Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Sonderbare Idee, ein Meeresmuseum in einem ehemaligen Kloster unterzubringen. Und ebenso sonderbar, daß sie zusammenklangen, das Backsteingemäuer der Katharinen mit den Aquarien, daß strenge Zeichnung, gotischer Silberstift und schweifende Malerei, Spielsinn der Farbe, wirklichkeitsbeschmutzt und nie ganz rein zu haben, so versöhnlich beieinanderwohnten. Vom Gewölbe hing das Skelett eines Finnwals mit schuhförmigem Riesenmaul und armdicken Kiefernbügeln. Kinder, wahrscheinlich aus einem Ferienlager, lärmten unter der schrillstimmigen Aufsicht zweier Erzieherinnen. Das, fand Meno, war das Unangenehme an Naturkundlichen Museen: Immer, sogar in der schulfreien Zeit, wuselten Kinder herum, schrien und kasperten ohne Rücksicht, ohne Sinn für die Faunenstille, schreckten Korallen aus dem Schlaf, brachten selbst aus Kunststoff nachgebildete oder in Formalingläsern vereinsamte Schnecken dazu, ihre Fühler einzuziehen. Warum hielten Menschen die Stille nicht aus? Die Zoologie war eine stille Wissenschaft, er erinnerte sich, während er an präparierten Delphinen und sauerstoffdurchperlten Aquarien vorüberging, an manche Szenen aus seiner Studienzeit in Jena bei Falkenhausen, dem hektischen und schweigsamen Präzeptoren der mitteldeutschen Spinnenwelt, der seinen Vorgänger Haeckel einen Narren, aber einen verdienstvollen, nannte und das Phyletische Museum, das vom Institut betreut wurde, einen Planet Goethe. Kunstformen der Natur. Getrocknete Pflanzen, staubumsponnene Leuchter in Form von Quallen, aus Glas geblasen, Zeichnungen untertassengroßer Kieselalgen, Strahlentierchen, Urnensterne: Ein gestrandetes Königreich versteinerte allmählich.
Kein Lärm mehr, die Kinder waren fort; außer einem im Stuhl dösenden Museumswächter war niemand zu sehen. Jemand leckte Meno die Hand; im Aquarium, vor dem er stehengeblieben war, erschien das treuherzig hechelnde Gesicht eines schwarzen Hundes.
«Entschuldigen Sie. Kastschej ist immer noch ungezogen. Es ist schwer, dieser Rasse etwas beizubringen, aber sie sind gute Hüter. Und wen sie einmal ins Herz geschlossen haben … Guten Tag, Herr Rohde. «Arbogast tippte mit dem Greifenstock leicht gegen die Sportmütze. Der Baron wirkte gesund und frisch, sein sonst graues Gesicht, dem die Stahlbrille noch zusätzliche Kühle gab (jetzt trug er eine Brille mit getönten Tropfengläsern, ein westliches Modell), war tief gebräunt. Wo sonst Uhr und Ring saßen, war die Haut hell geblieben. Arbogast bemerkte den Blick, und indem er Meno mit kennerisch-ciceronehafter Geste einlud, weiterzugehen, erklärte er, daß er die Uhr in diesem Jahr, entgegen seiner Gewohnheit, nicht vor dem Urlaub abgelegt habe, ebenso den Ring, den er bei den Tagesgeschäften überhaupt nicht mehr bemerke; allerdings habe er beim Segeln gestört. Gegenwärtig liege sein Schiff im Hafen von Stralsund. Ob Herr Rohde die Sendung Bleistifte —»wie versprochen!«lächelte Arbogast — bekommen habe?» Nein? Dann ist sie noch unterwegs oder hat Sie nicht mehr getroffen. Sie sind ja gewissermaßen aufgerückt, es hat in unserem Institut einige Veränderungen gegeben. Vermutlich wissen Sie das schon von Fräulein Schevola?«
Meno verneinte.
«Einige meiner Physiker, darunter Herr Kittwitz, sind von einem Kongreß in München nicht zurückgekehrt. Es gab ziemlichen Wirbel. Ich habe mich für sie verwendet, damit sie fahren konnten, doch mißbrauchten sie den Dienst, den ich ihnen erwies. Es gehört eine gewisse Phantasielosigkeit dazu, oder besser: ein gerüttelt Maß an Egoismus, einfach so abzuhauen! Reisen — was ist das schon! Indien wollen sie sehen. In Indien gibt es viel Elend! Und man sollte doch nicht glauben, daß im Westen alles Gold ist, was glänzt.«
Du hast es nötig, dachte Meno, schwieg aber. Die Nachricht von Kittwitz’ Flucht überraschte ihn, gab ihm auch einen Stich, denn obwohl er dem Physiker nur einmal begegnet war, hatte er das Gefühl eines Verlusts: Die Gleichaltrigen bilden eine Gilde; sie achten aufeinander, auch wenn Jahre vergehen und niemand eine Andeutung macht.
«Sie werden denken, daß ich Wasser predige und Wein trinke. «Arbogast wies in einen Raum mit Aquarien, die nach Themen angelegt waren, eines hieß»Die Ostsee«, eines» Symbiosen«, eines» Giftige Meerestiere«. Kastschej zog es zum» Hafenbecken«-Aquarium, in dem Lipp- und Butterfische, junge Dorsche mit Unterkiefer-Barten (Meno mußte an Schiffsarzt Langes Ziegenbärtchen denken), Steinbutte und Makrelen Kreise zogen.
«Ich möchte nicht unhöflich sein; ich für mein Teil würde gern reisen, und ich glaube, mit diesem Wunsch stehe ich nicht allein da. Wie es in der Welt aussieht, möchten viele Menschen sicherlich eher selbst feststellen als stellvertretend festgestellt bekommen. «Meno betrachtete einen dunkelblau getüpfelten Kuckucksrochen, der mit ruhigen Flimmerbewegungen stieg.
«Natürlich. Wir sind da gar nicht auseinander, lieber Rohde. Die Führung sollte diesen Wünschen nachgeben. Unter vier Augen habe ich das dem Generalsekretär auch geraten. Ich fürchte, daß er gezwungen ist, für diese Empfehlung taub zu sein. Leider. In ihrer Gier würden die Menschen den Westen mit dem Paradies verwechseln und nicht zurückkehren. «Arbogast wies auf einige Seenelken, die farbig irisierten.»Aus unseren Züchtungen! Wir sind auf Messen recht erfolgreich. «Er faßte Meno unter den Arm und ging einige Schritte, wie es ein leutselig gestimmter Landesvater mit jemandem» aus dem einfachen Volk «macht, wenn es politisch opportun und eine Kamera in der Nähe ist.»Das Land würde sich leeren wie vor Anno einundsechzig. Die Zeit, bis die Menschen ihren Irrtum eingesehen hätten, würde genügen, daß das nützliche und sinnvolle Experiment Sozialismus kollabiert. Wie stehen unsere Angelegenheiten in der Thomas-Mann-Straße?«Dort befand sich die Zentrale des Hermes-Verlags. Meno zögerte. Arbogast suchte aus der Innentasche seines eleganten, weißleinenen Sommeranzugs ein Brillenetui hervor, wechselte die Gläser und betrachtete vorgebeugt, mit leicht geöffnetem Mund, einen Rotfeuerfisch, der träge seine Stachelflossen fächerte. Die zuckerstangenhaft rotweiß gestreiften Antennen waren aufgerichtet.
«Wir sind auf der langen Bank.«
«Heinz, Heinz«, Arbogast tippte ans Glas, der Rotfeuerfisch drehte ab,»so geht man nicht mit originellen Projekten um. — Sie haben doch Urlaub? In hiesigen Gewässern«, Arbogast hob ironisch eine Braue.
«Auf Hiddensee.«
«Kloster? Hab’ ich’s doch getroffen. Ich kann Sie mitnehmen.«»Wir sind zu sieben«, log Meno.
«Schöne Ziffer. Meist ist einer zuviel, und es gibt Streit. Nichts für ungut, Sie wissen, ich bin für Scherze. Der da ist auch einer, den sollten sie ins Quarantänebecken setzen. «Ein Petermännchen mit halbierter Schwanzflosse lahmte vorüber.»Für mein Schiff wäre es kein Problem, sieben Leute mehr zu transportieren. «Eine regelrechte Jacht sei es, erklärte Arbogast, und natürlich nicht nur zum Boddenschippern gedacht. Auch seine Frau sei mit von der Partie, es gehe über die Ostsee hinauf in die Sowjetunion, er verfüge über die Genehmigungen zum Befahren der Territorialgewässer, Nachtsegelgenehmigung und PM 19, die Erlaubnis zum Törn ins sozialistische Bruderland. Meno zögerte.
«Na, ich habe Sie überfallen. Kommen Sie doch wieder einmal zu unseren Abenden! Man vermißt Sie schon. Wir haben ein interessantes Programm. «Arbogast winkte Kastschej.
Hühnergötter hielten Unheil ab. Im Saisonarzt-Bungalow hingen einige über der Tür zum Warteraum, auf eine verbleichte Wäscheleine gefädelt, zwischen den Steinen durchbohrte blendweiße Muscheln. Einen abzunehmen und für später einzustecken hätte bedeutet, Glück zu stehlen, und das galt nicht; weder Christian noch Robert rührten die Kette an. Echte Hühnergötter waren schwer zu finden. Im graugelben Sand des Boddenstrands fand man leere Tintenpatronen, Glasscherben, vertrockneten Hundekot und wenn es hoch kam einen verrosteten Schlüssel; aber die weißen, von der See rundgeschliffenen Flintsteine mit einem Loch, durch das man eine Schnur ziehen konnte, waren selten. Meist war ein mehr oder minder tiefer Nabel in den Stein gehöhlt. Aufbohren galt nicht. Das Loch mußte durchgängig sein, ein Talisman-Auge für die Aussicht vom Fuhlendorfer Strand über den Bodstedter Bodden bis zum Darß, für die perlmuttweißen Kugeln, die das Badegebiet einkarrierten, den Steg mit Bootshaus, die Reusen weiter draußen, auf denen Kormorane und Möwen hockten; durchgängig für den Ostseehimmel, das Schilf, in dem sich der blaßhaarige, sommersprossige August wiegte. Anne fand den Bodden zu warm, zu flach, zu unappetitlich. Kinder mit bunten Plasteimern bauten Kleckerburgen, warfen im Wasser mit Schlamm, paddelten, während ihre Mütter unter Sonnenschirmen dösten, auf Luftmatratzen und träumten, sie wären auf der Kon-Tiki, unter ihnen fünftausend Fuß Humboldtstrom voller Bonitos und Schlangenmakrelen, über ihnen Passatwolken, vor ihnen Südseeinseln. Im Bodden gab es Kaulbarsche, Plötzen, selten Aalmuttern. Für Zander brauchte man ein Boot. Robert hatte seine Angelausrüstung dabei und ging auf Friedfische, Christian nahm die Spinnrute, knüpfte das Wolfram-Vorfach an eine fünfunddreißiger Schnur grün, warf Löffelspinner und Zepp-Blinker. Kaulbarsche bissen, kleine getüpfelte Kerle mit Stachelflossen und Riesenappetit, manche waren kürzer als der Blinker, den sie für Beute gehalten hatten.