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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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«Ach so. «Sie lächelte.»Vielleicht ist jetzt aber doch die Zeit dazu, Simon. Wir erfahren doch jeden Tag, wie schnell das Leben sich ändert. Alles, was wichtig ist, kann in einem Augenblick vorbei sein. Darum ist jetzt die Zeit.«

«Zu erforschen.?«

«Nur wenn wir es gemeinsam tun.«

Und das taten sie im milden Schein der Lampe, der ihre Körper vergoldete, Simons graublaue Augen verdunkelte und die sonst verborgenen bleichen Stellen, wo ihr Blut heiß pulsierte, glutrot färbte. Danach lagen sie ineinander verschlungen auf dem Bettüberwurf, den zu entfernen sie sich nicht die Zeit genommen hatten. Deborahs Kleider waren auf dem Boden verteilt, wo ihr Mann sie hingeworfen hatte, und Simons Hemd hing zerknittert von seinem Arm herab.

«Ich bin froh, dass du dich noch nicht hingelegt hattest«, sagte sie, die Wange an seiner Brust.»Ich dachte, du würdest vielleicht schon schlafen. Du hast unten in der Küche so müde ausgesehen. Aber ich konnte ihn doch nicht einfach im Gästezimmer absetzen und verschwinden. Wie schön, dass du wach geblieben bist. Danke, Simon.«

Er streichelte ihr Haar und schob, wie es seine Gewohnheit war, die Hand in die Fülle, bis seine Finger ihren Kopf spürten. Zart ließ er sie dort auf ihrer Haut spielen, und sie merkte selbst, wie ihr Körper sich unter der Liebkosung entspannte.

«Alles in Ordnung mit ihm?«, fragte er.»Gibt es jemanden, den wir notfalls anrufen können?«

«Notfalls?«

«Na ja, für den Fall, dass er morgen bei der Botschaft nicht das erreicht, was er will. Ich vermute, die haben dort schon mit der Polizei in Guernsey gesprochen. Wenn sie niemanden rübergeschickt haben. «Deborah spürte, wie ihr Mann mit den Schultern zuckte.»Dann spricht alles dafür, dass sie nicht vorhaben, irgendwas zu tun.«

Deborah richtete sich auf.»Du glaubst doch nicht, dass China diesen Mord tatsächlich begangen hat?«

«Aber nein. «Er zog sie wieder an sich.»Ich wollte damit nur sagen, dass sie sich in den Händen der Polizei eines fremden Landes befindet und die Botschaft möglicherweise nicht bereit ist, etwas zu unternehmen, was über das amtliche Protokoll und die übliche Verfahrensweise hinausgeht. Darauf sollte Cherokee vorbereitet sein. Und wenn es so sein sollte, wird er vielleicht jemanden brauchen, der ihm den Rücken stärkt. Vielleicht ist er sogar aus diesem Grund hierher gekommen.«

Simons Stimme war bei der letzten Bemerkung leiser geworden, und Deborah hob wieder den Kopf, um ihn anzusehen.»Was?«

«Nichts.«

«Das ist doch nicht alles, Simon, ich höre es an deiner Stimme.«

«Bist du die Einzige, die er in London kennt?«

«Wahrscheinlich, ja.«

«Aha.«

«Aha?«

«Dann wird er dich vielleicht brauchen, Deborah.«

«Und würde dich das stören?«

«Nein, das nicht. Aber gibt es nicht noch andere nahe Angehörige?«

«Nur ihre Mutter.«

«Die Baumbesetzerin. Tja, es wäre vielleicht ratsam, sie anzurufen. Was ist mit dem Vater? Du sagtest, die beiden hätten verschiedene Väter.«

Deborah verzog das Gesicht.»Ihrer ist im Gefängnis, Simon. Das war er zumindest, als wir zusammenwohnten. «Als sie Simons Irritation bemerkte — hinter der vielleicht das Klischee vom Apfel steckte, der nicht weit vom Stamm fällt — , fügte sie hinzu:»Es war nichts Schlimmes. Ich meine, er hatte niemanden umgebracht. China hat nie viel über ihn gesagt, aber ich weiß, dass er mit Drogen zu tun hatte. Ein geheimes Labor irgendwo? Ja, ich glaube, das war's. Er hat jedenfalls nicht auf der Straße gestanden und mit Heroin gedealt.«

«Das ist immerhin ein Trost.«»Sie ist nicht wie er, Simon.«

Sie nahm sein Brummen als Zeichen widerwilliger Zustimmung.

Danach lagen sie schweigend beieinander, glücklich in ihrer Zwei- samkeit, ihr Kopf auf seiner Brust, seine Finger in ihrem Haar.

In Momenten wie diesem liebte Deborah ihren Mann auf eine andere Art. Sie fühlte sich ihm eher gleichwertig. Diese Wahrnehmung entsprang nicht nur ihrem ruhigen Gespräch, sondern auch — und für sie war das vielleicht das Wichtigere — dem, was dem Gespräch vorausgegangen war. Dass ihr Körper ihm solche Lust bereiten konnte, schien das Ungleichgewicht zwischen ihnen aufzuheben, und dass sie diese Lust miterleben durfte, erlaubte ihr, sich ihrem Mann für den Moment sogar überlegen zu fühlen. Aus diesem Grund war für sie die eigene Lust seit langem zweitrangig geworden, worüber die emanzipierten Frauen ihrer Welt entsetzt gewesen wären, wie Deborah wusste. Aber so war es nun einmal.

«Ich habe mich schrecklich benommen«, murmelte sie schließlich.»Heute Abend, meine ich. Es tut mir Leid, Liebster. Ich mache es dir wirklich nicht leicht.«

Simon hatte keine Mühe, ihrem Gedankensprung zu folgen.»Ja, Erwartungen sind etwas Tückisches. Im Voraus geplante Enttäuschungen.«

«Stimmt, ich hatte alles genau geplant. Massen von Leuten, die — Champagnergläser in der Hand — voll ehrfürchtiger Bewunderung vor meinen Bildern stehen. >Mein Gott, die Frau ist ein Geniec, sagt einer zum anderen. >Allein diese Idee, eine Polaroid zu nehmen. Ich muss auf der Stelle so ein Bild haben. Ach, was sage ich! Ich muss mindestens zehn haben.c«

«>Die neue Wohnung in Canary Wharf schreit geradezu nach solchen Fotos<«, fügte Simon hinzu.

«>Ganz zu schweigen vom Sommerhaus in den Cotswolds.<«

«>Und der Villa bei Bath.<«

Sie lachten. Dann schwiegen sie. Deborah richtete sich auf, um ihren Mann anzusehen.

«Es tut immer noch weh«, bekannte sie.»Nicht mehr so stark, lange nicht mehr. Aber ein bisschen schon noch.«

«Ja«, sagte er.»Schnellen Trost gibt es nicht, wenn einem etwas verwehrt wird. Wir alle wollen haben, was wir ersehnen. Und wenn wir es nicht bekommen, so heißt das nicht, dass wir aufhören, uns danach zu sehnen. Das weiß ich nur zu gut. Glaub mir. Das weiß ich.«

Sie sah schnell von ihm weg, als sie begriff, dass das, wovon er sprach, weit tiefer ging als der Stich der Enttäuschung dieses Abends. Sie war dankbar, dass er verstand, immer verstanden hatte, auch wenn seine Kommentare zu ihrem Leben noch so sehr von kühler Sachlichkeit und scharfer Logik bestimmt schienen. In ihren Augen brannten Tränen, aber die sollte er nicht sehen. Sie wollte ihm in diesem Moment die Akzeptanz der Ungerechtigkeit des Lebens zum Geschenk machen. Als es ihr gelungen war, den Schmerz zurückzudrängen, wandte sie sich ihm wieder zu und sagte in einem Ton, von dem sie hoffte, er drücke Entschlossenheit aus:»Ich werde mal richtig in mich gehen. Vielleicht werde ich ganz neue Wege beschreiten.«

Er betrachtete sie auf die für ihn typische Art, mit einem unverwandten Blick, der selbst Anwälte nervös machte, wenn er als Gutachter vor Gericht aussagte, und seine Studenten unweigerlich zum Stottern brachte. Doch für sie war der Blick gemildert durch sein Lächeln.

«Wunderbar«, sagte er, als er sie erneut an sich zog.»Ich würde gern sofort ein paar Vorschläge machen.«

Deborah war schon vor Tagesanbruch aufgestanden. Nachdem sie stundenlang wach gelegen hatte, war sie schließlich in einen unruhigen Schlaf gefallen, der sie durch ein Labyrinth unverständlicher Träume geführt hatte. Sie war wieder in Santa Barbara, aber nicht als diejenige, die sie damals gewesen war — eine junge Studentin am Brooks Institute for Photography — , sondern als eine ganz andere, eine Art Ambulanzfahrerin, die schnellstens ein Spenderherz zur Transplantation aus einem Krankenhaus abholen musste, das sie nicht finden konnte. Ohne die Lieferung würde der Patient, der aus irgendeinem Grund nicht in einem Operationssaal lag, sondern in der

Autoreparaturwerkstatt der Tankstelle, hinter der sie und China früher gewohnt hatten, innerhalb einer Stunde sterben, zumal sein Herz bereits entfernt worden und nur noch ein klaffendes Loch in seiner Brust vorhanden war. Ob der Patient, der teilweise verhüllt auf der erhöhten Plattform der Werkstatt lag, ein Mann oder eine Frau war, war nicht zu erkennen.

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