Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Der Pfiff der Schwarzen Mathilde war zu hören, worauf Jochen Londoner, indem er einen Schluck Sherry nahm, seine Ausführungen unterbrach und mit einem gedehnten»… by the way …«Meno aufmerken ließ; meist kam nach solchem Übrigens ein wichtiger, Alltagsdinge betreffender Hinweis; so auch diesmaclass="underline" Ihm sei aufgefallen, daß sich in jüngster Zeit die Energiesparsendungen im Fernsehen der Republik wieder häuften, Meno» und auch Sie, meine Liebe«(Judith Schevola schrak aus der Betrachtung der vielen Originalgrafiken an den Wänden zwischen den Buchreihen) seien klug beraten, rechtzeitig Kohlen nachzubestellen; notfalls könne er, wenn es gewünscht werde, behilflich sein. Und auch sonst, im übrigen …? Dies Angebot als» liddel Abschlag «auf die noch folgende Bescherung. Meno griff zu, er hatte es sich schon vor dem Aufbruch zu Londoners überlegt, und bat für Christian; ob Jochen da etwas tun könne, Versetzung in eine andere Einheit zum Beispiel, ein Stabsschreiberposten; Londoner wehrte ab: Das sei das Militär, da könne er nichts tun, gar nichts; es genüge ihm schon, was Philipp auf Hiddensee angestellt habe mit dieser idiotischen Gegenüberstellung von Kleinbürgern und Bildungsbürgern, der Genosse da habe Regenpfeifer gespielt und gesungen; gefährlich, meinte Jochen Londoner, aber wohl zu regeln. Ob das Telefon, übrigens, wieder funktioniere. Aufhebung des Privateigentums, nannte Philipp die bedächtige, von leichtem Ächzen begleitete Bewegung, mit der sein Vater aus dem Schaukelstuhl aufstand; der Ausdruck konzentrierten Lauschens kehrte zurück, als Londoner sich mit Zeige- und Mittelfinger ans Kinn griff. Irmtraud hob den Schlegel des Essensgongs und sagte:»The Gong is gonging.«
Meno konnte beobachten, wie Londoner zum Telefon schlurfte, Augenblicke zögerte, bevor er abnahm und mit angestrengtem Gesicht die Muschel ans Ohr preßte:»Ach, kommen Sie doch mal bei Gelegenheit vorbei. Ja, ich kriege keine Verbindung, wenn ich wähle. Wäre doch schade um die Gespräche, oder nicht? Wenn ich keine Telefonate führen kann, können Sie nichts aufzeichnen, und stehen Sie nicht auch im Plan? Schönes Fest und Wiederhören. «Er blieb stehen, solange Irmtraud den Braten auftrug.»Let’s have ä liddel Schmaussolos!«lud er auf Londonerhellenisch ein.
Nach dem Essen Bescherung: Meno beobachtete Schevola, die heute weniger als sonst sprach, zurückhaltend auch bei den verstohlenen Komplimenten des Alten blieb; sie waren nicht anzüglich gemeint; Londoner sprach zwar gern und hörte sich auch gern zu (»mit kritt’scher Liebe, es iss ja nich so, daß ich nich durchseh’«), wußte aber, daß Monologe zwar fesseln, doch nicht lange. Schevola beobachtete Philipp und den Alten, ließ ihren Forscherblick beim Essen über Irmtrauds Perlencollier, das Meißner Porzellan, die monogrammierten Stoffservietten (all das vag beleuchtet vom ersten, zu früh entzündeten Licht der Chanukkiah) wandern; Meno vermutete, daß Judith Schevola ebenso wie er gespannt war auf den Moment, die» Charakterologie der Augenblicke«, aus dem dieser Moment bestehen würde: die Übersetzung des alten Gelehrten vom bekennenden Revolutionär (der seiner Frau und Judith die saftigsten Bratenstücke vorlegte) in den Eigentumsbürger. Würde der Liebermann über dem Kanapee weniger ingrimmig lächeln, würden Schimmer von Nachsichtigkeit, von Müdigkeit sogar, von Schattenahnung über das wach gespannte, witzdurchfunkelte, unerbittliche Antlitz des Malers spielen? — Räuspern, Verlegenheit, Scheu. Jochen Londoner stand vor dem Baum und bat die Familie (die schweren Augenlider drückten das Wort» Gäste «beiseite) zu sich, griff suchend über den Tweed seines Jacketts, fand eine Brille und verteilte unter Beschwichtigungen, Stirnrunzeln und» Also — für dich«,»Nun — für Sie«, Briefkuverts, die, wie Meno wußte, Anweisungen über bedeutende Summen enthielten.»Nein, nein«, wehrte Londoner mit erhobenen Händen Widerspruch ab, der noch gar nicht entstanden war,»die warmen Hände, Kinder. Nicht mit kalten Händen sollst du schenken / die Jugend braucht solch’ Flügel, um zu fliegen. Nein, nein, take it, forget it, kauft euch sammsink. Ihr wißt, daß ihr uns nichts schenken sollt. Wir wollen das nicht! Kein Wort mehr. Aber von Ihnen«, er nickte Irmtraud zu und wandte sich an Judith Schevola,»wünschen wir uns etwas. «Irmtraud öffnete Schevolas Roman» Die Tiefe dieser Jahre «mit dem Meno wohlvertrauten Signet des Munderlohschen Verlags und bat um eine Widmung. Judith Schevola war kein bißchen verlegen. Jochen Londoner las sie mit bedrückter Stimme vor:»Als du hast beschlossen zu sain ä Pferd — zieh!«
«Gehen wir spazieren!«schlug Irmtraud Londoner vor.
«Was hab’ ich falsch gemacht?«flüsterte Schevola Meno im Flur zu.
«In alte Wunden gestoßen«, flüsterte er zurück.
«Wie dumm von mir, wie taktlos«, sagte sie.
«Kindchen«, Irmtraud Londoner zupfte sie am Arm,»das konnten Sie nicht wissen. Lassen Sie sich mal keine schwarzen Haare wachsen. Wenn Sie mal zur Familie gehören wollen, gewöhnen Sie sich besser rechtzeitig an solche Umschwünge. We are all very labil. Isn’t it so, my son?«
«It is so, my Sonne«, bestätigte Philipp, half seiner Mutter in den Mantel.
Draußen versuchte Jochen Londoner von der Szene abzulenken; er ging auf das Buch ein, lobte die atmosphärische Dichte und die Gestalt des Vaters, wobei er das» you don’t have to sülz, if you want to say sammsink ernsthaftly«, das bei ihm über dem Schreibtisch hing, auf Schevolas Roman anwendete — Meno erinnerte sich an Besprechungen, die Londoner für die» Neue Deutsche Literatur«, für das» Neue Deutschland «verfaßte, und wo er sich in rauschenden Floskeln und grandiosen Windmüllereien erging, ohne an den Büchern mehr als nur genippt zu haben; Schevola schien zu spüren, daß sein Lob aufrichtig gemeint war, denn sie wehrte es mit einer Reaktion ab, die Meno von manchen Autoren kannte (es waren nicht die schlechtesten): Sie machte auf Mängel aufmerksam, wiegelte ab, indem sie Handlungsverläufe, die ihr nicht gelungen schienen, eher ans Licht (in Ostrom funktionierte die Straßenbeleuchtung) zerrte als nur ansprach, um jeden Anschein von Unbescheidenheit zu vermeiden. Was Meno denn als Lektor zu diesem Buch sage, erkundigte sich Londoner vorsichtig. — Er könne im Grunde nichts dazu sagen, da er das Buch, zumindest in gedruckter Form, nicht kenne: Meno tat, als wäre es überaus schwierig, Feuer an den festgestopften Tabak seiner Pfeife zu legen. — Ob er es denn nicht erhalten habe? Schevola war erschrocken. Sie habe doch veranlaßt, daß ihm ein Exemplar zugeschickt werde!
«Gute Bücher«, Londoner schwenkte ein Einkaufsnetz und lieh Meno Streichhölzer,»lesen wir mit Sicherheit. «Er bedauere, daß es hierzulande nicht habe erscheinen können. Wenn es ihr ein Trost, eine Aufmunterung sei: Auch er wisse, wie Schweigepflaster schmeckten, sechs Jahre habe er auf die Druckgenehmigung seines wohl populärsten Werks, der» Kleinen Kritik der Seife«, warten müssen. Ob Meno (»by the way«) wisse, daß Ulrich Rohde ihm einen Karton dieses Waschguts habe zukommen lassen nach Erscheinen? Nach einem Vortrag bei Meister Arbogast, über die Sternwissenschaft im Alten Orient.»Wissen Sie«, und Londoner hieb sich fröhlich mit der freien Linken gegen beide Brustseiten,»hier die Orden — und hier die Parteistrafen, so ist das nun mal; glauben Sie nicht, daß Leute wie Barsano oder selbst unsere Friedel Sinner-Priest ohne solche Watschen aus Liebe ihre Arbeit tun können.«