Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Aber diese Fledermausmütze auf dem Kleiderständer kannte er, lauschte ins Wohnzimmer statt auf Irmtrauds Lob- und Preisworte, und da er es hören wollte, ließ es auch nicht lange auf sich warten, Judith Schevolas sandiges Lachen. Philipp renommierte, auch das hörte Meno, den Irmtraud nun allein ließ, stumm und verschwörerisch auf die Treppe zur Küche weisend, die sich im Souterrain befand. Kurze, herzliche Begrüßung, eine anheimstellende Geste, dann konnte der Gast, wenn er ein Freund des Hauses war, bis zum offiziellen Teil der Einladung (deren Beginn ein Essensgong oder ein Glöckchen vorschlug, wie es im Fernseh-»Professorenkollegium«, in dem Londoner Mitglied war, der Vorsitzende schwang) noch eine Weile tun und lassen, was er wollte: sich in den Ohrensessel im Wohnzimmer setzen und in einer der ausliegenden Zeitschriften schmökern (»Literaturnaja gaseta «und» Times Literary Supplement «waren darunter), in den Büchern blättern oder, war man zu zweit, eine Partie Eishockey am Automaten spielen, der in einer Souterrainnische stand; eine Packung dafür notwendiger Zehnpfennigstücke lag immer bereit; warf man einen Groschen ein, konnte man über ein Rad die roten oder blauen Bleifiguren mit ihren von der Stahlkugel verzogenen Schlägern drehen. Man konnte auch wieder gehen, so wie es Eschschloraque einmal getan hatte: Tief in einer Bücherwand auf der Stiege nach oben, zum Londonerschen Heiligtum (»the haunted chamber «stand am Arbeitszimmer in Schreibschrift auf getöpfertem Oval), hatte den Dramatiker eine Szene gepackt, er war mit glasigem Blick, armerudernd (Meno hatte ihm rasch einen Stift in die Hand gedrückt) zum Telefontischchen gedriftet, wo er ohne Erfolg und in zunehmender Verzweiflung nach einem Stück Papier fahndete (er fand keins, bedruckte Seiten gab es im Haus Londoner zu Millionen; leere verwahrte der Alte in» haunted chamber «und wachte streng über die Verteilung: Nichts Handschriftliches im Hause herumliegen lassen, keine Adressen, keine mißverständlichen Notizen!: verinnerlichte Maxime aus der Zeit im Untergrund), bis Meno, der sich Zettel einsteckte, wenn er zu Londoner ging, Eschschloraque einen gab — geistesabwesend hatte der Marschall des Maßes den Telefonhörer abgenommen, Jamben gerollt und mit dem Hörer ein imaginäres Publikum traktiert; in diesem Moment war Londoner die Treppe hinuntergestiegen, auch er glasigen und inspirierten Blicks, auch er in handgreiflichen Ballungen von Wort, Gedanke, Schlußfolgerung, war zum Telefon getappt, wo er von Eschschloraque den Stift statt des Hörers bekam, den er nickend, mit heftigem Blick, fixierte und in erhobener Hand schüttelnd weitertrug, während Eschschloraque verständnislos den Telefonhörer anstarrte, bevor er grußlos und in geliehenen Pantoffeln das Haus verließ.
Man sprach, worüber man im Haus Londoner oft sprach: über die Geschichte der Arbeiterklasse, Ökonomie, aus gegebenem Anlaß über die Geschichte des Weihnachtsbratens, über Daten und Ereignisse in der Geschichte der Kommunistischen Partei. Judith Schevola saß amüsiert neben Jochen Londoner, der im Schaukelstuhl so in Erzählerfahrt geraten war, daß er immer wieder einen seiner Schottenpantoffeln verlor, den Philipp dann wieder an den Fuß paßte, wobei Philipp seinen Vater mit dem auch von Hanna gebrauchten Spitznamen» Seppel «ansprach (Irmtraud wurde von Mann und Kindern» Traudel «genannt). Jochen Londoner hätte es sicherlich vorgezogen, nicht wiederholt an die Sterblichkeit der Euphorie erinnert zu werden (mochte der Pantoffel doch segeln, wohin er wollte!); an Judith Schevola gab es unbekannte Ohren, in denen noch nie der Londoner-Trichter, jedenfalls nicht der weltenfreudige des Alten, gesteckt hatte. Ein Glas Portwein, schaukelnd mitten in einer ausgiebigen Bohrkernanalyse der» Hauptaufgabe «abgefüllt und ebenso kommentarlos wie ohne Blickkontakt zugereicht, hatte zu Menos Begrüßung genügt; Meno hatte vor Verblüffung über Schevolas Anwesenheit, aus still ansteigendem Mißmut, wie vergnügt und elegant Philipp sich im Glanz des Hauses sonnte, dabei aufgeregt umhersprang wie ein Schuljunge, das Glas schon in sich hineingegossen und hockte nun wie ein Waldkauz, geleimt an die schweren Kreise des Weins, im Ohrensessel, dem alten Historiker gegenüber. Jetzt flog das» Londoner-Sondoner«-Sprech über drei Punkte durch den Raum und gab Meno die Vorstellung, am Rand blitzender Elektrizität zu sitzen; Irmtraud fragte, wann aufgetragen werden solle:»When känn I servier the Haeschen, my dear?«, und» Seppel«, stark in der Schilderung der Hunger- und Raubtierzustände in Manchesters Baumwollfabriken begriffen, breitete fragend die Arme, um Demokratie anzudeuten — die Philipp anstelle der prustenden Judith Schevola und Menos aufgriff, der ihm schlechtes Gewissen unterstellte und vergnatzt schwieg:»We love you dermaßen, Traudel, you are ä Heldin, denn I sink, there’s not matsch fun in de Kittschen?«»You really don’t have tomatoes on your eyes«, bestätigte Irmtraud,»bleib sitzen, my dear«, (das galt Judith Schevola),»de potätohs are alle geschält bei now, änd I sink, de Rosenkohl is quite färdsch.«
«Okäh«, entschied der pater familias,»thänn I sink, we take sammsink to Knabbern in de Zwischentime.«
Ein Anruf vom oberen Telefon, und aus dem Gagarinweg wären die Wagen des Mitschurin-Komplexes mit einem Menü gekommen. Irmtraud wollte es nicht, obwohl Jochen Londoner es ihr schon mehrfach angeboten hatte, wie Meno von Philipp wußte, der Judith Schevola mittlerweile ekelhafte Süßaugen zuwarf. Wie damals, als sie zu Eschschloraque unterwegs gewesen waren, hätte Meno sich gern nach Marisa erkundigt; vielleicht feierte sie mit chilenischen Exilgenossen oder spielte in Philipps Zimmer gegenüber der Baumwollspinnerei mit Judith Schevolas Messer. Meno beobachtete Philipp: Wußte dieser Mensch überhaupt, was er wollte? Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein! Er wehrte den Gedanken mit einer heftigen Geste ab, die die Hand mit dem Herrenring am Zeigefinger in Bewegung setzte, um Meno eine Schale mit Salzstangen anzubieten; ohne den Redefluß zu unterbrechen oder auf Menos Reaktion einzugehen (vielleicht nahm Jochen Londoner sie für Zustimmung), setzte der Gelehrte die Manchesterrede fort. Philipp hatte eine Gorbatschow-Plakette vor sich auf den Tisch gelegt, Kopf mit Muttermal auf rotem Grund; das Blechstück, hinten mit einer Anstecknadel versehen, stammte ironischerweise aus dem Westen; Philipp hatte es aus Berlin mitgebracht, wo diese» sweet liddel provocations«(so Jochen Londoner, der sie eingehend gemustert hatte, die Qualität der Anstecknadel-Verlötung lobend) seit einigen Monaten kursierten.
Philipp, das Heldenkind. Der die Partei rein- und die Ideale hochzuhalten versuchte, unter deren Sternen seine Eltern gekämpft und eins (Meno konnte sich die beiden nicht getrennt vorstellen) der schrecklichen Schicksale dieses Jahrhunderts durchlitten hatten: Irmtrauds und Jochens sämtliche Verwandte in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet, sie selbst auf abenteuerlichen Wegen nach England entkommen (»mit nothing in de pockets und Hunger, my dear, immer Hunger«), wo er für die British Library und sie als Putzfrau im Guy’s Hospital gearbeitet hatte, bevor sie als» enemy aliens «inhaftiert worden waren. Philipp, der korrupte Funktionäre angriff und an den Sozialismus wie an etwas Heiliges glaubte — nie wäre er bereit gewesen, in Diskussionen über eine bestimmte Grenze hinauszugehen, etwa das Ganze in Frage zu stellen, wie Richard es tat (und Anne? war sie nicht ebenso erzogen worden wie Philipp und er, Meno Rohde, Träger eines stolzen Namens in der kommunistischen Hierarchie … jetzt war sie wahrscheinlich in der Kirche, um Magenstock predigen zu hören und das Krippenspiel zu sehen); nie zweifelte Philipp daran, daß dem Sozialismus die bessere, die hoffnungsfrohere Zukunft gehörte. Alles für das Wohl des Volkes … Philipp spendete einen beträchtlichen Teil seines Gehalts für ein Arbeiter-Feierabendheim in Leipzig; während des Studiums hatte er an der Baikal-Amur-Magistrale mitgearbeitet. Und seine Wissenschaft? Sie diente dem Volk, für das der Sozialismus gedacht und geplant worden war; Meno war überzeugt, daß Philipp seine Wissenschaft, seine Professur als Beitrag zur Stärkung des Sozialismus ansah und sie ohne Zögern dreingegeben hätte, wäre das für die Verteidigung der» gerechten Sache«(so sprach man hier gern von der Diktatur des Proletariats) notwendig erschienen.