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Aus dem Nichts ein neues Leben

Электронная книга - «Aus dem Nichts ein neues Leben». Краткое содержание книги:

Bei Kriegsende 1945 verschlägt es die Kurowskis nach der Flucht aus Ostpreußen in den» westlichen Teil<. Man hat alles zurücklassen müssen: die Heimat, den gesamten Besitz, die Familie mußte sich eine neue Existenz schaffen, die Schuhwerkstatt hatte zu Hause die Familie gut ernährt. Vater Kurowski ist noch vermißt, die Mutter hat drei Kinder zu versorgen. Man hält zusammen: der Schwager Paskuleit, der Großvater, der Geselle Busko und auch der Pfarrer des Heimatdorfes sind mit von der Partie. So ist da, in der neuen Welt, noch eine kleine Gemeinschaft von Freunden, auf die man sich verlassen kann. Menschen, mit denen man ein gemeinsames Schicksal hat.»Organisieren hieß die Devise damals. Man organisierte das Notwendigste. Das hält fürs erste die Familie über Wasser. Schließlich, ein paar Jahre später, floriert die neue Werkstatt und das Schuhgeschäft. Endlich kommt der Vater aus russischer Gefangenschaft zurück und packt mit an. Politische Schwierigkeiten stellen sich in den Weg und sind mit List und Schläue zu meistern. Busko zieht sogar in den Bundestag ein. Die Kurowskis klettern die Erfolgsleiter empor, bringen es mit Ausdauer und Fleiß zu Haus und Geschäft und schließlich wächst das Familienunternehmen zu einem Schuhkonzern. Fast könnte man sagen, Kurowskis sind des Wirtschaftswunders liebste Kinder. Der Reichtum zeigt freilich auch seine Kehrseite: am Ende erfüllen nicht alle Kinder die hochfliegenden Pläne ihrer Eltern.
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«Ich warte noch zehn Minuten, dann steige ich aus«, sagte Pas-kuleit heiser.

«Bei dem Wetter können sich die Entführer verspätet haben.«

«Mir ist es überhaupt rätselhaft, wie sie von uns das Geld nehmen wollen! An den Wagen herantreten? Mein Lieber, ich packe zu und drehe ihnen den Hals rum.«

«Sie werden bewaffnet sein, Julius. Mach keinen Quatsch! Überall liegen Waffen genug herum… so viel kann keine Polizei und keine Besatzungsmacht kontrollieren. Westlich von Pirmasens steht einsam eine völlig intakte Flak im Wald und rostet vor sich hin. Bisher hat sie noch keiner abgeholt. Ich war ein paarmal bei ihr und habe ein paar Griffe gekloppt. Hatte mal 'ne Flakausbildung.«

Paskuleit öffnete die Tür. Kälte und Nässe strömten sofort in das Auto.

«An einen Baum binden!«schnaufte er.»Selbst wenn sie das Geld holen, — soll Inge hinterher erfrieren! Verdammt, — ich steige aus und suche! Halt mich bloß nicht fest, Heinrich!«

«Du kannst damit alles in Frage stellen, Julius! Wenn sie uns beobachten.«

«Am Arsch können sie mich lecken!«brüllte Paskuleit und sprang aus dem Auto.»Ich halte es in diesem Blechkasten nicht mehr aus!«

Er ließ sich fast aus dem Auto fallen, sprang sofort auf, klopfte den Schnee von seinen Hosen und dem umgearbeiteten Militärmantel, und er tat es besonders laut, damit man es hören konnte. Aber der Schnee, die dicke weiße Wand um ihn herum sog jeden Laut sofort auf.

Paskuleit ging ein paar Schritte tiefer in den Rastplatz hinein. Wie ein Bär stand er im Schnee, breitbeinig, stämmig, bereit zum Kampf. daß er eine Beinprothese trug, sah man jetzt nicht. Er strotzte vor Kraft.»Ist hier jemand?«brüllte er. Jetzt fehlt uns Opa, dachte er völlig unsinnig. Der >Brüll-Jochen<. Wenn er rufen würde, würde der Schnee von den Zweigen fallen.»Hallo!«schrie er wieder.»Wir sind da! Verdammt, melden Sie sich. Sie sehen doch, daß wir keine Polizei mitgebracht haben! Wo ist das Kind?!«

Ellerkrug kam nun auch aus dem Wagen. Er hatte die Aktentasche mit den 100.000 Reichsmark unter die linke Achsel geklemmt. Die rechte Hand stak in der Manteltasche, und plötzlich wußte Pas-kuleit, daß Ellerkrug dort schußbereit eine Pistole umklammerte.

«Du bist ein Schlitzohr — «, sagte er leise, als Ellerkrug nahe bei ihm stand.»Die ganze Zeit haste den Knaller bei dir.«

«100.000 Mark sind 'ne Menge Geld. «Ellerkrug lächelte schwach.»Ich habe mit zwei gerechnet. du einer, ich einer. aber jetzt ist wirklich gar keiner da!«

«Das Geld ist hier!«brüllte Paskuleit wieder in die Stille hinein.»Wenn Sie mich nicht erkennen können. ich bin Julius Paskuleit.

Ich lege jetzt die Mappe hier in den Schnee und gehe wieder zum Wagen. Sie können sie holen… aber wehe, wenn das Kind nicht auf dem gleichen Fleck steht, wenn ich wiederkomme.«

Ellerkrug packte Paskuleit am Ärmel des Mantels.»Halt's Maul!«zischte er.»Da war was! Irgendein Laut.«

«Mein Herz trommelt.«

«Blödsinn! Da… da wieder. «Sie hielten den Atem an. Und plötzlich hörten es beide… durch den Schnee, der jetzt dicht wie ein Vorhang war, durch diese wattige Dunkelheit drang eine klägliche Stimme:

«Onkel Julius. Onkel Julius.«

«Inge!«brüllte Paskuleit. Er warf die Arme hoch, und Ellerkrug zog den Kopf zwischen die Schultern.er hatte noch nie einen Menschen so brüllen gehört.»Inge! Wo bist du?! Ruf weiter… ruf immer weiter… ich komme… ich komme.«

Paskuleit fuhr herum, über sein vom Schnee bedecktes, rot gefrorenes Gesicht liefen die Tränen.»Heinrich, gib mir die Pistole. schnell.«

«Ich gehe natürlich mit!«schrie Ellerkrug.»Für was hältst du mich denn?!«

Sie liefen der kleinen Stimme nach, die unentwegt» Onkel Julius! Onkel Julius!«rief. Sie brachen in den Wald ein, warfen sich gegen die tiefhängenden Zweige, verfingen sich in verfilzten Büschen, rissen sich an Dornen die Mäntel auf und erreichten endlich eine kleine Lichtung, nachdem Paskuleit noch einmal geschrien hatte:»Inge! Ruf weiter! Ruf weiter!«

Inge war tatsächlich an einen Baum gebunden, aber wie groß der Schuft auch gewesen war, er hatte das Kind nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Damit es nicht fror, hatte er Inge in eine dicke, alte Militärdecke gewickelt und dann erst an den Baum gebunden. Über den Kopf trug Inge ein mehrfach gefaltetes Handtuch, mit einer Kordel festgebunden wie ein Helm.

«Wir haben sie!«schrie Paskuleit.»Wir haben sie!«

Er stolperte durch den Schnee, fiel vor Inge auf die Knie und nahm das kleine, frostrote Gesicht vorsichtig zwischen seine breiten Hände.»Bist du verletzt?«stammelte er.»Tut dir etwas weh, Inge? Mein Gott, mein Gott.«

«Losbinden wäre besser als dämlich quatschen!«sagte Ellerkrug und schnitt mit einem Taschenmesser die dünnen Stricke durch.»Inge ist da… alles andere können wir zu Hause nachsehen! Los, zurück zum Wagen.«

Auf der Rückfahrt nach Leverkusen lag Inge in Paskuleits Schoß, kaute an einer Schokolade, die Ellerkrug auch mitgebracht hatte — der Kerl denkt wirklich an alles, stellte Paskuleit mit tiefer Zufriedenheit fest —, und berichtete von zwei Männern, die sie kurz vor dem Geschäft in einen alten Wagen gezogen hatten.»Dein Onkel schickt uns!«hatten sie gesagt.»Komm mit!«Und da Onkel Julius die wichtigste Person in der Familie war, hatte Inge keinen Augenblick gezögert mitzukommen.

«Erkennst du sie wieder?«fragte Paskuleit knirschend.

«Nein, Onkel. Sie trugen so dunkle Brillen, weißt du?«

«Und später?«

«Ich weiß es nicht mehr. Da war ein großes Zimmer, ziemlich vornehm, vornehmer als wir, Onkel. Und dann haben mich die beiden Männer in den Wald gebracht. Ich habe viel geweint, Onkel.«

«Die Militärdecke«, sagte Paskuleit und hieb die Fäuste gegeneinander.»Damit kriegen wir sie, Heinrich.«

«Das ist eine alte britische Militärdecke, und die ist mit Sicherheit auch noch geklaut. Mich haut etwas ganz anderes um. wir haben noch die 100.000 Mark!«

«Himmel, ja!«

«Es ging den Kerlen überhaupt nicht um das Geld.«

«Ja, aber um was denn?«

«Wenn wir das wüßten! Julius, ich wette jede Summe: Da kommt noch etwas hinterher! Da will dir jemand ans Leder, ohne selbst tief in die Scheiße zu rutschen! Guck dir deine Besucher in den nächsten Tagen gut an.«

Inge schlief sofort ein, als sie wieder in ihrem Bett lag. Ihre Brüder Ludwig und Peter hielten Wache; Paskuleit, Ellerkrug und Franz Busko, die große Hoffnung seiner Partei, besprachen noch einmal diesen rätselhaften Fall von Kindesraub.

«Eines ist klar«- sagte Busko —»was die auch später für Gesetze machen: Ich plädiere für ein Sondergesetz für Kindesentführung, wie es die Amerikaner haben, so'n deutsches Lindbergh-Gesetz.«

«Woher weißte denn das?«fragte Paskuleit verblüfft.»Jungchen, bisher haste doch nur Zwecken in de Sohlen gekloppt!«

«Ich bin dabei, einschlägige Literatur zu lesen«, sagte Busko stolz. Dann schwieg er, um die Wirkung seiner Worte nicht zu zerstören. Einschlägige Literatur… das war hervorragend gesagt. Paskuleit starrte ihn lange an.

«Franz«- sagte er dann gedehnt —»keener weeß, was wird. Aber wennste mal Minister wirst — in Deutschland ist alles möglich, warum sollen Schuster keine Politik machen —, dann vergeß nich, daß du hier auf 'n Schemel gesessen hast.«

«Nie, Meester. «Busko lehnte sich zurück.»Morjen soll ick wirtschaftspolitischer Sprecher der Partei werden.«

«Es geht aufwärts!«Ellerkrug hob sein Glas. Man trank Habra — unverkürzt ausgedrückt: Hausbrand. Korn, im tiefen Keller heimlich gebrannt. Franz Busko kannte einen Parteigenossen, der machte damit das Geschäft seines Lebens.»Man merkt's. Sie werden auch die Belange der deutschen Schuhindustrie berücksichtigen, Herr Minister?«

Beleidigt zog sich Busko in moltkesche Schweigsamkeit zurück. Um ein Uhr nachts waren alle drei betrunken.

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