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Die Leiden eines Chinesen in China

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Die Leiden eines Chinesen in China
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»Wie sanft wird mein Herr darin ruhen! fügte der treue Diener hinzu. Es sieht aus, als lüde er Sie zum Versuche ein!«

Diese rührende Bemerkung brachte Soun eine kleine Belohnung ein.

Der 13., 14. und 15. Mai gingen dahin.

Alles blieb beim Alten.

Gedachte Wang vielleicht die ganze Frist verstreichen zu lassen und wie ein Kaufmann seine Schuld erst am Verfallstage, nicht vor dem Termine, quitt zu machen? Dann ging für ihn aber die ganze Ueberraschung und folglich auch die Erregung verloren.

Da, am 15. Mai des Morgens, zur Zeit der »Mao-che«, das ist in der sechsten Frühstunde, erlitt das gewohnte Einerlei eine recht bezeichnende Unterbrechung.

Er irrte durch enge, dunkle Gassen. (S. 78.)

Kin-Fo hatte eine schlechte Nacht gehabt. Doch beim Erwachen litt er unter dem Drucke eines recht unangenehmen Traumes. Prinz Jen, der oberste Richter der chinesischen Hölle, hatte ihn verurtheilt, nicht eher vor ihm zu erscheinen, als bis der zwölfhundertste Mond über das Himmlische Reich aufstiege. Ein Jahrhundert sollte er noch leben, ein ganzes volles Jahrhundert!

»Die Vorbereitung für den heutigen Tag,« sagte sich Kin-Fo. (S. 79.)

Kin-Fo war sehr mißgestimmt, es schien sich ja Alles gegen ihn zu verschwören.

In derselben üblen Laune empfing er auch Soun, als dieser sich wie gewöhnlich zur Hilfeleistung bei der Morgentoilette einstellte.

»Geh’ zum Teufel! herrschte er den Diener an. Zehntausend Fußtritte mögen Dein Lohn sein, Du…

– Aber, bester Herr….

– Pack’ Dich, sag’ ich Dir!

– Nein, entgegnete Soun bestimmt, wenigstens nicht eher, als bis ich Ihnen mitgetheilt habe….

– Was willst Du?

– Daß Herr Wang….

– Wang? Was ist mit Wang? fragte Kin-Fo rasch, indem er Sonn am Zopfe packte. Was hat Wang gethan?

– Lieber Herr! heulte Soun, der sich wie ein Wurm krümmte, er hat uns beauftragt, den Sarg des Herrn nach dem Lusthaus des langen Lebens zu schaffen….

– Das hat er gethan! rief Kin-Fo, dessen Stirn sich erheiterte. Geh’, Soun, geh’, mein Freund! Doch halt, hier hast Du noch zwei Taëls, aber sorge dafür, daß Wang’s Anordnungen pünktlich befolgt werden!«

Auf’s höchste verwundert, ging Soun von dannen.

»Mein Herr ist entschieden übergeschnappt, wiederholte er sich mehrmals, aber er leidet wenigstens an einer freigebigen Tollheit!«

Nun konnte Kin-Fo kaum noch zweifeln. Der Taï-Ping gedachte ihn in jenem Pavillon des langen Lebens umzubringen, in dem er zuerst selbst den Tod hatte suchen wollen. Es war, als hätte er ihm dort ein Stelldichein zugesagt. Er wollte es sicher nicht verfehlen. Die Katastrophe nahte nun raschen Schrittes.

Wie lang erschien dieser Tag dem armen Kin-Fo! Das Wasser der Uhren floß gar nicht mit der gewöhnlichen Schnelligkeit. Die Zeiger schlichen zögernd über das Nephrit-Zifferblatt.

Endlich verschwand mit der ersten Wache die Sonne unter dem Horizont und allgemach ward es Nacht rings um den Yamen.

Kin-Fo begab sich nach dem Lusthause, das er lebend nicht wieder zu verlassen hoffte. Er streckte sich auf einen weichen, zum langen Ausruhen wie geschaffenen Divan und wartete der weiteren Dinge.

Da kam ihm noch einmal die Erinnerung an seine nutzlos verbrachten Tage in den Sinn, die Langeweile, der Widerwille, welche sein Reichthum nicht hatte besiegen können, und welche die Armuth nur vermehren mußte.

Ein einziger hellerer Punkt schimmerte in diesem düsteren Lebensbilde, das trotz seiner Schätze für ihn ohne Reiz gewesen war – seine Neigung für die junge Witwe! Dieses Gefühl erregte ihm noch das Herz, eben als es bald seine letzten Schläge thun sollte. Aber die arme Le-U mit ihm unglücklich zu machen – – niemals!

Die vierte, der neuen Morgenröthe vorhergehende Wache, während der alles Leben entschlummert zu sein scheint, diese vierte Wache verlief für Kin-Fo in fast ängstlicher Erregung. Er lauschte erwartungsvoll auf jedes Geräusch. Seine Augen drangen durch das Dunkel. Er horchte gespannt auf den leisesten Laut. Mehr als einmal glaubte er zu hören, wie eine vorsichtige Hand die Thür öffnete. Ohne Zweifel hoffte Wang, ihn eingeschlummert zu finden und so ihn umbringen zu können.

Da erwachte in seinem Innern ein recht eigenthümliches Gefühl. Er fürchtete und wünschte gleichzeitig die drohende Erscheinung des Taï-Ping.

Mit der fünften Wache bleichte das junge Tageslicht die Tiefen des Zeniths. Nach und nach ward es hell um ihn.

Plötzlich öffnete sich die Thür des Salons.

Kin-Fo schnellte in die Höhe, er hatte in dieser letzten Secunde mehr gelebt als alle übrigen Jahre vorher!….

Da stand Soun vor ihm, mit einem Briefe in der Hand.

»Sehr eilig!« sagte einfach der Diener.

Kin-Fo überlief eine Ahnung. Er ergriff den Brief, der den Poststempel von San-Francisco trug, zerriß den Umschlag, durchflog ihn raschen Blickes und stürmte aus dem Pavillon des langen Lebens fort.

»Wang! Wang!« rief er laut.

In einem Augenblick stand er vor der Zimmerthür des Philosophen und stieß dieselbe hastig auf.

Wang war nicht da. Wang hatte gar nicht in dem Yamen geschlafen, und als Kin-Fo’s Leute auf seinen Ruf hin die ganze Wohnung durchsucht hatten, gewann man die Ueberzeugung, daß Wang – spurlos verschwunden sei.

Zehntes Capitel.

In welchem Craig und Fry dem neuen Clienten der »Hundertjährigen« officiell vorgestellt werden.

»Ja, ja, Herr Bidulph, ein einfaches Börsenmanöver, ein richtiger amerikanischer Puff!« sagte Kin-Fo zu dem General-Agenten der Versicherungs-Gesellschaft.

Der ehrenwerthe William J. Bidulph lächelte mit Kennermine.

»Und wahrlich ein wohlgelungener, antwortete er, denn alle Welt glaubte daran.

– Selbst mein Correspondent! fügte Kin-Fo hinzu. Es war nichts mit der Einstellung der Zahlungen, nichts mit dem Concurs, mein Herr, nichts als falsche Nachrichten! Acht Tage später bezahlte man an den Schaltern. Das Geschäft war gemacht. Die um achtzig Procent entwertheten Actien wurden von der Centralbank selbst wieder aufgekauft, und als man den Director fragte, was bei dem Concurs herauskommen werde, antwortete er schmunzelnd: – »175 Procent!« So meldet mir mein Correspondent in einem heute Früh eingetroffenen Briefe, eben als ich mich für vollständig ruinirt hielt….

– Wo Sie eben Hand an sich legen wollten? rief William J. Bidulph.

– Nein, erklärte Kin-Fo seelenruhig, aber wo ich eben ermordet zu werden hoffte!

– Ermordet!

– Mit meiner schriftlich hinterlassenen Einwilligung, ein verabredeter, beschworener Mord, der Ihnen….

– Der uns zweimalhunderttausend Dollars gekostet hätte, da jede Art des Todes versichert war. O, wir würden Sie gewiß aufrichtig betrauert haben, werther Herr….

– Für den Betrag der Summe?….

– Und für die Interessen dazu!«

William J. Bidulph ergriff die Hand seines Clienten und schüttelte sie nach amerikanischer Weise kräftig.

»Doch ich begreife nicht…. begann er wieder.

– Sie werden Alles begreifen lernen!« versicherte Kin-Fo.

Er erzählte ihm nun die Verpflichtungen, die ein Mann, der sein volles Vertrauen besaß, ihm gegenüber eingegangen war. Er wiederholte wörtlich den Brief, den jener in der Tasche hatte, ein Brief, der ihn vor jeder Verfolgung schützte und ihm völlige Straflosigkeit sicherte. Leider war zu erwarten, daß das Versprechen erfüllt, das gegebene Wort gehalten werde, das litt kaum einen Zweifel.

»Und dieser Mann ist ein Freund von Ihnen? fragte der General-Agent.

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