Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Isaak Abravanel weigerte sich zu konvertieren. Er und seine Brüder Joseph und Jakob erließen dem Königspaar ihre beträcht-lichen Schulden und durften als Gegenleistung das Land verlassen und eintausend Golddukaten sowie einige kostbare Besitztümer aus Gold und Silber mitnehmen.
Helkias und Aaron hatten weniger Glück, wie die große Mehrheit der Juden, die mit diesem großen Unheil zurechtzukommen suchte. Den meisten Juden wurde erklärt, daß sie weder Gold und Silber noch Geld oder Edelsteine aus dem Königreich mitnehmen dürften. Vom Thron erhielten sie den Rat, sie sollten alles verkaufen, was sie besaßen, und mit dem Erlös Gebrauchsgüter erwerben, die sie wieder verkaufen konnten, wenn sie ihre neue Heimat erreichten. Doch kurz darauf erklärte König Ferdinand, daß in Aragon wegen angeblich ausstehender Steuerschulden an die Krone ein Teil der jüdischen Ländereien, Häuser und Besitztümer beschlagnahmt würden.
Die Juden in Toledo beeilten sich nun, ihren Besitz zu verkaufen, bevor ein ähnlicher Schachzug der Monarchen dies unmöglich machte, aber diese Verkäufe waren eine Farce. Ihre christlichen Nachbarn, die wußten, daß die Juden ihren Besitz aufgeben oder ansonsten mit dem Tod rechnen mußten, drückten erbarmungslos die Preise und boten nur wenige Sueldos für Grundstücke, die eigentlich viele Maravedi oder sogar viele Reales wert gewesen wären. Ein Esel oder ein Weinberg wechselte für ein Stück gewöhnlicher Leinwand den Besitzer.
Aaron Toledano, der für seinen Ziegenhof so gut wie nichts angeboten bekam, wandte sich an seinen älteren Bruder um Rat. »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, bekannte er hilflos.
Helkias war sein Leben lang ein wohlhabender und gefragter Handwerker gewesen, aber die Jahre des großen Unheils waren ausgerechnet in einer Zeit über ihn hereingebrochen, als er sich auch persönlich in einer finanziellen Talsohle befand. Für das Re-liquiar hatte er nur einen geringen Vorschuß bekommen. Da es vor der Ablieferung gestohlen worden war, hatte er keine Bezah-lung mehr zu erwarten, obwohl er zur Anfertigung des Ziboriums viel Geld für reinstes Gold und Silber ausgegeben hatte. Auch eine Reihe anderer wohlhabender Kunden hielt nun ihre Zahlungen für bereits gelieferte Stücke zurück, weil sie spürten, daß die Ereignisse eine Begleichung der Schuld hinfällig machen würden.
»Ich weiß auch nicht, was ich tun soll«, gestand er. Er war in einer verzweifelten Lage, doch der Einsatz und das weiche Herz eines alten und treuen Freundes sollten ihn retten.
Benito Martin war ein Alter Christ, ein Goldschmied, dem aber jenes schöpferische Genie fehlte, das Helkias seinen Ruf als Silberkünstler eingebracht hatte, und so hatte der Großteil von Martins Arbeit ursprünglich aus einfachen Vergoldungen und Reparaturen bestanden. Die beiden waren noch junge Männer gewesen, als Benito entdeckte, daß es in Toledo einen Juden gab, der aus edlen Metallen wundervolle Dinge schuf.
Er suchte den Juden auf und verbrachte so viel Zeit bei ihm, wie es ging, ohne ihm zur Last zu fallen. Er lernte viel Neues über die Bearbeitung von Gold und Silber, und das Vorbild dieses Meisters spornte ihn an, die Gestaltung seiner eigenen Arbeiten neu zu überdenken.
Und während Benito Martin so sein Handwerk neu erlernte, lernte er auch einen Menschen kennen.
Helkias hatte ihn freundlich aufgenommen und zu einem Austausch von beruflichen Fertigkeiten und menschlichen Erfahrungen eingeladen. Aus Benitos Bewunderung war mit der Zeit eine wahre und treue Freundschaft geworden, so tief, daß Martin in besseren Zeiten seine Kinder in die Synagoge geführt hatte, um die Familie Toledano am Pessach-Fest zu besuchen, oder in die Sukka während des Laubhüttenfestes. Seine Tochter Lucia war zu Jonas bester Freundin geworden, und sein Sohn Enrique war Eleasars liebster Spielkamerad.
Jetzt schämte sich Benito Martin angesichts der in Toledo um sich greifenden Ungerechtigkeit, und eines Abends besuchte er Helkias, um mit ihm einen Spaziergang zu machen. Es war noch so früh, daß sie am Hochufer entlangschlendern und den Einbruch der Nacht betrachten konnten.
»Dein Haus liegt so wunderbar, und deine Werkstatt ist so sinnvoll angelegt, daß sie gute Ergebnisse geradezu herausfordert. Ich habe schon lange ein Auge auf sie geworfen.«
Helkias schwieg.
Als Benito sein Angebot nannte, blieb der Silberschmied stehen.
»Ich weiß, es ist sehr niedrig, aber...«
Unter gewöhnlichen Umständen wäre es ein sehr niedriges Angebot gewesen, aber die Umstände waren nicht gewöhnlich. Hel-kias wußte, daß es alles war, was Benito dafür aufbringen konnte, und es war viel mehr als das, was raffgierige Spekulanten ihm geboten hatten.
Er ging auf den Mann zu, küßte seine rasierte christliche Wange und hielt ihn lange in seinen Armen.
Jona fiel auf, daß die Augen seines Vaters wieder leuchteten. Hel-kias saß mit Aaron zusammen, und die beiden überlegten, wie sie ihre Familie retten konnten. Die Not war groß, doch Helkias war entschlossen, ihr mit all seiner Tatkraft zu begegnen.
»Normalerweise dauert die Reise nach Valencia zehn Tage. Jetzt, da die Straßen verstopft sind von Menschen, die alle zeitig ankommen wollen, dauert dieselbe Reise zwanzig Tage, man braucht doppelt so viel Essen, und auch die Gefahren verdoppeln sich.«
Aaron hatte auf seinem Hof zwei Packesel und ein Paar guter Pferde, die er und seine Frau Juana reiten wollten. Benito Martin hatte an Helkias' Stelle zwei zusätzliche Pferde und ein Paar Esel für viel weniger Geld gekauft, als man von einem Juden verlangt hätte, und Helkias bezahlte seinem Nachbarn Marcelo Troca eine unglaubliche Summe, damit er die vier Tiere auf dessen Weide grasen lassen konnte.
Helkias sagte seinem Bruder, daß sie Mittel und Wege finden mußten, um noch mehr Geld aufzutreiben. »Wenn wir den Hafen erreichen, werden die Schiffskapitäne uns gegenüber alles andere als mildtätig sein. Für unsere Überfahrt brauchen wir viel Geld. Und wenn wir dann unseren Zufluchtsort erreichen, brauchen wir Geld für unseren Lebensunterhalt, bis wir für unser tägliches Brot wieder arbeiten können.«
Die einzig mögliche Geldquelle waren die unbezahlten Schulden von Helkias' Kunden, und Jona setzte sich mit seinem Vater zusammen und stellte eine Liste all dieser Kunden und der geschuldeten Summen auf.
Die größte Schuld war die des Grafen Fernan Vasca von Tem-bleque. »Er ist ein anmaßender Edelmann, der mich zu sich bestellte, als wäre er der König, und mir jedes Stück genau beschrieb, das ich ihm anfertigen sollte. Jetzt aber läßt er sich Zeit, auch nur einen Sueldo seiner Schuld zu bezahlen. Wenn ich diese Schuld eintreiben kann, haben wir mehr als genug.«
An einem strahlenden Julitag ritt Jona mit seinem Vater nach Tembleque, einem Dorf außerhalb Toledos. Er war es nicht gewohnt, auf einem Pferd zu reiten, aber die Tiere waren fügsam, und er saß stolz wie ein Ritter auf dem abgenutzten Sattel. Die Landschaft war wunderschön, und trotz der Sorgen, die Helkias belasteten, konnte er unterwegs ein Lied anstimmen. Er sang ein Lied des Friedens.