Die neuen Leiden des jungen W.
- Автор: Plenzdorf Ulrich
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Taschenbuch
- ISBN: 3-518-36800-1
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die neuen Leiden des jungen W.». Краткое содержание книги:
Rolf Michaelis,
Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Jedenfalls muß an diesem Tag auch dieser Vater irgendwo in der Masse gewesen sein. Ich konnte mir das gut vorstellen, wie er da vor mir in der Tür stand und mich überwachte. Warum er da stand, war mir übrigens fast sofort klar. Über einer Leine in diesem Bad hing ein Paar Damenstrümpfe. Garantiert hatte er eine im Zimmer, und gerade da wollte ich mich umsehen, bevor ich mich zu erkennen gab. Ich sagte also: Hier ist alles in Ordnung. Wolln mal sehen, was im Zimmer ist.
Und er: Da ist alles normal.
Ich: Schön. Aber dies Jahr kommt keiner mehr von uns.
Da gab er nach. Wir gingen in das Zimmer. Im Bett lag die Frau. Neben dem Bett stand so ein Campingbett, in dem hatte er wohl kampiert. Die Frau gefiel mir sofort. Sie hatte irgendwas von Charlie. Ich wußte nicht, was. Wahrscheinlich war es die Art, einen immerzu anzusehen, immerzu die Scheinwerfer auf einen zu halten. Ich konnte mir sofort vorstellen, wie wir zu dritt gelebt hätten. Wir hätten ein breiteres Bett angeschafft, und ich hätte auf dem alten oder von mir aus auf der Campingliege auf dem Korridor gepennt. Ich hätte morgens die Schrippen geholt und Kaffee gekocht, und wir hätten zu dritt an ihrem Bett gefrühstückt. Und abends hätte ich sie beide in die »Große Melodie« geschleppt oder auch mal sie allein, und wir hätten geflirtet, natürlich dezent, wie unter Kumpels.
Ich wurde denn auch sofort charmant: Pardon, Madame. Bloß der Heizungsmonteur. Gleich fertig. — In dem Stil.
Ich machte mich über den Heizungskörper her. Ich morste mit dem Hammer auf den Röhren und horchte auf das Echo, wie das diese Heizungskerle so draufhaben. Dabei beäugte ich natürlich das ganze Zimmer. Viel war da nicht. Eine Leiterwand mit Büchern. Ein Fernseher, vorletztes Modell. Nicht ein einziges Bild an den Wänden. Die Frau bot mir zu rauchen an.
Ich sagte: Nee, danke. Rauchen ist ein Haupthindernis der Kommunikation.
Ich machte so auf gebildeter junger Facharbeiter. Dann fragte ich diesen Vater: Sie sind wohl kein großer Bilderfreund?
Er verstand nichts.
Ich weiter: Na, die Wände. Tabula rasa. Unsereins kommt rum. Bilder haben sie überall, so'ne und solche, aber Sie? — Dafür haben sie andere schöne Sachen.
Die Frau lächelte. Sie hatte sofort verstanden. Es war vielleicht auch nicht schwer. Wir sahen uns eine Sekunde an. Sie war, glaubte ich, das einzige in dem Zimmer, was mich nicht tötete. Alles andere tötete mich, vor allem die kahlen Wände. Ich kann es mir nicht anders erklären, daß ich plötzlich wie ein Blöder anfing zu schwafeln: Aber schon richtig. Ich sage immer, wenn schon Bilder, dann selber gemalte — und die hängt man sich feinerweise natürlich nicht an die eigenen Wände. Mal 'ne Frage: Haben Sie Kinder? Tip von mir: Kinder können malen, daß man kaputtgeht. Das kann man sich jederzeit an die Wand hängen, ohne rot zu werden…
Ich weiß nicht, was ich sonst noch für ein blödsinniges Zeug zusammenredete. Ich glaube, ich hörte erst auf zu reden, als ich wieder auf der Treppe stand, die Tür zu war und ich feststellte, daß ich kein Wort gesagt hatte, wer ich war und das. Aber ich brachte es einfach nicht fertig, noch mal zu klingeln und alles zu sagen. Ich weiß nicht, ob das einer versteht, Leute.
Anschließend kroch ich wieder in meine Laube, wie immer. Ich wollte Musik machen und das und machte es auch, bloß, irgendwie popte das nicht. Ich kannte mich damals schon selbst genug, um zu kapieren, daß in dem Fall irgendwas nicht stimmte mit mir. Ich analysierte mich kurz und stellte fest, daß ich sofort damit anfangen wollte, meine Spritze zu bauen. Mein NFG. Ich wußte zwar noch nicht wie. Ich wußte nur, daß sie völlig anders aussehen mußte als die von Addi. Ich wußte zwar, daß es nicht einfach sein würde ohne richtiges Werkzeug und das. Aber es war nie meine Art, vor solchen Schwierigkeiten zurückzuschrecken. Klar war auch, daß die Sache völlig im geheimen stattzufinden hatte. Und dann, wenn sie funktionierte, meine Spritze, wollte ich lässig wie ein Lord bei der Truppe aufkreuzen. Ich weiß nicht, ob mich einer begreift, Leute. Jedenfalls fing ich Idiot noch am selben Tag an, die ganze olle verlassene Kolonie nach brauchbaren Gegenständen abzusuchen. Ich weiß nicht, ob sich einer vorstellen kann, was in so einer Kolonie alles drinsteckt. Ich kann nur sagen, alles, im Ernst, bloß nicht, was ich brauchte. Ich schleppte trotzdem alles ran, was irgendwie brauchbar aussah. Erst mal Material haben, dachte ich. Das war der erste Stein zu meinem Grab, Leute. Der erste Nagel zu meinem Sarg.
»Ich könnte sagen, daß wir ihn ziemlich schnell wieder zurückgeholt haben. Aber das war mehr auf Zarembas Initiative. Im Prinzip war es da schon zu spät. Edgar hatte zu der Zeit schon angefangen, an seinem NFG zu bauen. Zaremba wußte eben auch nicht alles. Wir stöberten ihn in seiner Laube auf. Aber davon, daß er an einer Spritze baute, war nichts zu sehen. Und auf die Idee, in die Küche zu sehen, sind wir leider nicht gekommen.«
Das mit der Küche hätte euch die Bohne was genutzt, die war zugeschlossen. Da hätte ich kein Aas reingelassen. Vielleicht nicht mal Charlie. Ich war am schönsten Bauen. Da sah ich Zarembas Schädel mit seinen verschimmelten Haaren über meiner Hecke auftauchen. Sofort machte ich die Bude dicht, Leute. Ich haute mich auf das olle Sofa und fing an zu husten. Nicht, daß ich krank war oder so, jedenfalls nicht wirklich. Ich hatte zwar Husten. Wahrscheinlich hatte ich mir den bei der Rumkramerei in der ollen Kolonie zugezogen. Vielleicht hätte ich auch anfangen müssen zu heizen. Aber ich hätte auch aufhören können zu husten. Bloß, ich hatte es mir so schön angewöhnt. Es machte sich hervorragend so. Edgar Wibeau, das verkannte Genie, bei der selbstlosen Arbeit an seiner neuesten Erfindung, die Lunge halb weggefressen, und er gibt nicht auf. Ich war ein völliger Idiot, ehrlich. Aber das spornte mich an. Ich weiß nicht, ob das einer begreift. Also diesen Husten hatte ich drauf, als die Truppe meine Bude stürmte. Das heißt, sie stürmte nicht. Sie kamen fein leise. Erst Addi und dann Zaremba. Wahrscheinlich schob ihn der Alte. Diese Kerle dachten glatt, daß sie wegen mir ein schlechtes Gewissen haben mußten oder so. Weil sie mich weggescheucht hatten. Und dann ich mit meinem Husten auf dem Sofa! Ich weiß nicht, ob sich einer vorstellen kann, wie hervorragend ich diesen Husten draufhatte. Außerdem streckte ich noch meine Füße unter der ollen Decke vor, als wenn sie zu kurz gewesen wäre.
Zaremba meinte denn auch: Ahoi! Hast auch schon mal besser gehustet, no? Dann drehte er sich weg, damit Addi seinen Speech loslassen konnte. Addi suchte sich zunächst was zum Festhalten, dann fing er an: Was ich noch sagen wollte, ich bin vielleicht manchmal 'n bißchen geradezu, ist so meine Art, einwandfrei. Müßten wir in Zukunft beide dran denken. Und die Spritze ist ja jetzt passe. Der Zug ist durch, einwandfrei.