Der Idiot
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Der Idiot». Краткое содержание книги:
Andrerseits hatte sich auch der Fürst vielleicht geirrt, als er, in der Meinung, durchaus die Wahrheit zu sagen, Herrn Lebedjew versicherte, er habe ihm nichts mitzuteilen, und es habe sich mit ihm schlechterdings nichts Besonderes zugetragen. Tatsächlich war mit allen etwas sehr Seltsames vorgegangen: es hatte sich nichts zugetragen und gleichzeitig doch auch gewissermaßen sehr viel zugetragen. Letzteres hatte auch Warwara Ardalionowna mit ihrem zuverlässigen weiblichen Instinkt erraten.
Wie es aber zugegangen war, daß in der Familie Jepantschin alle einmütig auf ein und denselben Gedanken gekommen waren, daß sich nämlich mit Aglaja etwas Wichtiges zugetragen habe und ihr Schicksal sich nun entscheide, dies ordnungsmäßig darzulegen ist sehr schwer. Aber kaum war dieser Gedanke bei allen gleichzeitig aufgeblitzt, als sofort alle zusammen behaupteten, sie hätten das alles schon längst und deutlich vorhergesehen; alles sei schon zur Zeit des »armen Ritters«, ja schon früher klar gewesen, nur hätten sie damals an eine solche Abgeschmacktheit noch nicht glauben mögen. Das versicherten die Schwestern; natürlich hatte auch Lisaweta Prokofjewna früher als alle andern alles vorhergesehen und erkannt, und es hatte ihr schon längst »das Herz weh getan«; aber mochte das nun schon längst der Fall gewesen sein oder nicht, jedenfalls war ihr der Gedanke an den Fürsten jetzt sehr unbehaglich, in der Hauptsache deswegen, weil dieser Gedanke ihre gesamte Denktätigkeit in Verwirrung brachte. Es trat ihr hier eine Frage entgegen, die unverzüglich entschieden zu werden verlangte; aber es war nicht nur die Entscheidung unmöglich, sondern die arme Lisaweta Prokofjewna war trotz aller Bemühungen nicht einmal imstande, die Frage mit völliger Klarheit zu formulieren. Die Sache war sehr schwierig: war der Fürst akzeptabel oder nicht? War diese ganze Geschichte gut oder nicht? Wenn sie nicht gut war (und das unterlag keinem Zweifel), inwiefern war sie dann eigentlich nicht gut? Wenn sie aber vielleicht doch gut war (was ebenfalls im Bereich der Möglichkeit lag), inwiefern war sie dann wieder gut? Das Oberhaupt der Familie selbst, Iwan Fjodorowitsch, war selbstverständlich zuerst höchst erstaunt, gestand dann aber auf einmal, daß auch ihm immer schon so etwas geahnt habe, wenigstens ab und zu. Er verstummte sofort unter dem drohenden Blick seiner Gattin; aber wenn er auch am Vormittag verstummt war, so sah er sich doch am Abend, als er mit seiner Gattin unter vier Augen war, wieder genötigt zu reden und brachte mit besonderer Kühnheit einige überraschende Gedanken zum Ausdruck. Im Grunde, wie stehe die Sache denn ...? (Hier schwieg er eine Weile.) All das sei ja gewiß sehr sonderbar, vorausgesetzt, daß es wahr sei, und er wolle nicht darüber streiten, aber ... (Er schwieg von neuem.) Andrerseits, wenn man die Dinge mit offenen Augen ansehe, sei ja der Fürst wirklich ein prächtiger Bursche, und ... und, und, na, schließlich komme auch ihr Name in Betracht, der Familienname Jepantschin; die Heirat werde sozusagen als eine Hebung dieses in den Augen der Welt niedrig stehenden Namens erscheinen, das heißt, von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, das heißt, weil ... natürlich die Welt; die Welt sei eben die Welt. Der Fürst sei doch auch nicht ohne Vermögen, wenn es auch nicht sehr bedeutend sei. Er habe auch ... auch ... auch ... (Hier schwieg er lange und verstummte endgültig.) Nachdem Lisaweta Prokofjewna diese Äußerungen ihres Gatten angehört hatte, durchbrach ihr Affekt alle Schranken.
Ihrer Meinung nach war alles, was vorgegangen war, ein unverzeihlicher, geradezu verbrecherischer Unsinn, ein dummes, abgeschmacktes Hirngespinst. Erstens sei dieser Jammerfürst ein kranker Idiot, zweitens ein Dummkopf; er kenne weder die Welt, noch besitze er eine Stellung in der Welt; wem solle man ihn präsentieren, wo mit ihm bleiben? Er habe eine ganz unerlaubte demokratische Gesinnung und nicht den geringsten Dienstrang, und ... und ... was werde die alte Bjelokonskaja dazu sagen? Ob sie für Aglaja einen solchen Mann sich ausgemalt, einen solchen Mann in Aussicht genommen hätten? Das letztgenannte Argument war selbstverständlich das wichtigste. Das Herz der Mutter zitterte bei diesem Gedanken und schwamm in Blut und Tränen, wiewohl gleichzeitig im Innern dieses Herzens sich etwas regte und zu ihr sagte: »In welcher Hinsicht ist eigentlich der Fürst kein solcher Schwiegersohn, wie ihr ihn braucht?« Und gerade diese Erwiderungen ihres eigenen Herzens waren es, die der armen Lisaweta Prokofjewna am meisten zu schaffen machten.
Aglajas Schwestern gefiel der Gedanke an den Fürsten nicht übel; ja, dieser Gedanke schien ihnen nicht einmal besonders seltsam; kurz, es war nicht ausgeschlossen, daß sie plötzlich auf die Seite des Fürsten träten. Aber sie entschieden sich beide dafür, zu schweigen. Man hatte in der Familie ein für allemal die Beobachtung gemacht: je eigensinniger und hartnäckiger in einer die ganze Familie betreffenden Streitfrage Lisaweta Prokofjewnas Widerspruch und Widerstand war, um so mehr konnte dies allen als ein Anzeichen dafür dienen, daß sie vielleicht schon mit ihnen in dieser Streitfrage einverstanden war. Übrigens konnte Alexandra Iwanowna sich nicht völlig schweigsam verhalten. Die Mama, von der sie schon seit langer Zeit als Ratgeberin anerkannt war, rief sie jetzt alle Augenblicke zu sich und verlangte ihre Meinung zu hören; namentlich aber mußte Alexandra ihr mit ihrem Gedächtnis aushelfen. Die Mutter fragte zum Beispieclass="underline" wie das alles gekommen sei? Warum das niemand gesehen habe? Warum sie damals nicht geredet hätten? Was damals dieser widerwärtige »arme Ritter« zu bedeuten gehabt habe? Warum sie, Lisaweta Prokofjewna, allein dazu verurteilt sei, für alle zu sorgen, auf alles aufzupassen und alles vorauszusehen, während alle übrigen nur Maulaffen feil hielten? usw. usw. Alexandra Iwanowna verfuhr anfangs vorsichtig und bemerkte nur, sie halte Papas Ansicht für ganz richtig, daß in den Augen der Welt die Wahl des Fürsten Myschkin zum Gemahl einer der Jepantschinschen Töchter möglicherweise als eine sehr vernünftige Handlung erscheinen werde. Allmählich redete sie sich in Eifer und fügte hinzu, der Fürst sei überhaupt kein Dummkopf und sei nie ein solcher gewesen, und was die Stellung in der Gesellschaft anlange, so könne noch kein Mensch wissen, was man nach einigen Jahren bei uns in Rußland für die gesellschaftliche Stellung eines anständigen Menschen als notwendig erachten werde, ob die Bekleidung eines höheren Amtes, die bisher für obligatorisch gegolten habe, oder irgend etwas anderes. Zur Antwort auf all diese Bemerkungen begann die Mama sofort zu schelten, Alexandra sei ein Freigeist, und all das komme von der verdammten Frauenfrage her. Eine halbe Stunde darauf begab sie sich in die Stadt und von dort nach der Kamenny-Insel, um die alte Bjelokonskaja zu besuchen, die zufällig gerade in dieser Zeit nach Petersburg gekommen war, aber bald wieder abreisen wollte. Sie war Aglajas Patin.
Die alte Bjelokonskaja hörte Lisaweta Prokofjewnas fieberhafte, verzweifelte Bekenntnisse sämtlich an, ohne sich durch die Tränen der fassungslosen Familienmutter im geringsten rühren zu lassen; ja, sie blickte diese sogar recht spöttisch an. Sie war eine schreckliche Despotin; sie konnte sich nicht dazu verstehen, ihre Freundinnen, mochte auch die Freundschaft noch so alt sein, als ihr gleichstehende Personen zu behandeln, und auf Lisaweta Prokofjewna blickte sie, gerade wie vor dreißig Jahren, immer noch wie auf ihre protégée herab und konnte sich in die Schroffheit und Selbständigkeit des Charakters derselben nicht finden. Sie bemerkte ihr unter anderem, sie schienen da alle nach ihrer ständigen Gewohnheit zu entgegenkommend gewesen zu sein und aus einer Mücke einen Elefanten gemacht zu haben; sie habe sich trotz genauesten Zuhörens nicht davon überzeugen können, daß bei ihnen tatsächlich etwas Ernsthaftes vorgegangen sei; ob es nicht das beste sei, noch ein Weilchen zu warten, bis sich etwas begebe; der Fürst sei nach ihrer Meinung ein anständiger junger Mann, wiewohl er krank, sonderbar und recht unbedeutend sei. Als das Schlimmste müsse betrachtet werden, daß er sich ganz offen eine Geliebte halte. Lisaweta Prokofjewna merkte sehr wohl, daß die alte Bjelokonskaja auf sie ein bißchen ärgerlich war, weil der von ihr warm empfohlene Jewgeni Pawlowitsch bei der Familie nicht reüssiert hatte. Ihre Stimmung war bei der Rückkehr nach Pawlowsk noch gereizter als vor dieser Fahrt, und alle bekamen sofort gehörig etwas ab, namentlich weil sie ganz verrückt geworden seien. In keiner Familie gehe es so zu wie bei ihnen. »Warum habt ihr es denn so eilig gehabt? Was ist denn vorgegangen? Trotz aller Umschau, die ich halte, kann ich nicht finden, daß wirklich etwas vorgegangen wäre! Wartet doch noch ein Weilchen, bis sich etwas begibt! Was ahnt Iwan Fjodorowitsch nicht alles! Aber man darf doch aus einer Mücke nicht gleich einen Elefanten machen«, usw.