Aus dem Nichts ein neues Leben
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Aus dem Nichts ein neues Leben». Краткое содержание книги:
Doch bevor Franz Busko seine Jungfernrede halten konnte, geschah etwas Furchtbares: Inge, jetzt sechs Jahre alt, kam am 10. Januar 1948 mittags nicht aus dem Kindergarten der >Seligen Schwestern vom Blutenden Herzen< zurück. Erna Kurowski wartete bis zwei Uhr, lief dann zum Kindergarten, hörte von Schwester Sophia, daß Inge pünktlich mit ihrer Butterbrottrommel den Kindergarten verlassen habe. Da das Haus der >Seligen Schwestern< nur drei Straßen weiter lag als Paskuleits Geschäft und Inge zur Selbständigkeit erzogen werden sollte, brachte sie keiner zum Kindergarten hin oder holte sie ab. Über ein halbes Jahr war das gutgegangen… bis jetzt, den 10. Januar 1948.
Ratlos, verzweifelt rannte Erna zum Geschäft zurück. Paskuleit, der seit fünf Tagen endlich einen Telefonanschluß besaß (Parteimann Franz Busko hatte der Postdirektion einen diskreten Wink gegeben), rief sofort die Polizeistation an, das Krankenhaus, die Unfallwagenstation. Überall die gleiche Auskunft: Uns liegt nichts vor. Ein sechsjähriges blondes Mädchen ist nicht eingeliefert worden.
«Man hat sie entführt.«, stammelte Erna.»Ich habe es geahnt. ich habe so ein dummes Gefühl gehabt. Man hat Inge entführt. Wir sind zu schnell und zu deutlich nach oben gekommen. O mein Gott!«Sie schrie auf, hell und durchdringend, warf die Arme empor und fiel dann in Ohnmacht. Mit einem schweren Schock wurde Erna ins Krankenhaus eingeliefert. Paskuleit aber rief in Pirmasens an.
«Heinrich — «, sagte er mit belegter Stimme.»Heinrich, komm sofort! Erna braucht dich jetzt! Man hat Inge entführt.«
Und Ellerkrug schrie ins Telefon:»Ich fahre sofort! Wenn die Entführer wegen Lösegeld anrufen. sag jede Summe zu. Jede Summe, hörst du?! Ich bürge dafür.«
Langsam, mit schwerer Hand legte Paskuleit auf. Ewald, dachte er, wenn du wirklich noch lebst. jetzt kannst du nichts mehr machen. Ob Gott uns verdammt oder beschützt. Heinrich hilft, daß wir Inge wiederbekommen, und das wird Erna Heinrich nie vergessen. Aber du lebst nicht mehr, Ewald, und damit sind alle Probleme eigentlich vorbei.
Paskuleit stand auf. Er legte plötzlich die Hand aufs Herz und verhielt den Schritt. Da drinnen in der Brust stach es. Nicht schmerzhaft, nur so leicht, ein Kribbeln wie beim Elektrisieren, aber doch wie kleine spitze Nadeln. Er atmete ein paarmal kräftig durch, sein breiter Brustkorb wölbte sich, das komische Gefühl verschwand, und Paskuleit vergaß es.
Ellerkrug mußte ohne Pause gefahren sein. er traf schon am nächsten Morgen in Leverkusen ein.
Die Polizei war gerade gegangen, nachdem sie die üblichen Fragen gestellt hatte nach Aussehen von Inge, was sie anhatte, besondere Kennzeichen, ob Paskuleit einen Verdacht habe. alles Fragen, die im luftleeren Raum zerflatterten. Ein Straßenbahnschaffner hatte Inge zuletzt gesehen: Sie stand vor dem Spielwarengeschäft der Gebr. Wattzke und hatte eine Stoffpuppe betrachtet. Das Geschäft der Gebr. Wattzke lag in der Nebenstraße, fast in Sichtweite von Paskuleits Schuhladen.
Um zwölf Uhr mittags klingelte das Telefon. Paskuleit hob ab und hörte eine deutlich verstellte Stimme.»Morgen dreiundzwanzig Uhr mit 100.000 Reichsmark. Platz kommt noch.«
Bevor Paskuleit antworten oder fragen konnte, legte der Mann auf.
«100.000!«sagte Paskuleit bleich zu Ellerkrug.»Erna hatte recht. Wir sind jetzt so weit oben, daß es sich lohnt zuzuschlagen! Heinrich, es gibt nichts Gemeineres als den Menschen! Da ist Deutschland nun zerbrochen wie'n alter Blumentopf, — aber der verdammte Schimmel ist wieder da und wächst und gedeiht. Es gibt nichts, was die menschlichen Schmarotzer ausrottet, nicht mal so ein Krieg.«
Paskuleit und Ellerkrug warteten sieben Tage auf eine neue Nachricht der Entführer. Jeden Tag besuchten sie Erna im Krankenhaus, und wenn sie ihnen stumm entgegenblickte, schüttelte Paskuleit schon an der Tür den Kopf und sagte auch nichts.
«Sie kommt wieder«, sagte Ellerkrug und hielt stundenlang Ernas kleine, bleiche, kalte Hände fest.»Mit dem Kind können sie nichts anfangen… es geht ihnen nur um die 100.000 Mark. Und die stehen bereit. Auch die Polizei wird nichts erfahren… bis wir Inge wiederhaben.«
Das Warten zerrte an Paskuleits Nerven, auch wenn er nach außen den Starken spielte. Ein paarmal hatte er dieses Stechen am Herzen wieder gehabt, aber wenn er kräftig Luft holte, war's auch immer wieder vorbei. Er war auf die Folter der Zeit gespannt, saß immer in der Nähe des Telefons und schlief neben dem Apparat. Aktiv dagegen wurde Franz Busko. Seine erste Parteirede wurde ein großer Erfolg. Was Paskuleit ihm aufgeschrieben hatte, las er mit Pathos ab, und dann — an einer geeigneten Stelle — unterbrach er das Konzept und hielt in bester ostpreußischer Breite eine Donnerrede gegen das Verbrechertum. Er forderte die Todesstrafe für Entführer — wie in Amerika — und erntete rauschenden Beifall. Dann setzte er Paskuleits wohl durchdachtes Manuskript fort und wurde am Ende vom gesamten Parteivorstand beglückwünscht. Es gab keinen Zweifeclass="underline" Franz Busko war der geborene Politiker. Nur eine kleine Schönheitskorrektur war nötig: Er mußte den richtigen Gebrauch von >mir< und >mich< lernen. Aber daran ist noch nie eine große politische Karriere gescheitert!
Endlich, am achten Tage nach Inges Verschwinden, rief der Erpresser wieder an. Ganz kurz, um keine Möglichkeit zu geben, seinen Standort zu bestimmen:»100.000, heute um dreiundzwanzig Uhr Autobahn Köln-Frankfurt, Rastplatz Königsforst. Einfahren ohne Licht, Geld aus dem Fenster werfen. Inge steht an Ausfahrt des Rastplatzes an einen Baum gebunden. Ende.«
«So ein Sauhund«, stammelte Paskuleit.»So ein Schwein. An einen Baum gebunden… ein Kind. Das darf man Erna gar nicht sagen.«
«Um Himmels willen, nein!«Ellerkrug wischte sich über die Augen.»Wir bringen ihr morgen früh Inge ins Krankenhaus. Los, fangen wir an zu zählen. Hunderttausend Mark sind 'ne Menge Papier.«
Um halb elf Uhr abends bogen Ellerkrug und Paskuleit mit Ellerkrugs Mercedes auf die Autobahn nach Köln-Frankfurt ein. Hinter ihnen lag in einem Koffer das Geld. Es war eine dunkle, kalte Nacht. Der Himmel hing schwer über dem Land. Hinter Köln begann es zu schneien. Ellerkrug fuhr langsam und vorsichtig, aber auch er wurde sichtlich nervöser, je näher sie dem Königsforst kamen.
Genau um dreiundzwanzig Uhr erreichten sie den Rastplatz und schwenkten von der Autobahn ab.
Kapitel 12
Sie waren die einzigen, die in den Rastplatz eingebogen waren; Ellerkrug und Paskuleit starrten durch das Autofenster auf die un-versehrte Schneedecke. Dicke Flocken schwebten vor den Scheinwerfern, die Stille war so groß, daß das Tuckern des Motors wie fortwährende Explosionen klang. Von der Autobahn hörte man gar nichts… die wenigen Wagen, die von den Wirtschaftsämtern mit Benzingutscheinen versorgt wurden, konnte man zählen und gehörten zu den ganz großen Ausnahmen, und wer bei diesem Wetter unterwegs war, fuhr so vorsichtig, als rolle sein Wagen nicht auf Gummireifen, sondern auf Eiern.
«Nichts«- sagte Paskuleit gepreßt.»Keine andere Reifenspur. Man hat uns in die Irre geführt. «Er verkrampfte die Finger ineinander, daß sie knackten.»Heinrich, ich habe Angst. Wenn Inge von diesen Saulumpen umgebracht worden ist, können wir Erna auch begraben.«
Ellerkrug antwortete nicht. Er schaltete die Scheinwerfer aus und wartete. Die Dunkelheit, das lautlose Schneien, die unter der Schneelast tief heruntergebogenen Fichtenzweige, das Gefühl, völlig wehrlos zu sein, und die 100.000 Reichsmark in der Aktentasche, diese sich endlos dehnenden Minuten, in denen sich vielleicht das Schicksal eines kleinen Kindes entschied, waren so niederdrückend, daß Paskuleit und Ellerkrug pfeifend atmeten. Ihr Herz hämmerte unerträglich… und wieder spürte Paskuleit dieses stechende Gefühl links unten in der Brust, das er bisher immer durch tiefes Atemholen verscheucht hatte.