frau in die Arme und sagte mit freundlicher Stimme:
»So ein Bübchen mehr im Hause, das merken wir auch nicht. Nicht wahr, Martine? - Nein Martin!«
Und mit einem herzhaften Kusse löschte die gute Frau die Thränen des kleinen Knaben.
Achtes Capitel
Die Farm von Kerwan
Daß dem kleinen Burschen in der Provinz Ulster kein Glücksstern geschienen hatte, war leicht genug zu erkennen, obgleich niemand wußte, wie er seine erste Kindheit in irgend einem Dorfe der Grafschaft zugebracht haben mochte.