Emil und die drei Zwillinge
- Автор: Кестнер Эрих
- Язык: немецкий
- Жанр: Детская проза
Электронная книга - «Emil und die drei Zwillinge». Краткое содержание книги:
"Da habt ihr’s!"
"Was haben wir?" fragte Gustav. "Wohlgeborene, gesunde Kinder sind wir alle, die wir hier sitzen. Und was weiter ?"
Der Professor tippte mit dem Zeigefinger auf das Buch: "Goethe meint... "
"Von Goethe meint", berichtigte Dienstag.
"Goethe meint, daß wir von Natur aus, sozusagen noch verborgen, schon alles besitzen, was wir fürs Leben brauchen. Es kann sich, meint Goethe, ganz von selber entwickeln. Es muß nicht dauernd jemand an uns herumdoktern. Mit Vorschriften und Aufsicht und Zensurverteilen." Er blickte zu seinem Vater hinüber. "Du weißt genau, daß ich nicht dich damit meine, alter Herr. Aber viele Eltern und Lehrer packen es grundfalsch an."
"Es ist verteufelt schwer", sagte der Justizrat, "Kinder nicht zu sehr, aber auch nicht zu wenig zu erziehen. Und bei jedem Kind liegt der Fall anders. Das eine entwickelt seine angeborenen Fähigkeiten mühelos. Und bei dem andern muß man sie mit der Beißzange herausholen, sonst kämen sie nie ans Licht." Er setzte sich. "Ihr werdet’s schon noch erleben, wenn ihr später einmal selbst Väter sein werdet."
"Darauf freue ich mich schon heute", meinte Emil.
"Na", rief der Justizrat, "manchmal kann man dabei auch graue Haare kriegen!" Er blickte zu seinem Sohn hinüber. "Du weißt genau, daß ich nicht dich damit meine, mein Junge."
"Das mit dem ,Sich-selber-entwickeln’ leuchtet mir ein", erklärte Gustav. "Ich könnte bestimmt ohne Diktate, Nachsitzen und Zensuren ein ebenso guter Autorennfahrer werden.
Nein, ein noch viel besserer. Weil ich dann mehr Zeit zum Trainieren hätte."
"Meine sehr geehrten Herren", sagte der Justizrat lächelnd, "wollt ihr euch also einmal ein paar Tage von selber und ungestört entwickeln? Das könnt ihr haben. Ich ging vorhin am Reisebüro vorbei und las, daß übermorgen eine mehrtägige Reise nach Kopenhagen beginnt. Nun, ich war lange nicht mehr in Kopenhagen. Und in Klampenborg und in Marienlyst auch nicht. Ich habe Sehnsucht nach Dänemark und schlage vor, daß meine Frau und ich, Emils Großmutter, unsere Klotilde und Pony Hütchen übermorgen von Warnemünde aus mit dem Trajekt nach Norden abdampfen."
"Und wir?" fragte der Professor.
"Ihr Jungens bleibt allein in Korlsbüttel. Mittagessen könnt ihr im Gasthof. Geld lasse ich euch da, falls ihr das nicht schon als einen zu großen Eingriff in eure Entwicklung anseht."
"Wir sind nicht kleinlich", meinte Gustav. "Das Geld nehmen wir."
"Aber um alles andre müßt ihr euch selber kümmern", meinte der Justizrat. "Da habt ihr reichlich Gelegenheit, euch nach Herzenslust zu entwickeln. Da seid ihr nur euch selber verantwortlich und könnt sehen, ob das ein Vergnügen oder eine Last ist. Einverstanden?"
Die Jungen waren begeistert.
Der Professor trat zu dem Justizrat und fragte stolz: "Gibt es einen besseren Vater als meinen?"
"Nein!" brüllten sie.
Der kleine Dienstag hob die Hand wie in der Schule und bat: "Herr Justizrat, können Sie meine Eltern nicht auch mitnehmen?"
Am Nachmittag regnete es noch immer. Als sie beim Kaffee saßen, tauchte Kapitän Schmauch auf. Klotilde mußte ihm einen steifen Grog brauen. Er setzte sich in den Lehnstuhl, stopfte seine Shagpfeife, paffte blaue Wolken gegen die Gardinen und sagte: "Hier ist’s gemütlich! Seit ich gestern abend mit euch zusammen war, habe ich in meinem eignen Hause Budenangst."
"Sie hätten, als Sie jünger waren, heiraten sollen", entgegnete die Großmutter.
"Nee", sagte der Kapitän. "Der Mann dauernd auf dem Ozean und die Frau Gemahlin dauernd allein zu Hause, - das wäre auch nicht das Richtige gewesen. Heute abend gondle ich schon wieder auf ein paar Tage nach Südschweden. Holz frachten. So geht das nun seit Jahrzehnten. Und immer solo! Wenn wenigstens der Hans für immer in Korlsbüttel bliebe. Aber wenn seine Lehrzeit als Pikkolo vorbei ist, geht er ja nach England und Frankreich. Ein Kellner muß in fremden Ländern herumgekommen sein und kann nicht wegen eines alten Onkels hierbleiben.
Na ja, und so wird man älter und älter. Bis man eines schönen Tages nicht mehr älter wird." Er war richtig gerührt.
Deswegen bekam er noch einen Grog.
Dann aber mußte er an Bord. Er zog seinen Ölmantel an und stiefelte in den Regen hinaus. In Richtung Schweden.
Nach dem Abendessen saßen die Jungen wieder allein in der Veranda. Dienstag war noch da. Er hatte die Erlaubnis seiner Eltern, bis neun Uhr zu bleiben. Der Regen trommelte aufs Dach.
Sie langweilten sich.
Plötzlich preßte sich ein Gesicht ans Verandafenster. Und es klopfte leise an die Glasscheibe.
Die vier sprangen auf. Der Professor lief zur Tür und riß sie auf: "Wer ist da?"
Hastig trat eine vermummte Gestalt ein.
Es war Hans Schmauch, der Pikkolo. "Entschuldigt die Störung", sagte er. "Aber ich brauche euren Rat." Er legte die nasse Pelerine ab. "Stellt euch folgendes vor: Gegen acht Uhr bestellte Mister Byron einen Tee bei mir. Auf sein Zimmer. Ich trug also den Tee hinauf. Als ich wieder gehen wollte, meinte er, er müsse mich was fragen. Es dürfe aber kein Mensch erfahren. Ich nickte. Was hätte ich andres tun sollen, nicht?
Dann sagte er: ,Du bist ein ausgezeichneter Turner. Ich habe dich im Bad turnen sehen. Du hast Talent. Wenn ich dich ausbilde, kannst du ein großartiger Artist werden. Und vor allem bist du so wunderbar klein und leicht! Laß dich einmal heben!’ Er hob mich mit einem Arm hoch und wirbelte mich derartig durch die Luft, daß mir schwarz vor Augen wurde. Dann setzte er mich wieder nieder. ,Ihr Tee wird kalt, Mister Byron’, sagte ich und wollte aus dem Zimmer. Er aber verstellte mir die Tür und fragte, ob ich Lust hätte, Artist zu werden und mit ihm aufzutreten. .Aber Sie haben doch schon Ihre Zwillinge’, sagte ich.
.Wozu brauchen Sie denn einen dritten?’ .Ich brauche keinen dritten’, erklärte er. .Sondern einen zweiten’. Und wißt ihr, was er dann sagte?"
Die Jungens lauschten aufgeregt.
Der Pikkolo fuhr in seinem Bericht fort: "Es klang so komisch, was er dann sagte. Und zugleich klang es so unheimlich!
Er sagte nämlich: □Jackie wird mir zu schwer!’ "Zu schwer?" fragte Dienstag.
"Na ja. Jackie wächst. Und je mehr er wächst, um so mehr wiegt er. Und weil er zuviel wiegt, kann sein Vater manche Übungen mit ihm schon gar nicht mehr machen. Und andre Übungen klappen nicht mehr. Oder sie werden zu gefährlich.
Wenn Jackie so weiter wächst, kann Mister Byron überhaupt nichts mehr mit ihm anfangen."
Die Jungen standen da und schwiegen.
Der Pikkolo fuhr fort: "Aus diesem Grunde soll ich mit Mister Byron und Mackie fortfahren. Er will mit uns bei Nacht und Nebel ausreißen. Und Jackie soll keine Silbe davon erfahren.
So einen Ersatz wie mich fände er sobald nicht wieder, hat Mister Byron gesagt."
Emil griff sich an den Kopf. "Aber um alles in der Welt!" rief er. "Der Mann kann doch nicht einfach einen Sohn von sich irgendwo an der Ostsee sitzen lassen, bloß weil der Junge wächst! Das ist doch heller Wahnsinn! Was soll denn aus dem Jackie werden?"
"Das arme Paulchen!" flüsterte Gustav.
Der Professor ging auf und ab. "Das wäre ja noch schöner.
Wir werden das unter gar keinen Umständen dulden.
Einfach einen Zwilling versetzen! Und einen dritten engagieren!
Das kommt gar nicht in Frage."
"Ein Glück, daß unsre Erwachsenen nach Dänemark gondeln", erklärte Gustav. "Da sind sie uns wenigstens nicht im Wege."
Emil schlug auf den Tisch. "Dieser Muskelpietsch soll sich wundern. Das ist wieder einmal eine Sache für uns!" Er wandte sich an den Pikkolo. "Wann glaubst du, will er durchbrennen?"
"Mister Byron richtet sich völlig nach mir", meinte Hänschen Schmauch. "Ich sei eine nie wiederkehrende Gelegenheit."
Der Professor erklärte: "Wir warten, bis die Erwachsenen fort sind. Dann halten wir sofort einen Kriegsrat ab. Bis dahin - Hans, höre gut zu, - bis dahin hältst du den Byron mit Redensarten hin. Verstanden?"