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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Denisow wurde noch einmal verbunden und auf das Bett gelegt; er schlief bald ein. Am andern Tag erwachte er in ruhiger, heiterer Stimmung.

Aber am Mittag kam der Regimentsadjutant mit ernster, trüber Miene zu Denisows und Rostows gemeinsamer Erdhütte und überbrachte mit Bedauern ein dienstliches Schreiben vom Regimentskommandeur an den Major Denisow, worin diesem Fragen betreffs des Vorfalls vom vorhergehenden Tag vorgelegt wurden. Der Adjutant teilte mit, die Sache werde voraussichtlich eine recht schlimme Wendung nehmen; es sei eine kriegsgerichtliche Kommission ernannt worden, und bei der jetzt herrschenden Strenge gegen das Marodieren und gegen die Eigenmächtigkeit der einzelnen Truppenteile könne die Sache, im glücklichsten Fall, mit einer Degradation enden.

Von seiten der Beleidigten war der Hergang folgendermaßen dargestellt worden: nach der Wegnahme des Provianttransportes sei der Major Denisow, ohne irgendwie dazu aufgefordert zu sein, in betrunkenem Zustand beim Oberproviantmeister erschienen, habe ihn einen Dieb genannt und ihn mit Schlägen bedroht, und als man ihn dann hinausgebracht habe, sei er in das Bureau gestürzt, habe zwei Beamte mit Schlägen übel zugerichtet und dem einen von ihnen den Arm verrenkt.

Auf die erneuten Fragen Rostows erklärte Denisow lachend, es sei leicht möglich, daß ihm dort noch ein anderer unter die Hände gekommen sei; aber das alles sei Unsinn und dummes Zeug; es fiele ihm gar nicht ein, sich vor irgendeinem Gericht zu fürchten, und wenn diese Schurken sich erdreisten sollten, mit ihm anzubinden, so werde er ihnen eine Antwort erteilen, an die sie lange denken würden.

Denisow sprach geringschätzig von dieser ganzen Angelegenheit; aber Rostow kannte ihn zu gut, als daß er nicht hätte bemerken sollen, daß Denisow im stillen, obwohl er es vor anderen zu verbergen suchte, vor dem Gericht bange war und sich ernste Gedanken über diese Sache machte, von der offenbar zu befürchten war, daß sie für ihn üble Folgen haben werde. Alle Tage kamen nun Dienstschreiben mit Anfragen und gerichtliche Vorladungen, und am ersten Mai wurde Denisow angewiesen, seine Eskadron dem rangältesten Offizier nach ihm zu übergeben und im Hauptquartier des Korps zu erscheinen, um sich wegen der Wegnahme des Provianttransportes und wegen der im Proviantamt verübten Gewalttätigkeiten zu verantworten. Am Tage vor diesem Termin unternahm Platow mit zwei Kosakenregimentern und zwei Husareneskadronen eine größere Rekognoszierung gegen den Feind. Denisow ritt, wie immer, mit seiner Tapferkeit paradierend, über die Vorpostenlinie hinaus; da traf ihn die Kugel eines französischen Tirailleurs in die Weichteile des einen Oberschenkels. Vielleicht hätte sich Denisow zu anderer Zeit um einer so leichten Wunde willen nicht vom Regiment entfernt; aber jetzt benutzte er diesen Unfall, meldete nach dem Hauptquartier, daß er zu dem gerichtlichen Termin nicht erscheinen könne, und begab sich ins Lazarett.

XVII

Im Juni fand die Schlacht bei Friedland statt, an welcher die Pawlograder nicht teilnahmen, und gleich darauf wurde der Waffenstillstand verkündigt. Rostow, der die Abwesenheit seines Freundes schmerzlich empfand und seit dessen Weggang keine Nachricht von ihm hatte und sich über den Gang seiner Gerichtssache und um seine Wunde beunruhigte, benutzte den Waffenstillstand und erbat sich Urlaub, um sich im Lazarett nach Denisow umzusehen.

Das Lazarett befand sich in einem kleinen preußischen Städtchen, das zweimal durch russische und französische Truppen verwüstet worden war. Gerade weil es Sommer und draußen auf dem Feld so schön war, bot dieses Städtchen mit den durchlöcherten Dächern, den zerbrochenen Zäunen, den schmutzigen Straßen, den zerlumpten Einwohnern und den betrunkenen und kranken Soldaten, die sich dort umhertrieben, ein besonders trauriges Schauspiel.

In einem steinernen Gebäude, an welchem die Fensterrahmen und Fensterscheiben zum Teil herausgeschlagen waren, war das Lazarett untergebracht. Auf dem Hof, der von Überresten eines zerbrochenen Zaunes umgeben war, gingen und saßen in der Sonne einige blaß und geschwollen aussehende Soldaten mit Verbänden.

Sowie Rostow in die Haustür trat, schlug ihm der Krankenhaus- und Verwesungsgeruch entgegen. Auf der Treppe begegnete er einem russischen Militärarzt mit der Zigarre im Mund. Hinter dem Arzt her kam ein russischer Heilgehilfe.

»Ich kann mich doch nicht zerreißen«, sagte der Arzt. »Komm heut abend zu Makar Alexejewitsch; ich werde dasein.«

Der Heilgehilfe fragte ihn nach etwas.

»Ach, mach das, wie du willst! Es ist ja ganz gleich!« Der Arzt erblickte Rostow, der die Treppe heraufkam. »Was wollen Sie hier, Euer Wohlgeboren?« sagte er. »Was wollen Sie hier? Sie wollen sich wohl, da Sie keine Kugel getroffen hat, hier den Typhus holen? Das ist hier ein Haus der Ansteckung, bester Herr!«

»Wieso?« fragte Rostow.

»Typhus, bester Herr! Wer hereinkommt, stirbt. Nur wir beide, ich und Makjejew« (er zeigte auf den Heilgehilfen), »rackern uns hier noch ab. Von uns Ärzten sind hier schon fünfe weggestorben. Wenn ein neuer hier antritt, so ist er in einer Woche fertig«, sagte der Arzt mit sichtlichem Vergnügen. »Wir haben um preußische Ärzte gebeten; aber unsere Verbündeten haben keine Neigung herzukommen.«

Rostow erklärte ihm, er wünsche einen Husarenmajor Denisow, der hier liege, zu besuchen.

»Weiß nichts von ihm; kenne ich nicht, bester Herr. Bedenken Sie nur: ich allein habe drei Lazarette mit mehr als vierhundert Kranken! Ein Glück noch, daß wohltätige preußische Damen uns Kaffee und Scharpie schicken, zwei Pfund monatlich; sonst wären wir ganz verloren.« Er lachte. »Vierhundert, bester Herr, und dabei schicken sie mir immer noch neue her. Es sind ja doch wohl vierhundert, nicht wahr?« wandte er sich an den Heilgehilfen. Der Heilgehilfe sah erschöpft aus. Offenbar wartete er mit Ungeduld, ob der redselige Doktor nicht bald weggehen werde.

»Ein Major Denisow«, sagte Rostow noch einmal. »Er ist bei Molitten verwundet worden.«

»Der wird wohl gestorben sein. Nicht wahr, Makjejew?« fragte der Arzt in gleichgültigem Ton den Heilgehilfen.

Der Heilgehilfe jedoch gab keine bejahende Antwort.

»War das so ein langer, mit rötlichem Haar?« fragte der Arzt.

Rostow beschrieb Denisows Äußeres.

»Ja, ja, so einer ist hiergewesen!« rief der Arzt erfreut. »Der ist wahrscheinlich gestorben; übrigens kann ich es ja genauer feststellen lassen; es ist eine Liste bei uns vorhanden. Hast du die Liste, Makjejew?«

»Die Liste ist bei Makar Alexejewitsch«, antwortete der Heilgehilfe. »Aber kommen Sie doch in die Offiziersstuben herein; da können Sie ja selbst sehen, ob der Herr da ist«, fügte er, sich zu Rostow wendend, hinzu.

»Ach, gehen Sie lieber nicht hinein, bester Herr«, sagte der Arzt, »sonst müssen Sie am Ende noch selbst hierbleiben.«

Aber Rostow machte dem Arzt eine Abschiedsverbeugung und bat den Heilgehilfen, ihn zu führen.

»Aber machen Sie mir nachher keine Vorwürfe!« rief ihm der Arzt noch vom Fuß der Treppe aus nach.

Rostow betrat mit dem Heilgehilfen einen Korridor. Der Lazarettgeruch war auf diesem dunklen Korridor so stark, daß Rostow nach seiner Nase griff und einen Augenblick stehenbleiben mußte, um zum Weitergehen Kraft zu sammeln. Auf der rechten Seite öffnete sich eine Tür, und es schob sich ein auf Krücken gehender, hagerer Mann mit gelblicher Hautfarbe heraus; er war barfuß und nur mit Unterzeug bekleidet. Sich an den Türpfosten lehnend, blickte er mit neidisch funkelnden Augen die Vorübergehenden an. Bei einem Blick durch die Tür sah Rostow, daß die Kranken und Verwundeten dort auf dem Fußboden lagen, auf Stroh und Mänteln.

»Darf ich hineingehen und es mir ansehen?« fragte Rostow.

»Was ist daran zu sehen?« erwiderte der Heilgehilfe.

Aber gerade weil der Heilgehilfe ihn augenscheinlich nicht gern hineinließ, trat Rostow in dieses Soldatenzimmer ein. Der Geruch, an den er sich auf dem Korridor schon einigermaßen gewöhnt gehabt hatte, war hier noch stärker. Er nahm sich hier etwas anders aus: er war schärfer, und es war zu merken, daß er gerade von hier ausging.

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