Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
AZ Q/Schwanenberg, 15. 11. 84
Liebe Eltern: Herzlichen Dank für Euer Paket, das gestern angekommen ist. Das war genau der richtige Zeitpunkt, wir konnten nichts zu Mittag essen, da wir Ausbildung hatten. Vor allem die Äpfel sind wichtig, wir haben schon ordentlich dran gezecht (manchmal fällt mir das ein:»Bei einem Wirte wundermild …«, aber niemand hier liest Uhland). Es gibt nur selten Gemüse, Obst gar nicht, aber wir leben ja sonst sehr gesund (viel sportliche Betätigung). Falls Du also, liebe Ma, irgendwann noch ein Päckchen schicken solltest, dann nach Möglichkeit nur Äpfel, Möhren, etwas Seife, einen Salzstreuer. Und Barbara soll mir das Radio bitte nicht schicken (ich wollte ihr schreiben, hab aber bloß Zeit für einen Brief), Radios sind auf den Stuben verboten. Dem Musikmangel könnte man vielleicht anderweitig abhelfen, denn ich habe bisher im Kompanie-Exemplar der Innendienstvorschrift keinen Paragraphen finden können, der ein Cello verbietet. Aber es müßte schrumpfen können, denn das Problem ist der kleine Spind, und auch aus dem Panzer würde das Cello oben zur Luke rausgucken. Immerhin: Wenn ich Herrn Violon Cell die Panzerkappe aufsetze und das Grüßen beibringe, könnte er glatt für mich durchgehen, denn das Brummen und Grunzen ins Bordmikro schafft er bestimmt.
Heute sind wir 6 Stunden marschiert, Exerzierausbildung, alles im» Rokokostil«(die Beine müssen gestreckt und mindestens 30 cm über den Erdboden gehoben werden und drehen ganz, ganz kleine Schleifen). Rechts um, links um, machen Se Qualm, Mensch Schütze Arsch im letzten Glied, raffen Se Ihre Bewegungsbananen! Danach hatten wir Arbeitseinsatz, von mittags 13 bis abends 21 Uhr im Akkord Panzer schrubben, Rost kratzen, streichen, hinter dem Uffz.-Schüler steht der Uffz. und pfeift mit der Trillerpfeife. Besonders schön ist die Gegend um unser Objekt, kahl wie ein Kosakenschädel, ohne Baumbestand, am Horizont Kräne, Industrieschlote, hallenähnliche Gebilde. Hier der Text eines Marschlieds, den wir lernen müssen, denn es ist unser Lied, das» Lied der Panzersoldaten«:»Rosa ist die Waffenfarbe, / die so stolz ich trag’, / rosa ist ein Kleid von dir, / das so gern ich mag. // Von den Feldern winken Tücher, / eins davon gilt mir, / in Gedanken küß’ ich dich, / bald bin ich bei dir. // Freust du dich auf heute abend, / auf den Tanz zu zweit, / dort wirst du die Schönste sein, / du im rosa Kleid. // REFRAIN: Durch das kleine Dorf marschiert / unsre Kompanie, / wo der Weg zu dir hinführt, / das vergeß’ ich nie.«
Wir singen es allabendlich beim Marsch zum Essen, Melodie egal, jeder kräht, wie es ihm paßt, Hauptsache laut. Die anderen Kompanien singen das gleiche Lied, ändern aber die Waffenfarbe: statt rosa (Panzer) setzen sie grün (Chemische Dienste), schwarz (Pioniere), rot (Artillerie), weiß (Mot.-Schützen) oder gelb (Nachrichten). Das holpert zwar, aber laut geht trotzdem. Deine Anfrage bezüglich der Vereidigung, liebe Ma, muß ich negativ beantworten. Unsere Panzereinheit darf keine Angehörigen einladen, da sonst die Platzkapazität in den Schwanenberger Gaststätten überschritten wird, heißt es. Ich muß Euch also auf meinen Urlaub vertrösten. Habt Ihr was von Muriel gehört? Und stimmt es, daß Ina sich verlobt hat? Möchte, mit schönen Grüßen an alle, Euer Christian wissen.
Hans-Beimler-AZ, Schwanenberg, 19. 11. 84
Liebe Tietzes: Es riecht nach Schokolade, die Schwanenberger Süßwarenfabrik gießt Pralinen. Die Kompanie ist beim Stuben- und Revierreinigen, was vor allem Kakaofegen heißt: Der Wind treibt den braunen Staub über Kilometer heran. Ich aber sitze auf dem Lokus und schreibe Euch rasch diese Zeilen.
Die eingeweckten Birnen sind heil angekommen, besten Dank für Eure Gaben im Paket meiner Eltern. Den Nierenwärmer, den Du mir gestrickt hast, liebe Gudrun, werde ich beim Wacheschieben und im Feldlager gut gebrauchen können; hoffentlich wird er mir nicht gestohlen oder als dienstvorschriftswidrig verboten.
Zur Zeit werden wir in die Feinheiten der innermilitärischen Kommunikation, speziell des Gruß- und Fluchwesens, eingewiesen. Das tut ein Feldwebel, den wir den» Mongolen «nennen. Genosse Dienstgrad, gestatten Sie, daß ich spreche?
Genosse Dienstgrad, gestatten Sie, daß ich vorbeigehe?
Genosse Dienstgrad, gestatten Sie, daß ich wegtrete?
Genosse Dienstgrad, gestatten Sie, daß ich teilnehme?
Meldet sich Irrgang, mein Stubennachbar. Jenosse Feldwebel, ich hab’ mich da ma’ ’ne Frage! Was, wenn ich ma’ muß, und neben mich sitzt der Jenosse Oberleutnant auffer Brille? Jenosse Oberleutnant, gestatten, daß ich teilnehme?
Antwortet der Mongole: Der Schüler Hülsensack, Unteroffziersschüler Irrgang, wird nie neben dem Genossen Oberleutnant scheißen. Nicht in der Nationalen Volksarmee. Never ever.
Meldet sich Irrgang erneut. Da hab’ ich mich ma’ noch ’ne Frage! Wenn mich der Jenosse Oberleutnant begechnet, und mich der Jenosse nich gestattet, daß ich spreche, wie kann ich da fragen, ob ich vorbeigehen kann?
Der Mongole zuckt die Achseln, fährt fort im Stoff. Wir üben das Grüßen.
Meldet sich Irrgang neuerlich. Ich hab’ mich da ma’ ’nen wichtiget Problem! Wenn mich der Jenosse Oberleutnant begechnet, und daneben geht noch ’nen Jenosse Oberleutnant, also zwee Jenossen links und rechts und zur gleichen Zeit, soll ich mich dann beede Hände zugleich anne Denkwaffel klemm’?
Unteroffiziersschüler Irrgang ist an diesem Abend auf der Sturmbahn tätig.
Lieber Niklas, warst Du in der Semperoper? Wie sieht der Bau aus? Viele Grüße! Euer Christian
freut sich über Post.
AZ Q/Schwanenberg, 24. 11. 84
Liebe Eltern: Ina ist mit Herrn Wernstein verlobt?? Wie das! Vielen Dank für Eure Nachrichten und für das Paket. Das habt Ihr Euch aber was kosten lassen. Ich weiß gar nicht, wie wir auf dem Zimmer das alles aufessen sollen, ohne regelrecht fett zu werden! Liebe Ma, wenn Du mir Bücher schicken willst, bitte sie in das Papier einzuschlagen, das ich Dir gezeigt habe (die eingehenden Sendungen müssen für Kontrollen geöffnet werden).
Heute nun war der Tag der Vereidigung. Ich mußte nach dem öffentlichen Zeremoniell (hab’ beim Schwören die Finger gekreuzt) in dem innerhalb der Kaserne gelegenen» Haus der NVA «auf Befehl des Kompaniechefs einen Toast ausbringen (vorher hat er ihn auf Fehler und ideologische Unsauberkeiten durchgesehen), danach bin ich in unseren Block zurückgegangen und nicht mit nach Schwanenberg gefahren, so hatte ich wenigstens einen ruhigen Nachmittag, habe mich auf dem Klo eingeschlossen und konnte ein paar Briefschulden abtragen. Außerdem habe ich Schwanenberg schon vor ein paar Tagen gesehen, als ich in der dortigen Kaufhalle in Begleitung eines Unteroffiziers für den Kompaniestab einkaufen mußte. Schwanenberg ist Garnisonsstadt, vorwiegend kahl und rechteckig. Diese Eigenschaften besitzt seit dem» Maskenball «auch mein» Nischel«; aber die Haare wachsen ja wieder. Grüße an Tante Iris und Onkel Hans, auch an Fabian. Und seid selbst gegrüßt von Christian
AZ Q/Schwanenberg, 25. 11. 84