Die neuen Leiden des jungen W.
- Автор: Plenzdorf Ulrich
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Taschenbuch
- ISBN: 3-518-36800-1
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die neuen Leiden des jungen W.». Краткое содержание книги:
Rolf Michaelis,
Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Er war dagegen. Er wollte arbeiten. Er hielt das für Kinderzeug. Genau wie das mit der Leiter. Aber Charlie hielt ihre Scheinwerfer voll auf ihn, und da gab er nach.
Schlecht für ihn war bloß, daß er dann am Bahndamm einfach nicht mitspielte. Wir schossen auf ein altes Parkverbotsschild, das ich ziemlich schnell aufgerissen hatte. Das heißt: Charlie schoß. Dieter mimte die Zielanzeige, und ich korrigierte Charlies Technik. Das hatte sich so ergeben, weil Dieter überhaupt nicht daran dachte, sich um Charlie zu kümmern. Er ließ die Kinder sozusagen spielen. Er dachte wahrscheinlich bloß an die Zeit, die ihn das alles kostete.
Ich konnte ihn an sich verstehen, trotzdem brachte ich mich wegen Charlie halb um. Ich zeigte ihr, wie man den Kolben in die Schulter zog und wie man die Füße im rechten Winkel stellte und daß man von oben ins Ziel ging und dabei ausatmete, und das ganze Zeug aus der vormilitärischen Ausbildung, das sie einem da beibringen. Vollkorn, Feinkorn, gestrichen Korn und Druckpunkt und das. Charlie schoß und schoß und ließ sich geduldig von mir anfassen, bis sie dann doch merkte, was mit Dieter los war, oder vielleicht, bis sie es schließlich merken wollte. Da hörte sie auf. Übrigens hatte Dieter recht gehabt, es war eigentlich längst zu dunkel. Bloß mußte Dieter versprechen, am nächsten Sonntag mit ihr einen Ausflug zu machen, irgendwohin, Hauptsache raus. Von mir war nicht die Rede, jedenfalls nicht ausdrücklich. Charlie machte das sehr geschickt. Sie sagte:… machen wir einen Ausflug.
Da war alles drin. Aber vielleicht bildete ich Idiot mir auch bloß alles ein. Vielleicht dachte sie wirklich nicht an mich. Vielleicht wär alles, was dann kam, nicht passiert, wenn ich Idiot mir nicht eingebildet hätte, Charlie hätte auch mich eingeladen. Aber ich bedaure nichts. Nicht die Bohne bedaure ich was.
Nächsten Sonntag saß ich neben Charlie auf der Liegein ihrem Zimmer. Es regnete wie blöd. Dieter saß an seinem Schreibtisch und arbeitete, und wir warteten, daß er fertig wurde. Charlie war schon im Regenmantel und allem. Sie war überhaupt nicht überrascht gewesen oder was, als ich klingelte. Also hatte alles seine Richtigkeit. Oder vielleicht war sie auch überrascht, aber sie zeigte es nicht. Diesmal schrieb Dieter. Mit zwei Fingern. Auf der Maschine. Er schrieb aus dem Kopf. Eine Arbeit, dachte ich, und das stimmte wohl auch. Ich sah sofort: Es rollte nicht bei ihm. Das kannte ich. Er tippte ungefähr alle halbe Stunde einen Buchstaben. Das sagt wohl alles. Charlie sagte schließlich: Du kannst es doch nicht zwingen!
Dieter äußerte sich dazu nicht. Ich mußte die ganze Zeit auf seine Beine sehen. Er hatte sie um die Stuhlbeine gedreht und sich mit den Füßen dahinter festgehakt. Ich wußte nicht, ob das seine Angewohnheit war. Aber mir war eigentlich die ganze Zeit klar, daß er nicht mitkommen würde.
Charlie fing wieder an: Komm! Laß doch mal alles stehn und liegen, ja? Das wirkt manchmal Wunder!
Sie war nicht etwa wütend oder so. Noch nicht.
Sie war vielleicht so sanft, wie eine Krankenschwester sein soll.
Dieter meinte: Bei dem Wetter doch nicht mit 'nem Boot.
Ich weiß nicht, ob ich schon sagte, daß Charlie ein Boot ausleihen wollte.
Charlie sagte sofort: Dann nicht Boot, dann Dampfer. An sich hatte Dieter recht. Bei dem Wetter im Boot war eine echte Schnapsidee.
Er fing wieder an mit Tippen.
Charlie: Dann nicht Dampfer. Dann bloß ein paar Runden ums Karree.
Das war ihr letztes Angebot, und es war wirklich eine Chance für Dieter. Er rührte sich aber nicht.
Charlie: Außerdem sind wir ja nicht aus Zukker.
Ich glaube, in dem Moment war es schon mit ihrer Geduld vorbei. Dieter sagte ruhig: Fahrt doch.
Und Charlie: Du hast es fest versprochen!
Dieter: Ich sag doch: Fahrt!
Da wurde Charlie laut: Wir fahren auch!
In dem Moment ging ich. Wie das weiterging, konnte sich jeder ausrechnen. Ich war auch völlig fehl da am Platze. Ich meine: ich ging aus dem Zimmer. Ich hätte natürlich ganz gehen sollen. Das sehe ich ein. Aber ich kriegte es einfach nicht fertig. Ich ständerte da in der Küche rum. Ich mußte plötzlich an Old Werther denken, wie er schreibt:
Zieht ihn nicht jedes elende Geschäft mehr an als die teure, köstliche Frau?… Sattigkeit ist's und Gleichgültigkeit!
Nun war ja Dieter kein Geschäftsmann und Charlie alles andere als eine teure Frau. Und Sattigkeit war's bei Dieter auch nicht. Klar, daß er von wegen der Armee ein hohes Stipendium hatte. Aber unsereins verdiente garantiert dreimal soviel mit dem bißchen Pinselei. Ich wußte auch nicht, was es war. An sich hatte ich gegen Dieter nichts einzuwenden. Feststand bloß, daß er seit ewig mit Charlie nicht mehr aus ihrer Bude gegangen war. Das war das einzige, was feststand. Ungefähr als ich das analysiert hatte, kam Charlie aus dem Zimmer geschossen. Ich sage nicht umsonst: geschossen, Leute. Zu mir sagte sie bloß: Komm!
Ich war sofort bei ihr.
Dann sagte sie: Warte!
Ich wartete. Sie griff sich vom Kleiderhaken diesen grauen Umhang und drückte ihn mir an die Brust. Dieter hatte das Ding wohl von der Armee mitgebracht. Es roch außer nach Gummi nach Benzin, Käse und verbranntem Müll.
Sie fragte mich: Kannst du Motorboot fahren?
Ich sagte: Kaum.
Normalerweise hätte ich gesagt: Klar. — Bloß, ich hatte die Rolle des braven Jungen schon wieder so gut drauf, daß ich glatt die Wahrheit sagte.
Charlie fragte: Was ist?
Sie sah mich an, wie wenn einer nicht richtig verstanden hat.
Ich sagte sofort: Klar.
Drei Sekunden später waren wir auf dem Wasser. Ich meine: Es dauerte sicher eine Stunde oder so. Es ging mir bloß zum zweitenmal mit Charlie so, daß ich einfach nicht wußte, wie ich wohin gekommen war. Wie im Film ging das. Zack — und man war da. Ich hatte damals bloß keine Zeit, das zu analysieren. Dieses blöde Boot hatte ziemlich viel PS. Es schoß wie irr über die Spree, und drüben war die Betonmauer von irgendeinem Werk. Ich hatte alle Mühe, noch irgendwie die Kurve zu kriegen. Statt daß ich Idiot einfach Gas weggenommen hätte. Wir wären glatt ersoffen, und von dem Boot wäre nicht die Bohne was übriggeblieben. Diese Boote gehen ja sofort los, wenn man sie anläßt. Nichts mit Kupplung und so. Ich sah Charlie an. Sie sagte keinen Ton. Ich nehme an, der Bootsmensch von dem wir den Kahn hatten, wurde nicht wieder dabei. Ich sah ihn bloß auf seinem Steg stehen. Wie Charlie ihm das Boot aus dem Kreuz geleiert hatte, war sowieso ein Kapitel für sich. Ich weiß nicht, ob einer glaubt, daß ich sehr schüchtern war und das. Oder daß ich Hemmungen hatte. Aber ich hätte gepaßt, als ich den Bau sah von dieser Ausleihstation der Jugend. Das triefte alles vor Nässe. Im Wasser kein einziges Boot. Schließlich konnte von Saison keine Rede mehr sein kurz vor Weihnachten. Und der Bau war verrammelt wie für den dritten Weltkrieg. Aber Charlie fand ein Loch im Zaun und klingelte den Bootsmenschen aus dem Bau und bekniete ihn so lange, bis er uns dieses Boot aus seinem Bootshaus rausgab. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Der Bootsmensch wahrscheinlich auch nicht. Ich glaube, an dem Tag hätte Charlie alles erreicht. Sie war einfach nicht zu bremsen. Sie hätte jeden zu allem rumgekriegt.
Auf dem Wasser kroch sie mit unter die Pelerine. Es regnete immer noch wie verrückt. Ein paar Grad weniger, und wir hätten den schönsten Schneesturm gehabt. Wahrscheinlich wird sich keiner mehr an den letzten Dezember erinnern.
Es war sicher ekelhaft klamm in dem Kahn, aber ich merkte kein Stück davon. Ich weiß nicht, ob das einer begreift. Charlie legte den Arm um meinen Sitz und den Kopf auf meine Schulter. Ich dachte, ich wurde nicht wieder. Das Boot hatte ich langsam im Griff. Ich wußte nicht, ob es auf dem Wasser auch Verkehrsregeln gab. Ich hatte mal so was läuten hören. Aber auf dieser ganzen ewig langen Spree war an dem Tag nicht ein einziges Boot unterwegs oder Dampfer. Ich zog den Gasgriff ganz raus. Der Bug stellte sich hoch. Dieses Boot war nicht übel. Wahrscheinlich war es für den Privatgebrauch von diesem Bootsmensch. Ich fing an, allerhand Kurven zu ziehen. Hauptsächlich Linkskurven, weil das Charlie so gut gegen mich drückte. Sie hatte nicht die Bohne was dagegen. Später fing sie selber an zu lenken. Einmal kamen wir nur knapp an einem Brückenpfeiler vorbei. Charlie sagte keinen Ton. Sie hatte immer noch ungefähr dasselbe Gesicht von dem Moment, als sie von Dieter rausgeschossen kam.