Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
In einem langen Zimmer, in das die Sonne durch große Fenster grell hereinschien, lagen die Kranken und Verwundeten in zwei Reihen, mit den Köpfen nach den Wänden zu, so daß in der Mitte ein Durchgang frei blieb. Ein großer Teil von ihnen schlief oder lag in stumpfer Teilnahmslosigkeit da und beachtete die Eintretenden nicht. Diejenigen, die bei klarem Bewußtsein waren, richteten sich sämtlich auf oder hoben wenigstens ihre mageren, gelblichen Gesichter in die Höhe, und alle blickten mit dem gleichen Gesichtsausdruck, in welchem sich die Hoffnung auf Hilfe mit vorwurfsvollem Neid auf fremde Gesundheit paarte, nach Rostow hin. Rostow ging bis in die Mitte des Zimmers, blickte durch die offenstehenden Türen in die beiden danebenliegenden Zimmer hinein und sah auf beiden Seiten dasselbe Bild. Er blieb stehen und schaute schweigend um sich herum. So etwas zu sehen, darauf war er nicht gefaßt gewesen. Dicht vor ihm lag, fast quer über dem Durchgang in der Mitte, auf dem bloßen Fußboden ein Kranker, wahrscheinlich ein Kosak, da sein Kopf den eigenartigen runden Haarschnitt aufwies. Dieser Kosak lag auf dem Rücken, die großen Arme und Beine weit auseinandergespreizt. Sein Gesicht war blaurot, die Augen vollständig verdreht, so daß nur das Weiße sichtbar war, und an seinen nackten Füßen und den noch rot aussehenden Händen traten die geschwollenen Adern wie Stricke hervor. Er schlug fortwährend mit dem Hinterkopf auf den Fußboden und murmelte etwas mit heiserer Stimme, indem er immer dasselbe Wort wiederholte. Rostow horchte auf das, was er sagte, hin und verstand das Wort, das er fortwährend sprach. Dieses Wort war: »Trinken, trinken, trinken!« Rostow blickte um sich und suchte mit den Augen jemand, der den Kranken auf seinen Platz legen und ihm Wasser reichen könnte.
»Wer wartet hier die Kranken?« fragte er den Heilgehilfen.
In diesem Augenblick kam aus dem anstoßenden Zimmer ein Trainsoldat herein, der den Dienst eines Krankenwärters versah, ging mit strammem Schritt auf Rostow zu und machte vor ihm militärisch Front.
»Wünsche Gesundheit1, Euer Hochwohlgeboren!« schrie dieser Soldat mit lauter Stimme und blickte, die Augen herauspressend, Rostow starr an; er hielt ihn offenbar für einen höheren Lazarettbeamten.
»Schaff doch diesen Mann fort, und gib ihm Wasser«, sagte Rostow, auf den Kosaken weisend.
»Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren«, erwiderte der Soldat mit vergnügtem Gesicht; er verwandte noch größere Anstrengung darauf, die Augen herauszudrücken und strammzustehen, rührte sich aber nicht vom Fleck.
»Nein, hier ist nichts auszurichten«, dachte Rostow und schlug die Augen nieder; er wollte schon das Zimmer verlassen, da bemerkte er, daß von der rechten Seite her ein Blick mit besonderer Absichtlichkeit auf ihn gerichtet war, und sah danach hin. Fast ganz in der Ecke saß auf einem Mantel, mit gelbem, skelettartigem, finsterem Gesicht und unrasiertem grauen Bart, ein alter Soldat und blickte Rostow unverwandt an. Der Nebenmann des alten Soldaten auf der einen Seite flüsterte ihm etwas zu und zeigte dabei auf Rostow. Rostow merkte, daß der Alte ihn um etwas zu bitten beabsichtigte. Er trat näher heran und sah, daß der Alte nur das eine Bein gebogen hielt, das andere aber ihm bis über das Knie hinauf fehlte. Der andere Nebenmann des Alten lag etwas weiter von ihm entfernt, ohne sich zu rühren, mit zurückgeworfenem Kopf; es war ein junger Soldat mit einer wachsartigen Blässe auf dem stumpfnasigen, mit Sommersprossen bedeckten Gesicht; die Augen waren ganz unter die Lider verdreht. Rostow warf einen forschenden Blick auf den stumpfnasigen Soldaten, und ein Schauder lief ihm über den Rücken.
»Aber dieser hier ist ja, wie es scheint …«, wandte er sich an den Heilgehilfen.
»Wir haben schon so gebeten, Euer Wohlgeboren«, sagte der alte Soldat mit zitterndem Unterkiefer. »Schon frühmorgens ist er gestorben. Wir sind ja doch auch Menschen und keine Hunde …«
»Ich werde gleich Leute herschicken und ihn fortschaffen lassen«, sagte der Heilgehilfe eilig. »Bitte, kommen Sie, Euer Wohlgeboren.«
»Ja, wir wollen gehen, wir wollen gehen«, erwiderte Rostow hastig, und indem er mit niedergeschlagenen Augen und in gekrümmter Haltung sich bemühte, unbemerkt durch die Doppelreihe dieser vorwurfsvoll und neidisch nach ihm hinblickenden Augen hindurchzugehen, verließ er das Zimmer.
Fußnoten
1 Der vorschriftsmäßige Gruß.
Anmerkung des Übersetzers.
XVIII
Den Korridor weiter entlang führte der Heilgehilfe Rostow zu der Offiziersabteilung, die aus drei Zimmern bestand, deren Verbindungstüren geöffnet waren. In diesen Zimmern waren Betten vorhanden; die verwundeten und kranken Offiziere saßen und lagen darauf. Einige gingen, mit Lazarettschlafröcken bekleidet, in den Zimmern umher. Die erste Person, auf welche Rostow in den Offizierszimmern traf, war ein kleines, mageres Männchen mit nur einem Arm, das in Schlafmütze und Lazarettschlafrock, eine kleine Tabakspfeife zwischen den Zähnen, im ersten Zimmer auf und ab ging. Rostow blickte ihn an und suchte in seinem Gedächtnis nach, wo er ihn wohl schon gesehen habe.
»Nun sehen Sie einmal, an was für einem Ort uns Gott wieder zusammenführt«, sagte der kleine Mann. »Tuschin, Tuschin; erinnern Sie sich? Ich transportierte Sie bei Schöngrabern auf einem Geschütz. Aber mir haben sie ein Stückchen vom Leib abgeschnitten; da!« fügte er lächelnd hinzu und deutete auf den leeren Rockärmel. »Sie suchen Wasili Dmitrijewitsch Denisow; der ist unser Wohnungskamerad!« sagte er, als er hörte, zu wem Rostow wollte. »Hier, hier!« und Tuschin führte ihn in eines der anderen Zimmer, aus welchem das Gelächter mehrerer Personen heraustönte.
»Wie ist es nur möglich, hier zu lachen, ja überhaupt nur zu leben?« dachte Rostow, der immer noch den Leichengeruch zu spüren glaubte, den er in der Soldatenabteilung eingeatmet hatte, und immer noch um sich herum die neidischen Blicke sah, die ihn von beiden Seiten begleiteten, und das Gesicht des jungen Soldaten mit den gebrochenen Augen.
Denisow lag im Bett, mit dem Kopf unter der Decke, und schlief, obgleich es bald zwölf Uhr war.
»Ah, Rostow! Guten Tag, guten Tag!« schrie er mit derselben lauten Stimme wie ehemals beim Regiment; aber Rostow merkte an Denisows Gesichtsausdruck, Tonfärbung und Worten mit Betrübnis, daß sich hinter dieser gewöhnlichen Form der Ungezwungenheit und Lebhaftigkeit neue Gedanken, Gedanken trauriger Art, verbargen.
Seine Wunde war trotz ihrer Geringfügigkeit immer noch nicht verheilt, obgleich schon sechs Wochen vergangen waren, seit er sie empfangen hatte. Sein Gesicht hatte dasselbe blasse, gedunsene Aussehen, wie die Gesichter aller Lazarettinsassen. Aber das überraschte Rostow nicht sonderlich; was ihn betroffen machte, war, daß Denisow sich über seinen Besuch nicht zu freuen schien, und daß das Lächeln, mit dem er ihn ansah, etwas Gezwungenes hatte. Denisow erkundigte sich weder nach dem Regiment noch nach dem allgemeinen Gang der Dinge. Sooft Rostow davon zu sprechen anfing, hörte Denisow nicht zu.
Rostow hatte sogar die Empfindung, daß es Denisow unangenehm war, an das Regiment und überhaupt an jenes andere, freie Leben, das sich außerhalb des Lazaretts abspielte, erinnert zu werden. Es schien, daß er sich bemühte, jenes frühere Leben zu vergessen, und sich nur noch für seine Affäre mit den Proviantbeamten interessierte. Auf Rostows Frage, in welchem Stadium sich die Angelegenheit befinde, zog er sogleich unter seinem Kopfkissen ein Schreiben, das er von der Gerichtskommission erhalten hatte, und das Konzept seiner Antwort darauf hervor. Sowie er seine Antwort vorzulesen begann, wurde er lebhaft und machte Rostow besonders auf die Anzüglichkeiten aufmerksam, die er seinen Feinden darin gesagt hatte. Denisows Lazarettgenossen, die bereits angefangen hatten, sich um Rostow als einen neuen Ankömmling aus der freien Welt zu sammeln, gingen allmählich wieder auseinander, als Denisow sein Schriftstück vorzulesen begann. An ihren Gesichtern merkte Rostow, daß alle diese Herren diese ganze Geschichte bereits zu wiederholten Malen gehört hatten, und daß sie ihnen schon langweilig geworden war. Nur Denisows Bettnachbar, ein dicker Ulan, blieb auf seiner Matratze sitzen und rauchte mit finster zusammengezogenen Augenbrauen seine Pfeife, und auch der kleine, einarmige Tuschin hörte weiter zu und schüttelte ab und zu mißbilligend mit dem Kopf. Mitten im Vorlesen unterbrach der Ulan Denisow.