Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Du rauchst ja Zigarette. Nein, nein. Du hast recht.«
«Du gibst mir recht?«
«Warum nicht. Ich hätte ungern einen Sohn wie mich. Ich bin für die Todesstrafe, aber ich hasse den Stalinismus.«
«Pfui Teufel«, murmelte Philipp.»Ihr seid verrückt.«
«Das ist die Äußerung eines Menschen, der das Leben nicht kennt, und er kennt es nicht, weil er sich nicht kennt, und er kennt sich nicht, weil er sich nie kennenlernen mußte. «Es war nicht klar, wen Eschschloraque angesprochen hatte, seinen Sohn oder Philipp; beide blickten ins Leere.
38. Einberufung
… aber die Bahn fuhr an und ließ Simmchens Uhrmacherladen zurück, Matthes’ Papiergeschäft, die tickenden Regulatoren bei Uhren-Pieper, Turmstraße 8, ließ die plätschernden Stimmen im Salon Wiener verebben, wo Oberst a. D. Hentter kleinen Jungs, die auf einen 50-Pfennig-Haarschnitt warteten, mit Schaumstoffköpfen und Lockenwicklern Schlachten rekapitulierte und Damen unter Trocknerhauben in vergilbten Ausgaben von» Paris Match «blätterten; Christian drehte sich nicht um und sah auf die Straße zurück, er dachte: Ich komme wieder; Malthakus beugte sich über Briefmarken, Fotoserien aus den ehemaligen deutschen Kolonien auf Neuguinea: Namen wie Gazelle-Halbinsel und Blanche Bai, Kaiserin Augusta-Fluß und Bismarck-Archipel, dort waren Corto Maltese und Rasputin Leutnant Slütter begegnet, hatte Siegbert, Seefahrerhefte vor sich, erzählt; Christian schloß die Augen, um die Kinder nicht zu sehen, die mit umgeschnallten Ranzen zur Louis-Fürnberg-Schule trabten, an der SERO-Annahmestelle vorbei, dem Geklirr der leeren Flaschen in Sperrholzkisten, der blauen Tonnenwaage, auf die man sich nicht mit der Hand stützen konnte, wenn die verschnürten Zeitungsbündel abgewogen wurden, eine Holzklappe trennte Kundschaft von der blaubekittelten Altpapierhändlerin; Christian sah die Drogerie vor sich und Trüpel, der eine Schallplatte aus der Hülle zog und einem Kunden die schwarzseidige Scheibe präsentierte, zylinderblank und vom Freundeskreis Musik empfohlen, bitte sehr; die Bahn fuhr an, das Hotel Schlemm verschwand rechts, wo Ladislaus Pospischil törtchenlöffelnden, Wiener Eleganz nachahmenden Witwen zu ihren Erinnerungen an Vorkriegs-Herrlichkeiten klebrige, starkfarbige Liköre vorsetzen würde; der Kiosk an der Haltestelle blieb zurück mit seinen Filmspiegel-Heften, Bückexemplaren von Für Dich und Neue Berliner Illustrierte, mit Romy Schneider als Schwarzweißfotografie neben Deutscher Angelsport und Sputnik und FF Dabei, wo Heinz der Quermann lustige Geschichten über die Nacht der Prominenten im Zirkus Aeros zum besten gab; die Tannhäuser-Lichtspiele blieben links liegen, kein Junge stand zu dieser Tageszeit vor den Schaukästen und betrachtete die Plakate:»Spiel mir das Lied vom Tod «und» Sindbad und das Auge des Tigers«, Filme, die Robert und Ezzo so lange besuchen würden, bis sie die Dialoge mitsprechen konnten, bis sie wußten, was Hyperborea war, wo das geheimnisvolle Volk der Arimaspi lebte; bis sie es aufgegeben hatten, Sindbads Fabelwurf — sein Dolch hatte den vom Zaubersaft Zenobias geschwollenen Moskito an den Kajütpfosten genagelt — mit ihren Taschenmessern hinzubekommen; das Sanatorium blieb zurück, die auf Krücken humpelnden, die schlendernden Sowjetsoldaten mit Verbänden, Lenins versilberter Gipsschädel in der Mitte des Kurparks, das Heizhaus mit den ascheschüttenden Förderbändern, der Kuckuckssteig unter Arbogasts Chemischem Laboratorium
… aber die Bahn fuhr, und sein Vater hatte» Auf Wiedersehen «gesagt; Ulrich» Halt die Ohren steif, Junge«; Ina, er solle bloß nicht zu heulen anfangen; nur Anne hatte nichts gesagt und ihm einen Berg Schnitten geschmiert und war nach Leckerbissen herumgerannt, und Kurt Rohde hatte ein paar Zeilen auf eine Postkarte gekritzelt, die Christian im Brustbeutel wußte; eine Karte aus dem Donaudelta in stichigen Farben, ein melancholischer Wiedehopf hockte auf einem Baum und glotzte über Wasser und Röhricht: Erstens ist das Leben kurz, und zweitens geht es weiter; und Meno hatte gesagt:»Come what come may, Time and the hour runs through the roughest day«, … day day, hallte es im Gedächtnis nach wie Glockenschläge; Christian klemmte die Hände in die Taschen seiner Kutte, ließ den Körper nach vorn gleiten, um der Wärme von der Sitzheizung mehr Fläche zu bieten, zog die Reisetasche aus dem Gang: Es hatte zu regnen aufgehört, Wasserhaare strähnten die Fensterscheiben hinab, die ein- und aussteigenden Fahrgäste verteilten Feuchtigkeit auf dem Rillenprofil des Bodenbelags; er tastete mit der Schuhspitze nach der Bücherkiste: Reclamhefte, Erzählungen von Tolstoi, Gorkis» Werk der Artamonows«, Menos» Alte deutsche Dichtungen«, einiges aus der Schwarzen Reihe des Hermes-Verlags: er würde nicht verblöden, er würde die Sprache nicht vergessen, davor fürchtete er sich am meisten — daß es ihnen gelingen könnte, ihm einen Schnitt durchs Gehirn zu setzen
… aber die Bahn fuhr, und er machte die seltsame Erfahrung, an einem Ort zu sitzen, an dem er noch nicht anwesend war, er ging ja noch immer durch die Wolfs- und Mondleite und war auf dem Weg zum Tausendaugenhaus; er hörte noch immer die Grammophonmelodien der Stenzel-Schwestern in der Karavelle und sah Kitty beim Müllern zu, genoß die Stille im Wachwitzer Park, wo der Oktober wütenden Frieden schloß mit dem Sandplatz vor der römischen Villa und ihren Fenstern, die nichts dafür konnten, daß sich das Licht so verschwenderisch auf sie warf, daß die Büsche wie wartende, honigbekleckerte Katzen aussahen und die Rhododendren schon am Nachmittag verglühten; er ging noch immer durch den Park, sah die Gartengeräte, Schubkarren, Propangasflaschen und dachte an Flucht: Hierbleiben Hiersein, kniff die Augen zu: Welt in Orange, öffnete sie: Rotbraun und Ocker flitterte durch die Buchenkronen, Blätter kippten wie Visiere winziger Schildwachen, rostgefleckt und bestimmt, noch flogen die Marienfäden, und er versuchte sie mit ausgestreckten Händen, weitgespreizten Fingern festzuhalten, als wären sie Geweb, das von den Wolkendampfern herabhing, und er könnte sie aufräufeln oder mitfliegen wie ein kleiner Junge; aber er konnte es nicht, er saß hier auf einem grauen Stuhl in einem Wagen der rotweiß lackierten tschechischen Tatra-Straßenbahnen — und war doch noch dort; es war, als ob er der Schatten wäre und der andere Christian der Mensch aus Fleisch und jetzt erstarrtem Blut (habe ich auch alles dabei? Einberufungsbefehl, Wehrdienstausweis, fahrig-hysterischer Griff zum Brustbeutel, Kurts Karte hat schon ein Eselsohr), und er, der Schatten, wäre mit dem anderen in jedem Körperpunkt durch Myriaden unzerreißbarer, aber enorm dehnbarer Spinnfäden verbunden, die ihn Molekül um Molekül abrissen und den Schatten füllten (wie bei Schwimmern, die am Beckenrand mit Gummischnüren festgeschnallt waren und die Bahn hinauskraulten, sie kamen dreißig, vierzig Meter weit, kämpften, den anderen Beckenrand wenigstens mit den Fingerspitzen anzutasten, die Arme rotierten wie Windmühlenflügel, quirlten Schaumsprudel, dann gaben die Schwimmer auf, stellten sich tot und trieben mit dem Gesicht nach unten zurück — er aber wurde abgerissen)
… denn die Bahn fuhr, er sah auf die Elbe, die sich links in weitem Bogen öffnete, drüben das Käthe-Kollwitz-Ufer, die drei Hochhäuser vor der Brücke der Einheit, Plattenbauklötze, in die Silhouette der Altstadt gepfählt, er ging noch einmal durch die Altstadt wie gestern: Die Kunstakademie schien in der blechweißen Sonne die Schultern hängenzulassen, über der Semperoper drehten sich Kräne, die Ruine der Frauenkirche streckte zwei verkohlte Armstümpfe zum Himmel, die Hofkirche lag wie eine behäbige Ente querschiffs zum Fluß und schien in Schlaf gebacken inmitten der Aufregungen des Morgenverkehrs; die Elbe, graubraun geschuppt, glich einem Saurier, der träge vorwärtskroch, und eben jetzt saß der andere, der wirklichere Christian bei Niklas im sprühhellen Musikzimmer auf der Récamiere, die Eltern, Lothar Däne, Schallplatten-Trüpel, Ezzo und Reglinde, Gudrun am Tisch mit den filigranen Meißner Gedecken, Gudruns Vater bärtig, mürrisch und verkannt im Sessel neben der Veranda: Geburtstagsgäste, Musiker aus der Staatskapelle standen im Flur und erzählten Klatsch, Robert studierte Ezzos Angelausrüstung im Kinderzimmer, Christian saß neben Meno, der still wie immer blieb und die anderen beobachtete; der Kachelofen zwitscherte leise, Niklas fummelte am Plattenabtaster herum, pinselte den Saphir, überprüfte die Geschwindigkeitseinstellung, es würde Webers Freischütz geben, mit dem die Semperoper am 13. Februar wiedereröffnet werden würde, das war in der Stadt das Gesprächsthema seit Monaten