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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Non-Hodgkin-Lymphom … Und dann hatte dieser Kerl ihm die Krankheit erklärt: widerwillig sich auf dem Drehsessel hin und her wiegend, ein Plastiklineal in der Hand — hatte er wirklich ein Lineal in der Hand gehabt? Hatte er wirklich lustige kleine Kullern in die Luft gemalt, als er ihm etwas von den T-Zellen erzählte, die ihn langsam umbringen würden?

Das Absurde war, dass es sich um Abwehrzellen handelte. Um Zellen seines Immunsystems, eigentlich zur Abwehr fremdartigen Gewebes bestimmt, die sich aber, soweit Alexander verstanden hatte, nun selbst in feindliche Riesenzellen verwandelten.

Noch in der Nacht zuvor, in der Nacht vor der Diagnose, nachdem er stundenlang wach gelegen hatte, entnervt vom Rasseln des Sauerstoffapparates des alten Mannes, das unerbittlich durch die Ohrstöpsel drang, irgendwann gegen drei Uhr, nachdem er sich alle Fragen gestellt, alle Möglichkeiten durchgespielt hatte, nachdem er schließlich aufgestanden und in den Flur geschlichen war und vergeblich versucht hatte, das Problem auf der anatomischen Karte zu lokalisieren — nach alldem hatte er schließlich gedacht: Egal, was es war, egal, wo es war, man würde es herausschneiden, und er würde kämpfen, so hatte er gedacht, um dieses Leben, und bei dem Wort kämpfen hatte er sich unwillkürlich im Humboldthain seine Runden drehen sehen, um sein Leben laufen, hatte er gedacht, die Krankheit aus sich herauslaufen, laufen, bis nichts mehr von ihm übrig blieb als der Kern, als die Essenz, bis zwischen Haut und Sehnen einfach kein Platz mehr war für irgendwelches feindliches Gewebe …

Es gab nichts herauszuschneiden, nichts zu lokalisieren. Es kam aus ihm selbst, aus seinem Immunsystem. Nein, es war sein Immunsystem. Es war er selbst. Er selbst war die Krankheit.

Die Stimme in seinem Ohr malte ein paar kleine Schleifchen. Hüpfte, gackerte. Lachte …

Er nahm die Schlafmaske ab. Prüfte, ob jemand sein Erröten bemerkt hatte … Aber niemand kümmerte sich um ihn. Der dicke Goldkettchenmensch (der es immerhin auch geschafft hatte, keinen Krebs zu bekommen) starrte auf seinen Schirm. Die bleiche Mutter versuchte ein wenig zu schlafen. Nur das Kind sah ihn an, mit glänzenden, colafarbenen Augen.

Mexiko, Flughafen. Warmluftgebläse. Beiläufig beim Betreten der Stadt (des Landes, des Kontinents) die Feststellung, dass es nicht so riecht wie der Nitratdünger im Wintergarten seiner Großmutter.

Taxifahrt. Der Fahrer fährt wie eine gesengte Sau, schief auf seinem Sitz hängend, halb aus dem offenen Fenster gelehnt. Achterbahn. Alexander lehnt sich zurück. Der Wagen rast über mehrspurige Avenidas, der Fahrer reißt das Steuer herum, fährt mit singenden Reifen im Kreis, irgendwie falsch herum, rast durch Nadelöhre, der Verkehr draußen brüllt, scharfe Rechtskurve, dann wird die Straße schmal, links und rechts Menschen auf den Gehwegen, der Fahrer fährt bei Rot, jetzt, zum ersten Mal, bewegt er den Kopf, um zu schauen, ob die Straße frei ist.

Hotel Borges: Empfehlung des Backpacker. Im Centro historico, 35 Dollar die Nacht. An der Rezeption ein Milchgesicht im blauen Anzug, erklärt ihm etwas, das er nicht versteht. El cinco piso, so viel versteht er: fünfter Stock. Das Zimmer ist groß, die Möbel sämtlich mit einer Spritzpistole auf Bordeaux umgespritzt, nicht mal geschmacklos. Alexander lässt sich aufs Bett fallen. Und jetzt?

Alexander geht auf die Straße. Mischt sich unter das Volk. Es ist acht Uhr abends. Die Straßen sind voll, er schwimmt mit der Menge, atmet den Atem der anderen. Kleine Polizisten, die trotz der Hitze schusssichere Westen tragen, pusten in ihre Trillerpfeifen. Als er über ein gullydeckelgroßes Loch im Gehweg stolpert, fällt er den Entgegenkommenden in die Arme. Sie lachen, richten ihn wieder auf, den großen, tollpatschigen Europäer. Dann ist er in einem Park. Überall werden Dinge feilgeboten. In riesigen Pfannen schmoren Fleisch und Gemüse friedlich nebeneinander. Es gibt Decken und Schmuck, es gibt alte Telefone, Kreissägen, Wecker, es gibt gepökelte Schweinehaut, es gibt Dinge, die er nicht kennt, es gibt eigentlich alles: Federschmuck, Skelett-Hampelmänner, Lampen, Kruzifixe, Stereoanlagen, Hüte.

Alexander kauft einen Hut. Er hat, weiß er, schon immer einen Hut kaufen wollen. Jetzt gibt es Argumente dafür. Jetzt könnte er sagen: In Mexiko braucht man einen Hut — wegen der Sonne. Aber er sagt es nicht. Er kauft den Hut, weil er sich mit Hut gefällt. Er kauft den Hut, um gegen die ihm anerzogenen Prinzipien zu verstoßen. Er kauft ihn, um gegen seinen Vater zu verstoßen. Er kauft ihn, um gegen sein ganzes Leben zu verstoßen, in dem er keinen Hut trug. Warum eigentlich? Dabei ist es so einfach! Ihm ist zum Lachen zumute. Er lacht sogar. Nein, natürlich lacht er nicht, aber er lächelt. Er lässt sich treiben. Jetzt erst gehört er wirklich dazu. Jetzt, mit dem Hut, ist er einer von ihnen. Jetzt kann er plötzlich Spanisch: Wie viel kostet … Ich möchte … Taco, Tortilla? … Gracias, Señor … Señor! Er verbeugt sich förmlich, wie es sich bei der Verleihung eines Ehrentitels gehört. Die alte Frau kichert. Sie hat nur noch einen Zahn. Alexander treibt weiter. Futtert Tortilla. Gehen, stehen, Verkehr. Wieder Schwärme winziger Polizisten, sinnlos pfeifend, könnte man meinen, aber jetzt, plötzlich, versteht er: Sie pfeifen — nichts weiter. Wie Vögel. Sie pfeifen, weil sie sind. Verblüffende Erkenntnis. Sie schlagen mit den Flügeln, flattern mit den Händen, undeutbar, irrelevant, während der Verkehr, irgendwelchen Naturgesetzen gehorchend, sich selbst reguliert.

Dann ist Musik zu hören. Keine Trillerpfeifen, richtige Musik. Undeutlich noch, hin und wieder springt eine Geige oder eine Trompete hervor: Geige und Trompete! Die typisch mexikanische Instrumentierung, wie auf der Schellackplatte von Oma Charlotte. Seine Erregung nimmt zu, er beschleunigt den Schritt. Jetzt klingt es, als stimmte ein riesenhaftes Orchester die Instrumente. Sänger scheinen sich einzusingen. Was geht da vor? Alexander steht auf einem hell erleuchteten Platz. Der Platz ist voller Menschen, darunter, er glaubt seinen Augen nicht zu trauen, in kleinen, an ihren jeweils einheitlichen Uniformen leicht erkennbaren Grüppchen, Hunderte Musikanten: Kapellen, große und kleine, zehnköpfige und zweiköpfige, mit wuchtigen Sombreros oder leichten Strohhüten, mit Leisten goldener Knöpfe oder silberner Borte geschmückt, mit Epauletten und Fransen, rosa, weiß oder marineblau, und sie alle machen Musik! Gleichzeitig! Unerklärlicher Vorgang. Wie das plötzliche Auftauchen rätselhafter Insekten. Eine Prozession? Ein Streik? Singen sie gegen den Weltuntergang an? Ist hier der einzige Platz, von dem aus irgendein Gott sie erhören kann?

Alexander geht umher, lauscht wie in Trance, wandert von Kapelle zu Kapelle, sucht mit den Ohren seine Musik: Dort hinten … Oder nein. Aber da … So ähnlich! Steht plötzlich vor einem der Sänger. Sein Anzug lichtblau, das Hemd strahlend weiß, die Haare pechschwarz, und um den Hals trägt er eine bombastische Fliege.

— México lindo, sagt Alexander.

Der Sänger sagt: Sí!

— Jorge Negrete, sagt Alexander.

Der Sänger sagt: Sí!

Die Musiker ziehen nochmal an ihren Zigaretten, stellen die Flaschen ab, ziehen sich die Hose hoch, rücken ihre Sombreros zurecht, und plötzlich läuft Omis uralte Schellackplatte: Rum-tata-rum-tata … Voz de la guitarra mia … al despertar la mañana …

Ungläubig starrt Alexander den Sänger an. Die aberwitzige Fliege, das glänzende, pechschwarze Haar, die weißen Zähne, die unter dem Schnurrbart aufblitzen und Laute formen, die genau denen auf der Schellackplatte entsprechen, die vor tausend Jahren in tausend Stücke zersprungen ist …

Natürlich kann das alles nicht stimmen. Wahrscheinlich eine Sinnestäuschung. Ein Trickbetrug.

México lindo y querido

si muero lejos de ti

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