Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Anna Pawlowna reichte ihm ihre magere Hand zum Kuß, machte ihn mit einigen ihm noch fremden Personen bekannt und gab ihm bei einer jeden im Flüsterton eine kurze Charakteristik.
»Fürst Ippolit Kuragin, ein allerliebster junger Mann. Herr Krug, Geschäftsträger aus Kopenhagen, ein tiefer Geist.« Und dann schlechthin: »Herr Schitow, ein Mann von großen Verdiensten«, mit Bezug auf den Herrn, dem dieses Etikett verliehen war.
Boris war nach verhältnismäßig kurzer Dienstzeit dank den unablässigen Bemühungen seiner Mutter Anna Michailowna sowie dank seinen eigenen gewandten Manieren und seinem klug zurückhaltenden Wesen bereits in eine sehr vorteilhafte dienstliche Stellung gelangt. Er war Adjutant bei einer hochgestellten Persönlichkeit, hatte einen sehr wichtigen Auftrag nach Preußen gehabt und war soeben von dort als Kurier zurückgekommen. Er hatte sich in jenes ungeschriebene Reglement über die Subordinationsverhältnisse, das ihm in Olmütz so gut gefallen hatte, vollständig eingelebt, jenes Reglement, nach welchem ein Fähnrich sehr viel höher stehen konnte als ein General, und nach welchem zu einer guten Karriere nicht Anstrengung im Dienst, Arbeit, Tapferkeit, Ausdauer erforderlich waren, sondern nur die Kunst, mit denjenigen gut zu verkehren, die die dienstlichen Belohnungen zu verteilen hatten – und er wunderte sich oft selbst über sein schnelles Vorwärtskommen, und wie es möglich war, daß andere sich auf diesen Weg nicht verstanden. Infolge dieser seiner Entdeckung hatten seine ganze Lebensweise, alle seine Beziehungen zu früheren Bekannten, alle seine Pläne für die Zukunft eine vollständige Umänderung erfahren. Er war nicht reich; aber er verwandte sein letztes Geld darauf, sich besser zu kleiden als andere; er hätte lieber auf viele Vergnügungen verzichtet, als daß er es sich erlaubt hätte, auf den Straßen Petersburgs in einem schlechten Wagen zu fahren oder sich in einer alten Uniform sehen zu lassen. Er unterhielt und suchte Verkehr nur mit solchen Leuten, die über ihm standen und ihm daher nützlich sein konnten. Er liebte Petersburg und verachtete Moskau. Die Erinnerung an das Rostowsche Haus und an seine kindische Liebe zu Natascha war ihm peinlich, und seit seiner Abreise zur Armee war er kein einziges Mal mehr bei Rostows gewesen. In Anna Pawlownas Salon anwesend sein zu dürfen, hielt er für eine bedeutende Förderung auf der dienstlichen Laufbahn, und er erfaßte jetzt sofort mit vollem Verständnis die von ihm zu spielende Rolle. Er überließ es zunächst Anna Pawlowna, was an ihm Interessantes sein mochte, zur Reklame für ihn zu benutzen, beobachtete aufmerksam jeden der Anwesenden, schätzte die Vorteile ab, die er von einem jeden haben konnte, und erwog die Möglichkeit, diesem und jenem näherzutreten. Er setzte sich auf den ihm angewiesenen Platz neben die schöne Helene und hörte dem allgemeinen Gespräch zu.
»Wien ist der Ansicht«, sagte der dänische Geschäftsträger, »die Basis des vorgeschlagenen Vertrages sei so unerreichbar, daß man nicht einmal durch eine Reihe der glänzendsten Erfolge würde zu ihr gelangen können, und bezweifelt, daß wir die Mittel hätten, solche Erfolge zu erzielen. Dies ist der authentische Text der Hauptstelle in der Antwort des Wiener Kabinetts.« Und dann fügte er als tiefer Geist mit feinem Lächeln hinzu: »Der Ausdruck des Zweifels kann nur schmeichelhaft sein!«
»Man muß zwischen dem Wiener Kabinett und dem Kaiser von Österreich unterscheiden«, bemerkte Mortemart. »Dem Kaiser von Österreich hat ein solcher Gedanke nie kommen können; es ist nur das Kabinett, das in dieser Weise spricht.«
»Ach, mein lieber Vicomte«, mischte sich hier Anna Pawlowna in das Gespräch. »Europa« (das Gespräch wurde in französischer Sprache geführt, und Anna Pawlowna bediente sich dabei der Aussprache: »l’Urope«, eine besondere Feinheit, die sie meinte sich im Gespräch mit einem Franzosen gestatten zu dürfen), »Europa wird niemals unser aufrichtiger Bundesgenosse sein.«
Hierauf lenkte Anna Pawlowna das Gespräch auf die Mannhaftigkeit und Festigkeit des Königs von Preußen, in der Absicht, Boris zur Beteiligung zu veranlassen.
Boris hatte bisher einem jeden, der sprach, aufmerksam zugehört und gewartet, bis die Reihe an ihn selbst kommen werde, hatte aber dabei gleichzeitig Gelegenheit gefunden, wiederholt seine Nachbarin, die schöne Helene, anzuschauen, welche die Blicke des hübschen jungen Adjutanten mehrmals mit einem Lächeln erwiderte.
Da Anna Pawlowna von der Lage sprach, in der sich Preußen befand, so machte es sich ganz natürlich, daß sie Boris bat, von seiner Reise nach Glogau und von dem Zustand zu erzählen, in dem er das preußische Heer getroffen habe. Boris erzählte in ruhiger Redeweise und in reinem, korrektem Französisch eine Menge interessanter Einzelheiten über die Truppen und über den Hof, vermied es aber während seiner ganzen Erzählung sorgfältig, über die Tatsachen, die er berichtete, seine eigene Meinung zum Ausdruck zu bringen. Eine Zeitlang bildete Boris den Mittelpunkt für die allgemeine Aufmerksamkeit, und Anna Pawlowna merkte, daß er von allen ihren Gästen mit Vergnügen angenommen wurde. Noch größeres Interesse als alle übrigen legte für die Erzählung des jungen Adjutanten Helene an den Tag. Sie befragte ihn mehrmals nach allerlei Einzelheiten seiner Fahrt und schien sich für die Lage der preußischen Armee außerordentlich zu interessieren. Sobald er mit seinen Mitteilungen zu Ende war, wandte sie sich an ihn mit ihrem gewöhnlichen Lächeln:
»Sie müssen mich unbedingt besuchen«, sagte sie zu ihm in einem Ton, als ob dies aus gewissen Gründen, die er nicht wissen dürfe, schlechterdings notwendig sei. »Dienstag zwischen acht und neun Uhr. Sie werden mir damit eine große Freude bereiten.«
Boris versprach, ihren Wunsch zu erfüllen, und wollte ein Gespräch mit ihr beginnen, als Anna Pawlowna die Tante zum Vorwand benutzte, um ihn wegzurufen: diese wünsche eine Auskunft von ihm zu erhalten.
»Sie kennen ja wohl ihren Mann?« sagte Anna Pawlowna, indem sie die Augen einen Augenblick schloß und mit einer traurigen Gebärde nach Helene hindeutete: »Ach, sie ist eine so unglückliche, so reizende Frau! Reden Sie in ihrer Gegenwart nie von ihm; bitte, ja nicht! Es ist ihr zu schmerzlich.«
VII
Als Boris und Anna Pawlowna wieder zu dem allgemeinen Kreis zurückkehrten, unternahm es dort gerade Fürst Ippolit, etwas zur Unterhaltung beizusteuern.
Er bog sich aus seinem Lehnsessel hinaus nach vorn, sagte: »Le roi de Prusse« und brach dann in ein Gelächter aus. Alle wandten sich zu ihm hin.
»Le roi de Prusse?« wiederholte Ippolit noch einmal im Ton der Frage, lachte wieder auf und setzte sich wieder mit ruhiger, ernster Miene in den Fond des Sessels zurück. Anna Pawlowna wartete ein Weilchen, was er weiter sagen würde; aber da Ippolit absolut nichts hinzufügen zu wollen schien, so fing sie an davon zu sprechen, wie der gottlose Bonaparte in Potsdam den Degen Friedrichs des Großen entwendet habe.
»›Es ist der Degen Friedrichs des Großen, den ich …‹«, begann sie die Worte Napoleons zu zitieren; aber Ippolit unterbrach sie, indem er zum drittenmal sagte:
»Le roi de Prusse …« Und dann, sowie die andern sich zu ihm wandten, machte er eine Miene, als ob er um Entschuldigung bäte, und verstummte wieder.
Anna Pawlowna runzelte die Stirn. Mortemart, Ippolits Freund, fragte ihn in entschiedenem Ton:
»Nun also, was ist denn mit dem König von Preußen?«
Ippolit lachte, schien sich aber seines Lachens selbst zu schämen.
»Ach, gar nichts; ich wollte nur sagen …« (Er beabsichtigte, einen Scherz vorzutragen, den er in Wien gehört hatte und den er den ganzen Abend über anzubringen versucht hatte.) »Ich wollte nur sagen, daß es von uns eine Torheit ist, Krieg zu führen pour le roi de Prusse.«
Boris lächelte vorsichtig, so daß sein Lächeln als Ironie oder als Beifallsäußerung für den Witz aufgefaßt werden konnte, je nach der Aufnahme, die der Witz finden werde. Alle lachten.