Die neuen Leiden des jungen W.
- Автор: Plenzdorf Ulrich
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Taschenbuch
- ISBN: 3-518-36800-1
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die neuen Leiden des jungen W.». Краткое содержание книги:
Rolf Michaelis,
Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Das war's mal wieder. Er machte auf den Hakken kehrt und zog ab, die anderen ihm nach. Ich verstand bloß die Hälfte. Der Spruch mit der Maschine war schließlich ziemlich harmlos. Ich hatte noch ganz andere Sachen auf der Pfanne. Old Werther zum Beispiel. Ich analysierte kurz die Lage und stellte fest, daß ich Addis schwächsten Punkt erwischt hatte mit der Spritze.
Zaremba sagte denn auch: Mußt ihn verstehen, no. Ist sein Einfall, die Spritze. Jesus, nicht dran rühren. Entweder es wird der Knüller oder der Reinfall, no? — Sein erster!
Und ich:
Er ist der pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umständlich wie eine Base, ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist und dem es daher niemand zu Danke machen kann.
Das war endlich mal wieder Old Werther. Zaremba riß seine Schweinsritzen auf und knurrte: No! Das sag du nicht!
Er war der erste, den dieses Althochdeutsch nicht aus dem Sattel warf. Es hätte mir auch leid getan. Ich gebe allerdings zu, ich hatte für ihn eine ziemlich normale Stelle ausgesucht. Ich weiß nicht, ob das einer versteht, Leute. Ein paar Tage später kam es dann zum Treffen. Addi und die Truppe baute die Spritze auf dem Hof von einem dieser ollen Häuser auf und schloß sie an. Zwei Experten waren aus irgendeiner Spezialbude gekommen mit einem ganzen Kasten voller Düsen, jede anders. Die sollten nun durchprobiert werden. Große Show. Alles mögliche Volk robbte an. Die ganzen Töpfer und Maurer und was sonst noch in den Häusern rumkroch. Es klappte mit keiner Düse. Entweder es kam ein armdicker Strahl raus, oder es nebelte wie ein Rasensprenger. Die Experten waren von vornherein nicht besonders optimistisch, rückten aber jede Düse raus. Addi ließ einfach nicht locker. Er war ein Steher. Bis er dann zum kleinsten Kaliber griff, und dafür war dann einfach der Druck zu groß. Der olle Schlauch platzte, und wer im Umkreis von zehn Metern stand, war gelb wie ein Chinese oder was. Vor allem Addi. Der Heiterkeitserfolg war einmalig bei dem ganzen Volk.
Die Experten meinten: Laßt man. Uns ist das nicht besser gegangen, und wir haben alles! Nichts zu machen! Technisch nicht lösbar, jedenfalls heute noch nicht. Das liegt nicht an den Düsen.
Und dann kam ich und zückte meine Werther-Pistole:
Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von Freiheit übrigbleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden.
Die Experten dachten wohl, ich war der Clown der Truppe. Sie grinsten jedenfalls. Aber die Truppe selbst kam langsam auf mich zu, vorneweg Addi. Sie wischten sich immer noch die gelbe Soße aus den Gesichtern. Ich nahm die Fäuste hoch, im Fall der Fälle, aber es kam doch zu nichts. Addi fauchte bloß kalt: Hau ab! Hau bloß ab, sonst garantier ich für nichts. Ich konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen. Ich hatte selbst noch das Farbzeug in den Augen. Aber es hörte sich ganz so an, als wenn er kurz vorm Heulen war. Addi war über zwanzig. Ich wußte nicht, wann ich das letztemal geheult hatte. Es war jedenfalls eine Weile her. Vielleicht haute ich deswegen tatsächlich sofort ab. Kann sein, ich hatte den Bogen überspannt oder was. Ich hoffe, es hält mich deswegen keiner für feige, Leute. Als Boxer darf man sich ja sowieso nicht richtig wehren. Trifft man dumm, heißt es gleich: Sperre. Außerdem war da Zaremba, und der gab mir zu verstehen: Mach dich weg. Es ist das beste im Moment! Das war das vorläufige Ende meines Gastspiels als Anstreicher bei Addi und Genossen.
Es war übrigens ein Sauwetter an dem Tag. Ich hechtete mich auf meine Kolchose. Als erstes diktierte ich für Old Willi auf das neue Band:
Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität!.. Ich habe meine Entlassung… verlangt… Bringe das meiner Mutter in einem Säftchen bei. Ende.
Ich fand, das paßte großartig.
»Ich hab ihn einfach gefeuert! Nicht, daß wir uns abkapseln wollten. Jonas zum Beispiel kam aus dem Bau zu uns. Aber bei uns sammelt sich sowieso allerhand Volk, das nichts kann und meistens auch nichts will. Es ist nicht leicht, eine Truppe zusammenzukriegen, mit der man einigermaßen was anfangen kann.«
»Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen! Edgar war vielleicht bloß ein Spinner und ein Querkopf, ewig vergnatzt, unfähig, sich einzufügen, und faul, was weiß ich…«
»Na, sachte! Vergnatzt war er eigentlich nie, jedenfalls bei uns nicht. Und ein Querkopf…? Aber Sie müssen ihn besser kennen.«
»Wie denn kennen? Ich hab ihn seit seinem fünften Lebensjahr nicht gesehen!«
»Ja, das wußte ich nicht. — Das heißt, Moment! Edgar hat Sie besucht. Er war doch bei Ihnen!«
Halt die Fresse, Addi!
»Er hat noch geschwärmt. Sie haben eine Atelierwohnung, nach Norden raus, alles voller Bilder, herrlich vergammelt.«
Halt doch die Fresse, Addi!
»Entschuldigen Sie. Ich hab es nicht von Edgar — von Zaremba.«
»Wann soll denn das gewesen sein?«
»Das muß gewesen sein, nachdem wir ihn gefeuert hatten, Ende Oktober.«
»Bei mir war niemand.«
Es stimmt aber leider. Ich weiß auch nicht, warum ich da hinging, aber es ist Tatsache. Er wohnte in einem dieser prachtvollen Kachelwürmer, von denen Berlin langsam voll ist. Ich wußte seine Adresse. Aber ich wußte nicht, daß es einer dieser prachtvollen Kachelwürmer war. Er hatte da ein Appartement. Und nach Norden raus stimmt auch. Ich weiß nicht, ob einer glaubt, daß ich so blöd war, mich gleich vorzustellen. Guten Tag, Papa, ich bin Edgar, in dem Stil. So nicht. Ich hatte meine Bauklamotten an. Ich sagte einfach: die Heizungsmonteure, als er aufmachte. Er war nicht besonders erbaut davon, aber er nahm es mir sofort ab. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn er es mir nicht abgenommen hätte. Irgendeinen Plan hatte ich nicht, aber ich war mir ziemlich sicher, daß es klappen würde. Eine blaue Hose, und du bist der Heizungsmonteur. Eine olle Jacke, und du bist der neue Hausmeister. Eine Ledertasche, und du bist der Mann vom Fernmeldeamt und so weiter. Sie nehmen dir alles ab, und man kann es ihnen nicht mal übelnehmen. Man muß es bloß wissen. Außerdem hatte ich noch einen Hammer bei mir. Mit dem pingelte ich eine Weile an dem Heizungskörper im Bad rum. Er stand in der Tür und sah zu. Ich sagte nichts. Ich brauchte einfach Zeit, um mich an ihn zu gewöhnen. Ich weiß nicht, ob das einer begreift, Leute. Wissen, man hat einen Vater, und ihn dann sehen, das ist überhaupt nicht dasselbe. Er sah aus wie dreißig oder so. Das warf mich fast völlig um. Ich hatte doch keine Ahnung davon. Ich dachte doch immer, daß er mindestens fünfzig war! Ich weiß auch nicht, warum. Er stand da in der Tür in Bademantel und in nagelneuen Jeans. Ich sah das sofort. Um die Zeit gab es in Berlin nämlich plötzlich echte Jeans. Keine Ahnung, warum. Aber es gab sie. Es war mal wieder kurz vor irgendwas. Es sprach sich natürlich sofort rum, jedenfalls in gewissen Kreisen. Sie verkauften sie in einem Hinterhaus, weil sie wußten, daß kein Kaufhaus Berlins die Massen fassen konnte, die wegen der Jeans kamen. Und so kam es denn auch. Ich nehme an, keiner glaubt, daß ich nicht dabeigewesen war. Und wie ich dabei war! So früh war ich lange nicht mehr aufgestanden, um rechtzeitig dazusein. Ich hätte mir doch sonstwas abgebissen, wenn ich keine Jeans abgekriegt hätte. Wir standen da zu dreitausend Mann in dem Treppenhaus und warteten auf den Einlaß. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie dicht wir da standen. An dem Tag fiel der erste Schnee, aber gefroren hat von uns garantiert keiner. Ein paar hatten Musik mit. Es war eine Stimmung wie Weihnachten, wenn gleich die Tür aufgeht und die Bescherung anfängt-vorausgesetzt, man glaubt noch an den Weihnachtsmann. Wir waren alle echt high. Ich war kurz davor, meinen Bluejeans-Song loszulassen, als sie die Tür aufmachten und das Theater anfing. Hinter der Tür standen vier ausgewachsene Verkäufer. Die wurden zur Seite geschoben wie nichts, und wir stürzten uns auf die Jeans. Leider wurde die Sache ein glatter Verlust. Es war nicht die echte Sorte, die sie hatten. Es waren zwar auch authentische Jeans, aber es war nicht die echte Sorte. Trotzdem war es ein gelungenes Happening an dem Tag. Am besten waren vielleicht diese zwei Provinzmuttis, die mit in dem Treppenhaus waren. Sie wollten wohl ihren Söhnchen in Kleindingsda echte Jeans mitbringen. Aber als die Stimmung langsam auf den Höhepunkt kam, kriegten sie plötzlich Schiß. Sie wollten raus, die Guten. Dabei hatten sie nicht die Bohne von Chance dafür, selbst wenn ich oder einer ihnen hätte helfen wollen. Sie mußten mitmachen, ob sie wollten oder nicht. Ich hoffe, sie haben es halbwegs überstanden.