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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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Der Saisonarzt, für drei Wochen im August hieß er wechseltäglich Richard Hoffmann, Niklas Tietze, bewohnte mit Familie den Bungalow an der Dorfstraße. Eine weiße Fahne mit rotem Kreuz wurde ausgerollt und in die Halterung neben einer mückenverklebten Lampe gesteckt. Sobald die Einwohner Fuhlendorfs, des nahen Bodstedt und der Gemeinden bis hin nach Michaelsdorf die Fahne sahen, erinnerten sie sich verschiedener Gebrechen, die den weiten Weg bis in die Poliklinik Barth nicht vertrugen, und besetzten schweigsam und befugt die mit Plastleinen bewickelten Warteraumstühle. Es gab vier Zimmer im Bungalow, davon diente eins als Praxis. Zwei WC (privat und Patienten). Die Zimmer hatten je zwei Doppelstockbetten übereck, zwei Spinde und ein Waschbecken mit Kaltwasserhahn. Wer duschen wollte, packte Badelatschen ein, nahm den Kulturbeutel und ging durch das Ferienlager der Deutschen Post, zu dem der Saisonarztbungalow gehörte, in die Duschbaracke neben der Großküche, wo man seine Siebensachen unter einen der halbblinden Spiegel im Laufgang hängte und auf gebleichten, fußpilzverdächtigen Lattenrosten in den zum Gang offenen Kabinen, von fröhlichen und schimpfenden Stimmen umgeben, auf warmes Wasser wartete. Hoffmanns fuhren seit 1972 nach Fuhlendorf, Richard teilte sich die Praxis mit Kollegen (lange war Hans dabeigewesen), konnte so seiner Familie begehrte Ostseeurlaube bieten und verdiente ein zusätzliches Monatsgehalt. Nur ein einziges Mal war es der Familie gelungen, einen Ferienplatz zu ergattern, der nicht mit Arbeit für Richard verknüpft war: Born am Darßer Bodden, in einem FDGB-Urlauberheim. Das Essen war schlecht gewesen, noch schlechter das Wetter, der Bodden in jenem Jahr voller Quallen und Tang. Wecken mit Flursirene, unabschaltbares Wand-Radio. Dann schon lieber Fuhlendorf, auch wenn die Bungalow-Betten Roßhaarmatratzen hatten, die von Arzt zu Arzt gewendet wurden, und Stahlfederböden, an deren Widerklammern sich Richard, der unten schlief, beim Aufstehen regelmäßig die Kopfhaut aufriß. Tietzes bezogen das Zimmer 1, Hoffmanns das Zimmer 2. Es ging zur Dorfstraße, und Christian wußte, daß das ein Nachteil sein konnte, denn oft grölten Betrunkene, die vom» Nachtangeln «aus dem Café»Redensee «schräg gegenüber kamen, am Bungalow vorüber, wummerten an die Tür, verlangten Krankenschwestern und Flundern. Vor einigen Jahren war im Morgengrauen ein Soldat der sowjetischen Streitkräfte aufgetaucht, hatte mit vorgehaltener Kalaschnikow das Dienstmotorrad, eine altersschwache Zündapp, gefordert, war schlingernd davongebraust und Stunden später gefesselt, links und rechts von finster blickenden Vorgesetzten gehalten, zur Versorgung diverser Knochenbrüche zurückgebracht worden.

Fuhlendorf war Christian sofort wieder vertraut. Die Storchennester auf den reetgedeckten Bauernkaten. Der dauerkläffende Spitz im Grundstück nebenan. Der hellblaue Taubenschlag voller schneeweißer Tauben, deren Gegurr und Geflatter Tietzes gegen die Dorfstraßenrisiken wogen. Das Ferienlager mit den Dutzenden in die Tiefe gestaffelten Bungalows, aus denen Kindergesichter blickten. Die schotterbestreuten, mit weißgestrichenen Steinen gefaßten Wege, erhellt von geschweißten Fliegenpilz-Lampen. Sechs Uhr Wecken per Morgengruß aus den Lager-Lautsprechern. Einmal wöchentlich Sirenenprobe. Appelle, Besteckklappern zu vorgeschriebenen Zeiten in der Lager-Kantine. Sozialistischer Wettbewerb: Wettlauf, Fuß- und Volleyballspiele, Tischtennis auf Betonplatten, die Netze abzuholen gegen Quittung in der Lagerverwaltung. Im Sommerwind flatternde Fahnen.

Christian hatte Erholungsurlaub, den ersehnten E. U. der Armeeangehörigen. Er sprach wenig. Wonach roch es im Bungalow? Trockene Luft, Anisdrops aus der Verkaufsstelle in der Posturlauber-Kantine, die Rolle zu 24 Pfennig, die Drops immer verklebt. Es roch nach den Toiletten, auf deren Spülkästen Weberknechte hockten. Vita-Cola roch nicht, schmeckte aber, eiskalt temperiert vom brummend arbeitenden Kühlschrank des Aufenthaltsraums. Dort stand wie in den vergangenen dreizehn Jahren der» Junost«-Fernseher mit unabänderlich defekter Antenne, lieferte Fernsehen der DDR 1 und 2 sowie ein Grießbrei-Bild des Zweiten Deutschen Fernsehens, das zusätzlich Militärfunk-Ostseewellen störten. Es roch nach dem Verschalungsholz der Außenwände, dem die Winterwetter zusetzten, nach Florena-Sonnencreme, Sand, Heidekraut: Neben dem Bungalow, abgegrenzt von einem Maschendrahtzaun, ging ein Weg in ein Kiefernwäldchen. Bohnerwachs, Insektenmittel, Medikamente. Essigsaure Tonerde gegen Wespenstiche, Ankerplast-Spray als Pflasterersatz, Panthenol gegen Sonnenbrand, Sepso-Tinktur. Die Glasspritzen klirrten in den emaillierten Nierenschalen, schwitzten im Zylinder-Sterilisator Strepto- und Staphylokokken aus. Holzspatel erregten beim bloßen Anblick Würgreiz. Scheren und Skalpelle schwammen in Desinfektionslösung. Mullbinden, Gothaplast, Gummigeruch: auf der Pritsche die backsteinrote, abwaschbare Unterlage, die Klistierballons, der Tritt der beigefarben gelackten Personenwaage, zum Wiederverwenden trocknende, mit Talkum gepuderte Handschuhe. Es roch nach Brackwasser, Luftpumpenluft, nach Zitronenrauch, den Gudrun gegen all die anderen Gerüche im Bungalow versprühte.

«Hiddensee!«hatte Schiffsarzt Lange ebenso neidisch wie anerkennend gerufen.»Da hat unsereiner noch nie Urlaub gemacht. Schreib uns ’ne Karte!«

Ohne das Angebot der Verbandsgewerkschaftsleitung wäre Meno wieder in die Sächsische Schweiz gefahren, hätte sein Stübchen bezogen, einen Bogen Papier in die» Fortuna«-Schreibmaschine gespannt; aber in diesem Jahr, hatte man ihm mitgeteilt, war er an der Reihe, eines der Zimmer im verbandseigenen Erholungsheim» Lietzenburg«»zu Urlaubszwecken zu nutzen«, wie es im Funktionärsdeutsch hieß; beigefügt war eine dreiseitige Hausordnung. Meno wußte, daß er das Privileg, in der» Lietzenburg «zu wohnen, voraussichtlich nur dieses eine Mal haben würde. Der Wartezeitenturnus betrug etwa dreißig Jahre. Menos Antrag lief seit 1974, er hatte also Glück gehabt. Außerdem wurden Verheiratete bevorzugt. Lektoren zählten zum Fußvolk im Verband. Nur der Leiter des Lektorats I in der Verlags-Zentrale sollte es schon zweimal in die» Lietzenburg «geschafft haben.

Die Fähre tuckerte vom Strelasund, über dem sich die nadeligen Risse der Jakobi-, der Marien- und Nikolaikirche in den schweren Himmel hoben, nach Norden, passierte Altefähr auf Rügen, das wiesenflache Ummanz. Arbogasts Schiff fuhr mit halben Segeln eine Weile parallel, dann frischte Wind auf; der Baron, am Steuerrad, nickte Meno zu, der an der Fährenreling stand und den Manövern zusah, die Herr Ritschel, eine Bootsmannspfeife im Mund, den mit gleichmäßigen Bewegungen kletternden Matrosen pfiff. Die Segel faßten Wind, blähten sich, die schwarzkalfaterte Jacht schnitt fast lautlos vorüber, verschwand im Dunst. Meno stopfte die Kugelkopfpfeife, sah in die flaschengrünen Wellen, auf denen Schwimmfeuer flackerten, bot zuerst Judith Schevola, dann Philipp Londoner von seinen» Orient«-Zigaretten an, lauschte den von Lautsprechergeräuschen zerkratzten Erzählungen des graubärtigen Kapitäns über den Dampfer» Caprivi«, der den Dichter Gerhart Hauptmann nach Hiddensee gebracht habe, über die Palucca und ihre Sehnsucht nach Tanz im flachsblonden Licht des Nordens, das man sonnenanbetend und nackt bei Morgenaufgang begrüßte. Zwischen Ankündigungen von Linseneintopf mit heißen Würstchen fragte der Kapitän, ob alle Passagiere eine Münze in der Tasche hätten, denn das, was in den Wellen trügerisch glitzere, könnten die goldgedeckten Dächer Vinetas sein, das alle Jahrhunderte auftauche, um erlöst zu werden. Einem Jungen namens Lütt Matten sei es erschienen, alle Schätze habe es ihm geboten um eine Mark, einen Groschen, einen roten Heller nur, doch der Junge, in Badehose, habe keine Münze bei sich gehabt, und so sei die Stadt klagend wieder versunken.

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