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Der Graf von Sainte-Hermine

Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:

Hector de Sainte-Hermine sitzt zwischen den Stühlen: Er hat geschworen, seine Familie zu rächen, die von der Französischen Revolution ausgelöscht wurde, doch irgendwie begeistert ihn dieser Napoleon Bonaparte auch, der Frankreich nun mit großem Enthusiasmus regiert. Seine Zerrissenheit führt ihn in die entlegensten Ecken der Welt, als Freibeuter, Abenteurer und schließlich als Waffengefährte Napoleons in die Schlacht von Trafalgar. Der letzte und unvollendete Roman von Alexandre Dumas wartet mit allem auf, was man vom Großmeister der Mantel-und-Degen-Geschichten erwartet: Rasante Kampfszenarien und romantisch-sehnsüchtigen Liebesgeschichten wechseln sich ab mit politischen und philosophischen Ausführungen. Erst 1990 wurde die Manuskripte des als Fortsetzungsroman angelegten Buchs entdeckt, der französische Forscher Claude Schopp puzzelte die Einzelteile zusammen. Er versah die Erzählung dann auch mit einem Anhang, der dem scheinbar auf ewig unvollendeten Roman doch noch ein würdiges Ende setzt. Spannender Lesestoff, der bald verfilmt werden dürfte - wahrscheinlich mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
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Jane wurde zum zweiten Mal ohnmächtig.

Der Priester sagte als Erster: »Ich glaube, wir ermüden die Kranke nur unnötig; niemand benötigt weniger Bittgebete, um in den Himmel zu gelangen, als dieses keusche Kind.«

Bei Jane blieben nur René, Hélène und Sir James zurück. René gab ihr Riechsalz; Jane zuckte zusammen, machte einige fahrige Bewegungen, schlug die Augen auf und lächelte; sie sah sich von allen umgeben, die sie geliebt hatten, die sie noch liebten, und in der Kapelle des Hauses wartete ihr Vater auf sie; sie streckte Hélène die Hand hin, und Hélène warf sich abermals in ihre Arme.

»Meine liebe Hélène«, sagte Jane, »du weißt, dass ich nicht länger leben konnte; ich habe die arme Frau, deren Tod ich verschuldet habe, nach der leichtesten Todesart gefragt, und sie nannte mir den Biss der Schachbrettschlange; wenn ich sterbe, dann, weil ich sterben wollte, beklag mich also nicht. Hätte René mich heute verlassen, wäre ich vor Schmerz und Kummer gestorben; nun verlasse ich ihn zuerst und aus freien Stücken; das Unglück, das man selbst herbeiführt, ist immer erträglich, und nur mit dem Unglück, das unser Pech uns beschert, können wir uns nicht abfinden. Sieh doch, wie ruhig ich bin, wie glücklich; abgesehen von der Blässe müsste man beinahe denken, wir hätten die Rollen getauscht. Du weinst, und ich lächle. Meine liebe Hélène, damit mein Tod so sein wird, wie ich ihn mir erträumt habe, muss ich so sterben wie in diesem Augenblick, an Renés Schulter gelehnt; seine geliebte Hand muss meine Hände für die Ewigkeit auf meiner Brust falten. Du hast noch lange Jahre des Glücks vor dir, liebe Hélène, ich habe nur mehr wenige Minuten. Lass mich mit ihm allein, liebe Schwester; er wird dir sagen, wenn es so weit ist, dass alles zwischen uns auf Erden vorbei ist. Gott gebe, dass wir einander im Jenseits wiederfinden!«

Hélène umarmte Jane ein letztes Mal, und Sir James drückte ihre Hände; ein schmerzliches Zucken glitt über seine ebenmäßigen Züge, und eine Träne entschlüpfte seinen Lidern, bevor er Hélène in den Arm nahm und an sein Herz gedrückt aus dem Zimmer führte, als fürchtete er, der Tod könnte sie ihm streitig machen.

Die Nacht war hereingebrochen, und obwohl kein Licht in dem Zimmer entzündet worden war, war es so hell, als herrschte nur Dämmerung.

»Die Stunde naht unwiderruflich«, sagte Jane, »ich spüre, wie die Kälte mich übermannt und ins Grab zieht; ich leide nicht, sondern ich spüre nur, dass ich nicht länger leben kann.«

Sie deutete auf ihren Gürtel und sagte: »Von jener Stelle an lebe ich nicht mehr; bring mich auf unseren Balkon; dort will ich Abschied von dir nehmen, dort will ich sterben.«

René nahm Jane in die Arme, trug sie auf den Balkon und setzte sie auf seine Knie.

Draußen schien sie wieder Atem und neues Leben zu schöpfen. Die Nacht war so hell und klar wie die Nacht davor. René sah auf der Wiese den Weg, den Jane gegangen war; er sah, wie die Negerin sich ihr näherte; er hörte den Schrei, den das junge Mädchen ausstieß, als es niederfiel; und er sah, wie die Negerin sich nach seinem Schuss auf dem Boden wälzte: All diese Dinge, die nicht nur in seiner Erinnerung, sondern auch vor seinen Augen vorbeizogen, brachten ihn zum Schluchzen. Er drückte Jane an sein Herz und rief: »O Jane! Geliebte Jane!«

Jane lächelte. »Wie klug von dir«, sagte sie, »das nicht schon vorgestern gesagt zu haben, denn dann wäre ich nie und nimmer bereit gewesen zu sterben.«

Sie schwieg für einen Augenblick und betrachtete René und den Himmel, so dass es aussah, als vergrößerte ihr Auge sich.

»Nimm mich noch einmal in die Arme, René«, sagte sie, »denn mir ist, als entglittest du mir in weite Ferne.«

»O nein!«, rief René. »O nein, ich drücke dich im Gegenteil mit all meiner Kraft an die Brust.«

»Wenn das so ist«, sagte Jane, »dann bin ich in der Umarmung des Todes gefangen. Kämpfe um mich, René, kämpfe um mich.«

Sie schlang ihre Arme um Renés Hals und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. René senkte seinen Kopf auf ihren Kopf.

Nach wenigen Sekunden spürte er, wie sie zusammenzuckte.

»Ah!«, rief sie. »Ah, sie beißt mich mitten ins Herz, sie beißt mich mitten ins Herz!«

Und mit einer Bewegung zog sie Renés Kopf zu sich und presste ihre Lippen auf die seinen. »Adieu«, sagte sie. »Adieu!« Und kaum hörbar fügte sie hinzu: »Auf Wiedersehen – vielleicht.«

Dann sank sie mit ihrem ganzen Gewicht auf Renés Arm.

René sah sie an: Ihre Augen waren geöffnet; man hätte meinen können, sie sähe noch; er legte die Hand auf ihr Herz, und es schlug nicht mehr; er hielt seine Wange vor ihren Mund: Ihr Atem war versiegt, der letzte Atemzug, der sein Gesicht gestreichelt hatte, hatte die Seele fortgetragen.

René blieb einige Minuten lang sitzen und betrachtete sie; noch immer wähnte er, ein Wort oder eine Bewegung könnten einen letzten Lebensfunken in ihr wecken.

Aber sie war tot und blieb tot.

Er trug sie in ihr Zimmer zurück, legte sie auf ihr Bett, kreuzte ihr die Hände über der Brust und schlug auf den Gong.

Die anderen kamen angelaufen, allen voran Hélène und Sir James.

»Es ist vorbei«, sagte René.

Alle brachen in Tränen aus; Hélène trat an das Bett und wollte Jane die Augen schließen.

»O nein!«, sagte René und schob Hélènes Arm sanft beiseite. »Sie wissen doch, dass sie mich darum gebeten hat, ihr diesen Dienst zu erweisen.«

Und er schloss ihre Augen, die sich erst wieder im Licht jener unbekannten Fackel öffnen werden, welche die Seele durch die Ewigkeit geleitet.

Nach dieser frommen Handlung eilte René aus dem Zimmer mit den Worten: »Bleiben Sie bei der Toten; wenn der Leichnam eine Seele enthielt, dann nehme ich sie mit mir.«

Denn einer der beiden wusste zu dieser Stunde um das Geheimnis des großen Mysteriums, über das sie sich unter den nächtlichen Sternen so oft unterhalten hatten.

René hatte Jane nicht wie ein Liebender geliebt, sondern wie ein zärtlicher und liebevoller Freund und Bruder. Dieser Mann aus Erz, der einen Menschen erschoss wie einen Hund und der den Toten so gleichgültig zu seinen Füßen liegen sah, als wäre er tatsächlich ein Hund, musste allein sein, um zu weinen.  

Janes Todesart und die klimatischen Bedingungen erforderten ein baldiges Begräbnis. Der Priester blieb bei der Toten. Hélène ging in ihr Zimmer und beendete ihre Hochzeitsnacht damit, dass sie in den Armen ihres Ehemannes ihre Schwester beweinte. Der alte Remi und seine drei Söhne kümmerten sich um das Begräbnis; während Justin die Kapelle mit Blumen ausschmückte, versorgte Adda den Leichnam, den sie auf einer Unterlage aus Aloegewebe in den von Jules und Bernard gezimmerten Teakholzsarg legte und mit frischen Zweigen umkränzte.

Um fünf Uhr nachmittags an diesem Tag rief der Gong zur traurigen Beerdigung. Alle Bewohner der Siedlung versammelten sich im Hof vor dem Tor, wo die Tote aufgebahrt war. Gebete wurden gesprochen, und dann trugen vier junge Mädchen den Sarg in die Kapelle.

René hatte die zwei Elefanten freigelassen; als wüssten sie, welcher Trauerfall sich ereignet hatte, waren sie an allen Trauernden vorbeigewandert und hatten sich wie zwei steinerne Kolosse stumm und reglos der allgemeinen Trauer angeschlossen, als wäre ihnen das Hinscheiden des jungen Mädchens bewusst oder als ahnten sie zumindest, welch großer Schmerz die Anwesenden bewegte.

Jane wurde in die Felsspalte gelegt, in der bereits Eva und der Vicomte de Sainte-Hermine ruhten; und wie bei primitiven Völkern beendete die Trauerfeierlichkeiten eine Mahlzeit, an der alle teilnahmen, auch die niedrigsten Sklaven der Niederlassung.

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