Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
Der Turm - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
1 ... 142 143 144 145 146 147 148 149 150 ... 260
Перейти на страницу:

Liebe Eltern: Robert denkt, ich übertreibe, wenn ich schreibe, daß wir nur sonntags drei Stunden Freizeit haben. Unser Tagesdienstablaufplan sieht mit kleinen Variationen so aus: 6 Uhr Wecken, dann Rot/Gelb/Trainingsanzug anziehen in 2 min, 6.02 Uhr raustreten, Frühsport bis 6.30 Uhr, einrücken ins Gebäude, waschen, anziehen, Sportsachen verstauen bis 6.40 Uhr, 6.40 Uhr antreten, im Laufschritt zur Objektkantine, Frühstück bis 7 Uhr, im Laufschritt zurück in die Kompanie, von 7–7.30 Uhr Bettenbau, Stubenreinigen, von 7.30 Uhr bis 15 Uhr Ausbildung, dazwischengeklemmt das Mittagessen (reinschlingen, was sonst), von 15–16 Uhr großes Stuben- und Revierreinigen (jeder hat ein bestimmtes Revier, das heißt eine bestimmte Räumlichkeit zu reinigen), von 16–18 Uhr Exerziertraining und eine zusätzliche physische Ausbildung (zu den morgendlichen 3000 m kommt die Sturmbahn, 500 m lang, mit 22 sog. Schikanen, dazu Gewichtstoßen mit dem 50-kg-Gewicht, Norm 16x, Übungen mit dem Panzerkettengewicht); Laufschritt zurück, Waschen geht nicht, 18.05–18.20 Abendbrot, danach tägliches Waffenreinigen sowie Pflege der persönlichen Schutzausrüstung (Schutzmaske und Schutzanzug), dazwischen Gemeinschaftsempfang der Aktuellen Kamera von 19.30 Uhr bis 20 Uhr, von 20 Uhr bis 21.30 Uhr Außenarbeiten (Panzerreinigung, Anstrich von Zäunen, Rasenpflege, wenn der Mongole Lust hat, mit der Nagelschere, Objektwege fegen), 21.30 Uhr bis 22 Uhr Stuben- und Revierreinigen, Sportpäckchenbau, Waschen, Stubendurchgang, 22 Uhr Nachtruhe. Briefe kann ich nur in der Nachtruhe oder sonntags schreiben. Es gibt nur eine Zeit am Tag, zu der man sich etwas entspannen kann: die Aktuelle Kamera, die wir im Clubraum sehen, den wir sonst nicht betreten dürfen. Täglich sieht man also wenigstens einmal Zivilsachen. Einmal wöchentlich ist Duschen, zugweise betritt man eine Duschhalle, jeweils 200 Mann stellen sich unter 150 Duschen und haben 10 min Zeit, sich abzuseifen und abzuwaschen — wenn die Unteroffiziere, die die Duschanlage betreuen, sich nicht einen Spaß erlauben und mittendrin das Wasser abstellen oder nur noch kaltes laufen lassen. Es sind EK (Entlassungskandidaten), die haben Narrenfreiheit; wir sind» Frische «und» Befehlsempfänger«. Es grüßt Euch alle Christian, auf dem Weg zur AESPE (Allseits Entwickelte Sozialistische Persönlichkeit)

PS: Natürlich übertreibe ich, sonst würdet Ihr mir am Ende noch glauben!

Schwanenberg, 25. 11. 84

Sehr geehrte Frau Dr. Knabe: Vielen Dank für Ihr Schreiben vom 23. d. M., das meterlange Paket mit der Broschüre» Deine Zahngesundheit«, die Sie und Prof. Staegemann herausgegeben haben. Odile Vassas und Dr. Vogel vom Hygienemuseum haben sich große Mühe gegeben. Der Zwerg Kundi ist wirklich gut zu erkennen, desgleichen seine Feinde Dreckfinger, Stinkfuß, Tropfnase, Schwarzohr und eben Faulzahn. Wenn sie in den sozialistischen Kindergarten eindrangen, war Kundi mit Zahnpasta-MPi und Waschlappen-Granate zur Stelle. Ich glaube, jede Dresdner Schulklasse hat die Trickfilme mit dem Zwerg gesehen; ich erinnere mich, daß er kontrolliert hat, ob seine Appelle auch wirklich befolgt wurden — er sah die faulen Kinder auf einem Kontrollmonitor, hatte ein Telefon, um die Erzieherinnen zu informieren, und ein magisches Fernrohr. Wenn er es auf die Unteroffiziersschule richten würde, könnte er unsere Ernährungsgewohnheiten studieren: Wir gehen (aber gehen bedeutet rennen, der Laufschritt ist die natürliche Fortbewegungsform des Armeeangehörigen) ins» Interhotel«. An langen Sprelacart-Tischen, auf Schemeln, nach der höflichen Aufforderung, bitte Platz zu nehmen und» das Essen durchzuführen«, beugen wir uns über die» Komplekte«, schlürfen feinsten ungezuckerten, schwach an Pfefferminze erinnernden Tee, dem man unter dem Spitznamen» Hängolin «oder» Impo-Tee «gewisse beruhigende Wirkungen nachsagt und den uns Kellner in Graukitteln mit ausgesuchten Manieren in Bottichen auf den Tisch stemmen; sonntags gibt es, wenn man sich etwas beeilt (und wer tut es nicht), heiße Milch und 1 Stück Kuchen zum Frühstück. Komplekte … Wie soll ich sie beschreiben? Du köstliches Gemisch aus Atombrot, Kosmonautengrütze und Standhaftigkeit gegenüber dem Aggressor! Nachgiebig wie Knete hängst du, du Freundin aus der Sowjetunion, dem Soldaten zwischen den Zähnen, sättigst ihn gründlich und sorgst für Darmgalopp. Sei umarmt, Geschmacksknospe! rufst du schon von weitem, und sei versichert, wir lieben dich auch. Wie schön ist es, rund, scharf und zufrieden wie ein Pfefferkorn dazuliegen, dann allmählich zum Ballon zu werden, dein knatterndes Lied im Traum zu singen, allen Ballast einfach loszuwerden — da rauscht er hin und wiehert nicht mehr. Alles fließt, die Komplekte aber durch Dick und Dünn. Schon ihr Duft vergoldet unsere Nasen, planscht nicht sinnlos in Dromedarpansen, taucht durch Kakerlaken, umkreiselt Fliegenpapierstreifen, zupft die aus Sülzwurst geschnitzte Balalaika, lispelt süßes Liebeslied durch den Auspuff eines Trabbis — und läßt am Ende nichts anderes als Mehlbomben fallen; sondern tanzt auf den Kongressen der Wiener Schnitzel, schwitzt Rosenöl und wirft, während sie den Großen Zeh ins Wasser des Lächelns tupft, unsere Hungerpropeller an. Komplex ist die Komplekte, ein wahres Wunder, und kein Koch, der auf Ehre hält, wird Ihnen je das Rezept verraten …

Die Dachpappe (3 Rollen) geht in Ihrem Karton an Sie ab, desgleichen 1 Packung Dachpappennägel, die die Verkäuferin ebenfalls vorrätig hatte. Vom Tod des Staegemann-Sohnes habe ich von meinem Vater gehört. Daß mein Bruder Robert noch Klarinette spielen kann nach dem Ski-Unfall damals auf der Unteren Rißleite, verdankt er Prof. Staegemann. Der zersplitterte Schneidezahn wurde mit einer Technik aus dem Westen wieder aufgebaut (eine durchsichtige Flüssigkeit, die unter einer Lampe aushärtet; ich weiß noch, wie erstaunt Sie waren). Und was Sie mir von Muriel und ihren Eltern schreiben, klingt auch düster. Mein Vater sagte mir, daß gemeinsam ein Brief an die Pädagogische Ministerin geschrieben werden soll. Viele Grüße an Sie, Ihren Mann (vielleicht habe ich mal Zeit im Urlaub für einen Zwinger-Besuch, war lange nicht mehr da), die Krausewitzens, Herrn Dietzsch und Herrn Marroquin, an den ich während unserer Einkleidungszeremonie, genannt» Maskenball«, denken mußte. Ihr Christian Hoffmann

AZ Q/Schwanenberg, 28. 11. 84

Liebe Eltern: Euer Paket hat mich gestern wohlbehalten erreicht, vielen Dank für die Mühe und den Aufwand. Die Äpfel sind schon wieder alle. Bitte in die Pakete nichts stecken, das auch nur entfernt nach Westen riecht. Die Pakete müssen beim Spieß (so heißt der Mann, der sich um Bekleidung, Ausrüstung, Post, Essensbelange etc. kümmert) geöffnet werden, und alles, was nach Fühlern aussieht, die» der Gegner «nach unschuldigen Unteroffiziersschülern ausstrecken könnte, wird beschlagnahmt, und sei es eine Mücke, die von drüben ist. Könntest Du mir, liebe Ma, vielleicht eine Flasche Rasierwasser besorgen? Aber nicht» Dur«, das es in der hiesigen MHO gibt — bzw. eben nicht mehr gibt, seitdem uns einer der BU (Berufsunteroffiziere, die unsere Fahrausbildung leiten) verraten hat, daß»Dur«»Umdrehungen«(höhere Prozente) hat. Selbigen Abends waren Irrgang und Breck besoffen und dürfen jetzt Strafwachen schieben. In der Drogerie habe ich letztens noch ein paar Flaschen» tüff «gesehen, das vielleicht.

Gestern war ich» Küchenschabe«, d. h., ich hatte Küchendienst. Mich verschlug es an finsteren Ort, die sog. Topfspüle, das Zentrum real existierender Abwascharbeit. Der Dienst beginnt um 18 Uhr, man bekommt sog. Hygienekleidung (Graukittel, die merkwürdige Pulverschmauch-Löcher haben, vielleicht von unbekannter Motten-Spezies? und von den Köchen hin und wieder als Taschentuch benutzt werden). Man arbeitet bis 22 Uhr. Am nächsten Tag geht es um 4.30 Uhr weiter bis wiederum 18 Uhr. Die Topfspüle ist der Ort wahrhafter Empfindungen. Töpfe sehen aus wie Funktionäre, die sich den Hintern verbrannt haben, dieses gewisse Lederhosige, das Meno einmal andeutete, auch sind Ohren dran, labbrig wie Marzipanfahnen, Dampf strömt aus, und beim Schrubben flattern sie. Die Topfspüle kennt die Feinheiten des Mischobstkessels, der leer aus dem Interhotel (die Kantine vorn) zurückkehrt, und den wir Küchenschaben vorher gefüllt haben.

1 ... 142 143 144 145 146 147 148 149 150 ... 260
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)