Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Es lässt sich kaum etwas Malerischeres denken als diese wandelnde Illumination, die auf ihrem Weg die herrlichsten Landschaften in ihr Licht tauchte, Landschaften, die sich ununterbrochen veränderten: Im einen Augenblick bot sich dem Auge eine mit dichten Baumgruppen bestückte Ebene, im nächsten ragte ein Berg empor, über dem man das Kreuz des Südens funkeln sah, und im wieder nächsten gaben Berge und Wälder unversehens den Blick auf die endlose Weite des Meeres frei, dessen unbewegte Oberfläche den silbrigen Schein des Mondes wie ein Spiegel zurückwarf. Das Licht der Fackelträger störte mannigfaltiges Wild auf, Hirsche, Wildschweine, Hasen, bei dessen Anblick Freudenrufe laut wurden und die Fackeln die Jagdbeute einzukreisen versuchten, woraufhin diese vor ihren Verfolgern ausriss, so dass deren Fackeln ein langes Band aus Feuer bildeten; wenn das Tier ihnen dann entkam, verstreuten sich die einzelnen Flammen und sammelten sich wieder zum Gefolge der Reisenden; doch am vielleicht bemerkenswertesten an diesem Rückweg war, dass er mitten durch den Wohnort der Malabaren führte. Die Île de France, Zuflucht für Menschen aus ganz Indien, besaß auch eine malabrische Bevölkerung; diese Flüchtlinge von der südöstlichen Küste Indiens, die an das arabische Meer grenzt, haben sich zu einem eigenen Stadtteil zusammengefunden, in dem sie unter sich leben und sterben, wenn man es so nennen will. In einigen Häusern brannte noch Licht, doch in allen Fenstern und Türöffnungen zeigten sich die schönen olivbraunen Gesichter der Frauen mit ihren großen schwarzen Augen und seidigen Haaren. Fast ausnahmslos waren die Frauen in lange Gewänder aus Leinen oder Batist gekleidet, goldene oder silberne Armringe an den Armen und Ringe an den Zehen, so dass man sie mit ihren ebenmäßigen Zügen und in ihren langen weißen Gewändern für ausgegrabene römische oder griechische Statuen hätte halten können.
Vom Viertel der Malabaren ging es zurück in die Rue de Paris und von dieser in die Rue du Gouvernement, wo der Hotelier des Hôtel des Étrangers seine Gäste vor der Tür mit allen Ehrenbezeigungen empfing.
Die zwei jungen Mädchen waren sichtlich ruhebedürftig, denn so sanft die Bewegung der Sänfte ist, ermüdet sie den, der daran nicht gewöhnt ist, beträchtlich. Hélène und Jane verabschiedeten sich daher alsbald von René, nicht ohne ihm für den herrlichen Tag zu danken, den er ihnen verschafft hatte. In ihrem Zimmer nahm Hélènes Gesicht wieder den melancholischen Ausdruck an, den sie bislang unterdrückt hatte, und in einem Ton des Kummers, nicht des Vorwurfs, sagte sie zu ihrer Schwester: »Jane! Jane, ich glaube, es wäre an der Zeit, dass wir für unseren Vater beten.«
Jane schossen die Tränen aus den Augen, sie warf sich ihrer Schwester in die Arme, kniete dann neben ihrem Bett nieder, bekreuzigte sich und flüsterte: »O Vater, vergebt mir!«
Wovon sprachen diese Worte?
Zweifellos von einer neuen Empfindung, die in ihrem Herzen keimte und die im Verein mit ungewohnten Belustigungen und dem Ortswechsel die Erinnerung an ihren Vater überschattet hatte.
62
Die Runner of New York
Am nächsten Tag sprach René bei Surcouf vor, sobald es hell war; Surcouf lag noch im Bett, war aber schon wach.
»Mein lieber René«, sagte Surcouf, als René eintrat, »Sie laden uns zu einem Frühstück im Grünen ein und verwöhnen uns mit einem wahrhaft königlichen Festschmaus. Das Frühstück im Grünen hätte ich angenommen, aber ich muss Sie warnen, dass Bléas und ich übereingekommen sind, uns die Kosten für diesen Ausflug mit Ihnen zu teilen.«
»Verehrter Kommandant«, sagte René, »ich will Sie um einen Gefallen bitten, der mich verpflichten wird, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um Sie zufriedenzustellen.«
»Sprechen Sie, mein Lieber, und sofern die Sache nicht völlig unmöglich ist, sei Ihre Bitte Ihnen im Voraus gewährt.«
»Ich möchte Sie bitten, mich unter einem beliebigen Vorwand an die Küste von Pegu zu schicken. Sie sind auf der Île de France monatelang festgehalten, und ich bitte Sie um sechs Wochen Urlaub; danach werde ich mich Ihnen anschließen, wo immer Sie sich befinden mögen.«
»Ich verstehe«, sagte Surcouf und lachte. »Ich habe Sie zum Vormund der zwei hübschen Mädchen ernannt, deren Vater wir unbeabsichtigt getötet haben, und Sie wollen Ihre Vormundschaft mit größter Gründlichkeit erfüllen.«
»Was Sie sagen, ist so unwahr nicht, Monsieur Surcouf; doch als jemand, der in Ihren Gedanken mehr liest, als Ihre Worte sagen, will ich Ihnen verraten, dass mich nicht die Liebe zu dieser Fahrt veranlasst, zu der ich bereits entschlossen war, als ich dem Sklavenhändler sein Schiff abkaufte, vorausgesetzt, ich erhielte Ihre Erlaubnis. Ich weiß nicht, wie mein Geschick beschaffen ist, doch es würde mich verdrießen, der indischen Küste so nahe gewesen zu sein, ohne eine der famosen Tigeroder Elefantenjagden mitgemacht zu haben, die den Teilnehmern ein stärkeres Lebensgefühl vermitteln, weil sie dem Tod ins Auge geblickt haben. Und bei dieser Gelegenheit will ich die zwei Waisen nach Hause geleiten, denen ich eine Anteilnahme entgegenbringe, deren Grund ich niemals verraten werde. Sie denken an Liebe, verehrter Kommandant; ich zähle noch keine sechsundzwanzig Jahre, doch mein Herz ist so tot, als zählte ich ihrer achtzig. Ich bin dazu verurteilt, mir die Zeit zu vertreiben, mein lieber Surcouf. Und ich würde sie mir gern damit vertreiben, dass ich etwas Außergewöhnliches erlebe. Mein Herz, das keine Liebe empfinden kann, will ich mit anderen Empfindungen beleben; erlauben Sie mir, sie zu suchen, und helfen Sie mir, sie zu finden, indem Sie mich für eine Zeit von sechs Wochen bis zu zwei Monaten beurlauben.«
»Und wie wollen Sie fahren?«, fragte Surcouf. »Etwa mit Ihrer Nussschale?«
»Ja, ganz genau«, erwiderte René. »Sie wissen, dass ich das Schiff unter amerikanischer Flagge und mit amerikanischen Papieren gekauft habe. Mein Englisch ist so tadellos, dass kein Engländer oder Amerikaner es wagen würde, meine Herkunft aus London oder New York zu bezweifeln. Die Amerikaner sind mit aller Welt im Frieden. Ich fahre unter amerikanischer Flagge. Man wird mich meiner Wege ziehen lassen, und wenn nicht, dann werde ich mich ausweisen. Was sagen Sie dazu?«
»Und Sie wollen Ihre zwei schönen Begleiterinnen in einem Schiff fahren lassen, das eine Ladung Negersklaven befördert hat?«
»Verehrter Kommandant, in zwei Wochen werden Sie die Runner of New York nicht wiedererkennen; äußerlich wird sie sich nicht verändert haben bis auf einen neuen Anstrich; doch im Inneren wird sie sich dank der erlesenen Hölzer und der prachtvollen Stoffe, die ich gestern erstand, in ein wahres Kleinod verwandelt haben, vorausgesetzt, Sie gewähren mir den erbetenen Urlaub.«
»Ihr Urlaub«, erwiderte Surcouf, »war Ihnen gewährt, sobald Sie darum baten.«
»Dann bleibt mir nur noch, Sie um die Adresse des besten Schiffsausstatters zu bitten, den Sie in Port Louis kennen.«
»Ich werde mich für Sie verbürgen, junger Freund«, sagte Surcouf, »und sollten die Kosten höher ausfallen als von Ihnen kalkuliert, werde ich für die Differenz aufkommen, egal in welcher Höhe.«
»Für diesen neuen Freundschaftsdienst wäre ich Ihnen gerne zu Dank verpflichtet, verehrter Kommandant, doch allein mit der Adresse wäre ich schon zufrieden.«
»Ha, dann müssen Sie Millionär sein!«, rief Surcouf, der seine Neugier nicht länger zügeln konnte.
»Ein wenig mehr als das«, erwiderte René nonchalant, »und wenn Sie jetzt so freundlich wären, mir zu sagen, wann es Ihnen recht wäre, und falls Sie im Übrigen jemals meine Dienste in finanzieller Hinsicht benötigen sollten...«
»Darauf können Sie sich verlassen, und wäre es nur, um die Tiefe Ihrer Tasche auszuloten!«
»Nun gut«, sagte René, »wann wäre es Ihnen recht, verehrter Kommandant?«