Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
«Ach ja?«, fragte Graham und kniff die Augen zusammen, während er in seinem Gedächtnis kramte.»Hab ich dir das alles schon mal erzählt, mein Junge? Wann denn?«
Zwei- oder dreihundert Mal, dachte Frank. Seit seiner Kindheit bekam er die Geschichten seines Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg zu hören, und die meisten kannte er auswendig. Die Deutschen hatten Guernsey in Vorbereitung auf die geplante Invasion Englands fünf
Jahre lang besetzt gehalten, und immer drehten sich die Erzählungen seines Vaters darum, wie die Bevölkerung damals gelitten hatte — ganz zu schweigen davon, was die Leute sich alles hatten einfallen lassen, um die Unternehmungen der Deutschen auf der Insel zu sabotieren. So wie andere Kinder mit der Muttermilch aufgezogen wurden, war Frank mit den Geschichten seines Vaters groß geworden. Vergiss das nie, Frankie. Ganz gleich, was in deinem Leben geschieht, mein Junge, das darfst du nie vergessen.
Er hatte es nicht vergessen, und im Gegensatz zu vielen Kindern, die der ewig gleichen Geschichten, die die Eltern ihnen am Volkstrauertag zu erzählen pflegten, nach einer Weile müde geworden waren, hatte Frank Ouseley an den Lippen seines Vaters gehangen und gewünscht, er wäre ein Jahrzehnt früher zur Welt gekommen und hätte wenigstens als Kind an diesen schweren und heroischen Zeiten teilhaben können.
So etwas gab es heute nicht mehr. Die Auseinandersetzungen auf den Falkland-Inseln oder am Golf, diese kurzen, hässlichen Kriege, die praktisch um nichts geführt wurden und nur das Volk zu fahnenschwingendem Patriotismus aufstacheln sollten, konnte man damit nicht vergleichen, und schon gar nicht den Konflikt in Nord-Irland, wo er selbst gedient und sich, ständig auf der Hut vor Heckenschützen, gefragt hatte, was, zum Teufel, er in diesem Konfessionskrieg verloren hatte, der von Verbrechern geschürt wurde, die seit mehr als hundert Jahren aufeinander schossen. Von Heldentum konnte da nirgends die Rede sein, denn es gab keinen eindeutig identifizierbaren Feind, gegen den man das Vaterland bis in den Tod verteidigen konnte. Nein, diese Geschichten hatten mit dem Zweiten Weltkrieg nichts gemein.
Nachdem er seinen Vater sicher auf den Toilettenrand gesetzt hatte, griff er nach den Kleidern, die sauber gefaltet in einem Stapel auf dem Waschbecken lagen. Er machte die Wäsche selbst, da waren die Unterhose und das Unterhemd nicht ganz so weiß, wie sie vielleicht hätten sein können, aber die Sehkraft seines Vaters ließ stetig nach, und Frank war ziemlich sicher, dass es ihm nicht auffiel.
Wenn er seinen Vater ankleidete, ging das ganz mechanisch vor sich, indem er ihm die einzelnen Kleidungsstücke in immer derselben Reihenfolge überzog. Es war ein Ritual, das er einmal beruhigend gefunden hatte, weil es den Tagen mit Graham eine Gleichförmigkeit verlieh, die zu versprechen schien, dass diese Tage ewig fortdauern würden. Jetzt jedoch beobachtete er den alten Mann besorgt und fragte sich, ob die Atemlosigkeit und die wächserne Blässe seiner Haut Vorboten des nahenden Endes ihres gemeinsamen Lebens waren, das sich nun schon über eine Spanne von mehr als fünfzig Jahren erstreckte. Vor zwei Monaten noch wäre er vor dem Gedanken zurückgeschreckt. Vor zwei Monaten wollte er nichts anderes als Zeit genug, um den Bau des Graham-Ouseley-Kriegsmuseums zu verwirklichen, damit sein Vater am Morgen der Eröffnung stolz das Band durchschneiden konnte. Die vergangenen sechzig Tage aber hatten alles grundlegend verändert, und das war jammerschade, denn das, was ihn und seinen Vater zusammenschweißte, solange er denken konnte, war ihrer beider Bestreben, jedes Andenken an die Jahre der deutschen Besatzung auf der Insel zu sammeln. Das war ihr gemeinsames Lebenswerk und ihrer beider Leidenschaft, die auf der Liebe zur Geschichte und der Überzeugung beruhte, dass die heutige und die künftige Bevölkerung Guernseys darüber aufgeklärt werden sollte, was ihre Vorfahren erduldet hatten.
Dass aus ihren Plänen nun nichts werden würde, wollte Frank seinen Vater vorläufig nicht wissen lassen. Warum sollte er ihm, da seine Tage ohnehin gezählt waren, einen Traum zerstören, den er sich gar nicht erlaubt hätte, wäre nicht unversehens Guy Brouard in ihr Leben getreten.
«Was steht heute an?«, fragte Graham, als Frank ihm die Trainingshose über dem eingefallenen Hinterteil hochzog.»Wird Zeit, mal nach dem Bauplatz zu sehen. Die müssten jetzt eigentlich jeden Tag anfangen, stimmt's, Frankie? Da wirst du doch dabei sein und den ersten Spatenstich machen, wie sich das gehört. Oder will Guy das selber machen?«
Frank wich den Fragen aus, wie er seit dem Tod Guy Brouards jedem Gespräch über den Mann ausgewichen war. Er hatte seinem
Vater die Nachricht vom grausamen Tod ihres Freundes und Wohltäters bislang vorenthalten, weil er fürchtete, sie könnte bei seinem Gesundheitszustand zu viel für ihn sein. Außerdem konnten sie im Moment sowieso nur warten, ob sein Vater nun Bescheid wusste oder nicht: Es war noch nicht bekannt, wie Guy Brouard über seinen Nachlass verfügt hatte.
Frank sagte:»Ich wollte heute Morgen mal die Uniformen durchsehen. Mir kam's so vor, als würden sie feucht werden. «Das war eine Lüge. Die zehn Uniformen in ihrem Besitz — von den Wehrmachtsmänteln mit den dunklen Kragen bis zu den abgewetzten Overalls, die die Fliegerabwehr der Luftwaffe getragen hatte — waren in säurefreiem Seidenpapier und luftdichten Behältern sicher aufbewahrt, für den Tag, an dem sie in die Glasvitrinen wandern würden, in denen sie fortan bleiben sollten.»Ich versteh nicht, wie das passieren konnte, aber wenn es wirklich so ist, müssen wir was tun, ehe sie anfangen, stockig zu werden.«
«Da hast du verdammt Recht«, pflichtete sein Vater ihm bei.»Darum musst du dich kümmern, Frankie. Die ganzen Klamotten. Die müssen gepflegt werden.«
«Genau, Dad«, antwortete Frank mechanisch.
Sein Vater schien zufrieden. Er ließ sich das dünne Haar kämmen und sich danach ins Wohnzimmer führen, wo Frank ihm in seinen Lieblingssessel half und ihm die Fernbedienung für das Fernsehgerät in die Hand drückte. Er hatte keine Sorge, dass sein Vater auf den Lokalsender schalten und eben jene Neuigkeiten über Guy Brouard erfahren würde, die er ihm verschweigen wollte. Die einzigen Programme, die Graham Ouseley sich ansah, waren Kochsendungen und Seifenopern. Bei Ersteren pflegte er sich aus Gründen, die seinem Sohn bis heute unklar waren, Notizen zu machen. Letztere verfolgte er wie gebannt und ließ sich beim Abendessen über die Freuden und Leiden der Protagonisten aus, als wären es seine Nachbarn.
In Wirklichkeit hatten die Ouseleys keine Nachbarn. Vor Jahren hatte es einmal welche gegeben: Zwei Familien hatten in den kleinen Häusern gewohnt, die sich in schnurgerader Reihe an die alte Mühle mit dem Namen Moulin des Niaux anschlossen. Doch nach und nach hatten Frank und sein Vater diese Häuser aufgekauft, und nun war in ihnen die riesige Sammlung untergebracht, mit der das Kriegsmuseum ausgestattet werden sollte.
Frank holte seine Schlüssel. Nachdem er im Wohnzimmer nach der Heizung gesehen und den Heizlüfter eingeschaltet hatte, da ihm die Wärme, die den alten Rohren entströmte, zu dürftig schien, ging er in das Haus hinüber, das direkt an das grenzte, in dem er und sein Vater seit zweiundvierzig Jahren lebten. Die Häuser standen, wie gesagt, alle in einer Reihe, und die Ouseleys bewohnten das am weitesten von der Mühle entfernte, deren altes Rad nachts ächzte und stöhnte, wenn der Wind durch das schmale Tal namens Talbot Valley pfiff.
Die Haustür klemmte, als Frank sie aufstoßen wollte. Der alte Steinboden war uneben, und in den Jahren, seit ihnen das Haus gehörte, hatten Frank und sein Vater es nicht für nötig gehalten, Abhilfe zu schaffen. Sie benutzten das Haus hauptsächlich als Lager, und in ihren Augen war eine Tür, die klemmte, eine Kleinigkeit im Vergleich zu all den anderen Problemen, vor die ein altes Haus seine Besitzer stellte. Es war wichtiger, dafür zu sorgen, dass Dach und Fenster dicht waren. Wenn die Heizung ordentlich funktionierte und eine Balance zwischen Trockenheit und Feuchtigkeit gewahrt werden konnte, ließ so eine widerspenstige Tür sich leicht übersehen.