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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Der Anblick der ehemaligen Damane ließ Rand die Zähne zusammenbeißen. Nynaeve behauptete, die Frau hätte darauf bestanden, sie zu begleiten, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass es überhaupt jemanden gab, der erfolgreich bei ihr auf etwas bestehen konnte. Sie wollte Alivia aus irgendeinem geheimen Grund dabei haben. Seit er Elayne verlassen und sie abgeholt hatte, benahm sie sich sehr geheimnisvoll, so als würde sie mit aller Mühe daran arbeiten, eine Aes Sedai zu sein. Die drei Frauen hatten sich hochgeschlossene Gewänder in der Mode von Far Madding besorgt, deren Oberteile und Schultern mit gestickten Blumen und Vögeln übersät waren und bis ans Kinn reichten, obwohl Nynaeve manchmal über sie meckerte. Zweifellos hätte sie das derbe Tuch von den Zwei Flüssen dem feineren hiesigen Stoff vorgezogen. Der rote Punkt des Ki'sain auf ihrer Stirn zog alle Blicke auf sich, doch als hätte das nicht ausgereicht, hatte sie sich mit genug Schmuck behängt, um zu einer Audienz der Königin zu gehen. Da waren ein schmaler goldener Gürtel und eine lange Halskette und jede Menge Armreifen, die mit hellblauen Saphiren und ihm unbekannten polierten grünen Steinen besetzt waren, und an jedem Finger ihrer rechten Hand steckte ein passender Ring. Ihr Großer Schlangenring war irgendwo verborgen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber der Rest sorgte für zehnmal so viel. Die meisten Leute hätten den Ring einer Aes Sedai nicht erkannt, wenn sie ihn gesehen härten, aber jeder konnte sehen, dass in diesen Edelsteinen eine Menge Geld steckte.

Rand räusperte sich und senkte den Kopf. »Frau, ich muss oben mit dir sprechen«, sagte er. Und fügte gerade noch rechtzeitig hinzu: »Wenn es dir gefällt.« Er konnte es nicht dringenderer machen, nicht, wenn er den Anstandsformen genügen wollte, aber er hoffte, dass sie nicht länger blieben. Vielleicht taten sie es ja doch, und wenn auch nur, um der Wirtin zu demonstrieren, dass sie nicht unter seiner Fuchtel standen. Aus irgendeinem Grund schienen die Menschen in Far Madding tatsächlich dem Glauben anzuhängen, dass auswärtige Frauen sprangen, wenn es ihre Männer ihnen befahlen!

Min drehte sich auf ihrem Stuhl herum und grinste ihn an, wie sie es jedes Mal tat, wenn er sie seine Frau nannte. Sie war in seinem Kopf gegenwärtig und das Gefühl kündete von Wärme und Freude, und plötzlich sprühte es vor Belustigung. Sie fand ihre Situation in Far Madding sehr amüsant. Ohne den Blick von ihm zu wenden, beugte sie sich zu Frau Nalhera herüber und sagte etwas mit leiser Stimme, das die ältere Frau vor Lachen gackern und Nynaeve gequält das Gesicht verziehen ließ.

Alivia stand auf und sah nicht einmal annähernd wie die unterjochte Frau aus, die er Taim übergeben hatte. All diese gefangen genommenen Damane und Sul'dam waren eine Bürde gewesen, und er hatte aufgeatmet, als er sie endlich losgeworden war. Ihr blondes Haar wies weiße Strähnen auf und in ihren Augenwinkeln gab es feine Fältchen, aber in diesen Augen loderte jetzt ein wildes Feuer. »Nun?«, sagte sie gedehnt und starrte auf Nynaeve herunter, aber irgendwie ließ sie das Wort zugleich wie eine Kritik und einen Befehl klingen.

Nynaeve schenkte der Frau einen finsteren Blick und nahm sich reichlich Zeit, um aufzustehen und die Röcke zu glätten, aber immerhin stand sie auf.

Rand wartete nicht länger, sondern eilte nach oben. Lan stand oben an der Treppe, gerade außerhalb der Sicht des Schankraums. Rand erstattete leise einen knappen Bericht über das, was geschehen war. Lans steinernes Gesicht regte sich nicht.

»Wenigstens einer von ihnen ist erledigt«, sagte er und wandte sich dem Zimmer zu, das er sich mit Nynaeve teilte. »Ich packe unsere Sachen.«

Als Min endlich das Zimmer betrat, das Rand mit ihr bewohnte, war er damit beschäftigt, ihre Kleider aus dem hohen Schrank zu holen und in den Reisekorb zu stopfen. Nynaeve und Alivia folgten ihr.

»Beim Licht, so ruinierst du bloß unsere Sachen«, rief Min aus und drängte ihn mit der Schulter von dem Korb fort. Sie packte Kleidungsstücke wieder aus, faltete sie sauber zusammen und legte sie neben seinem friedensgebundenen Schwert aufs Bett. »Warum packen wir?«, fragte sie, ließ ihm aber keine Zeit für eine Antwort. »Frau Nalhera meinte, du würdest nicht so mürrisch sein, wenn ich dir jeden Morgen ein paar Schläge mit der Rute verpasse.« Sie lachte und schüttelte einen der Mäntel aus, die sie hier nicht trug. Er hatte ihr versprochen, ihr neue zu kaufen, aber sie weigerte sich, die bestickten Mäntel und Kniebundhosen zurückzulassen. »Ich habe ihr gesagt, ich würde es mir überlegen. Lan gefällt ihr sehr.« Plötzlich sprach sie mit verstellter schriller Stimme weiter und äffte die Wirtin nach. »Ich sage es ja immer, ein ordentlicher, ruhiger Mann ist auf jeden Fall einem hübschen Gesicht vorzuziehen.«

Nynaeve schnaubte verächtlich. »Wer will schon einen Mann, der durch Reifen springt, wann immer man will?« Rand starrte sie an, Min blieb der Mund offen stehen. Das war doch genau das, was Nynaeve mit Lan veranstaltete, und Rand konnte einfach nicht begreifen, wieso der Mann das überhaupt mitmachte.

»Ihr denkt zu viel über Männer nach, Nynaeve«, sagte Alivia. Nynaeve runzelte die Stirn, aber statt etwas zu erwidern, stand sie einfach da und spielte an einem ihrer Armreifen herum, einem seltsamen Schmuckstück, von dem sich flache Goldketten über ihren linken Handrücken bis zu Ringen an allen vier Fingern spannten. Die ältere Frau schüttelte den Kopf, als wäre sie enttäuscht, keine stärkere Reaktion hervorgerufen zu haben.

»Ich packe, weil wir abreisen müssen, und zwar schnell«, sagte Rand hastig. Nynaeve war im Augenblick still, so seltsam das auch war, aber wenn ihr Gesicht noch eine Spur dunkler wurde, würde sie an ihrem Zopf zerren und so lange herumbrüllen, dass stundenlang keiner auch nur ein Wort dazwischenschieben konnte.

Bevor er mit dem Bericht zu Ende war, den er bereits Lan gegeben hatte, hörte Min auf, Sachen zu falten und fing an, ihre Bücher in den zweiten Reisekorb zu verstauen, und zwar so hastig, dass sie darauf verzichtete, sie wie gewöhnlich mit Umhängen zu polstern. Die beiden anderen Frauen starrten ihn an, als hätten sie ihn noch nie zuvor gesehen. Für den Fall, dass sie nicht so rasch begriffen wie Min, fügte er ungeduldig hinzu: »Rochaid und Kisman haben mich in einen Hinterhalt gelockt. Sie wussten, dass ich ihnen folge. Kisman ist entkommen. Wenn er dieses Gasthaus kennt, könnten er und Dashiva und Gedwyn und Torval hier auftauchen, vielleicht in zwei oder drei Tagen, vielleicht auch in einer Stunde.«

»Ich bin nicht blind«, sagte Nynaeve, die ihn noch immer anstarrte. Ihre Stimme war leidenschaftslos; protestierte sie nur der Form halber? »Wenn du willst, dass es schnell geht, solltest du Min helfen, statt wie ein Wollkopf herumzustehen.« Sie starrte ihn noch einen Augenblick länger an, dann schüttelte sie den Kopf, bevor sie das Zimmer verließ.

Alivia schloss sich ihr an, verharrte jedoch und starrte Rand finster an. Nein, sie hatte wirklich nichts Demütiges mehr an sich. »Auf diese Weise könntet Ihr den Tod finden«, sagte sie missbilligend. »Ihr habt noch zu viel zu tun, um jetzt schon zu sterben. Ihr müsst uns helfen lassen.«

Er sah ihr stirnrunzelnd nach, wie sie die Tür hinter sich schloss. »Hast du bei ihr irgendwelche Bilder gesehen, Min?«

»Ich sehe sie ständig, aber nicht von der Art, die du meinst; es ist nichts, was man verstehen kann.« Eines der Bücher ließ sie die Nase rümpfen und sie legte es zur Seite. Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass sie auch nur einen Band ihrer nicht gerade kleinen Bibliothek zurückließ. Zweifellos beabsichtigte sie, dieses bei der ersten Gelegenheit zu lesen. Sie steckte ihre Nase stundenlang in diese Bücher. »Rand«, sagte sie langsam, »du hast all das getan, einen Mann getötet und dich einem anderen entgegengestellt, und ich... Rand, ich habe nichts gefühlt. Durch den Bund, meine ich. Keine Furcht, kein Zorn. Nicht einmal Besorgnis! Nichts.«

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