In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
Zitronencreme war Alexanders Lieblingsspeise. Er wusste auch nicht, wie das gekommen war. Eigentlich schmeckte ihm Zitronencreme überhaupt nicht. Trotzdem war es nun mal seine Lieblingsspeise — bei Omi.
Außerdem trank er bei Omi Kamillentee und aß Schmelzkäse und Leberwurst. Auch das gehörte zum Omi-Gefühl. Wie die Härchen im Nacken.
Die Butter war so zu stellen, dass Wilhelm bequem rankam.
Das war’s.
Zwischendurch machten sie ihr Geheimnis.
Ihr Geheimnis bestand darin, dass sie in der Küche Toastbrot aßen. Schnurpsbrot hieß das. Die Sache war die: Wilhelm vertrug kein Schnurpsbrot. Und er vertrug es auch nicht, wenn andere Schnurpsbrot aßen. Er bekam davon Gänsehaut, sagte die Omi. Also mussten sie das Schnurpsbrot heimlich in der Küche essen. Mit Marmelade.
Bis Wilhelm erschien.
— Na, Hombre?
Dabei griff Wilhelm ihm derb ins Gesicht.
Wilhelm hatte zwar einen kleinen Kopf, aber große Hände. Das kam daher, dass Wilhelm früher einmal Arbeiter gewesen war. Heute war Wilhelm was Hohes. Aber die Arbeiterhände hatte er immer noch. Eine davon reichte aus, um Alexanders Gesicht zu bedecken. Alexander würgte, er hatte noch Toastbrot im Mund.
— Na, dann woll’n wir mal sehen, was ihr da angerichtet habt für ein’ Affenfraß, sagte Wilhelm und stolzierte in den Salon.
— Wilhelm scherzt, raunte die Omi Alexander zu.
Dass Wilhelm so komisch war, lag, wie Alexander vermutete, daran, dass er nicht sein richtiger Opa war. Deswegen hieß er auch einfach nur Wilhelm. Wenn man versehentlich «Opa» Wilhelm sagte, dann klappte Wilhelm die Zähne aus. Davor grauste Alexander.
Zum Abendbrot gab es Musik: aus dem Schallplattenspieler. Das war ein dunkler Schrank mit einer halbrunden Klappe, die man nach oben öffnete.
Wilhelm war gegen Musik.
— Du immer mit deinem Zeug, sagte er.
Aber er war der Einzige, der den Schallplattenspieler bedienen konnte. Deswegen bettelte die Omi:
— Wilhelmchen, leg uns doch eine Schallplatte auf, Alexander hört so gern Jorge Negrete.
Schließlich nahm Wilhelm eine Platte aus dem Schrank, ließ sie aus der Hülle gleiten, nahm einen Pinsel und fuhr dann, während er die Platte so in der Hand hielt, dass er nur den Rand und die Mitte berührte, in leicht übertriebenen Kreisbewegungen über die Rillen, wobei er die Platte wieder und wieder gegen das Licht hielt. Dann suchte er eine Weile den Schniepel, der durch das Loch in der Mitte der Platte musste und den man ja, während man über dem Plattenteller hantierte, nicht sah — schwieriger Vorgang. Wenn das gelungen war, stellte Wilhelm die Geschwindigkeit ein, bückte sich, den Hals verdrehend, hinab, sodass Alexander ihm auf seinen glatzigen Kopf gucken konnte, und senkte vorsichtig die Nadel, bis das geheimnisvolle Knistern vernehmbar wurde … Dann kam die Musik.
Goldene Gräte. Alexander stellte sich eine vergoldete Fischgräte vor. Unklar blieb, was das mit der Musik zu tun hatte. Da es bei seinen Eltern keinen Plattenspieler gab, war Goldene Gräte im Grunde die einzige Musik, die er kannte. Die aber dafür gut:
México lindo y querido
si muero lejos de ti
que digan que estoy dormido
y que me traigan aquí
Obwohl er kein Wort verstand: Den Refrain hätte er mitsingen können.
— Weißt du denn, warum die Indianer Indianer heißen, fragte Wilhelm und klatschte sich eine Scheibe Brot aufs Brett.
Alexander wusste, warum die Indianer Indianer hießen, das hatte Wilhelm bereits zweimal erklärt. Gerade deswegen zögerte er.
— Aha, sagte Wilhelm, weiß er nicht. Keine Ahnung, die jungen Menschen!
Er klatschte sich eine Portion Butter aufs Brot und verschmierte sie mit einer einzigen Bewegung.
— Kolumbus, sagte Wilhelm, hat die Indianer Indianer genannt, weil er dachte, er ist in Indien. Comprende? Und wir nennen sie immer noch so. Ist das nicht ein Blödsinn?
Er schmierte sich eine dicke Schicht Leberwurst auf das Brot.
— Die Indianer, sagte Wilhelm, sind die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents. Ihnen gehört Amerika. Aber stattdessen …
Er legte sich noch eine saure Gurke aufs Brot, genauer, er warf sie aufs Brot, aber die Gurke fiel wieder herunter und rollte auf die Tischdecke.
— Stattdessen, sagte er, sind sie heute die Ärmsten der Armen. Enteignet, ausgebeutet, unterdrückt.
Dann zerteilte er die Gurke, drückte die Gurkenhälften tief in die Leberwurst ein und begann geräuschvoll zu kauen.
— Das, sagte Wilhelm, ist Kapitalismus.
Nach dem Abendbrot gingen Omi und Alexander in den Wintergarten. Im Wintergarten war es warm und feucht. Es roch süßlich-salzig, fast wie im Zoo. Der Zimmerspringbrunnen brummte leise. Zwischen Kakteen und Gummibäumen standen und lagen Dinge herum, die Omi aus Mexiko mitgebracht hatte: Korallen, Muscheln, Dinge aus echtem Silber, die Haut einer Klapperschlange, die Wilhelm eigenhändig mit der Machete erschlagen hatte; an der Wand hing die Säge eines leibhaftigen Sägefischs, fast zwei Meter lang und unwirklich wie das Horn eines Einhorns; das Beste aber war das ausgestopfte Haifischbaby, dessen raue Haut Alexander zum Schaudern brachte.
Sie setzten sich aufs Bett (Omis Bett stand im Wintergarten, weil sie nur hier ruhig schlafen konnte), und Omi begann zu erzählen. Sie erzählte von ihren Reisen; von tagelangen Reittouren; von Fahrten im Kanu; von Piranhas, die ganze Kühe auffraßen; von Skorpionen im Schuh; von Regentropfen, die so groß waren wie Kokosnüsse; und vom Urwald, der so dicht war, dass man sich mit einer Machete einen Weg hineinschlagen musste, der, wenn man wieder zurückkam, schon wieder zugewachsen war.
Heute erzählte Omi von den Azteken. Das letzte Mal hatte sie erzählt, wie die Azteken durch die Wüste gewandert waren. Heute fanden sie die verlassene Stadt, und weil niemand dort wohnte, glaubten die Azteken, hier seien die Götter zu Hause, und nannten die Stadt: Teotihuacán — der Ort, wo man Gott wird.
— Omi, aber in Wirklichkeit gibt’s keinen Gott.
— In Wirklichkeit gibt’s keinen Gott, sagte Omi und erzählte, wie die Götter die fünfte Welt gründeten.
— Denn die Welt, sagte Omi, war schon vier Mal untergegangen, und es war dunkel und kalt, und keine Sonne war mehr am Himmel, und einzig auf der großen Pyramide von Teotihuacán brannte noch eine Flamme, und die Götter versammelten sich, um zu beraten, und sie kamen zu dem Schluss: Nur wenn einer von ihnen sich opferte, würde es eine neue Sonne geben.
— Omi, was heißt denn opfern?
— Das heißt, einer musste sich in das Feuer werfen, um als neue Sonne am Himmel aufzuerstehen.
— Warum?
— Einer musste sich opfern, damit das Leben der anderen weitergeht.
Verblüffende Erkenntnis.
Mama brachte ihn ins Bett.
— Legst du dich noch zu mir?
— Heute nicht, sagte Mama, ich hab mir gerade die Haare gemacht.
Ihre Kleider raschelten, als sie ging.
Heute fühlte er sich besonders unwohl. In der Dunkelheit spukten Bilder umher. Er dachte an den Gott, der sich ins Feuer werfen musste. Kipitalismus, das Wort tauchte auf. Es klang nach Hitze: «kipit» — russisch «es kocht». In einer brodelnden Suppe schwammen Piranhas herum. Nicht den Finger reinstecken, sagte sein Vater. Im Wüstensand tanzten barfuß Azteken, ihre Gesichter waren von Schmerz verzerrt. Wilhelm, Wilhelm, schrie Omi. Wilhelm kam und löschte alles mit Gurkenwasser. Mama, im schicken Kleid, verteilte Schuhe an die Azteken. Es waren aus der Mode gekommene Damenschuhe. Die Azteken betrachteten sie sehr verwundert, zogen sie trotzdem an. Dann wanderten sie weiter durch die von Gurkenwasser durchtränkte Wüste. Ihre Absätze versanken im gelben Schlamm.