Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Sie, meine liebe Jane, wollen von Gott wissen, warum er uns nicht so nebeneinander belässt, wie wir jetzt sitzen, und Sie bedenken nicht, dass Sie die Zeit mit der Ewigkeit verwechseln. Wir sind armselige Atome, mitgerissen von den Umstürzen einer Nation, zermalmt zwischen einer endenden und einer beginnenden Welt, mitgerissen von einem Königtum, das sich zugrunde richtet, und einem Reich, das sich erhebt. Fragen Sie Gott, warum Ludwig XIV. mit seinen Kriegen Frankreich die Männer geraubt hat, warum er das Staatsvermögen mit seinen prunkvollen Launen aus Marmor und Bronze ruiniert hat. Fragen Sie ihn, warum er eine katastrophale Politik betrieben hat, um am Ende einen Ausspruch zu tun, der, als er ihn tat, schon nicht mehr zutraf: ›Es gibt keine Pyrenäen mehr.‹ Fragen Sie ihn, warum er unter dem Einfluss der Launen einer Frau und unter der Knute eines Priesters das Edikt von Nantes widerrufen und Holland und Deutschland reich gemacht hat, indem er Frankreich ruinierte. Fragen Sie ihn, warum Ludwig XV. das verhängnisvolle Werk seines Großvaters fortgesetzt hat und eine Herzogin Châteauroux, eine Marquise d’Étioles, eine Gräfin du Barry geschaffen hat. Fragen Sie ihn, warum er gegen jede geschichtliche Vernunft dem Rat eines bestochenen Ministers folgte und es einer österreichischen Prinzessin ermöglicht hat, den französischen Thron zu besteigen, als hätte er vergessen, dass eine Allianz mit Österreich dem Lilienbanner noch nie Glück gebracht hat. Fragen Sie ihn, warum er Ludwig XVI. statt mit königlichen Eigenschaften mit der biederen Gesinnung eines braven Bürgers bedacht hat, aber ohne die Achtung vor dem eigenen Wort, ohne die Festigkeit des Familienvaters; fragen Sie ihn, warum er zugelassen hat, dass ein König einen Eid schwört, den er nicht zu halten gedenkt, warum er zugelassen hat, dass dieser König sich im Ausland Unterstützung gegen seine Untertanen suchte, und warum er einen erhabenen Kopf auf das Schafott gebracht hat, das für gewöhnliche Verbrecher bestimmt ist.
Denn dort, meine arme Jane, finden Sie den Beginn unserer Geschichte. Dort erfahren Sie, warum ich nicht bei Ihrer Familie bleiben konnte, in der ich doch einen Vater und zwei Schwestern gefunden hatte. Dort erfahren Sie, warum mein Vater auf dem Schafott starb, das noch vom Blut des Königs gerötet war, warum mein ältester Bruder füsiliert wurde, warum mein zweitältester Bruder guillotiniert wurde, warum ich, als Nächster an der Reihe, ein gegebenes Versprechen zu halten, ohne Begeisterung und ohne Überzeugung einem Weg gefolgt bin, der mich in ebenjenem Augenblick, als ich des Glücks teilhaftig zu werden wähnte, all meinen Hoffnungen entriss und für drei Jahre in das Temple-Gefängnis verbannte, um mich danach der geheuchelten Milde eines Mannes auszuliefern, der mein Leben dem Unglück überantwortete, indem er mich begnadigte. Wenn Gott Ihnen antwortete und wenn er die Frage beantwortete, warum er Ihnen nicht erlaubt, so zu leben, wie es Ihnen genügen würde, dann könnte er sagen: ›Bedauernswertes Kind, mit den unendlich geringfügigen Ereignissen Ihrer beider Leben, die Sie zufällig zusammengebracht haben und ebenso zufällig trennen, habe ich nichts zu schaffen.‹«
»Aber glauben Sie denn nicht an Gott, René?«, rief Jane entsetzt.
»Gewiss doch, Jane, aber ich glaube an einen Gott, der die Welten erschafft, der ihnen ihren Weg im Äther weist und aus ebendiesem Grund keine Zeit hat, sich mit Unglück oder Wohlergehen zweier armseliger Atome zu befassen, die auf der Oberfläche unseres Globus dahinkriechen. Jane, meine arme Freundin, ich habe drei Jahre damit zugebracht, all diese Rätsel zu ergründen; ich bin auf der einen Seite des Lebens in diese unergründlichen Geheimnisse eingetaucht und auf der anderen hinausgelangt, ohne erfahren zu haben, wie und warum wir leben, wie und warum wir sterben, und ich dachte mir, dass Gott ein Wort ist, das ich benutze, um zu bezeichnen, was ich suche; das wahre Wort wird mir einst der Tod sagen, wenn er nicht noch stummer ist als das Leben.«
»O René«, flüsterte Jane, die ihren Kopf auf die Schulter des jungen Mannes sinken ließ, »diese Philosophie ist zu schwer für meinen schwachen Verstand; ich glaube lieber, das ist einfacher und weniger hoffnungslos.«
78
Die Hochzeitsvorbereitungen
René hatte viel gelitten, und dies bedingte seinen Lebensüberdruss und seine Todesverachtung. Mit zweiundzwanzig Jahren, in einem Alter, in dem sich das Leben dem Menschen eröffnet wie ein Blumengarten, hatte dieses Leben sich ihm verschlossen: Er hatte sich mit einem Mal in einem Kerker wiedergefunden, wo vier Gefangene den Freitod gewählt und den die übrigen Insassen fast vollzählig gegen das Schafott eingetauscht hatten. In seiner Sicht der Dinge war Gott ungerecht, denn Gott bestrafte ihn dafür, dass er Beispiel und Gebot seiner Familie befolgt hatte, das in der Aufopferung für das Königtum bestand; er hatte viel lesen und viel nachdenken müssen, um zu begreifen, dass Hingabe und Aufopferung außerhalb der Gesetze bisweilen Verbrechen sein können und dass nur die Aufopferung, die dem Vaterland gilt, Gott ein Wohlgefallen ist; als Nächstes war er sich darüber klar geworden, dass Gott – worunter er den Schöpfer der Abertausende von Welten verstand, die sich im Weltraum bewegen – keineswegs ein individueller Gott ist, der die Geburt jedes einzelnen Menschen in seinen Büchern verzeichnet und zugleich das Geschick dieses Menschen entscheidet.
Und falls er sich täuschen sollte, falls entgegen jeder Wahrscheinlichkeit dieser Gott doch so wäre und folglich ungerecht und blind, wenn das Leben der Menschengeschöpfe keineswegs eine Abfolge materieller Zufälle wäre, den Launen des Schicksals ausgeliefert, dann würde er eben gegen diesen Gott, über den sich zu beklagen niemand das Recht hat, kämpfen und Gott zum Trotz ein ehrbarer Mensch sein.
Die Prüfung hatte lange gewährt, und er war aus ihr hervorgegangen, wie der Stahl aus der Härtung hervorgeht: unzerbrechlich und geläutert; sein Kinderglaube war Stück für Stück von ihm abgefallen wie die schlecht verbundenen Teile einer Rüstung während eines Kampfes, doch wie Achill benötigte er nun keine Rüstung mehr. Das widrige Geschick, diese unnachsichtige Mutter, hatte ihn in den Styx getaucht; er verabscheute das Böse aus Kenntnis des Bösen und benötigte, um Gutes zu tun, keine Hoffnung auf Vergeltung; da er nicht an Gottes unmittelbaren Schutz für den Menschen in Gefahren, denen der Mensch sich aussetzt, glaubte, hatte er die Verteidigung seines Lebens seiner Kraft anvertraut, seiner Geschicklichkeit und seiner Kaltblütigkeit. Er hatte die äußerlichen Eigenschaften, die man von der Natur erhält, von der moralischen und körperlichen Ertüchtigung gesondert, für die man selbst verantwortlich ist. Sobald dieses Denken in seinem Geist verankert war, hatte er aufgehört, Gott für die kleinen Geschehnisse seines Lebens zur Rechenschaft zu ziehen; er tat nichts Böses, weil er das Böse verabscheute, und er tat Gutes, weil dies zu den Pflichten gehört, die dem Menschen von der Gesellschaft auferlegt sind.