Die Saga von Garth und Torian
- Автор: Хольбайн Вольфганг, Winkler Dieter
- Год: 1985
- Язык: немецкий
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saga von Garth und Torian». Краткое содержание книги:
Es war ein Mann. Er trug die gleiche Art von einfachem Gewand wie der Alte mit dem komischen Hut, den er vorhin gesehen hatte, war aber trotzdem mit Schwert und Schild bewaffnet, und seine Bewegungen waren weniger rasch und zielstrebig als die der Krieger. Er ging unschlüssig zwischen ihnen auf und ab, blieb immer wieder stehen und sah sich um. Fast, dachte Torian, als suche er etwas... Genau in diesem Moment hob der Mann den Kopf, und der Blick seiner dunklen Augen bohrte sich direkt in den seinen.
Torian schauderte. Der Mann starrte zu ihm hinauf, und es gab keinen Zweifel daran, daß er ihn sah, ihn, den Fremden, der reglos hinter den Zinnen des Turmes stand und auf die Stadt hinabblickte. Aber seltsamerweise unternahm er nichts. Rings um ihn herum bewegten sich Dutzende von Kriegern, aber er machte nicht die geringsten Anstalten, sie auf den Eindringling aufmerksam zu machen, sondern starrte nur reglos zur Turmspitze hinauf. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf dem polierten Metall seines Schildes und riß blitzende Sterne aus dem Eisen.
Torian blinzelte. Vergeblich versuchte er, seinen Blick von dem des Mannes zu lösen. Es war, als wäre er gebannt, unfähig, einen Muskel zu rühren oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Trotz der großen Höhe konnte er das Gesicht des Alten mit erstaunlicher Klarheit erkennen. Es war ein schmales, verbrauchtes Gesicht, sonnenverbrannt und durchzogen von tiefen Falten und Narben, die ein hartes Leben hineingegraben hatte. Stechende Augen, deren Blick von fast schmerzhafter Intensität war, und ein schmallippiger, breiter Mund, um den ein brutaler Zug lag.
Der Wind schien kälter zu werden. Torian stöhnte. Zwischen seinen Augen erwachte ein dünner, quälender Schmerz. Langsam und fast gegen seinen Willen hob er die Hände, umklammerte die rauhe Kante der Brustwehr und beugte sich weiter vor. Der Schmerz in seinem Kopf wurde schlimmer, und gleichzeitig schien eine unsichtbare Hand durch sein Bewußtsein zu fahren und den letzten Rest von freiem Willen auszulöschen. Er keuchte, öffnete den Mund, um zu schreien, aber nicht einmal das konnte er mehr. Langsam und zitternd beugte er sich weiter vor, klammerte sich fester an die Mauerkante und verlagerte sein Gewicht. Sein rechter Fuß zuckte, löste sich widerwillig vom Boden und setzte sich auf die Mauerkrone. Der Wind begann an ihm zu zerren. Er wankte, beugte sich noch weiter vor und begann langsam, aber unbarmherzig, nach vorne zu kippen...
»Torian!« Eine Hand krallte sich in sein Haar und riß seinen Kopf mit einem brutalen Ruck zurück. Torian schrie vor Schmerz auf, ließ die Mauerkrone los und sackte mit haltlos rudernden Armen nach hinten. Der Schmerz in seinem Schädel flammte noch einmal zu quälender Weißglut auf und erlosch übergangslos.
»Bist du verrückt geworden?« keuchte Garth.
Torian hörte seine Worte kaum. Die Plattform begann sich vor seinen Augen zu drehen, und für einen Moment fühlte er Übelkeit in seiner Kehle aufsteigen. Mühsam stemmte er sich hoch, blieb einen Moment auf den Knien hocken und wartete, bis sein Magen aufgehört hatte zu revoltieren.
»Was, bei allen Geistern, ist in dich gefahren?« brüllte Garth ihn an, als er nicht antwortete. Er beugte sich vor, riß ihn wie ein Kind auf die Füße und schüttelte ihn. »Torian! Antworte!«
Torian versuchte seine Hand abzustreifen, aber er war zu schwach dazu. »Was ist... passiert?« murmelte er. Seine Gedanken führten einen wirren Tanz auf. Er konnte sich kaum erinnern, was geschehen war. Er war auf die Plattform hinausgetreten, und dann...
»Was passiert ist?« keuchte Garth. »Das fragst du mich? Wenn ich nicht gekommen wäre, hättest du dich in die Tiefe gestürzt, du Narr! Glaubst du, auf diese Weise schneller aus der Stadt herauszukommen?« Er ließ Torians Schulter los, schüttelte wütend den Kopf und sah sich um.
Der Zorn auf seinen Zügen wandelte sich schlagartig in Schrecken.
»Bei allen Göttern!« preßte er hervor. »Was... ist das?«
Torian fuhr sich mit einer müden Geste über die Augen. In seinem Kopf drehte sich noch immer alles, aber er zwang seine Gedanken dazu, wieder in geordneten Bahnen zu laufen und sich auf Garth’ Frage zu konzentrieren. Er war froh, irgend etwas zu haben, an das er sich klammern konnte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er ernsthaft Angst, verrückt zu werden.
Er straffte sich, trat dicht neben Garth erneut an die Brüstung und machte eine weit ausholende Geste, die die ganze Stadt einschloß. »Das«, sagte er betont, »ist Rador.« Garth atmete schwer, und Torian fuhr, jedes Wort genau überlegend, fort: »Rador, Garth. So, wie es vor tausend Jahren ausgesehen hat.«
»Sieht so aus, als säßen wir in der Falle«, murmelte Torian dumpf. »Und zwar gründlich.«
Garth ließ sich mit einem erschöpften Seufzer neben ihm zu Boden sinken, zog eine Grimasse und begann, vorsichtig seine verletzte Schulter zu massieren. Sie waren wieder in der Halle, in der alles begonnen hatte, zwei Stockwerke unter der Turmspitze. Die letzte Stunde hatten sie damit zugebracht, den Turm zu durchsuchen, von der Plattform an seiner Spitze bis zum untersten Kellergeschoß, zwei Etagen unter dem Niveau des Innenhofes. Das Ergebnis war niederschmetternd: Es gab drei der sechseckigen, prunkvoll ausgestatteten Räume, eine Anzahl kleinerer, mit Waffen und Lebensmittelvorräten vollgestopfte Räume in den Kellern – und nur einen einzigen Ausgang.
»Und wenn wir einfach hinausspazieren und so tun, als gehörten wir hierher?« fragte Garth.
Torian schüttelte niedergeschlagen den Kopf. Garth’ Vorschlag war nicht ernst gemeint; der hünenhafte Dieb sprach nur, um überhaupt etwas zu sagen und das Schweigen nicht zu quälend werden zu lassen.
Trotzdem antwortete er nach einem Augenblick. »Draußen in der Stadt könnte es vielleicht gehen. Rador ist groß genug, daß zwei Fremde nicht unbedingt auffallen. Aber hier?« Er seufzte. »Ich verstehe sowieso nicht, daß sie uns noch nicht entdeckt haben – es wimmelt draußen geradezu von Soldaten.« Er wollte weitersprechen, tat es aber dann doch nicht. Garth wußte nichts von dem Heer, das draußen vor der Stadt lag, und Torian sah keinen Sinn darin, ihn zusätzlich noch nervöser zu machen, als er ohnehin war. Aber sie mußten die Stadt verlassen, bevor der Angriff begann. Rador würde geschleift werden, bis auf die Grundmauern. Die Zerstörungen, die sie gesehen hatten, stammten nicht allein von der Hand der Natur.
»Komm«, sagte er müde. »Suchen wir noch einmal die Keller ab. Vielleicht ist irgend etwas unserer Aufmerksamkeit entgangen. Ich bin sicher, daß wir nur nicht sorgfältig genug gesucht haben. Das wäre die erste Festung, die ich kennenlerne, aus der es nicht einen zweiten Ausgang gibt.« Wütend ballte er die Fäuste. »Es muß einfach einen Weg aus dieser Falle geben. Irgendwie sind wir schließlich auch hierhergekommen.«
Garth starrte ihn finster an. »Der Weg hierher interessiert mich im Moment wenig«, brummte er.
»Mich schon«, antwortete Torian ernst. »Wenn wir wüßten, auf welchem Weg wir hier hereingekommen sind, kämen wir vielleicht auf dem gleichen zurück.« Er erhob sich, ging mit entschlossenen Schritten zum Treppenschacht und wartete, bis Garth ebenfalls aufgestanden war und ihm folgte. Der Dieb hinkte, und Torian fiel auf, daß er den linken Arm unnatürlich angewinkelt hielt. »Hast du Schmerzen?« fragte er.
Garth winkte unwillig ab und verzog gleich darauf das Gesicht. »Ja«, gestand er. »Die Wunde hat sich entzündet.«
»Wir müssen zu einem Heilkundigen, sobald wir hier heraus sind«, erklärte Torian.
Garth lachte meckernd. »So ein Kratzer bringt mich nicht um«, behauptete er. »Aber ich fürchte, ich werde dir keine besondere Hilfe sein, wenn es zum Kampf kommen sollte.«
»Zum Kampf?« Torian runzelte die Stirn. »Es wird keinen Kampf geben, Garth. Wenn sie uns entdecken, brauchten wir schon ein Dutzend von euren Magiern, um hier herauszukommen.« Er wartete, bis Garth neben ihm angelangt war, lächelte noch einmal aufmunternd und wandte sich übertrieben hastig um, damit der andere den besorgten Ausdruck in seinem Blick nicht bemerkte. Garth sah nicht gut aus. Er war blaß, und sein Gesicht glänzte von kaltem Schweiß. Seine Schritte waren längst nicht mehr so federnd und kraftvoll wie zu Anfang, sondern holprig und steif.