Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Edu — «
Albin brach in quiekendes Gelächter aus. Eschschloraque schnitt es mit der Bemerkung ab, daß es eher albern als ehrlich erheitert klinge und daß auf diese Weise oft Leute lachten, die sich Leiden einbildeten. — Leiden! Albin lachte noch lauter. Danach schlug er vor, man solle endlich Philipp zuhören, denn was würde aus den Revolutionen ohne Positionspapiere. Philipp nahm es ohne Humor und begann, mit gesenktem Kopf und auf den Rücken verschränkten Händen, die er zu konzentrierten Fingerstichen unter bündiger Rede hob, die Ideen seines Arbeitsstabes auszubreiten. Es ging um Reformierung der Wirtschaftspolitik, ein Thema, das Judith Schevola sichtlich langweilte, denn sie begann Vogelstrom über die Schulter zu lugen, der jetzt Philipps Gesicht in verschiedenen Stadien zwischen Empörung und Entflammung skizzierte, bis Philipp traurig» es interessiert euch nicht, wie Barsano«, feststellte und resignierend die Arme senkte.»Wenn nicht einmal ihr mir zuhört, für die sozialistische Ideale noch etwas gelten — «
«Für wen hier gelten denn sozialistische Ideale?«fragte Eschschloraque mit herrischem Kinnheben.»Rohde ist ein bloßer Opportunist, undurchsichtig und schweigsam, ein Maulwurf, vielleicht; Fräulein Schevola ist an Anekdoten und einprägsamen Episoden für ihren frechen Roman interessiert; Vogelstrom an seinen Kritzeleien; und dieser da«, er wies auf Albin, der sich grinsend in eine freie Ecke des Sofa gelümmelt hatte und wie ein Süchtiger an seinem Zigarillo sog,»ist kein Sozialist. Er ist ein Feind, ein Konterrevolutionär, schlimmer: ein Romantiker. Vielleicht ist er sogar ein Wagnerianer, das wäre das Allerschlimmste. Er wünscht uns den Untergang, Philipp, man müßte«
«— jaja, ich weiß, was ›man‹ müßte. Denunzieren müßte ›man‹, das wolltest du doch sagen? Wie es in der Epoche, die du für golden hältst, gang und gäbe war. Ohne Bedenken hättest du mich ans Messer geliefert, der Vater den eigenen Sohn. Wie viele hast du denn verpfiffen?«
«Welchen Ton erlaubst du dir, du Grünschnabel!«rief Philipp aufgebracht dazwischen.»Er ist immerhin dein Vater!«
«Laß nur«, wehrte Eschschloraque ab,»ich brauche keine Antwort zu scheuen. Ich habe diejenigen angezeigt — um ein Wort zu verwenden, das ich für angemessener halte —, die gegen das System waren — «
«Wirklich oder scheinbar? Oder hast du ›angezeigt‹, um deine Haut zu retten? — Übrigens«, wandte sich Albin an Philipp,»kann ich mich nicht erinnern, Ihnen das Du angeboten zu haben. Wir sind keine Lyriker oder Untergrundmusiker, wo das Du üblich ist. Ich für mein Teil bevorzuge die Distanz, also das Sie, denn es eröffnet unbekanntes Gebiet. Wer siezt, begreift die Lyrik oder Untergrundmusik als ein Land mit unüberschaubaren Terrains und nicht als Provinzfleck, wo jeder jeden kennt und im eigenen Saft schmort. Wer nicht sieht, daß derjenige, der siezt, auf der Würde seines Fachs besteht, weil er damit ausdrückt, daß es keineswegs ausgeschöpft ist, der beweist nur, daß er minderen Ranges, Denk-Ranges, Einfühlungs-Ranges ist.«
«Kommt mir bekannt vor. Ist das Ironie?«sagte Philipp ironisch, nickte Meno zu.
Eschschloraque maß seinen Sohn mit wohlwollenden Blicken.»Du kennst das Wort Unverschämtheit, du blickst durch das Glas der Verachtung, aber du ehrst nicht das Wort Untersuchung, und du liebst nicht das Wort Bessermachen, Söhnchen. Was weißt du von dieser Zeit … Ich brauchte nicht, wie du es formulierst, meine Haut zu retten. Ich war und bin bekennender Verfechter der von Stalin geschaffenen Ordnung, ich habe daraus nie ein Hehl gemacht. — Ein Hehl, denn es ist das Hehl«, sagte er zu Meno,»nicht einen Hehl, wie ich neulich in einer der Publikationen aus Ihrem Haus lesen mußte. Die Verderbnis der Zeit nimmt zu, denn es ist die Verderbnis der Sitten, und die Sitten verderben, wie das Gemüse, zuerst im Detail.«
«So, Details. Schöner Spruch. Immer nur Worte, Herr Vater. Wie stehst du zu den Morden, um über ein solches, na ja, ›Detail‹ zu sprechen? Oder leugnest du sie? Die Tschistka? Gab es sie gar nicht? Alles Propaganda der Imperialisten?«
«Nein. Die Morde waren notwendig, im großen ganzen. Bedrängte Zeit darf nicht bedrängte Mittel kennen. Die Sowjetunion war von allen Seiten eingekreist, was sollte der Schnurrbart tun? Was hättest du getan, an seiner Stelle? Warten, bis der Bürgerkrieg das ganze Land zerfetzt? Warten, bis die Faschisten Moskau erobern?«
«Ich hätte darüber nachgedacht, ob das Gute, das auf den Fahnen geschrieben steht, das Böse wert ist, das es zu kosten beginnt! Er hat die alten Bolschewiken töten lassen, die Gefährten aus den Zeiten der Revolution! Ihm ging es nicht um das Land, um das Wohl der Menschen, ihm ging es allein um Macht.«
«Seine Macht war das Wohl der Menschen«, entgegnete Eschschloraque ungerührt.
«Er hat die Idee des Sozialismus mit Füßen getreten!«rief Philipp erregt.»Edu, bist du noch bei Trost? Bin ich in die Gesellschaft von Verrückten geraten?«
«Ah, damit wären wir bei den Wiederholungen«, versetzte Albin,»das haben Sie uns schon beim letzten Mal gefragt.«
«Die Idee des Sozialismus mit Füßen getreten … Pah, so sprechen Kinder, die nichts verstehn vom harten Zwang der Zeit, nicht wissen, daß die Spalte zwischen Wohl und Wehe die zerquetscht, die unentschieden zögern.«
«Hört den Herrn Vater! Allein, so groß ist der Verderb der Zeit, daß wir zur Pfleg’ und Heilung unsers Rechts zu Werk nicht können gehen als mit der Hand des harten Unrechts und verwirrten Übels …«
«Wie es schärfer nage als Schlangenzahn, ein undankbares Kind zu haben.«
«Soll dankbar ich der Hand sein, die mich schlägt?«
«Du haßt die Hand, die dich ernährt!«
Albin drückte den Zigarillo aus, zündete einen neuen an, wobei er ein feingearbeitetes Lederetui reihum anbot, aber nur Judith Schevola hatte Lust zu probieren.»England war lang im Wahnsinn, schlug sich selbst: Der Bruder, blind, vergoß des Bruders Blut, der Vater würgte rasch den eignen Sohn; der Sohn, gedrungen, ward des Vaters Schlächter. — Ich habe einen Brief. Einen entzückenden, wahrhaft aufschlußreichen Brief, einen Durchschlag davon, um genau zu sein; ich trage ihn immer bei mir, obgleich es nicht nötig ist, denn ich kann ihn auswendig. Ein Dokument, man höre. «Albin lehnte sich zurück, blies Rauch aus und begann zu zitieren:»›Mein Sohn stammt von einer Musikerin und einem Schriftsteller, wird also, nach menschlich-genetischem Ermessen, ebenfalls ins künstlerische Genre streben, und also war es meine Pflicht als treusorgender Vater, ihm meine Liebe nicht nur zu zeigen, mit Worten zu behaupten, sondern zu beweisen — indem ich (eine ahnungslose Mehrheit wird wenig Verständnis äußern; wir aber haben Drachenmilch getrunken), — indem ich etwas unternahm, das ihm ein Leben neben meinem Schatten ermöglichen sollte: Ich habe ihn verstoßen, er wird Verletzungen erworben haben, aber das hat ihn, soweit ich erkenne, nicht umgebracht; Schmerz und Leid: das ist das glückliche Fundament des Künstlers; nun hat er etwas zu schreiben, er braucht sich nicht kümmerlich zu nähren, wie es wahrscheinlich gewesen wäre, hätte ich es ihm zu gut gemacht. Aber das ist das Wichtigste für den Künstler: sein Werk. Also mußte ich, als guter Vater, dafür sorgen, daß er ein Werk bekommt. Er hat Kraft, und er brauchte etwas, womit er diese Kraft füllen kann; ich habe es ihm gegeben, und daß das nicht wie Vaterliebe aussieht, ist Kleinbürgerperspektive und läßt auf fehlenden Sinn für Besonderheiten schließen, auch mangelnden Sinn für Gesetz und Schicksal, das ich, nicht ganz so romantisch-pathetisch, lieber Lebensform nenne. Seien Sie versichert, werter Freund, daß ich diese Konfessionen nicht gern entblöße, aber Sie nahmen jüngst eine Haltung ein, wie sie gewissen Helden, die mit dem Schwert fuchteln und meist ihre Namen zu erfahren wünschen (als ob das etwas änderte), in gewissen Melodramen einnehmen. Cela.‹«Eschschloraque wartete, niemand sagte etwas. Er breitete gelassen die Arme.»Und? Was bin ich? Ein pfeiferauchender Schakal?«