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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ihr Wortspiel ist sehr schlecht, zwar sehr geistreich, aber ungerecht«, bemerkte Anna Pawlowna und drohte dem Fürsten Ippolit mit ihrem runzligen Finger. »Wir führen nicht Krieg für den König von Preußen, sondern für die Prinzipien der Ordnung und der Gerechtigkeit. Ach, was dieser Fürst Ippolit für ein böser, böser Mensch ist!«

Das Gespräch verstummte den ganzen Abend hindurch keinen Augenblick und drehte sich vorwiegend um Neuigkeiten der Politik. Gegen Ende des Zusammenseins wurde es ganz besonders lebhaft, als man auf die vom Kaiser verliehenen Belohnungen zu sprechen kam.

»Im vorigen Jahr hat doch N.N. eine Tabatiere mit dem Porträt des Kaisers erhalten«, sagte der Mann mit dem tiefen Geist. »Warum sollte S.S. nicht dieselbe Belohnung bekommen können?«

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte der andere Diplomat. »Eine Tabatiere mit dem Porträt des Kaisers ist eben eine Belohnung, aber nicht eine Auszeichnung; man könnte eher sagen: ein Geschenk.«

»Es hat aber doch Präzedenzfälle gegeben; ich möchte auf Schwarzenberg verweisen.«

»Nein, es ist unmöglich«, erwiderte der andere.

»Wollen wir wetten? Der Großkordon, das wäre ja etwas ganz anderes …«

Als sich alle erhoben, um sich zu empfehlen, wandte sich Helene, die den ganzen Abend nur wenig gesprochen hatte, wieder mit derselben Bitte an Boris; sie forderte ihn freundlich und bedeutsam auf, sie am Dienstag zu besuchen.

»Es liegt mir sehr viel daran«, sagte sie lächelnd und blickte dabei Anna Pawlowna an, und diese unterstützte Helenes Wunsch, wobei sie dasselbe trübe Lächeln zeigte, mit welchem sie ihre Worte zu begleiten pflegte, wenn sie von ihrer hohen Gönnerin sprach.

Es schien, als ob an diesem Abend Helene aus einigen Äußerungen, die Boris über das preußische Heer getan hatte, plötzlich die Notwendigkeit erkannt hätte, mit ihm bekanntzuwerden. Sie versprach ihm gewissermaßen, ihm diese Notwendigkeit zu erklären, wenn er am Dienstag zu ihr käme.

Als jedoch Boris am Dienstag abend in Helenes prächtigem Salon erschien, erhielt er keine deutliche Erklärung darüber, warum sein Besuch eigentlich so notwendig gewesen war. Es waren noch andere Gäste da; die Gräfin redete nur wenig mit ihm, und erst beim Abschied, als er ihr die Hand küßte, flüsterte sie ihm plötzlich, und zwar merkwürdigerweise ohne das gewöhnliche Lächeln, zu: »Kommen Sie morgen abend … zum Diner. Sie müssen kommen … Kommen Sie.«

Während dieses seines Aufenthalts in Petersburg wurde Boris Hausfreund bei der Gräfin Besuchowa.

VIII

Der Krieg war entbrannt, und der Schauplatz desselben näherte sich den russischen Grenzen. Überall hörte man Verwünschungen gegen Bonaparte, den Feind des Menschengeschlechts, ausstoßen; in den Dörfern wurden die Landwehrleute und Rekruten zusammenberufen, und vom Kriegsschauplatz kamen einander widersprechende Nachrichten, die unwahr waren, wie immer, und daher auf die mannigfachste Weise gedeutet wurden.

Das Leben des alten Fürsten Bolkonski, des Fürsten Andrei und der Prinzessin Marja hatte sich seit dem Jahr 1805 in vieler Hinsicht geändert.

Im Jahr 1806 war dem alten Fürsten die Stelle eines Oberkommandierenden der Landwehr übertragen worden, wie solcher Stellen in ganz Rußland acht eingerichtet worden waren. Trotz seiner Altersschwäche, die sich namentlich damals fühlbar gemacht hatte, als er seinen Sohn tot glaubte, hielt sich der alte Fürst nicht für berechtigt, ein Amt abzulehnen, zu dem er durch den Kaiser selbst ernannt worden war, und diese neue Tätigkeit, die sich ihm darbot, diente zu seiner Belebung und Kräftigung. Er war beständig auf Reisen in den drei ihm übertragenen Gouvernements, bewies eine fast pedantische Genauigkeit in der Erfüllung seiner Pflichten, war streng bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen und kümmerte sich persönlich um die kleinsten Einzelheiten in seinem Amtsbereich. Prinzessin Marja hatte jetzt keine Mathematikstunden mehr bei ihrem Vater; sie kam zwar auch jetzt morgens in sein Zimmer, wenn er zu Hause war, aber in Begleitung der Amme, mit dem kleinen Fürsten Nikolai, wie ihn der Großvater nannte. Der Säugling Fürst Nikolai wohnte mit der Amme und der Kinderfrau Sawischna in den Zimmern der verstorbenen Fürstin, und die Prinzessin Marja verbrachte den größten Teil des Tages in der Kinderstube und suchte, so gut sie es verstand, ihrem kleinen Neffen die Mutter zu ersetzen. Mademoiselle Bourienne liebte, wie es schien, den Knaben ebenfalls leidenschaftlich, und Prinzessin Marja überließ oft, obwohl sie dabei sich selbst beraubte, ihrer Freundin den Genuß, den kleinen Engel, wie sie ihren Neffen nannte, zu warten und mit ihm zu spielen.

In der Kirche von Lysyje-Gory war neben dem Allerheiligsten über der Gruft der kleinen Fürstin eine Kapelle errichtet und in der Kapelle ein in Italien gearbeitetes Marmordenkmal aufgestellt, welches einen Engel darstellte, der seine Flügel auseinanderbreitet und sich anschickt, sich zum Himmel zu erheben. Bei dem Engel war die Oberlippe ein wenig hinaufgezogen, wie wenn er lächeln wollte, und als eines Tages Fürst Andrei und Prinzessin Marja aus der Kapelle herauskamen, gestanden sie einer dem andern, daß das Gesicht dieses Engels sie seltsam an das Gesicht der Verstorbenen erinnerte. Aber was noch seltsamer scheinen konnte, und was Fürst Andrei seiner Schwester nicht sagte, das war, daß in dem Ausdruck, den der Künstler dem Gesicht des Engels zufällig gegeben hatte, Fürst Andrei dieselben sanft vorwurfsvollen Worte zu lesen glaubte, die er damals auf dem Gesicht seiner toten Frau gelesen hatte: »Ach, warum habt ihr das mit mir gemacht …?«

Bald nach der Rückkehr des Fürsten Andrei hatte der alte Fürst seinem Sohn einen Teil des Familienbesitzes als Eigentum zugewiesen: er hatte ihm das große Gut Bogutscharowo gegeben, das etwa vierzig Werst von Lysyje-Gory entfernt lag. Teils wegen der schmerzlichen Erinnerungen, die sich für ihn an Lysyje-Gory knüpften, teils weil Fürst Andrei sich nicht immer imstande fühlte, das eigenartige Wesen seines Vaters zu ertragen, teils auch, weil es ihm ein Bedürfnis war, allein zu sein, benutzte Fürst Andrei Bogutscharowo es als eigentlichen Wohnort, fing dort an zu bauen und verbrachte dort seine meiste Zeit.

Fürst Andrei hatte sich nach der Schlacht bei Austerlitz fest vorgenommen, nie wieder beim Militär zu dienen; als nun der neue Krieg begann und alle eintreten mußten, übernahm er, um vom aktiven Dienst freizukommen, unter seinem Vater als Vorgesetztem eine dienstliche Tätigkeit bei der Einberufung der Landwehr. Der alte Fürst und sein Sohn hatten nach dem Feldzug von 1805 gleichsam miteinander die Rollen vertauscht. Der alte Fürst, durch seine Beschäftigung neu belebt, erwartete von dem jetzigen Feldzug alles Gute; Fürst Andrei dagegen, der an dem Krieg nicht teilnahm und das in der geheimsten Tiefe seiner Seele bedauerte, sah nur Schlimmes voraus.

Am 26. Februar 1807 hatte der alte Fürst eine Dienstreise durch seinen Distrikt angetreten; Fürst Andrei war, wie meist, wenn sein Vater abwesend war, in Lysyje-Gory geblieben. Der kleine Nikolai war schon seit drei Tagen krank. Die Kutscher, die den alten Fürsten gefahren hatten, waren aus der Stadt zurückgekehrt und hatten Briefe und dienstliche Papiere für den Fürsten Andrei mitgebracht.

Da der Kammerdiener mit den Briefen den jungen Fürsten nicht in seinem Zimmer gefunden hatte, so ging er nach den Räumen der Prinzessin Marja; aber auch dort war er nicht. Es wurde dem Kammerdiener gesagt, der Fürst sei in die Kinderstube gegangen.

»Petja ist mit Papieren gekommen; wenn Euer Durchlaucht sie vielleicht in Empfang nehmen wollen …«, sagte eines der Mädchen, die der Kinderfrau zur Hand gingen, zu dem Fürsten Andrei, der mit finsterem Gesicht auf einem kleinen Kinderstuhl saß und mit zitternden Händen Tropfen aus einem Arzneifläschchen in ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas tat.

»Was gibt es?« fragte er ärgerlich, und unvorsichtig mit der Hand zuckend, tat er aus dem Fläschchen zu viel Tropfen in das Glas. Er schüttete das Wasser mit der Arznei aus dem Glas auf den Fußboden und verlangte anderes Wasser. Das Mädchen reichte es ihm.

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