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Die Leiden eines Chinesen in China

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Die Leiden eines Chinesen in China
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Kin-Fo hatte, ganz gegen seine Gewohnheit, mit einer gewissen Lebhaftigkeit gesprochen. Der Leser sieht auch, daß er die letzte Grenze seines Lebens auf sechs Tage vor dem Erlöschen der Police festsetzte. Er handelte dabei mit klugem Vorbedacht, da eine weitere Verzögerung ohne erneuerte Prämienzahlung seine Erben leicht ihrer jetzt berechtigten Ansprüche hätte berauben können.

Der Philosoph hatte ihm ernsthaft zugehört und dabei einige Seitenblicke auf das, seine Zimmerwand zierende Porträt des Kaiser Taï-Ping fallen lassen, von dem er ja noch nicht wußte, daß es ihm als Erbtheil zufallen sollte.

»Du wirst also vor der übernommenen Verpflichtung, mich zu tödten, auf keinen Fall zurückschrecken?« fragte Kin-Fo.

Wang deutete nur durch ein Zeichen an, daß das seine Sache nicht sei. Er erinnerte sich wohl so mancher Scenen aus der Zeit, da er unter dem Banner der Taï-Ping kämpfte. Er stellte aber doch noch einige Fragen, da er sich ohne Erschöpfung aller möglichen Einwürfe offenbar nicht verpflichten wollte.

»Du verzichtest also auf die Aussicht eines langen Lebens, das der »Wahre Meister« Dir schon von der Wiege an bestimmte?

– Ja gewiß!

– Ohne Bedauern?

– Ganz ohne Bedauern! bekräftigte Kin-Fo. Als Greis zu leben! Einem Stücke Holze zu gleichen, das Niemand mehr schneiden kann! Reich – würde ich das nicht wünschen; arm – mag ich es noch viel weniger!

– Und die junge Witwe in Peking? warf Wang ein. Vergaßest Du das Sprichwort: »Die Blume zur Blume!«, »Die Weide zur Weide!« Die Uebereinstimmung zweier Herzen schafft hundert Jahre Frühling!….

»Sterben!« wiederholte der Philosoph. (S. 70.)

– Gegen dreihundert Jahre Herbst, Sommer und Winter! bemerkte Kin-Fo achselzuckend dazu. Nein! Arm würde Le-U mit mir ebenfalls unglücklich sein. Mein Tod dagegen sichert ihr ein Vermögen.

– Das hättest Du gethan?

– Ja, und für Dich, Wang, sind auf meinen Namen ebenfalls fünfzigtausend Dollars eingeschrieben.

– Ah, erwiderte trocken der Philosoph, Du hast doch auf Alles eine Antwort.

Sonn war nicht der Mann zu widerstehen. (S. 76.)

– Ich denke auf Alles, selbst auf einen Einwurf, den Du noch nicht erhoben hast.

– Und der wäre?

– Ja…. die Dir drohende Gefahr, nach meinem Tode als Mörder erfolgt zu werden.

– O, meinte Wang, nur die Tölpel und Prahlhänse lassen sich einfangen. Welches Verdienst wäre es auch, Deinen Wunsch zu erfüllen, wenn ich dabei gar nichts zu wagen hätte?

– Nein, nein Wang! Ich ziehe es doch vor, Dich für alle Fälle sicherzustellen. Es soll Niemand einfallen können, Dich zu belästigen!« Mit diesen Worten ging Kin-Fo nach einem Tische, suchte ein Stück Papier und schrieb darauf folgende Worte in seinen, deutlichen Zügen: »Ich habe mir selbst aus eigenem freien Willen aus Lebensüberdruß den Tod gegeben. Kin-Fo.«

Diesen Zettel übergab er dem Freunde.

Der Philosoph las denselben erst für sich, dann noch einmal laut. Darauf faltete er das Papier sorglich zusammen und steckte es in ein Taschenbuch, das er stets bei sich trug.

Noch einmal leuchtete sein Auge heller auf.

»Das ist Alles wirklich Dein Ernst? fragte er mit einem forschenden Blicke auf seinen früheren Schüler.

– Vollkommen.

– Ich nehme es also ganz ebenso an.

– Ja – Du versprichst mir….?

– Gewiß.

– Also, vor dem fünfundzwanzigsten Juni werde ich aufgehört haben zu leben?

– Ich weiß nicht, ob Du in dem Sinne, wie Du es verstehst, gelebt haben wirst, antwortete sehr ernsthaft der Philosoph, auf jeden Fall aber wirst Du todt sein!

– Ich danke Dir, und nun leb’ wohl, Wang.

– Leb’ wohl, Kin-Fo.«

Damit verließ Kin-Fo beruhigt das Zimmer des Philosophen.

Neuntes Capitel.

Dessen Schluß, so eigenthümlich er auch erscheinen mag, den Leser doch vielleicht nicht überraschen dürfte.

»Nun, wie steht’s, Craig-Fry? fragte am folgenden Tage der ehrenwerthe William J. Bidulph zwei seiner Agenten, welche speciell den Auftrag erhalten hatten, den neuen Clienten der »Hundertjährigen« zu überwachen.

– Gestern, antwortete Craig, folgten wir ihm bei einer langen Wanderung durch die Umgebung der Stadt….

– Wobei er aber keineswegs so aussah, als wollte er Hand an sich legen, vervollständigte Fry.

– Bei Einbruch der Nacht begleiteten wir ihn bis zu seiner Thür…

– Vor der wir natürlich leider stehen bleiben mußten.

– Und heute Früh, erkundigte sich William J. Bidulph weiter.

– Hörten wir schon, begann Craig, daß er sich so….

– Wohl befand wie ein Fisch im Wasser!« schloß Fry den Satz.

Die Agenten Craig und Fry, zwei Vollblut-Amerikaner, zwei Vettern im Dienste der »Hundertjährigen«, bildeten in der That nur ein einziges, aus zwei Personen bestehendes Wesen. Mehr als diese Beiden konnte Niemand übereinstimmen, was sogar so weit ging, daß der Eine stets die angefangenen Sätze des Anderen vollendete. Es erschien, als besäßen sie nur ein Gehirn, ein und denselben Gedankengang, ein Herz, einen Magen, nur eine Art des Auftretens. Sie waren eben vier Hände, vier Arme, vier Beine zweier verschmolzener Körper – mit einem Worte siamesische Zwillinge, deren Verbindungsstrang ein kühner Chirurg getrennt hatte.

»In das Haus selbst konnten Sie also noch nicht gelangen? fragte William J. Bidulph.

– Noch…. sagte Craig.

– Nicht, fiel Fry ein.

Das wird seine Schwierigkeiten haben, fuhr der General-Agent fort, ist für uns jedoch unumgänglich nothwendig. Es handelt sich für die »Hundertjährige« nicht allein darum, eine enorme Prämie zu gewinnen, sondern auch darum, sie vor einem Verluste von zweimalhunderttausend Dollars zu schützen. Zwei Monate, und wenn unser neuer Client die Police erneuert, noch länger, müssen wir also sorgsam auf der Hut sein.

– Er hat da einen Diener…. äußerte Craig.

– Den man vielleicht gewinnen könnte…. setzte Fry fort.

– Um Alles zu erfahren, was…. nahm Craig den Satz auf.

– In dem betreffenden Hause von Shang-Haï vorgeht! schloß ihn Fry.

– Hm! murmelte William J. Bidulph. So ködern Sie den Diener. Kaufen Sie ihn. Er wird für den Klang von Taëls nicht taub sein. An Taëls soll es nicht fehlen. Und müßten Sie alle dreitausend Höflichkeitsformeln erschöpfen, welche die chinesische Etiquette kennt, so schrecken Sie nicht davor zurück. Sie werden Ihre Mühe belohnt sehen.

– Das wäre…. begann Craig.

– Abgemacht!« vervollständigte Fry.

Die beiden Agenten suchten sich also mit dem erwähnten Vermittler in Verbindung zu setzen, und Soun war nicht der Mann dazu, der verführerischen Lockspeise der Taëls und dem verbindlichen Angebot verschiedener Gläser amerikanischen Liqueurs zu widerstehen.

Craig-Fry erfuhren in der Folge Alles, was sie zu wissen wünschten. Es bezog sich das aber auf Folgendes:

Zeigte sich in Kin-Fo’s Lebensweise irgendwelche Veränderung?

Nein, höchstens verfuhr er etwas glimpflicher mit seinem treuen Diener; die entsetzliche Scheere feierte zu Gunsten von dessen Zopfe und der Rohrstock sanfte nicht so häufig auf dessen Rücken nieder.

Hatte Kin-Fo etwa Mordwaffen bei der Hand?

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