Das schwarze Buch der Geheimnisse
- Автор: Хиггинс Фиона Э.
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «Das schwarze Buch der Geheimnisse». Краткое содержание книги:
Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«
Eines Nachts bekamen wir Besuch von dem hiesigen Arzt, Dr. Samuel Mouldered. Es überraschte mich nicht. Joe hatte ihn ja am Tag vorher aufgesucht, wie er es bei seinen mitternächtlichen Kunden immer tat, und hatte ihn aufgefordert zu kommen. Wie die meisten hatte auch er eine interessante Geschichte zu erzählen.
Samuel Mouldered war ein kränklich aussehender Mann, an dessen stets griesgrämigem Gesichtsausdruck seine Patienten nie erkennen konnten, ob sie leben oder sterben sollten. Hätten sie geahnt, dass der Arzt das oft selbst nicht wusste, wären sie gewiss alarmiert gewesen. Mouldered war nämlich kein Arzt, sondern nur ein Quacksalber, der sich überzeugend genug darstellen konnte und der sich auf der Flucht vor einer Schar betrogener Patienten befand. Sie hatten herausgefunden, dass sein Wundermittel nicht viel mehr war als eine Mixtur aus gekochten Nesseln und Wein, der nach Kork schmeckte.
Pagus Parvus war ein ideales Versteck für einen solchen Mann. Gerechterweise muss aber gesagt werden, dass Mouldered völlig harmlos war. Seit er vor mehr als zehn Jahren ins Dorf gekommen war, praktizierte er hier als Arzt und ging dabei strikt davon aus, dass die meisten Krankheiten innerhalb von sieben Tagen von selbst vergingen. Also verschrieb er sein Wundermittel (inzwischen eine schmackhaftere Variante aus Honig und Bier), das eine Woche lang angewendet werden musste, und verzeichnete im Großen und Ganzen recht annehmbare Ergebnisse. Was die Todesfälle anging, so hinterfragte nie jemand das ungewöhnlich hohe Auftreten von Herzversagen hier in der Gegend. Die Leute vertrauten dem Doktor und seinen Diagnosen.
Samuel Mouldereds größte Angst war es, dass Jeremiah sein Geheimnis entdecken würde.
»Ich kann nicht versprechen, dass Jeremiah nie dahinterkommt«, sagte Joe am Ende. »Aber von uns wird er es nicht erfahren. Da habt Ihr mein Wort.«
Joe hielt ihm die Tür auf, doch Mouldered schien zu zögern.
»Der Mann ist ein Ungeheuer«, erklärte er. »Jahrelang haben wir durch ihn gelitten. Die Dorfleute wollen Rache. Ich weiß, dass sie auf Eure Hilfe hoffen.«
»Was kann ich tun?«, fragte Joe ruhig. »Ich bin nur ein Pfandleiher.«
»Das glaubt hier niemand«, murmelte der Doktor, während er hinaus auf die Straße trat. Joe zog nur die Schultern hoch und reichte Dr. Mouldered einen Beutel mit Münzen.
»Vincit qui patitur«, rief er ihm nach, aber der Doktor war schon außer Hörweite.
Ich sah Joe fragend an.
»Wer wartet, gewinnt.«
Ich hatte zugehört und alles niedergeschrieben, wie es meine Pflicht war, aber ich hatte ein ungutes Gefühl dabei. Wieder einmal fragte ich Joe, ob wir nicht etwas unternehmen sollten.
»Das Leben der Menschen hier ist in Gefahr«, sagte ich. »Dr. Mouldered hat doch keine Ahnung.«
Joe blieb unnachgiebig. »Er richtet keinen Schaden an. Außerdem gibt es niemanden im Dorf, der seine Arbeit tun könnte.«
Ich protestierte noch eine Weile, und Joe musste mich daran erinnern, dass es unsere Aufgabe sei, Geheimnisse zu hüten.
»Was meinst du, wie lange wir uns halten könnten, wenn wir diese Informationen weitergeben würden? Das Geschäft wäre verdorben.«
Das Geschäft, dachte ich. Was für ein Geschäft? Wir machten doch gar keinen Gewinn. Irgendwann musste das Geld zu Ende gehen, und was dann? Aber weil ich so leicht in dieses Leben hineingeglitten war und weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, dass es sich einmal ändern könnte, behielt ich meine Bedenken für mich. Ob ich nun verstand oder nicht, was hier gespielt wurde, auf keinen Fall wollte ich etwas tun, das Joe verstimmen könnte.
Kapitel 24
Jeremiah hat einen Plan
Jeremiah Ratchet war mit seinem Latein so gut wie am Ende. Er hatte endgültig genug von Joe Zabbidous deutlicher Missachtung für seine, Ratchets, Position in der Gemeinde. Seine Geschäfte, seine Art, zu leben, seine Vergnügungen – alles war in Gefahr wegen dieses Mannes. Er brachte seinen Namen kaum mehr über die Lippen, und wenn doch, dann spuckte er ihn mehr oder weniger aus, meistens begleitet von Krümeln und bräunlichen Speichelfäden: Mit Vorliebe ließ sich Jeremiah seine Probleme beim Essen durch den Kopf gehen.
In seinem großartigen Speisezimmer aß er selten, gewöhnlich setzte er sich mit einem Tablett auf dem Schoß in sein Arbeitszimmer und nahm dort seine Mahlzeiten ein. Es war ein Raum von großzügigen Ausmaßen, nur schlecht beleuchtet, weil die Wände vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen zugestellt waren. Jedes Regal war bis zum Bersten voll und bog sich unter der Last stattlicher Bücherreihen. Jeremiah war ein Sammler. Er besaß gern Dinge, manchmal aus keinem anderen Grund, als sie zu besitzen. Ein großer Leser war er nicht; er fand die erforderliche Konzentration ziemlich anstrengend für seinen Kopf. Er hatte es sich zum Prinzip gemacht, sich nur solche Bücher ins Regal zu stellen, mit denen er andere Leute beeindrucken konnte, oder solche, deren Preis vermutlich steigen würde. Die Folge war, dass die meisten Bücher zu einer schwer verständlichen Ausdrucksweise neigten und dass es darin entweder um Fakten ging, die er nicht begriff, oder um Handlungen, die er nicht nachvollziehen konnte. Jeremiah war ein glänzendes Beispiel für einen Menschen, der von allem den Preis kannte, aber von nichts den Wert.
Nun saß er in seinem Arbeitszimmer, kaute auf einer Lammkeule herum und dachte an Joe Zabbidou. Dieser Mann war eine einzige Plage. Erst heute war Job Wright vor der Bäckerei auf ihn zugekommen und hatte ihm einen Beutel mit einer Geldsumme überreicht, die mehr als die Hälfte seiner Schuld ausmachte. Später dann, nach dem Mittagessen, hatte Polly ihm erzählt, sie habe im Fenster des Pfandleihers ein Paar Hufeisen gesehen, und da hatte Jeremiah gewusst, dass wieder einmal Joe Zabbidou am Werk gewesen war.
»Schöne Hufeisen sind es, sie glänzen richtig«, hatte Polly mit Unschuldsmiene gesagt. »Ich könnte mir denken, dass Joe gutes Geld dafür bezahlt hat.« Dann hatte sie sich schnell aus dem Staub gemacht, und Jeremiah war sicher, dass er sie auf dem Weg zur Küche hatte kichern hören.
»Gleich am ersten Tag hätte ich ihn rauswerfen sollen«, sagte er reuevoll. »Ich habe ihn zu lange gewähren lassen.« Doch selbst Jeremiah ahnte, dass ein Rauswurf gar nicht so einfach gewesen wäre.
Er hatte natürlich erkannt, dass es zwischen der plötzlichen Zahlungsfähigkeit seiner Pächter und dem Schaufenster des Pfandleihers einen direkten Zusammenhang gab. Er rechnete sich aber aus, dass Joe unmöglich jedermanns Schulden finanzieren könne, dass er früher oder später ruiniert sein würde und dass dann alles wieder so werden würde wie früher. Aber Joe handelte nicht nach den üblichen Zwängen der Geschäftswelt.
Erschöpft schüttelte Jeremiah den Kopf.
»Wie kann ein Mann zu Reichtum kommen, wenn er ein halbes Vermögen für wertlosen Ramsch zahlt?«, fragte er sich jeden Tag. Und jeden Tag wartete er gespannt auf Polly, die ihm immer die aktuelle Beschreibung des Schaufensters lieferte, sobald sie von Pfarrer Stirling zurückkam. Und Tag für Tag stürzten ihn diese Berichte in tiefere Verzweiflung. Wie hatte er es bedauert, Stirling um Hilfe gebeten zu haben, nachdem sich gezeigt hatte, dass dieser Kerl eine absolute Null war.
»Was soll ich bloß tun?«, stöhnte Jeremiah, als er seine Einnahmen immer mehr schwinden sah. Jeremiahs hoher Lebensstandard hatte seinen Preis. Er schuldete seinem Schneider Geld, seinem Hutmacher, seinem Perücken-und seinem Schuhmacher, und an die Summen, die er beim Kartenspiel verloren hatte, wollte er erst gar nicht denken.
Auf der Bank hatte er zum Glück noch Geld aus dem Erbe seines Vaters, doch das war im Lauf der Jahre rapide geschrumpft. Wenn die Schulden einmal beglichen waren, konnte er unmöglich von den Mieteinnahmen allein leben. Dann natürlich seine Erpressungen. Seit er Horatios kleines Geheimnis entdeckt hatte, gab es keinen Mangel an frischem Fleisch in seiner Küche. Und bis vor Kurzem waren da ja auch noch Obadiah und die Leichenräuberei gewesen. Doch leider sah es gerade in diesem Bereich nicht allzu gut aus, und das war nicht nur Joes Schuld. Jeremiahs Leichenräuber (die tagsüber auch als Verwalter auftraten, wenn Jeremiah Hilfe bei einer Zwangsräumung brauchte) hatten ihm die schlechte Nachricht erst unlängst überbracht.