Der Idiot
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Der Idiot». Краткое содержание книги:
Er ging schnell hinaus, das Gesicht mit den Händen bedeckend. An der Aufrichtigkeit seiner Erregung konnte der Fürst nicht zweifeln. Er verstand auch, daß der Alte wie berauscht von seinem Erfolg wegging; aber er ahnte doch, daß dieser Mensch zu der Sorte derjenigen Lügner gehörte, die zwar bis zur Wollust und Selbstvergessenheit lügen, aber sogar auf dem Gipfelpunkt ihres Rausches doch im stillen argwöhnen, daß man ihnen nicht glaubt und nicht glauben kann. Es war denkbar, daß der Alte in seiner jetzigen Lage zur Besinnung kommen, sich über die Maßen schämen, den Fürsten im Verdacht tiefen Mitleids mit ihm haben und sich beleidigt fühlen werde. »Habe ich auch nicht schlecht daran getan, daß ich ihn bis zu solcher Begeisterung kommen ließ?« fragte sich der Fürst beunruhigt, konnte sich aber im nächsten Augenblick nicht mehr halten und brach in ein gewaltiges, wohl zehn Minuten anhaltendes Gelächter aus. Er wollte sich wegen dieses Gelächters Selbstvorwürfe machen, sah aber sofort ein, daß er dazu keinen Anlaß habe, weil ihm ja der General unendlich leid tat. Seine Ahnung ging in Erfüllung. Schon am Abend desselben Tages erhielt er einen sonderbaren Brief, der ebenso kurz wie energisch war. Der General teilte ihm darin mit, daß er sich auch von ihm für alle Zeiten trenne; er achte ihn und sei ihm dankbar; aber auch von ihm könne er nicht »Mitleidsbezeigungen annehmen, die die Würde eines ohnehin schon unglücklichen Mannes noch weiter herabdrückten«. Als der Fürst hörte, daß der Alte sich bei Nina Alexandrowna eingeschlossen habe, fühlte er sich seinetwegen beinahe beruhigt. Aber wir haben bereits gesehen, daß der General auch bei Lisaweta Prokofjewna Unheil anrichtete. Wir können hier keine Einzelheiten mitteilen; aber wir bemerken in aller Kürze, daß der Kernpunkt bei dieser Zusammenkunft darin bestand, daß der General Lisaweta Prokofjewna in Angst versetzte und durch seine bitteren Andeutungen in betreff Ganjas ihre Entrüstung erregte. Er wurde mit Schimpf und Schande aus dem Haus gewiesen. Das war der Grund, weshalb er dann eine so schlechte Nacht und einen so schlechten Morgen hatte, allen Verstand verlor und zuletzt beinah geisteskrank auf die Straße lief.
Kolja begriff immer noch nicht recht, was eigentlich vorging, und hoffte sogar durch Strenge etwas bei seinem Vater zu erreichen. »Na, was denken Sie denn nun eigentlich, wohin wir unsere Schritte lenken sollen, General?« fragte er. »Zum Fürsten wollen Sie nicht; mit Lebedjew haben Sie sich verzankt; Geld haben Sie nicht, und ich habe nie welches: da sitzen wir nun jetzt auf dem Trockenen, mitten auf der Straße.«
»Man sitzt angenehmer im Trockenen als auf dem Trockenen«, murmelte der General. »Mit diesem Wortspiel habe ich Begeisterung erregt ... in einer Offiziersgesellschaft ... im Jahre vierundvierzig ... Im Jahre tausend ... achthundert ... vierundvierzig, ja ...! Ich entsinne mich nicht ... Oh, erinnere mich nicht daran, erinnere mich nicht daran! ›Wo ist meine Jugend, meine Frische!‹ wie jemand ausrief ... Wer hat das doch ausgerufen, Kolja?«
»Das kommt bei Gogol in den ›Toten Seelen‹ vor, Papa«, antwortete Kolja und schielte ängstlich nach dem Vater hin.
»Tote Seelen! O ja, tote Seelen! Wenn du mich begraben läßt, dann schreib auf mein Grab: ›Hier ruht eine tote Seele!‹ ›Der Schande kann ich nicht entrinnen!‹
Wer hat das gesagt, Kolja?«
»Das weiß ich nicht, Papa.«
»Jeropegow soll nicht existiert haben? Jerofei Jeropegow ...!« rief er ganz außer sich und blieb auf der Straße stehen. »Und das ist mein Sohn, mein leiblicher Sohn! Jeropegow, ein Mann, der elf Monate lang wie ein Bruder mit mir zusammen gelebt hat, für den ich ein Duell gehabt habe ... Fürst Wygorjezki, unser Hauptmann, sagte zu ihm, als wir bei der Flasche saßen: ›Du, Grischa, wo hast du denn deinen Anna-Orden erworben? Das möchte ich wirklich wissen.‹ ›Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, da habe ich ihn erworben!‹ Ich rief: ›Bravo, Grischa!‹ Na, daraus entstand dann ein Duell. Und dann heiratete er Marja Petrowna Su ... Sutugina und wurde auf dem Schlachtfeld erschossen ... Die Kugel prallte von dem Kreuz ab, das ich auf der Brust trug, und fuhr ihm gerade in die Stirn. ›Ich werde dich in Ewigkeit nicht vergessen!‹ rief er und fiel tot nieder. Ich ... ich habe mit Ehren gedient, Kolja; ich habe als anständiger Mann gedient; aber ›der Schande kann ich nicht entrinnen!‹ Kommt ihr beide, du und Nina, zu meinem Grab ... ›Arme Nina!‹ so habe ich sie früher genannt, Kolja, es ist schon lange her, noch in der ersten Zeit, und sie hörte das so gern ...! Nina, Nina! Was habe ich dir für ein Schicksal bereitet! Wofür kannst du mich noch lieben, du geduldiges Herz? Deine Mutter hat das Herz eines Engels, Kolja; hörst du wohl? Das Herz eines Engels!«
»Das weiß ich, Papa. Papa, liebster Papa, lassen Sie uns nach Hause zurückkehren, zu Mama! Sie ist uns ja nachgelaufen! Na, was stehen Sie denn so da? Als ob Sie es nicht begriffen ... Na, warum weinen Sie denn?«
Kolja weinte selbst und küßte seinem Vater die Hände.
»Du küßt mir die Hände, mir?«
»Nun ja, gewiß, gewiß. Was ist daran wunderbar? Na, warum heulen Sie denn mitten auf der Straße? Und dabei nennen Sie sich einen General und wollen ein Soldat sein; na, nun kommen Sie!«
»Gott segne dich, lieber Junge, dafür, daß du dich gegen deinen mit Schande bedeckten Vater respektvoll benommen hast ... ja, gegen einen mit Schande bedeckten alten Mann, deinen Vater ... Mögest du einmal einen ebensolchen Sohn haben ... le roi de Rome ... Oh, mein Fluch komme über dieses Haus!«
»Aber was soll denn dieses Wesen hier eigentlich vorstellen?« brauste Kolja auf einmal auf. »Was ist denn passiert? Warum wollen Sie jetzt nicht nach Hause zurückkehren? Wovon sind Sie denn so verrückt geworden?«
»Ich werde es dir erklären, werde es dir erklären ... ich werde dir alles sagen. Schrei nicht so; die Leute hören es ... le roi de Rome ... Ach, mir ist so übel, und ich bin so traurig!
›Wo ist dein Grab, du alte Kinderfrau?‹
Wer hat so gerufen, Kolja?«
»Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wer so gerufen hat! Kommen Sie gleich nach Hause, gleich! Ich werde Ganja durchprügeln, wenn es nötig ist ... Aber wo wollen Sie denn wieder hin?«
Der General schleppte ihn nach der Freitreppe eines nahen Hauses.
»Wo wollen Sie hin? Das ist ein fremdes Haus!«
Der General setzte sich auf die Stufen und zog Kolja immer an der Hand zu sich heran.
»Bücke dich herab, bücke dich herab!« murmelte er. »Ich will dir alles sagen ... die Schande ... bücke dich herab ... mit dem Ohr, mit dem Ohr; ich will es dir ins Ohr sagen ...«
»Aber was ist Ihnen denn?« rief Kolja ganz erschrocken, hielt aber doch sein Ohr hin.
»Le roi de Rome ...«, flüsterte der General, der ebenfalls am ganzen Leib zitterte.
»Was ...? Was haben Sie nur mit Ihrem roi de Rome ...?«
»Ich ... ich ...«, flüsterte der General wieder, indem er sich immer fester an die Schulter seines Sohnes klammerte, »ich ... will ... ich will dir ... alles ... Marja, Marja ... Petrowna Su-su-su ...«
Kolja riß sich los, faßte selbst den General bei den Schultern und blickte ihn wie ein Irrsinniger an. Der Alte wurde dunkelrot; seine Lippen färbten sich bläulich; leichte, krampfhafte Zuckungen liefen über sein Gesicht. Auf einmal bog er sich zusammen und begann sachte in Koljas Arme zu sinken.
»Ein Schlaganfall!« rief dieser über die ganze Straße hin, da er endlich gemerkt hatte, um was es sich handelte.
V
In Wahrheit hatte Warwara Ardalionowna in dem Gespräch mit ihrem Bruder die Zuverlässigkeit ihrer Nachrichten über die Verlobung des Fürsten mit Aglaja Jepantschina ein wenig übertrieben. Vielleicht sah sie als scharfsichtige Frau das, was in naher Zukunft geschehen mußte, vorher; vielleicht hatte sie sich darüber geärgert, daß der schöne Zukunftstraum, an den übrigens sie selbst in Wirklichkeit nicht geglaubt hatte, wie ein Rauch zerflattert war, und mochte sich nun, was ja nur menschlich ist, das Vergnügen nicht versagen, durch Übertreibung des Mißgeschicks noch mehr Gift in das Herz ihres Bruders zu gießen, den sie übrigens aufrichtig liebte und bemitleidete. Aber jedenfalls hatte sie unmöglich von ihren Freundinnen, den Fräulein Jepantschin, so bestimmte Nachrichten erhalten können; es lagen nur Andeutungen, unvollendete Sätze, bedeutsames Stillschweigen und rätselhafte Redewendungen vor. Vielleicht hatten aber Aglajas Schwestern auch absichtlich ein Wörtchen zuviel gesagt, um selbst etwas von Warwara Ardalionowna in Erfahrung zu bringen; möglich war schließlich auch, daß auch sie sich nicht hatten das echt weibliche Vergnügen versagen wollen, ihre Freundin, und wenn es auch eine Freundin aus der Kinderzeit war, ein klein wenig zu foppen; denn in so langer Zeit hatten sie doch notwendigerweise wenigstens ein bißchen von den Absichten der Freundin merken müssen.