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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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Meno wunderte sich über Londoners Rede. Einige Aussagen, die er aus Schevolas Buch im Gedächtnis behalten hatte, waren stark parteikritisch, manche sogar offen aggressiv gewesen … Da war sie wieder, die Schizophrenie, die er auch von Kurt kannte; wenn sie denn überhaupt über derlei Angelegenheiten sprachen: Die Partei strafte, aber die Bestraften fielen auf die Knie und ließen auf die Große Mutter nichts kommen. Noch angesichts der Erschießungskommandos hatten Verurteilte» Es lebe Stalin, es lebe die Partei der Bolschewiki, es lebe die Revolution!«gerufen. Meno erinnerte sich, was für ein Schock es für ihn gewesen war, als Irmtraud, die längst nicht mehr arbeitete, in einer beiläufigen Unterhaltung von ihrer früheren Arbeitsstelle gesprochen hatte: Sie war Zensorin für» Bücher philosophischen Inhalts «gewesen; selbst Philipps Dissertation hatte sie wegen» Lesart-Abweichungen «zurückgewiesen. Es gab, so nannte es Philipp,»die kalte Neugier «bei den beiden, ob ihre Kinder» es schaffen «würden, und gleichzeitig gab es Wohlwollen gegenüber ihren Träumen:»Wir helfen, aber kämpfen müßt ihr allein. «Und nun lobten sie beide ein Buch, das Irmtraud abgelehnt und Jochen Londoner, hätte er offiziell sprechen müssen, als» ideologisch unklar«, vielleicht sogar» schädlich «eingestuft haben würde.

«Gerüchte aber schwirren, / Die Wahrheit wird verschwiegen. / Die Herzen sich verwirren — / So hoch sind wir gestiegen!«Judith Schevola brach ab; einen Augenblick, so schien es Meno, setzte Londoner an, eine weitere Strophe zu zitieren, schwieg aber. Philipp und Irmtraud gingen vor ihnen, Philipp gestikulierend.

«Darf ich Sie etwas fragen? — Ernsthaftly.«

«Nur zu, meine Liebe, wenn ich’s beantworten kann.«

«Philipp wirft mir oft vor, ich würde mich für die Probleme in diesem Land nicht interessieren — ich meine die ökonomischen. Das stimmt nicht. Ich halte ja auch meine Augen offen. Glauben Sie — «

«Lennin«, unterbrach Londoner mit einer weiten Geste seiner Rechten; er schien ein Stück von Schevola abzurücken,»Lennin hat, sobald die Kriege zu Ende waren, eine kapitalistische Wirtschaft in Sowjetrußland eingeführt; er hat immer davon gesprochen: Der Kapitalismus ist unser Feind, aber er ist auch unser Lehrmeister. «Er beobachtete sie mißtrauisch, vielleicht glaubte er, sich zu weit vorgewagt zu haben:»Und das sagt Lennin — unser aller Lehrmeister!«

Meno mußte über dieses» Lennin «schmunzeln; es klang wie Lennon mit i; Jochen Londoner war ein bekennender Fan der Beatles.

«Nur soviel noch, meine Liebe, heut’ ist Weihnachten: Die Lenninschen Lehren von der Notwendigkeit der Basisdemokratie. Lennin, an der Spitze der Oktoberrevolution, zehn Tage, die die Welt veränderten — und wir sind ein Teil der Sowjetunion, allein wären wir überhaupt nicht lebensfähig. Die Schlußfolgerungen, auch in Hinsicht auf aktuelle Politik, überlasse ich Ihnen.«

Man gruppierte sich um; Irmtraud und Jochen Londoner fielen zurück. Sie hielten einander bei den Händen, sahen auf die Straße und schwiegen. Philipp hätte seinem Vater eine solche Frage wahrscheinlich gar nicht stellen dürfen; Probleme dieser Art wurden in der Nomenklatura nach Menos Erfahrung nicht besprochen, zumindest nicht zwischen den Generationen. Keine Adressen im Haus außerhalb des Panzerschranks, keine Zweifel, die substantiell zu werden drohten, in den eigenen vier Wänden, kein Abweichlertum, unbedingte Treue zur Partei. Meno erinnerte sich an Londoners subtile Tücke, den Alten vom Berge von Philipp einladen zu lassen; welche Demütigung — und was für eine sonderbare Reaktion des Alten: Er war wütend gewesen, daß die Londoners ihn einluden; er war der Meinung, sie hätten auf diese Weise seine Einsamkeit bloßgestellt, um so mehr, als sie so groß sein mußte,»daß ich diese Einladung noch nicht einmal freundlich abzulehnen in der Lage war!«»Ei-gent-lich eine Stellvertreter-Einladung«, so hatte er es bezeichnet:»Wie man früher Lakaien oder die Kinder der Hofbediensteten freundlich ins Schloß zum Gabentisch geladen hat, von dem sie ein paar Brosamen mitnehmen durften«.

«Wollen Sie denn etwa mitgehen?«fragte Meno Judith Schevola leise. Philipp war in voller Fahrt, Meno kannte das schon, auch Hanna hatte diese ekstatischen Zustände gehabt; etwas, das ihm fremd war, das er aber bewundert und wofür er Hanna geliebt hatte. Aus Philipps Mund klangen Worte wie» Weltrevolution«,»eine Gemeinschaft, in der es allen Menschen gutgeht, in der niemand mehr Hunger leiden muß und niemand unterdrückt wird«, nicht wie Phrasen, wie so oft bei den Vertretern der Betonfraktion. Philipp glaubte an die Zukunft. Sie gehörte dem Sozialismus — und sie gehörte ihnen, den» Heldenkindern«, den Kindern von Menschen, die für die Verwirklichung ihrer Ideale Unvorstellbares durchlitten hatten. Wenn Philipps Augen wie jetzt leuchteten, wenn die Begeisterung, daß er dabeisein durfte in den Kämpfen dieser Zeit, die gesetzmäßig in ein Morgen ohne Ausbeutung und Not führen würden, seine Wangen färbte, wurde er schön, ein wenig ähnelte er dann, mit langem Haar und allerdings Hut statt sternbesetzter Baskenmütze, seinem Vorbild Che Guevara. An diesem Punkt brachen für gewöhnlich die anderen Töne durch, denn er, Philipp, und andere vergleichbarer Herkunft, seien die Kinder von Siegern der Geschichte, von echten Revolutionären eben, die nicht nur Theorie, sondern, vor allem, Praxis getrieben hätten —»während sich die Kleinbürger und Schißhasen und viel Pöbel, für den Leute wie meine Eltern ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, hinterm warmen Ofen verkrochen und alles, wofür sie angetreten waren, verrieten«. Die Frage, ob der von Philipp mit abfälligen Handstrichen bedachte» Pöbel «nicht auch zur Arbeiterklasse, zum Volk gehörte, für das er und seine Genossen doch einstehen wollten, verkniff sich Meno; Philipp schien in solchen» Zuständen «kritischen Argumenten nicht mehr zugänglich zu sein.

«Mitgehen? Sie meinen: in den Dschungel? Wo die wahren Revolutionäre hausen? — Warum nicht«; Meno schwieg nach dieser Antwort Judith Schevolas, die achselzuckend hinzusetzte:»Es ist für eine bessere Welt, dafür bin ich auch mal nach Prag gefahren … Und wenn Altberg es dreimal schlechtzureden versucht. Sterben müssen wir am Ende alle, und leben … lieber kurz und wie ein Feuerwerk gebrannt als lang in alter Asche herumgestochert. «Feindselige Töne! Meno ließ sich zurückfallen, fassungslos über Judith Schevolas Gerede, angewidert von dem hörigen Blick, mit dem sie Philipp von der Seite bedachte; es verletzte ihn, das Gespräch auf dem Weg zu Eschschloraque fiel ihm ein, die Passage über das Duzen und über heulende Genies — hörige Genies waren mindestens ebenso enttäuschend.

«Na, Junge«, hakte Jochen Londoner ihn unter,»ist das die Richtige für Philipp, was meinst? Weißt du, ich werde allmählich alt, heute morgen haben Traudel und ich darüber gesprochen, wie schön es wäre, wenn wir Enkelchen hätten und mit ihnen unterm Tannenbaum spielen könnten. Großvatergelüste! Findest du nicht, daß alte Baumpilze wie wir das Recht haben, die Welt Welt sein zu lassen und uns nur noch um Kinderlachen zu kümmern? Wir hatten so gehofft, daß Hanna und du … daß ihr euch wieder finden würdet. Von den beiden da vorn kommen auch keine fnuki, wie mein polnischer Freund die Großvaterfreuden nennt. — Jaja, genug. «Aber Londoner ließ nicht locker — was Meno verloren habe, noch immer scheine er es nicht zu wissen:»Die Heimat, mein Junge, dein wirkliches Zuhause!«, was möglich wäre, wenn … Lesetage in der Staatsbibliothek West, es gebe Privat-, es gebe Dienstvisen; er, Londoner, habe das Ohr des Generalsekretärs; wie ein Amphibium könne man mit einem solchen Papierchen zwischen den Welten hin- und hertauchen, unbehelligt, und wenn Meno das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne (»ich könnte das verstehen«), dann stünde ihm doch der» Archipel «offen, die Sozialistische Union, ein Kontinent von ungeahntem Reichtum, den Leuten» drüben«, selbstherrlich und atlantikfixiert, hoffnungslos unbekannt … die Krim, die adriatischen Inseln vor Jugoslawien, Kuba, Vietnam, China, der betäubende Orient der Sowjetunion … wunderbar sei Duschanbe; an der Seidenstraße, durchweht vom Großatem der Geschichte, warteten Buchara, Samarkand … Meno sei doch, wie Hanna und Philipp, ein» Heldenkind«(dankbar registrierte Meno, daß Jochen Londoner wieder ironisch wurde); er werde in der Partei- und Staatsführung» durchaus «geschätzt, von manchem sogar,»wie ich aus sicherer Quelle weiß«(»oberes Telefon?«—»oberes Telefon!«), von manchem sogar sehr geachtet!» Du könntest es ganz leicht haben, mein lieber Junge. Wenn du nur wolltest! Dieser subalterne Posten im Lektorat Sieben …«»Der Braten war sehr gut«, sagte Meno, als Londoner verstummte. Irmtraud Londoner sagte nichts.

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